Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Hildesheims wunderbare Welt der Literatur

Prosanova 17, ein Reisebericht

Hildesheim

4. Juni, Sonntagabend – 5. Juni, Montagnachmittag

Ich erreiche Hildesheim am Abend des 4. Juni 2017. Ich bin ein bisschen früh dran, sogar für das Artist in Residence Programm, an dem ich diese Woche teilnehmen werde, bevor das Festival am 8. Juni offiziell beginnt. Dieses Programm wird aus Workshops und Textwerkstätten bestehen, die ich zusammen mit den anderen sieben AiRs am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag absolviere, sowie einer Lesung am Donnerstag, einem Teil des Eröffnungsabends.

An diesem Sonntag werde ich, nach achtstündiger Zugfahrt, von D. vom Zug abgeholt. Sie betreut das AiR-Programm und ist so lieb, mich eine Nacht anderswo unterzubringen, denn die Unterkunft ist erst ab Morgen gebucht.

Den Morgen und Vormittag des 5. Juni verbringe ich dann mit einem sehr guten Freund, der ein Jahr mit mir in Wien an der Sprachkunst studiert hat und derzeit hier in Hildesheim seinen Bachelor in kreativem Schreiben und Kulturjournalismus macht. Er hat mir viel vom PROSANOVA 14 vorgeschwärmt, sodass es für mich keine Frage war, dass ich 2017 mit dabei sein würde.

Das PROSANOVA, das Festival für junge Literatur in Hildesheim, findet seit 2005 alle drei Jahre statt, sodass jeder Bachelor-Studierende des Instituts für kreatives Schreiben einmal daran teilnehmen oder es mitorganisieren kann. Hauptverantwortlich für die Organisation ist die Redaktion der Literaturzeitschrift Bella-Triste, die das PROSANOVA auch mitinitiiert hat.

Bevor es losgeht, werden aber noch drei Tage vergehen. Am Nachmittag mache ich mich auf den Weg zu der Pension, wo ich mit den anderen Airs untergebracht sein werde.

AiR-Time

5. Juni, Montagabend – 8. Juni, Donnerstagmittag

Das Artist in Residence-Programm beinhaltet, wie gesagt, einige Workshops und Textwerkstätten, einen freien Künstler*innen-Festivalpass, kostenlose Unterbringung, sowie geliehene Fahrräder für die Zeit des PROSANOVA. Ausgewählt wurden die anonymen Einsendungen durch die Bella Triste-Redaktion.

Ich erreiche die Pension in der Oststadt. Im Garten hinter dem unscheinbaren Haus werde ich vom fröhlichen Gastwirt begrüßt – seiner eigenen Auskunft nach ein waschechter und angestammter Hildesheimer – der mich sofort für ein Bier begeistern will. Ich lehne ab, reflexartig. Ein anderer Teilnehmer von AiR ist bereits da, auch aus Wien, aber bisher sind wir uns dort nie über den Weg gelaufen. Nach und nach treffen die anderen Teilnehmenden ein, es entspinnen sich erste Gespräche, ein bisschen Bier wird getrunken, ein großer Vorspeisen-Teller geleert.

Wir sind zu sechst hier untergebracht, denn die beiden anderen AiRs leben in Hildesheim. Als alle da sind, werden uns die Räumlichkeiten gezeigt. Es sind meistens Mehrbettzimmer, was aber niemanden wirklich stört (man beschwert sich ein bisschen, aber hinter vorgehaltener Hand und mit einem Lächeln, das den Ingrimm auf lustig frisiert).

An den folgenden zwei Tagen sind wir von 9 Uhr morgens bis mindestens 19 Uhr in den für uns organisierten Werkstätten eingespannt, mit kurzen Pausen für improvisierte Mittagessen; manchmal Kochen wir gemeinsam. Am Dienstagvormittag steht ein Recherche-Seminar an, am Nachmittag ein Vorlesekurs.

Am Mittwoch dann vormittags die erste Runde der Textwerkstätten, in denen unsere eingereichten Beiträge unter die Lupe genommen werden (oder ein anderer Text, wenn wir wollen).  (Thomas Klupp lässt sich bei seinem Workshop nicht blicken – vielleicht beim nächsten Mal, Thomas!).

Am Nachmittag folgt ein Workshop zum Thema Nicht-Schreiben. An beiden Abenden sind wir alle (so mein Eindruck) ziemlich platt, was uns nicht daran hindert, die Abende in der Küche der Pension zu verbringen; auch die beiden Leute aus Hildesheim gesellen sich oft dazu. Es sind großartige Menschen, allesamt, und ich finde es jetzt schon schade, dass wir aus allen Teilen von Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen und wahrscheinlich nie wieder so viel Zeit miteinander verbringen werden. Aber ich bin ja auch ein leicht sentimentales Seelchen.

