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Kolumne

Postfucktisch

Postfucktisch..? – Ja, der Titel ist ein wenig zotig. Aber was hilft uns andererseits der angebliche Begriff postfaktisch? Genau, nicht viel. Fakten gab es nie, sie waren immer Daten, die dann x interpretierte und an die y hernach glaubte – oder er bestritt sie. Immerhin konnte man aber eben streiten, und zwar über den Sinn oder Unsinn von Daten, indem man fragte, wie sie generiert worden seien, und von Fakten, indem man so etwas wie Epistemologie betrieb.

Man lag dennoch vielleicht falsch; denken wir an Rumänien 1989, was war da der Westen gerührt, besorgt, fiebrig, derweil dort ein Putsch mit sehr genauen Vorgaben vonstatten ging, der nur faktisch – also in diesem Falle wohl gar nicht – eine Revolution war. Nicolae Ceausescu hatte indes dort folgende Manöver teils etwas unglücklich vollzogen: Sein Rumänien hatte das gewaltsame Ende des Prager Frühlings als einziges Mitglied des Warschauer Pakts beansprucht, was ihn im Osten isolierte, ihm aber finanzielle Zuwendung des Westens bescherte; er hatte hernach aber nicht das anstehende Ende der Teilung Europas verstanden und sich damit den Ärger seiner Spender zugezogen, die dem im Osten nun schon Isolierten mit seiner durch sie begünstigten Verschuldung Druck machten; und als er das Land schuldenfrei hatte, da war dies auf Kosten der Bevölkerung geschehen – und es brauchte nur mehr das Narrativ des bösen Linksfaschisten, um den nun allen Lästigen zu entmachten und sicherheitshalber zu liquidieren. Hatte die Securitate wirklich anders gehandelt, als Stasi & Co., waren wirklich Minderheiten besonders unterdrückt worden, hatte er Dörfer zerstören lassen? Wenig spricht dafür, sozusagen faktisch.

Faktisch war schlecht genug, faktisch war schon postfaktisch, wenn man nicht aufpaßte. Und so ist, was postfaktisch geheißen wird, einfach ein Bildungsproblem. Früher mußte man sich beim Lügen Mühe geben, heute reicht ein Make America Great Again-Kapperl als Argument.

Damals aber konnte man, wenn man nicht verblödet war, streiten – während nun Trump den Medien den Mund verbietet, sich eben nicht auf die Macht des auch falschen Arguments stützt. Er zerstört die Foren systematisch, wo man diskutieren könnte, ob, was er tut, nicht Neofeudalismus ist, durchgesetzt mit Methoden des Faschismus. Keine Krise, die er nicht eskalieren ließe, um dann letztlich auf sich selbst mit neuen Einschüchterungen zu reagieren. Ist er dumm? Nein, er ist etwas Schlimmeres, etwas, das akkurat zu benennen man erst riskieren kann, wenn Paragraph 103 getilgt ist, Sie verstehen.

Wie wird man so? Da erklärt sich der Titel. Vielleicht ist Donald „Grab them by the pussy” Trump eben so sexuell aktiv, wie er fit ist, er sagte ja, er sei „the healthiest individual ever elected to the presidency” – und wenn sich das zur Realität verhält, wie sein bragging im sexuellen Bereich zu seinem Leben, dann ist er seit langer, langer Zeit postfucktisch.

 

 

Dann spräche viel dafür, Theweleit zu lesen, sich zu fragen, wie gefährlich der Mann ist, der am roten Knopf zu vielen, vielen Erekt-, pardon Projektilen sitzt. Und wie man vor seinesgleichen Demokratien rettet – wobei eine bessere Bildungspolitik nur eine Antwort sein könnte.

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