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Kolumne

Pseudopolitik: das Kopftuch

Am Anfang steht ein Video, worin Alexander Van der Bellen sagt, jede Frau solle selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch trägt; und: Das Tragen des Kopftuches aus Solidarität mit islamophob Ausgegrenzten sei denkbar.

Nein, eigentlich steht die Frage am Anfang: wie er zum Kopftuch stehe, übrigens eine von dutzenden Fragen, die er beantwortete, und einige davon waren brennender (oder angesichts der infantilen Empörung nun: doch nicht?) – und dementsprechend seine Antworten da vielleicht interessanter (außer: für hysterische Österreicher_innen, denn die Allianz Rechter mit einigen Damen, die angeblich die Emanzipation vertreten, war auffallend). Und medientheoretisch: die Möglichkeit, aus dem gefilmten Video diese Passage auszuschneiden – copy & paste beherrschen Rechte besser als das Schreiben… –, sie zu verbreiten … und die Entscheidung, seine Antwort auch im Fernsehen zu präsentieren. Es gibt ja auch sonst nichts, wovon man reden könnte, der IS besiegt, Syrien eine moderne Demokratie, Trump abgewählt und Putin zugunsten einer demokratischen Verfassung zurückgetreten, die Überalterung keine Herausforderung mehr, außerdem wurde der Treibhauseffekt neutralisiert – und die Energiekrise ist auch nicht mehr aktuell, vermutlich…

Also ein Video, worin der Bundespräsident dies sagt, was nun großes Thema in den hysterisierungsbereiten und -willigen Netzwerken ist. Warum eigentlich..?

Erstens, weil nicht genau hingehört oder gelesen wird. Will Van der Bellen, wie manche behaupten, die innerhalb der muslimischen Gemeinschaften mitunter implizit bestehende Kopftuchpflicht stärken? Nein, die Frau solle es entscheiden. Will Van der Bellen Solidarität mit solchen Pflichten? Wie sollte das gehen, wenn er dadurch, daß er das Tragen der Frau anheimstellt, es schon zu entweder privater Vorliebe in bezug darauf interpretiert, wie jemand seinen Glauben ausdrücken will, oder als modisches Accessoire..? Und übrigens ist beides nicht trennbar, wo Mode (und Distinktion) anfangen und Religion aufhört, das ist letztlich nicht zu bestimmen, spätestens, wenn es darum geht, wie das Kopftuch gebunden wird, geht es eher um Bourdieu als um Mohammed, wie Svenja Adelt in ihrem Buch Kopftuch und Karriere. Kleidungspraktiken muslimischer Frauen in Deutschland (Frankfurt/M./New York: Campus Verlag 2014) zeigt… Will schließlich Van der Bellen, daß nur Frauen sich solidarisieren, und zwar so? – Er fragt im Gegenteil zu Beginn zurück, wie denn das so sei, ob nicht auch Männer Kopftuch tragen können; und man muß schon sehr mit der eigenen Potenz hadern, um darauf, wie es paradox andere taten, Van der Bellen unmännliches Verhalten zu unterstellen

Zweitens, weil das manche nicht hören oder lesen wollten; hier ist nicht ein Mangel an Intelligenz oder Bildung, sondern ein Mangel an Redlichkeit gegeben. Gar nicht hören wollten die klerikalfaschistische Gegenpartei und ihr hysterisierter Mob übrigens, daß der Bundespräsident das Tragen eines Kopftuches in bestimmten Kontexten – wie z. B. bei Richterinnen – für nicht wünschenswert hält, weil es da die Säkularität des Rechtsstaates infrage stellte; und dann der Nachsatz: Das müsse dann aber für alle religiösen Symbole gelten. Inwiefern sich das Kopftuch nämlich als böse, archaisch und repressiv von Kreuzen und Nonnentracht etc. unterscheiden soll, darüber schweigen die, die um die Aufklärung zu fürchten vorgeben, beharrlich. Übrigens besteht die Ähnlichkeit zwischen klösterlichem Habit und Kopftuch bis in die Fragen des Modischen, auch dazu gibt es erheiternde Befunde der Soziologie.

Drittens, weil nun aber in der Tat die Rechnung aufgeht: Haben die kein anderes Thema, so die, die entweder uninformiert sind, oder rechts. Man empört sich, man wendet sich aber vor allem ab, und zwar von dem Raum, worin es aber sehr wohl andere Themen gibt, auch in besagtem Video, aus dem aber nur der Ausschnitt umzugehen scheint. Und genau das ist die Agenda der Rechtspopulisten: Man bemüht einen Mythos: vom eigenen Volk, von der eigenen Kultur, vom Abendland, aber dieser wird nur holzschnittartig gegeben, ohne Definitionen, was einerseits dies denn sei oder ausmache: eigenes Volk, eigene Kultur, Abendland; und was andererseits dies mit einer Politik zu tun hat, die den Menschen Raum zur Entfaltung gibt, eine gewisse (u.a. soziale) Sicherheit und so etwas wie gerechte Verhältnisse, man lese hierzu etwa Herfried Münkler.

Diese Fragen wollen jene nicht stellen, die mit Scheindebatten das politische Fragen an sich diskreditieren wollen; Populismus ist die Ablenkung von solchen Fragen, und zwar durch Politik-Schausteller, ob der Popanz nun Storch oder Strache oder Le Pen heißt, die vielleicht nicht zufällig sich oft auf den Lohnlisten derselben Geldgeber finden, denen Destabilisierung zwecks regionaler Ausbeutbarkeit, falls diese möglich ist, Unruhen und Tote wert ist. Geldgeber, die ferner Radau wünschen, aber eben eines nicht: Politik.

Insofern zeigt die Debatte, Aufmerksamkeit freilich vorausgesetzt, daß die FPÖ und ihresgleichen nichts zu sagen haben – dies, daß nichts gesagt werde, ist ihre Agenda, ob sie nun Sätze aus dem Kontext reißt und Politik wie eine Kasperltheater präsentiert, zu dem sie oft auch die Kasperl- und Krokodilmarionetten liefert oder als Voraussetzung für besagte Aufmerksamkeit die Bildung torpediert: indirekt durch eine Zerstörung des Bildungssystems, direkt aber auch durch Interventionen, wie es unlängst in Linz an der dort offenbar wirklich recht blauen1 Donau geschah, wo seit diesem Jahr ein Direktor auf Geheiß von Politikern den Unterricht gestaltet.2

Was zum Kopftuch zu sagen ist, ist längst gesagt: Es drückt mitunter Repression aus, mitunter aber ist es auch einfach ein Textil; und drückt es Repression aus, so ist die Frage, wie es der Integration förderlich sein kann, jene, die so schon marginalisiert sind, nochmals auszugrenzen – ob also nicht kohärenter und glaubwürdiger dies wäre: Diese Unterdrückten zu unterstützen, mit Ideen der Emanzipation in Berührung zu bringen … und vielleicht auch zu akzeptieren, wenn das Kopftuch dann weiterhin getragen wird, bloß nicht mehr aus Ausdruck einer oft auch durch Abend-Alpenländler imaginierten Unterdrückung, und zwar auch keiner internalisierten, wenn behauptet wird, man wolle das selbst so. Und wenn doch, solange es die Gesellschaft nicht beschädigt, was soll’s – protestantische Arbeitsethik ist ja auch nicht immer dem förderlich, der arbeiten zu müssen und dann arbeiten zu wollen vermeint.3

Kopftuch? Haben die kein anderes Thema? – Die Rechtspopulisten haben wirklich kein anderes, sie können nur sehr laut sein.

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