Am Donnerstagmorgen noch eine zweite Textwerkstatt, dann Freizeit, aber nur ein bisschen, denn um 17 Uhr ist bereits die Eröffnung auf dem Festivalgelände und um 19 Uhr beginnen die ersten Veranstaltungen. Der letzte Akt des Air-Programms wird dann die Lesung um 21 Uhr sein.

Vielen Dank an die Bella-Redaktion und alle, die geholfen haben, dieses Programm möglich zu machen; vor allem auch an D., die versucht hat uns so gut und umfangreich wie möglich zu betreuen. Danke an alle anderen AiRs, es war eine echt schöne Zeit mit euch! Wir werden in den folgenden drei Tagen noch in derselben Pension wohnen, uns auf dem Gelände sehen und uns hoffentlich nicht komplett aus den Augen verlieren.

Immer eine gute Idee

8. Juni, Donnerstagabend – 9. Juni, frühe Morgenstunden

17 Uhr 10, ich bin fast rechtzeitig zur Eröffnung da, sehe bekannte Gesichter, begrüße Menschen, setze mich zu Freunden. Eine eindrucksvolle Menge hat sich vor der alten Eisenhalle eingefunden, die den Kern des Festivalgeländes bildet; eine ebenso eindrucksvolle Menge von Danksagungen begleitet das Prozedere der Eröffnung, Einführung, Vorstellung. Die Zuhörer*innen sitzen teils auf orangenen Klappstühlen, viele  auf dem Boden, es ist warm und über uns ragt die Verlängerung des Dachstuhls der Eisenhalle in den Himmel; nur ein eisernes Gerüst, ein Dach, das den Himmel einbezieht. 

Ich werde erst später dazu kommen, in meinem PROSANOVA-Bag zu stöbern, den ich zusammen mit dem Bändchen am Eingang erhalten habe. Er enthält: ein liniertes Heft, Format Vokabelheft / ein weicher Bleistift mit dem Schriftzug PROSANOVA / eine Ausgabe der Bella (Nr. 42-47) / ein Süßigkeiten-Papppapierbeutel mit einer Gummimaus, einer Gummischlange und anderen Zuckerkonsorten / 3 Getränkemarken / Streichhölzer / natürlich ein Programm von PROSANOVA 17.

Nach der Einführung erstmal: Reden, Rumlaufen, Rumsitzen, Connecten, Lachen und die Pläne für die nächsten Tage abgleichen – beim PROSANOVA geht es ja wie bei den meisten Festivals nicht nur um das „was?“, sondern auch das „mit wem?“ und man wird im Verlauf des Festivals öfter die gleichen Gruppen von Leuten zusammenstehen sehen, hier und da erweitert, fusioniert, fragmentiert, aufgebrochen.

Noch oft wird man auf das Faltblatt starren und immer wieder hoffen, dass sich alles ausgeht.

Geht es natürlich nicht.

Es gibt vier Veranstaltungsorte (und an einigen Orten wiederum mehrere Räume): die Eisenhalle mit zwei kleinen Räumen dabei, die Rasselmania Halle schräg gegenüber, der ehemalige Aldi auf der anderen Seite schräg gegenüber und die Dieselhalle, die nicht auf dem Gelände liegt, die aber in zwei Minuten zu Fuß erreicht werden kann. Natürlich sind all diese Orte möglichst oft und durchgehend bespielt und meistens muss man sich zwischen zwei reizvollen Alternativen entscheiden.

An diesem ersten Abend schon kann man sowohl Maren Kames als auch Johanna Maxl, Maja-Maria Becker und Sascha Macht erleben. Ich entscheide mich schweren Herzens gegen beide Veranstaltungen (Maren Kames wird noch einmal wiederholt und bei der anderen Lesung hätte ich früher gehen müssen, um nicht zu spät zum Soundcheck der AiR-Lesung zu kommen). Es ist außerdem ein bisschen zu schön in der Sonne und einige Menschen habe ich sehr lange nicht gesehen. PROSANOVA hat ja auch gerade erst angefangen.

