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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [9]

Natascha Wodin liest aus „Sie kam aus Mariupol“

Die Themen der diesjährigen Literaturtage beginnen sich zusehends zu verknüpfen. Diesmal ist es nicht die moderne Technologie, die zum Bindeglied zwischen verschiedenen Autorinnen und Büchern wird, sondern das fehlende Wissen, die mangelhafte bis nicht vorhandene Information über schwer vorstellbare Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die Menschen anderen Menschen angetan haben. Nachdem Anna Kim das Bielefelder Publikum mit den Hintergründen des geteilten Korea bekannt gemacht hat, hat sich Natascha Wodin, diesjährige Gewinnerin des Leipziger Buchpreises, mit der Geschichte der Zwangsarbeiter in Deutschland beschäftigt.

Ein Kapitel, das – vermutlich von der Aufarbeitung des Holocaust überschattet -, kaum in der deutschen Öffentlichkeit thematisiert wurde. Dabei sind über drei Millionen sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben gekommen und es gab weit über zwei Millionen Zwangsarbeiter, die insbesondere für die deutsche Rüstungsindustrie ausgebeutet wurden. Allein in Bielefeld hat es ca. 227 Lager für Zwangsarbeiter gegeben.

Natascha Wodin, die in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen ist, hat, ähnlich wie Anna Kim, für ihr Buch mit dem programmatischen Titel „Sie kam aus Mariupol“  ausführliche Recherchen betrieben und vielfach auf historische Dokumente zurückgegriffen.
Natascha Wodin beginnt ihre Lesung mit dem entscheidenden Moment ihrer Suche nach der Mutter. Nachdem die Suche lange Zeit erfolglos verlaufen war, gibt sie eines Abends, eher desillusioniert, den Namen ihrer Mutter in eine russische Suchmaschine ein:

"Ich öffnete den Link und las: Iwaschtschenko, Jewgenia Jakowlewna, Geburtsjahr 1920, Geburtsort Mariupol. Ich starrte auf den Eintrag, er starrte zurück.“

So beginnt die Erkundung der Geschichte einer Mutter, von der ihre Tochter als erste Erinnerung ein von Entsetzen entstelltes Gesicht sieht, und den Ausspruch hört, der ihre Kindheit begleitet hat:

„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe.“

Je weiter die Recherche fortschreitet, umso deutlicher wird das Bild: Die Mutter der Erzählerin hat in ihrem kurzem Leben1  die Katastrophen des 20. Jahrhunderts im Zeitraffer erlebt. Zunächst die Zerstörung der Lebenswelt durch den Stalinismus, dann die Zwangsarbeit in Deutschland und schließlich das Schicksal als „displaced person“.
Wodin schreibt:

"Meine Mutter … kannte nur die Zerstörung dessen, was ihr selbst nie zugutegekommen war. Sie war mitten hineingeboren in den Bürgerkrieg, den Terror, den Hunger, die Verfolgung. Das stand für sie am Anfang und auch am Ende ihrer Zeit in der Ukraine, etwas anderes hatte sie dort nie kennengelernt.“

Anschließend liest Wodin einen Auszug, in dem ihre Mutter 1941 das von deutschen Truppen besetzte Mariupol verlässt. Der Weg führt zunächst nach Odessa, hier wird vier Jahre später die Odyssee nach Deutschland beginnen. Dabei konnte Wodin nicht zweifelsfrei klären, ob ihre Eltern freiwillig nach Deutschland kamen, oder deportiert wurden.

Während die Recherche für die Zeit in der Sowjetunion noch relativ dokumentreich verlief, gestaltet sich die Nachforschung über die Zwangsarbeit sehr viel schwieriger. Sicher ist, dass Wodins Eltern für ATG, einem Rüstungsbetrieb des Flickkonzerns, arbeiten mussten.

Über die Zustände in den Lagern schreibt Wodin, dass den Zwangsarbeitern ein „O“ für Ostarbeiter an die Kleidung geheftet wurde, das ebenso wie der gelbe Stern der Juden, die Träger zu Unpersonen erklärte, mit denen man nicht verkehren, nicht einmal reden durfte.

Jene, die die Lager überlebten, wurden nach Kriegsende zurück in die Heimat geschickt, wo sie als Vaterlandsverräter ein Leben im Gulag oder am Rand der Gesellschaft erwartete. Durch einen Zufall entgingen Wodins Eltern der Zwangsrepatriierung.

Bei dem schmerzhaften Versuch, den Leidensweg der Mutter, die stellvertretend für so viele ähnliche Schicksale steht, nachzuzeichnen, hat Natascha Wodin insbesondere von den Tagebüchern ihrer Tante Lidia profitiert. Auf einem Schrank in Sibirien entdeckte ein entfernter Verwandter ihre Tagebücher und ließ sie Wodin zukommen.

Die spärlich vorhandenen Dokumente, die sich im Familienbesitz befanden, hat Wodin als Kind selbst vernichtet. Sie hatte als Kind gelernt, dass sie als Russin der „Unrat“ der Gesellschaft sei, dafür hasste sie ihre Eltern, und sah keinen anderen Ausweg, als ihre Herkunft auszulöschen, indem sie die Dokumente vernichtete. Eine verständliche Reaktion, die die Schriftstellerin Wodin heute dennoch nicht nur bereut, sondern verurteilt.

Neben all diesen grausamen Hintergründen, hat sich während der Recherche ein Kindheitstraum Wodins erfüllt. Um den ausgrenzenden Zuschreibungen der Umwelt zu entgehen, hatte sie als Kind davon geträumt, einer adligen Familie zu entstammen und entdeckte tatsächlich eine Herkunft aus der russisch-ukrainischen Oberschicht. Es gab adlige Grundbesitzer, erfolgreiche Geschäftsleute, Wissenschaftler und eine italienische Großmutter.

Natascha Wodins Bericht „Sie kam aus Mariopul“ ist nicht zuletzt ein Beispiel für die Fähigkeit der Literatur, das, was geschehen ist, durchsichtig, oder überhaupt erst sichtbar zu machen.

  • 1. sie ertränkte sich, als Natascha Wodin gerade zehn Jahre alt war.

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