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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [8]

Lukas Bärfuss liest Hagard

Neben der Internationalität spielt bei den diesjährigen Bielefelder Literaturtagen das Smartphone eine gewisse Rolle. Wenige Tage bevor Lukas Bärfuss mit seinem Roman „Hagard“, der einem Großteil der Rezensionen zufolge zumindest untergründig die These vertritt, dass das Smartphone unsere Lebenswelt verändert und die menschliche Triebstruktur umstülpt, hat Petina Gappah erwähnt, wie grundlegend das Smartphone die Lebenswelt der Menschen in Afrika verändert habe.

In dem Ausschnitt den Lukas Bärfuss an diesem Abend vorlesen wird, spielt das Smartphone indes keine bedeutende Rolle. Andererseits wird Bärfuss im anschließenden Gespräch beweisen, dass seine in der Anmoderation erwähnte politische Konfliktfähigkeit,1 durchaus seinem Wesen entspricht. Will sagen; Bärfuss ist ein Mensch, der sich einmischt, der die Gesellschaft sehr genau betrachtetet und auch die Rolle der Literatur selbst in dieser Gesellschaft kritisch sieht. Doch dazu später mehr.

Zunächst wird geklärt, dass der mysteriöse Titel seines neusten, für den Leipziger Buchpreis nominierten Romans, „Hagard“,2 ein Begriff aus der Jägersprache ist, der einen abgerichteten, aber nicht vollends gezähmten Falken bezeichnet.

Sodann liest Lukas Bärfuss den sehr klassisch anmutenden Anfang von Hagard. In dem ein Erzähler schnell philosophierend und assoziierend deutlich macht, dass er ebenso obsessiv ist, wie der Mann, dessen Geheimnis er ergründen will. Aber der Reihe nach: die Geschichte in „Hagard“ handelt vornehmlich, oder jedenfalls auf den ersten Blick, von Philipp, einem erfolgreichen Geschäftsmann, der, nachdem ein Partner ihn versetzt hat, im Gewühl eines Kaufhauses, ein verhängnisvolles Paar pflaumenblauer Ballerinas entdeckt, die sein Leben in den folgenden 48 Stunden zerstören werden.

Mindestens ebenso bedeutend wie die Geschichte einen stalkenden allmählichen Verfalls ist aber der Erzähler der Geschichte, dem Philip ebenso entgleitet, wie diesem die gesichtslose Trägerin der Ballerinas, der die Geschichte einmal für Monate auf Eis liegen lässt, bzw. auf den Gleisen stillstehen, und der, so Bärfuss später im Gespräch, wesentlich dazu da ist, das „Skelett der Geschichte“ sichtbar zu machen. Indem die Attribute Philips sich im Erzähler widerspiegeln, stellt das Buch die Frage nach dem Verhältnis von Erzähler und Beobachtungsgegenstand.

Dramaturgisch geschickt beendet Bärfuss seine hervorragend vorgetragene Lesung.

Im Gespräch bekennt Lukas Bärfuss, dass er seit jeher versuche, seine Literatur dem Traum anzunähern. Wahrscheinlichkeit sei kein Kriterium für die Literatur, während Genauigkeit und Detailliertheit allein deshalb eine Rolle spielen, scherzt er, weil Literatur vornehmlich eine Flaschenpost in die Zukunft sei.

Bärfuss bemängelt die Schwemme von Erzählungen der Gegenwart. Ihm zufolge leben wir in einem Zeitalter der Narrative. Das Erzählen ist nicht länger der Literatur vorbehalten, vielmehr bedienen sich von der Werbung über die Politik bis in die Wirtschaft und den Journalismus sämtliche Bereiche an Geschichten und Fiktionen. Problematisch, so Lukas Bärfuss, wird diese Praxis dann, wenn es keine funktionierende Kritik an den Geschichten und Narrativen mehr gibt. Er bemängelt, dass es in den Medien viel zu selten um Aussagen und Fakten geht, vielmehr werden Begriffe3 gebraucht, die Gefühle evozieren.

Erzählen betrachtet Bärfuss in Anlehnung an Platos idealen Staat ohnehin als Krisenerscheinung. Wir brauchen Erzählungen, sagt er, um die Zeit zu überbrücken, bis wir im idealen Staat leben.

Ebenso wie einige Fragensteller und viele Rezensenten, quält auch den Erzähler in „Hagard“ die Frage nach dem Warum. Dabei sei das keine Frage der Literatur. Die Literatur beschäftige sich vielmehr mit dem Wie. So habe er in „Hagard“, beschreiben wollen, wie die Dinge geschehen, ohne das Warum, den Sinn erklären zu können.

Überhaupt versuche er immer Bücher zu schreiben, die er selbst nicht versteht.

 

  • 1. Insbesondere sein 2015 in der FAZ erschienener Artikel „Die Schweiz ist des Wahnsinns“, ist durchaus kontrovers diskutiert worden.
  • 2. Weder der Protagonist, noch der Erzähler, noch sonst jemand in dem Buch, trägt diesen Namen.
  • 3. Als Beispiel nennt Bärfuss den Begriff der „Flüchtlingswelle“

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