Um 20.00 Uhr dann Soundcheck in der Dieselhalle. Die AiR-Lesung, deren Konzept und Ablauf uns schon vorher erklärt wurde, bekommt ein Gesicht: vier „Inseln“ – bestehend aus einer kunstrasenähnlichen Unterlage, auf der Sitzkissen liegen und um die herum Stühle stehen – sind nah beieinander an einer Seite der Halle aufgebaut worden; das Ganze wirkt unscheinbar und wie ein Provisorium. Paarweise bekommen wir eine Insel zugewiesen. Vier Autor*innen werden jeweils gleichzeitig an einer der vier Inseln lesen, dann lesen die anderen vier. Das alles dreimal, in den Pausen dazwischen wechselt das Publikum die Insel. So weit, so einfach.

Technisch ist diese Idee allerdings schwierig umzusetzen. Die PROSANOVA-Crew gibt ihr Bestes. Trotzdem müssen wir die Mikrofone gegen den Mund pressen und die Texte der anderen, die von den anderen Inseln herübergetragen werden, ausblenden. Was schwierig ist, denn es sind Texte, die ich teilweise sehr mag, denen ich eigentlich gerne zuhören würde, aber ich lese selbst gerade vor. #mindfuck. Manchmal erhasche ich noch das Ende einer anderen Geschichte, wenn unsere Insel früher fertig ist.

Meine Kollegin auf der Insel hat sich ein kleines Gimmick ausgedacht: bei der letzten Leserunde geht eine Flasche Wodka herum und wenn die beiden zentralen Figuren ihrer Geschichte (ebenfalls mit Wodka) auf die Literatur anstoßen, tun wir es ihnen gleich. Ein schöner Abschluss.

Da um 0.00 Uhr bereits die erste Party beginnt, die den vielversprechenden Namen „Immer eine gute Wahl I“ trägt, pilgere ich bald zum Aldi hinüber, auch in der Hoffnung noch einen Teil der Performance von ORAVIN mitzubekommen. Ich fühle mich gleichsam ausgelaugt und aufgedreht. Und dieser Zustand werde ich an diesem Abend noch einige Stunden ausgekosten.

Nicht an Tagen wie diesen

9. Juni, Freitagvormittags – 9. Juni, Freitagabends

Trotz der Party stehe ich am nächsten Morgen um 10:50 auf dem Festivalgelände, wahrscheinlich etwas windschief. Aber: Ein Tag voller Möglichkeiten tut sich auf. Leider aber auch ein Tag voller Entscheidungen, von Anfang an. Schweren Herzens entscheide ich mich gegen die Performance von Rike Scheffler im Aldi und setze mich stattdessen in die Talkrunde mit Roman Ehrlich, Lann Hornscheidt und Margarete Stokowski, moderiert von Guido Graf. Es geht darum, „Wie sich unsere Sprache verändert“.

Meine frohen Erwartungen werden bald Schiffbruch erleiden.

Ich bin durchaus jemand, dem man ein gewisses Harmoniebedürfnis unterstellen darf; ich bin immer dafür, dass man Rücksicht aufeinander nimmt und auf das eingeht, was der andere sagt. Aber: warum zusammenkommen und öffentlich über ein Thema reden, ohne anzuecken, ohne wirklich zu diskutieren?

Eine Literatur, die sich nicht auch ins Fremde begibt, interessiere ihn nicht, sagt Roman Ehrlich und auch wenn es so wirkt, also würde er mit solchen Aussagen seinem Nachnamen alle Ehre machen: so wirklich ins Fremde begibt sich niemand in dieser Diskussion, man bleibt bei den Themen, wo sich schnell ein Konsens finden lässt und es wird auch schon mal schnell einer gebastelt. An diesem Tisch sitzen zwei Personen, die durchaus kontroverse Bücher geschrieben haben und eine weitere, die für ihre geradezu bahnbrechenden (und ebenfalls kontroversen) Theorien zu Sprache, Geschlecht und Gesellschaft bekannt ist. Da muss doch mehr passieren, da kann doch nicht nur jeder seine Position runterspulen und beteuern, wie interessiert er an der Position der jeweils anderen ist. Und spätestens als man auf eine Sexszene in dem Roman von Ehrlich zu sprechen kommt und es um die Beziehung zwischen Sprache und Geschlecht geht, denke ich mir: hat Stokowski (die bis dahin noch die besten Anstöße geliefert hat) nicht gerade ein Buch, in dem es unter anderem um diesen Themenbereich geht, verfasst? Sollte der Moderator dieses Buch nicht an dieser Stelle einbinden? Pustekuchen.

