Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Netflix ist auch nur ein Buch

Die „Stunde der Buchbranche“ wird von Riethmüller ausgerufen, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchmarkes, diese Woche, im Zeichen dieser Messe. Das ist optimistisch. So soll es sein. Ich wage den Rundgang.

Dieser Buchmarkt, der Markt des Buches also, wenn man genau hinschaut, lädt seinen „Fachbesucher“ jeden Morgen per Mail ein. Genau so:

„Jeden Morgen trifft sich die Food-Community um 9.00 Uhr zum Business-Frühstück in der Showküche der Gourmet Gallery. Das stärkt nicht nur Ihr Netzwerk, sondern versorgt Sie auch mit reichlich Energie für den Tag. Genießen Sie dabei auch die stylische Küchenerlebniswelt von Next 125.“

Für das Networking: Laugengebäck. Wurst und Kaffe, aber keinen Cappuccino, auch keinen Espresso, „nur Kaffee“ darf der Junge mir reichen, und ich bewundere die Küche, so steht´s im Programm. Und während der Hersteller seinen Namen bis in den Kaffe hinein tunkt, ragt ein kleines Buch irgendwo zwischen den Einbauküchen aus Echtholz hervor, bei genauerem Hinschauen ist es ein Prospekt. „Hier ist die Gourmetlounge, hier überall wo der grüne Teppich ist“, zwischen den Kochbüchern gibt es französische Schokolade, die Frau dahinter freut sich, ich darf probieren, sie ist sehr sehr gut, „wir lockern das alles ein bisschen auf hier“. Ein französischer Koch in voller Montur hält eine Broschüre in der Hand, runzelt die Stirn, fragt eine Kollegin vom Nebenstand, was dieses Wort „Kunstwerk“ heißt, sie macht die Arme breit und zieht einen Kreis um sie beide herum. Und auch die Koreanische Regierung hat eine Delegation auf den grünen Teppich geschickt, hier gibt es keine Bücher, aber Seetangchips mit Sesam.

Er bleibt fest hängen, dieser Seetang, zwischen Gaumen und Gastland. Es ist 10.00Uhr, zu früh dafür vielleicht, die Messehallen protzen noch in fast andächtiger Leere, noch kann man sich ein paar Gesichter ansehen. Deutschlandradio spielt erst einmal die Nachrichten ab. Die ZuhörerInnen sind andächtig, noch frisch, Trump schimpft gegen den Iran, hier auf der Bühne der Weltliteratur. Diese beginnt um 10.05Uhr. Neben dem Stand: die kleine Traube an bekannten Gesichtern, die AutorInnen und ein paar andere Glanzfiguren am Rande, üblich, bei Lesungen auf der Messe, fast rund, zueinander gewandt und bekannt, warten sie auf ihren Einsatz, eine wird angesagt, eine schlüpft aus der Traube auf die Bühne, ein kleiner Applaus, noch ist es früh, noch ist Fachbesuchertag, noch können wir alle beherzt applaudieren. Sasha Maria Salzmann spricht ein bisschen über Istanbul und Identität, Menasse wieder über Europa, Frank Meyer ist Moderator und hat die geschulteste Stimme von allen, Radiomoderatoren mit Gesicht zu sehen ist immer eine Absage an die Mystik. Aber dann kommt Sten Nadolny, er möchte die Mystik retten, an die neue Generation glaubt er sehr, „was kostet die Welt“, so lebe sie, das möchtet er auch, eine Start-Up-Mentalität, eine Erwartung an alles, „das Zaubern für möglich zu halten ist eine Quelle der Kreativität“, das habe die Wissenschaft weitergebracht, man müsse sich vorstellen können, fliegen zu können, uns zwar dann schon, wenn es noch keiner gemacht hat. Darum sein neues Buch. Für Salzmann ist Kunst absichtslos und darum immer wahr. Nur Menasse sieht müde aus.

Dahinter, im Forum Weltempfang, die Bundesregierung hat hier ihre Logos auf alles gedruckt, gibt es Live-Translation, „Gläserner Übersetzer“, Claudia Steinitz übersetzt live über Beamer, ist nicht so leicht, es wird diskutiert, über ein „La“ vor dem Frauennamen, das sei „prollig“, zumindest in Norddeutschland sei das prollig, deshalb kommt es raus, für das „La“ keine Übersetzung heute, ja, hier kann man etwas über die Unübersetzbarkeit lernen oder über Verständigung.

Vom Empfang der Welt führt der Weg, wie alle Wege der Halle, zur Mitte, zum Herzen, dem Börsenverein. Der Teppich ist rot, das ist Zufall, denn das Logo ist rot. „Die DNA der Literatur“ kann hier irgendwo gefunden werden, vielleicht, alle Zeichen stehen gut, es gibt mehr als das Buch auf der Messe des Börsenvereins, das ist doch die „Stunde des Buchmarkts“.

Zum Beispiel Netflix. Eine Installation haben sie aufgebaut. Ein Original vom Filmset. Ein elektrischer Stuhl in einem Kinderzimmer. Bald gibt es eine Serie, „wenn Sie auf Thriller stehen, dann schalten Sie ein“, ich nicke, „wir haben mit Büchern zu tun, ja“, sie ist gut geschult, „bei Büchern können Sie entscheiden, wann sie quasi ein und ausschalten und bei Netflix ja auch“, das leuchtet ein.

Die Hallen füllen sich schnell, es ist fast Mittag, immer noch gibt es die Menschen mit Rollkoffern für Leseexemplare, man sagte Ihnen nach, sie würden aussterben, aber das sagte man dem Buch auch nach, und es ist ja noch da. Es ist Buchmesse. Ein Mann im Anzug läuft mit Headset vorbei und schreit, der Premierminister komme dann da und da hin. Richard David Precht philosophiert gegen den Sinn des Lebens und für die schöne Reise zur nie zu findenden Antwort, die Beutelmassen an den Menschen wachsen, meine Stöße gegen sie, gegen Rucksäcke und Rollkoffer häufen sich, Ijoma Mangold sieht seriös aus, Simon Strauß spricht sich aus gegen „das Zurücklehnen, Kaugummikauen und Sagen, es ist eh egal“, man klatscht für den Pathos, der ein oder andere will mir ein Zeitungsabo andrehen, die Biographie von Gysi steht direkt neben der von Macron, Mönche und Nonnen bummeln durch die Stände der Bibelgesellschaften, Bärbel Schäfer beim geräumigen ARD wird nicht älter und Martin Schulz wirkt sehr müde.

Draußen scheint kurz die Sonne auf das Signierzelt.

Bockwurst und Tarte Flambée konkurrieren um Kunden vor dem Pavillon der „Französischen Sprache“, nicht „Frankreich“, man hat sich so entschieden, wegen der „Gastfreundschaft“.

Und, das größte Gesicht hat hier noch immer Kate Winslet. Eine Werbung für ihren Film spannt sich quer über die Halle. Ihr Profil blickt bedächtig nach links. Mehr nicht.

 

Bis Freitag sind Fachbesuchertage auf dem Messegelände. Am Wochenende darf jeder. Die Veranstaltungen rund um die Messe jedoch erfordern keinerlei Akkreditierung und lohnen sich sicher:

Buchmesse  /  Open Books  /   BookFest  /  Für das Wort und die Freiheit  /  GegenBuchMasse

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge