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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [6]

Petina Gappah liest aus „Die Schuldigen von Rotten Row“

Die Bielefelder Literaturtage gestalten sich dieses Jahr internationaler als je zuvor. Neben einer französischen Autorin und Schriftstellern aus Österreich, ist mit Petina Gappah nun auch Afrika vertreten, denn Gappah stammt aus Simbabwe und ihre Geschichten von der Rotten Row spielen genau dort. Obwohl das Buch offiziell erst am 10. November erscheint, und die Vorpremiere in wenigen Tagen in Berlin stattfindet, können die Zuhörer dieses Abends nicht nur bereits einigen Geschichten aus dem Band lauschen, sondern auch schon Bücher, die druckfrisch vom Arche Verlag eingetroffen sind, kaufen.

Petina Gappah wurde 1971 in Rhodesien geboren, sie war neun Jahre alt, als das Land 1980 unabhängig wurde. Simbabwe kennt nur einen einzigen Präsidenten, denn seit 1980 wird das Land von Robert Mugabe, der 1980 erstmals zum Premierminister und 1987 zum Präsidenten gewählt wurde, diktatorisch regiert. Die Arbeitslosenraten in Simbabwe beträgt unfaßbare 90 Prozent. Eine Gesellschaft in der Hunger, Arbeitslosigkeit, Energieknappheit und Binnenflucht weit verbreitet sind, ist naturgemäß nicht besonders friedlich. Obwohl ein Rechtssystem existiert, herrscht Willkür, der Staat basiert wesentlich auf einem korrupten Bestechungssystem, denn Steuereinnahmen gibt es nur wenig bei einer derart hohen Arbeitslosenquote. Die Polizisten, die man an jeder Straßenecke sieht, haben vornehmlich die Aufgabe, Geldstrafen einzusammeln. Gappah erzählt, dass sie von Mugabe eine Vorgabe erhalten, wieviel Geld einzukassieren ist. Die Korruption ist ein wesentlicher Bestandteil des Systems.

Aber es gibt Widerstand, insbesondere die Erfindung der Smartphones eröffnet den Menschen ganz neue Möglichkeiten. Der Informationsminister, der Gappah zufolge ähnlich dreiste Lügen wie Donald Trump auf Twitter verbreitet, wird neuerdings von einer weltweit vernetzten Community verfolgt.

Die Rotten Row, maßgeblicher Schauplatz der 20 Erzählungen in Gappahs neuesten Buch, ist eine geschichtsträchtige Straße in Simbabwes Hauptstadt Harare. Gappah erzählt, dass die Rotten Row in London eine breite geteerte Straße ist, die einzige, auf der geritten werden kann, und gleichzeitig die Verbindungsstraße zwischen Hyde Park und Kensignton Palace. Während der Kolonisation haben die Engländer zahlreiche Straßen umbenannt, und einige von den Namen sind bis heute beibehalten worden, so auch die Rotten Row, die heute in Simbabwes Hauptstadt Harare den Strafgerichtshof beherbergt. Hier laufen die unterschiedlichen Geschichten, in Petina Gappahs neuestem Buch zusammen. Viele der Personen tauchen in mehreren Geschichten auf, Gappah erzählt, sie habe sich von Robert Altmans Film Shortcuts inspirieren lassen. In der Geschichte, die den Band beschließt, tauchen noch einmal alle Personen auf.

Die Bücher von Petina Gappah sind mittlerweile in dreizehn Sprachen übersetzt worden. Obwohl sie lange in Genf gelebt und gearbeitet hat, und aktuell mit einem DAAD Stipendium in Berlin lebt, reist Gappah häufig nach Simbabwe, sie arbeitet dort u.a. mit jungen Schriftstellern, damit die Geschichte Simbabwes, über die die meisten Menschen in Deutschland sehr wenig wissen, mit so vielen Stimmen wie möglich erzählt werden kann.

Was nicht nur „Die Schuldigen von Rotten Row“, sondern die Bücher von Petina Gappah allgemein auszeichnet, ist der besondere Blick von einer, die sich in Simbabwe auskennt, die dort aufgewachsen ist, aber gleichzeitig einen Blick von außen auf die Gesellschaft und die Verhältnisse wirft.

Lange Zeit hat Petina Gappah als Juristin bei der World Trade Organization gearbeitet, eine Aufgabe, die sie bereits letztes Jahr zugunsten des Schreibens aufgegeben hat. Gappahs herzliches und fröhliches Wesen nimmt die Zuhörer sofort für sie ein. Sie spricht sehr gut deutsch und lacht viel und gerne. Selten war es bei einer Veranstaltung der Literaturtage so vergnügt wie an diesem Abend.

Zunächst liest Gappah Auszüge aus ihren Geschichten im Original, anschließend trägt Christine Ruis diese Auszüge auf Deutsch vor. Es ist ein Vergnügen, sowohl der einen als auch der anderen zuzuhören. Und das, obwohl die Geschichten von Mord und Todschlag, von himmelschreienden Ungerechtigkeiten, Korruption und anderen Schattenseiten des Lebens erzählen.

In einem Interview anlässlich ihres ersten Romans „Die Farben des Nachtfalters“ hat Gappah gesagt: „Nun, die Welt ist ein ziemlich schrecklicher Ort, das stimmt, aber ich bin keine grimmige Person.“ Das beweist sie eindrücklich an diesem Abend, und diese Aussage erklärt die Struktur ihrer Bücher und Geschichten, in denen schreckliche Dinge geschehen, die aber ebenso vor Lebensfreude sprühen, weil noch die kauzigsten Mitmenschen liebe- und humorvoll geschildert werden. Mit absurden Unterhaltungen und Wortwitz voller Esprit, durchbricht Gappah die strukturelle Düsternis immer wieder aufs Neue.

An den zwei Erzählungen, die auszugsweise zweisprachig präsentiert werden, zeigt sich die große Lust am Sprachwitz von Petina Gappah, aber vor allem, wie einzigartig es ihr gelingt, bissige Sozialkritik, genaue Beobachtung nicht nur der Menschen, sondern auch der zahlreichen Missstände zu verbinden. Eine Kombination, die die Financial Times in einer Besprechung „genuinely brilliant“nannte.

Zum Abschluss liest Petina Gappah die kürzeste Geschichte aus ihrem Erzählungsband. Es ist eine Geschichte, die so tieftraurig ist, dass sie keinen Raum für Humor lässt, aber tief berührt. Und wiederum eine Facette der simbabwischen Gesellschaft zeigt.

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