Man kann mildernde Umstände geltend machen (11 Uhr am Morgen nach einer Party) und es ist sicherlich auch ein bisschen überheblich von mir, zu behaupten, dass mir die Leute auf der Bühne nichts Neues erzählen, denn auch wenn das größtenteils der Fall ist, sollte ich trotzdem in der Lage sein, anzuerkennen, dass hier gut über die derzeitige Lage der sprachlichen Evolution Zeugnis abgelegt wird. Aber nach einer Stunde Herumgekuschel reicht es mir und ich gehe.

 Ja, das Thema ist heikel und wir brauchen vor allem Perspektiven, kein Geschrei. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden. Aber dieses Bewusstsein wird nicht durch „müsste, sollte, könnte“ entstehen, nicht dadurch, dass man hunderte Dinge als idealen Träger dieser Veränderung benennt, sie dazu bestimmt. Dieses Bewusstsein muss auch entzündet werden an klaren Fragen und Konflikten.

Meistens sind die Ortstüren geschlossen, sobald eine Veranstaltung begonnen hat. Man kann raus, aber niemand kann mehr rein. Also fallen einige Veranstaltungen weg, die während meiner Zeit in der Dieselhalle angefangen haben. Ich hole mir erstmal einen Kaffee (für 1 €; gestern auf der Party gab es bereits Gin Tonics für 3,50 €.) und setzte mich auf die Sofalandschaft in der Eisenhalle. Schaue, ob es irgendjemanden gibt, mit dem ich ins Gespräch kommen kann, treffe aber bald einige Freunde und wir gehen nach draußen in den Hof. Dort steht heute Vormittag ein Imbisswagen, der Burger und Fritten verkauft; an den meisten Abenden kann man hinter dem Aldi ebenfalls Essen an einer prosanovaeigenen Küche bekommen (keine kulinarischen Hochgenüsse, dafür meist vegan und auf sonstige Unverträglichkeiten abgestimmt).

Bald steht wieder eine Entscheidung an: „Skriptor Prosa“ oder „Auf Inseln“. Ersteres ist ein Besprechungsformat, bei dem ein unveröffentlichter Text (von dem/r Autor*in) vorgelesen und dann von vier anderen Leuten besprochen wird.  „Auf Inseln“ ist ein Lesungsformat mit Alina Herbing, Birigt Birnbacher, Laura Vogt, Margarete Stokowski, Roman Ehrlich und Svealena Kutschke.

Ich zögere die Wahl noch etwas heraus und gehe zu einer szenischen Lesung in die Dieselhalle. Dort ist dann allerdings kein Platz mehr; in dem Raum (der „Box“ heißt) sitzen die Leute schon dichtgedrängt – so: back to Ironhall. Und rein in Skriptor Prosa.

Auf der Bühne: die Autorin Julia Rüegger, und die vierköpfige Kritiker*innenrunde mit Tilman Strasser Shida Bazyar, Anke Stelling und Donat Blum. Der Raum ist für vierzig Zuhörer*innen bestuhlt, jeder findet ein ausgedrucktes Exemplar des Textes auf seinem Stuhl vor. Die Diskussion soll im Verlauf der Veranstaltung auch zum Publikum hin geöffnet werden.

Der Text wirkt auf mich wie eine sehr gelungene Evozierung der Kindheit und thematisiert gleichzeitig das Verlassen derselben. Ich bilde mir natürlich nicht ein, dass ich die einzig mögliche Lesart gepachtet habe. Trotzdem kann ich in den folgenden 30 Minuten kaum an mich halten.

In einem geradezu bewundernswerten Zustand des Übereinkommens machen sich die vier Leute auf der Bühne nämlich daran, die Motive des Textes auszuhöhlen, sie mit allzu großen Interpretationsspielräumen zu strecken, das Ganze zu überladen. Natürlich geht es bei Literatur auch um unterschwellige Zusammenhänge, Hintergründe, existenzielle Ordnungen, aber jeder Satz, jedes Wort, jede Beschreibung ist nicht nur doppelter Boden, sondern auch Oberfläche. Und die Oberfläche wird zunächst sehr vernachlässigt. Stattdessen wird der Text sofort umgegraben, gar nicht erst als arrangierte Landschaft gewürdigt. Hat man einmal angefangen mit dem Umgraben, ist es natürlich schwierig, die ursprüngliche Landschaft zu sehen. Deswegen sollten Textbesprechungen mit Vorsicht walten; ein/e Kritiker*in ist ein/e Archäologe*in und kein/e Gärtner*in.

