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Kolumne

Blanka Beirut – Tagebuchstaben #1/17

Rechtsrücklinge und giftige Weidelbeeren aus Mauland-Sauland

„Die Dichter schreiben jetzt auch alle, dass man nur die natürliche Heimat seiner Natur lieben muss.“ (Irmgard Keun)

Fahnen werden aufgehängt, andere fallen ab oder wehen wo immer der Wind sie weg haben möchte. So wie das immer war. Nur Blanka Beirut baut heute einen Angstschrank auf. Dort will sie ihre Sprache einsperren und das Material für neue Wörter: Endungen, Punkte, Striche, Umlaute, Köpfe, Schwänze, Krönchen, Säckchen. Kremvokal des Morgens. Gurgelvokal der Schwalben. Messer und Scherchen zum Zerteilen und Zerfetzen. Vielleicht wird auch sie da eines Tages wohnen, in ihrem Klangschrank Weltraum, unter einem Linguablankahimmel. Denn all das gehört vielleicht bald verboten. Weil Deutsch deutsch ist und deutsch bleibt, nicht eine Letter mehr und nicht eine weniger! Weg mit all den Wortmischlingen. Nur jene, die aus natürlicher Heimat deutscher Natur geworfen wurden erhalten Permiss. Doch aufpassen, zu viel Natur bedeutet Wachstum, und das soll der deutschen Sprache eben nicht geschehen. Sagen die aus Rechtsrück und vor allem der aus Mauland-Sauland. Nicht nur letzterer stößt aus in schweinernem Gewabbel sitzendem Gaulmaul rechtsrückliche Schrecklichkeiten. Am liebsten sofort zu Gesetz gekotzt. Übel wird Blanka dabei, zumal ganze Körbe von giftigen Weidelbeeren aus Mauland-Sauland angeschleppt, nun in Umlauf sind. Blanka ist so verwirrt, dass sie sicher ist, wieder einen blonden Vornamen zu brauchen. Haarmonika vielleicht oder Gürtelrosi. Aber Blanka, dein Vorname ist doch blond. Hell wie Morgencirren, das Haar des Himmels! So das Frühvogelgeläut aus ihrer Handtasche, dem Wohnzimmer des Nymphensittichs. Der denkt gar nicht dran, in einen Angstschrank zu ziehen. Obwohl auch er wegen der Weidelbeeren schon Federn gelassen hat. Ausfliegen will Blankas Bird of Color, unter freien Himmel, auch wenn der sich braundüstere Locken zulegen will. Recht hat er, denkt Blanka, wer außerdem weiß schon, was morgen als blond gilt. Sie verwahrt Name und Federn in der Handtasche. Doch schon wieder erklingt's aus Mauland-Sauland: Deutsch muss sofort in den Zungenschutztresor. Jetzt reicht es Blanka! Angstschrank abbauen und dem Nymphensittich hinterher, rein in Tag und Zug. Vorbei an hellen Kühen, deren Fellmuster den Himmel zu spiegeln scheinen. Na und? Aus der Tasche holt Blanka eine der Sittich-Federn, einen Ling-Liebling für frischen Wortklang in deutschen Sprachen. Denn der verscheucht Gehässliches. Zum Beispiel das Lied vom Feierabend des Mondes der Welt. Weg damit, in die natürliche Heimat seiner Natür, am Pfefferland vorbei in die Walachei. Beibei!

*Zitat Keun aus „Nach Mitternacht“.

 

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