Das Gespräch öffnet sich schließlich zum Publikum hin und das bisherige Interpretationsgefüge wird etwas aufgebrochen und auch die vier Leute auf der Bühne streiten kurz darauf für die Diversität des Textes; ich will ihnen auch gar keinen letztendlichen Vorwurf machen. Aber eine Veranstaltung dieser Art zielt doch darauf ab, dem Publikum die Möglichkeit eines Einblicks zu geben, wie man Texte in Textwerkstätten bespricht und optimiert. Und sollte nicht darauf hinauslaufen, dass die Leute auf der Bühne sich profilieren. Dafür sind literarische Talkrunden da.

Im Anschluss dann wieder eine Pause, am frühen Abend steht für mich noch der „Ingebach-Borgmann-Preis“ an, eine Veranstaltung, bei der drei Redner*innen jeweils einen Literaturpreis für den IBP nominieren und in einem Streitgespräch ihre jeweilige Nominierung verteidigen; in einem Drei-Runden-Verfahren wird dann Stück für Stück der beste Preis durch eine Publikumsjury ermittelt.

Während Skriptor hat es zu regnen angefangen, das Gelände ist leergefegt, die meisten Leute sind im Aldi oder, wie ich, in der Eisenhalle. Das Streichquartett „Quartett of the Golden Age“ gibt in einer Ecke des Saals sein zweites Konzert, die Klänge füllen sanft die Halle. Ein tapsiger, strubbeliger Hundewelpe sorgt für Ahs und Ohs. Ich begegne Sirka Elspass, die einen Bauchladen vor sich herträgt und statt ihr zu sagen, wie großartig ich ihre Gedichte finde, sage ich nur: „Wie clever, hier Tabak, Papes und Filter zu verkaufen.“ Wie schön wäre es doch, fällt mir bei diesem Festival wieder mal auf, könnte ich all die absurden Vorstellungen von der Notwendigkeit einer irgendwie gearteten Souveränität ablegen, die mich bei solchen Veranstaltungen immer überfallen und mich daran hindern, unverfänglich auf die Leute zuzugehen.

Eine Weile sitze ich mit einem Teil der Crew von Skriptor zusammen, begebe mich dann mit einer Freundin zum Borgmann-Preis.

Der lässt sich leicht zusammenfassen: Das Drumherum (eine wunderbare Einführungs-Power-Point-Präsentation von Sven Schaub, sowie Videos von Benjamin Quaderer über die fiktive Ingebach Borgmann) ist sehr unterhaltsam, macht Spaß; die eigentliche Veranstaltung hat etwas Verkrampftes an sich. Es ist so als würden die drei Redner*innen erst auf der Bühne feststellen, was sie da eigentlich tun und sich von da an nicht mehr ganz wohl in ihrer Haut fühlen; die Ankündigung versprach eine Gaudi, ein Feuerwerk, einen Spaßwettbewerb, aber anscheinend können sich die drei Kombattant*innen nun nicht entscheiden, ob sie das Ganze doch erst nehmen oder ihre eigenen Ausführungen ad absurdum führen wollen; man macht selbstironische Witze, mach sich gegenseitig halbgare Zugeständnisse, schweift ab, berührt in einem Fort ernste Probleme der Literaturpreislandschaft, Literaturpreispreisgestaltung, Literaturpreisbedingung, Literaturpreisexistenz. Die Vielzahl der genannten Aspekte macht einiges auf und ich komme durchaus ins Grübeln, was meine Position innerhalb dieses Kosmos sein könnte. Aber die eigentliche Idee der Veranstaltung wird nicht umgesetzt.

Ich habe gute Gründe schlafen zu gehen, denn ich bin hundemüde (wenn auch, nachdem mir der Welpe wieder über den Weg läuft, nicht der Hunde müde). Früh ins Bett gehen klappt dann doch nicht. Und spät am Abend, als ich dann doch ins Bett will, hat auch noch jemand auf dem Fahrradparkplatz vor dem Gelände die Luft aus einem meiner Reifen gelassen. Auch bei Literaturfestivals gibt es also Idiot*innen.

Andere Leute machen auch andere Dinge auch oder: Kein Festival ist eine Insel

10. Juni, Samstagvormittag – 11. Juni, drei Stunden nach Mitternacht

Gott sei Dank stellt sich an diesem Tag die Frage „Warum aufstehen?“ nicht, obgleich ich, unruhig, nur wenige Stunden am Stück geschlafen habe. Ich will aber auf keinen Fall die Veranstaltung mit Michelle Steinbeck verpassen, die aus ihrem Debüt „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ lesen wird. Eine andere AiR-Teilnehmerin ist so nett, mit mir das Fahrrad zu tauschen, weil sie ihres nicht mehr brauchen wird. Ich komme gerade noch rechtzeitig an.

Der Samstag weist die meisten Veranstaltungseinträge von allen Festivaltagen auf. Auch jetzt, am frühen Vormittag, ist das Festivalgelände bereits gut gefüllt; Michelle Steinbeck freut sich, wie sie sagt, „über die vielen Frühaufsteher“. Ihre Lesung ist wunderbar. Die ganz eigene Sprache des Werkes sorgt für eine enorme Nähe zu der eher absurden, surrealen Handlung und außerdem für jede Menge Lachen und Schmunzeln.

Um die Bestuhlung der Rasselmania stehen an diesem Morgen einige Tische mit Laptops. Ein Informatiker hat nämlich, zusammen mit Juan S. Guse, ein klassisches Textadventure entworfen, das den Anfang von Steinbecks Roman als Ausgangspunkt nimmt (Download auf textadventures.co.uk).

Als ich aus der Halle trete, habe ich eine SMS von einem guten Freund aus Leipzig auf dem Handy. Wir sehen uns nur selten und ich freue mich, dass er spontan zum PROSANOVA gekommen ist. Einige Leute, die ich heute treffe, sind nur für diesen Tag (und manche hauptsächlich wegen der Party am Abend) angereist und fahren bereits Morgen im Verlauf des Tages wieder. Für sie ist es ein kurzer Ausflug, ich fühle mich heute endgültig im Ausnahmezustand angekommen.  

Von 12:00 – 12:50 lassen wir uns die Sonne auf die Köpfe scheinen, dann geht es Richtung Dieselhalle, dort findet eine szenische Lesung von einem Stück namens Kalami Beach statt. Auch hier ist es ziemlich voll, die Leute sitzen am Ende sogar auf den Stufen der Tribüne.

Die beiden Schauspieler Nick-Julian Lehmann und Robert Jan Liethoff spielen den Text von Akın Şipal.

Zu Anfang fühle ich mich von der etwas leblosen und bemühten, redundanten Sprache ein wenig abgestoßen und die eher groteske Annäherung der beiden Charaktere (ein deutscher Tourist namens Ernst und eine türkische Touristin namens Ayda) wirkt allzu glatt, getrimmt und unsinnig. Die beiden treffen sich auf Korfu, er rettet ihr allem Anschein nach das Leben, als sie sich ertränken will. Kurz darauf gehen sie natürlich miteinander ins Bett. Im weiteren Verlauf gelingt der unbeständigen Darbietung der eine oder andere komische Moment, manchmal glaubt man sogar eine Idee von der Motivation des Textes zu bekommen. Aber manchmal sprechen die Figuren von Europa, Hoffnung, Schwangerschaft und umfassender Existenz im selben Atemzug und überspannen den Bogen, der in dem Stück anscheinend entstehen soll. Die beiden Darsteller machen ihre Sache gut (leider spricht Liethoff meist mit dem Kopf zu seinem Partner gewandt und nicht zum Publikum, weswegen man ihn schwerer versteht).

Eigentlich will ich es noch zu Olivia Wenzels Lesung schaffen, nachdem mich ihr Text in der Bella 47 so begeistert hat. Aber wie schon am Vortag: wenn man nur wenige Minuten zu spät kommt, sind die Türen bereits zu. Der nächste Punkt auf meiner Liste ist die Veranstaltung Rape Revisited, in der Mithu M. Sanyal einen Vortrag über ihr Buch „Vergewaltigung“ und dessen inhaltliche Ausrichtung hält. Die beginnt aber erst in einer Stunde und so setze ich mich wieder in die Sonne. Schönerweise ergibt sich sogar ein Gespräch über den Kanon und feministische Perspektiven bei Kleist. Diese Diskussion weitet sich soweit aus, dass ich am Ende auch noch den Beginn von Rape Revisited verpasse. Wieder stehe ich vor verschlossenen Türen. Frustration ist gar kein Ausdruck.

Weitere Stunden in der Sonne; dieser Samstag ist ein gutes Sinnbild für den Ausnahmezustand, in dem ich mich befinde. Auf dem Platz vor der Eisenhalle ist es abwechselnd sehr leer und sehr voll. Mehr als fünfzig, wahrscheinlich sogar mehr als hundert Leute, strömen zwischen den Orten hin und her, setzen sich in Gruppen auf den Boden. Ich unterhalte mich mit einer Besucherin, die keinen Tagespass mehr bekommen hat und sich für 2 € zwar auf dem Festivalgelände bewegen, aber keine Veranstaltungen besuchen darf. Eine etwas absurde Situation. Wieder geht jemand mit einem Bauchladen herum. Da ich nicht rauche, kaufe ich ein Kartenspiel. Nicht aus Mitleid – Karten kann man immer gebrauchen. Ich sitze weiter in der Sonne und mische die Karten.

Zu „Malen wir die Landschaft lieber gleich selbst“ mit Anja Kampmann und Michael Fehr stelle ich mich diesmal früh an. Neben Michelle Steinbecks Lesung ist es die bisher sympathischste Erfahrung bei diesem Festival. Ich kannte Michael Fehr vorher noch nicht, aber es steht außer Frage, dass ich, sobald ich nach Hause komme, ein Buch von ihm kaufen werde.

Das Gespräch zwischen ihm und Anja Kampmann (die ebenfalls einige schöne Texte aus ihrem neusten Gedichtband und einem entstehenden Roman vorliest) verläuft allerdings schleppend, nicht, weil sich die beiden nicht sympathisch sind, sondern weil sie sich nicht auf konkretere Begriffe oder Ideen zum Thema Landschaft einigen können. Auch die Anstöße des Publikums lassen keine neue Dynamik aufkommen. Man muss es einmal erwähnen: Viele Leute, die bei PROSANOVA in Gesprächsrunden auftreten, wirkten eher leidlich vorbereitet.

Jetzt ist es 19.00 Uhr, ich stehe vor dem Kegelcenter. Noch vier Stunden bis zur Party. In einer Stunde findet in der Rasselmania eine Veranstaltung statt, bei der es um ein von Lasse Kohlmeyer konzipiertes Computer-Programm („Die Maschine“) geht, in das man einen Text einspeisen kann und wenn man dann etwas schreibt, schlägt einem die Maschine das jeweils nächste Wort vor, fußend auf Übereinstimmungen und Wahrscheinlichkeiten, die einer Analyse des eingespeisten Textes entspringen. Spannend, ohne Zweifel, und vorgestellt von Tilman Strasser und Sirka Elspaß. Aber ich schwanke zu lange, verquatsche mich, heute ist das wohl der Gang der Dinge. Ich komme eine halbe Stunde zu spät und erlebe nur, wie bereits die wildesten Gedankenexperimente angestellt werden. Man könnte Literatur in die Maschine speisen! Oder Edgar Allen Poe! Am allerliebsten natürlich Star Trek Drehbücher, kombiniert mit Minnesang-Kompendien. Was dabei wohl rauskommen würde? Vielleicht Liebeslyrik von einem anderen Stern.

Irgendwann dann, wieder: Party. Ich werde Opfer eines Gerüchts, es läuft tanzbare Musik. Schönster Satz, in den lauen Abend gesprochen von einem Unbekannten: Diese Leute hier, die sehen alle aus wie meine Freunde aussehen.

Was Besseres kann ich über dieses Festival nicht schreiben. Der Rest ist Gin-Tonic-ich-umarm-dich-Fußball-auf-dem-Aldi-Parkplatz-Wir-gewinnen-alle-Preise-und-sehen-uns-deshalb-häufig-wieder-trinkt-ihr-eigentlich-aus-Verzweiflung-oder-Euphorie-Stimmungen, die um alles herumschweben und dann und wann fährt eine in dich und deine Freund*innen.

Scheiße, du lebst. Gott sei Dank bist du auf dem PROSANOVA, derweil, derzeit.

Nachbrenner

11. Juni, Sonntagvormittag – 12. Juni, Sonntagabend

Der Sonntag sieht sehr übersichtlich aus. Was mich irgendwie freut, als ich am Sonntagmorgen um 11 Uhr in der Küche sitze. In meinem Kopf kratzt sich der Kater am Kopf und dessen Kater kratzt sich am Kopf und so weiter, bis in alle Ewigkeit. Draußen ist es auch noch schwül bis zum geht nicht mehr. Nicht zum Aushalten. Die Motivation läuft bereits auf dem Nachbrenner.

Ich gehe zum Festivalgelände, hauptsächlich wegen Skriptor Lyrik und weil eh alle da sind und weil mir einer der AiRs das Stück „Ich warte schon seit drei Fantas auf meinen Auftritt“ empfohlen hat. Nach einer halben Flasche Wasser und einigen morgendlichen Gesprächen dann um 14.00 Uhr: Skriptor Lyrik. Im Kegelcenter ist es heiß. Besprochen werden Gedichte von Sirka Elspaß, die vier Diskutierenden sind Michael Fehr, Yevgeniy Breyger und Lea Schneider, außerdem springt Rike Scheffler für Michelle Steinbeck ein. Nach einer langen Vorstellung und der Lesung beginnt, sehr zögerlich, die Diskussion.

Hier muss ich nun kurz einen Einschub vornehmen: die Dichterin selbst hat nach dem Gespräch erklärt, dass die Diskussion sehr hilfreich für sie war und auch einige Leute aus dem Publikum haben sich sehr anerkennend über die Beiträge und den Diskussionshergang geäußert. Von daher ist es vielleicht unsinnig, dass ich hier noch nachträglich irgendeine Kritik anbringe, die ich im Übrigen ja auch vor Ort hätte anbringen können (was ich aber dann, in der allgemeinen alles-passt-Stimmung, nicht machen wollte/mich nicht getraut habe).

Dennoch: Ich finde, dass, wie schon bei Skriptor-Prosa, die Diskutierenden mehr an ihren eigenen Interpretationen interessiert zu sein schienen, als daran, dem Text zu begegnen. Es ist ja verständlich, dass Grundsätzliches zur Debatte gestellt wird und ein Text kann auch auf Umwegen ergründet werden, aber auf mich wirkte es so, als würde den Leuten der Zugang fehlen und sie würden jetzt einfach den einen oder anderen übergreifenden Topos als Hebel ansetzen, um dem Gedicht beizukommen. Alles sehr spannend, erhellend, was dabei zutage gefördert wurde, aber ich wurde das Gefühl nicht los: wir sind nicht beim Text, wir befinden uns in generellen Diskursen. Auch die Öffnung zum Publikum hin war etwas zögerlich und der Umgang mit Anregungen aus dieser Richtung eher dürftig. Viel davon war sicherlich der Hitze geschuldet und die ganze Veranstaltung war ja auch sehr sympathisch, alle Leute auf der Bühne relativ gut miteinander bekannt. Dadurch bleibt aber auch alles etwas zahm und die Veranstaltung ist bereits nach fünfzig Minuten vorbei. Fein, fein, bleibt da nur zu sagen.

Weil Skriptor früher aufhört, schaffe ich es zu dem Fanta-Stück und diese letzte Veranstaltung haut mich dann noch mal um. Eine großartige Arbeit, stark inszeniert. Vielleicht die beste dramatische Bearbeitung der Themen Sexismus/Misogynie, die ich bisher erlebt habe. Ich bin erfreut, beschämt, bewegt, meine Zunge ist belegt und doch belebt, alles schaudert in mir, alles zürnt, alles schlägt sich vor den Kopf, beißt in die Hand. Elena Schmidt und Linda Blümchen spielen bravourös, Laura Naumanns Text bringt mit fast jedem Satz die Ungleichheiten, die Machtgefälle, die Verbrechen, die Probleme auf den Punkt.

Der letzte Akt bleibt den Veranstalter*innen vorbehalten und Helene Bukowskis Abschlussrede in der Eisenhalle macht mir noch einmal deutlich, dass hinter diesem Festival eine riesige Menge an Planung und Arbeit steckte und die Erlebnisse hier doch einige wichtige Themen und Ideen in mir angestoßen haben. Insofern: man kann PROSANOVA nicht zusammenfassen; dieser Text würde scheitern, wollte er mehr sein als ein Eindruckssammelsurium. Atmosphären, Begegnungen, Glücksgefühle, ja, selbst Enttäuschungen lassen sich in diesem Bericht nicht wiedergeben, nur andeuten.

Insofern bleibt nur noch ein: Danke. Danke an alle, mit denen ich auf dem Gelände Zeit verbringen durfte. Danke für eure Stimmen, eure Texte, eure Meinungen, eure Entgegnungen, eure Witze, euer Lächeln, euren Spott und vieles andere.

Am Abend fahre ich früh in die Pension, um meine Eindrücke aufzuschreiben. Es bleibt bei Stichworten, ich will noch einmal raus, noch einmal mit einer paar Leuten in eine Hildesheimer Kneipe. Mich über Literatur unterhalten. Oder auch über was anderes. PROSANOVA ist vorbei, der Autor angeblich tot (es leben die Autorinnen und Maschinen!), aber die Geschichten gehen weiter. Wir erzählen sie manchmal auf Bühnen, das ist schön, manchmal auch face to face, das steht dem in nichts nach.

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