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Kolumne

Strache hat Ohren

Gestern erfuhr man aus den Medien etwas Verblüffendes: „Arsch mit Ohren” habe einer Strache vor einiger Zeit ungestraft genannt, doch nun sei in einem nicht ganz unähnlichen Fall einer, der Strache bloß als „Arsch” bezeichnete, verurteilt worden. Es muß an den Ohren gelegen haben.

Irgendwie kann man also über Straches rechtspopulistische Hetze alles Mögliche denken kann, auch darüber, was es über den Charakter eines Mannes aussagt, wenn er Klientelpolitik für unsoziale Reiche macht, während er für die, deren Ausbeutung er begünstigt, Ausländer als Problem inszeniert; aber: Ohren, nicht vergessen!

An dieser Stelle könnte man genauer skizzieren, wie er die neofeudalistisch begünstigt oder begünstigen will, die eigentlich nichts leisten, die vielmehr im Grunde nur das Glück haben, über meist eher zufällig erlangtes Kapital zu verfügen, mit dessen Zins samt Zinseszins sie sogar den Kapitalismus gefährden, indem der Wettbewerb der Unternehmungen vom exponentiellen Wachstum angehäuften Reichtümer erdrückt wird, indem das Kapital diesem Wettbewerb durch Steuerflucht entzogen wird, indem Algorithmen und milliardenteure, nur hierfür verlegte Glasfaserkabelstränge aus minimalen Kursschwankungen im Millisekundentakt zusätzliche Gewinne lukrieren, was die Gesellschaft billigt, der dieses Geld fehlt – das seinen Nominalwert doch zugleich der Gesellschaft (oder dem demos) als Souverän verdankt. Und wie er folglich zu Unrecht von seiner Partei als einer „sozialen” spricht, während er die Probleme, die er mitverschuldet – und sei’s, indem er durch Scheinprobleme und Wirbel von diesen Fragen ablenkt und den Staat in Frage stellt, der gefragt sein könnte – und gerne noch vergrößern würde, exponierten Minderheiten anlastet.

Aber nein, fragen wir uns doch, warum die „Ohren” der Judikatur so wichtig waren. Offenbar gibt es zwei Optionen: Erstens könnte darin ein ästhetischer Mehrwert gelegen sein, der als freie Meinung billigt, was ohne „Ohren” nur Insultation ist. Zweitens könnte der Mehrwert aber auch eine Erkenntnisfunktion sein.

Variante eins hieße, daß man Strache nur etwas raffinierter beleidigen darf, vielleicht, damit es jene, die ihn gegen ihre eigentlichen Interessen wählen, nicht verstehen. Denn wenn Strache Klientelpolitik macht und dennoch auch von solchen gewählt wird, die zum Prekariat von unten dazu stoßen, dann bedeutet das, daß seine FPÖ tief gespalten ist, einerseits Profiteure, andererseits wütende Ungebildete. Tief gespalten – so könnte man die Insultation „Arsch” zur Allegorie ausweiten, was vielleicht auch Erkenntnisfunktion hätte.

Einfacher wäre es natürlich, zweideutig zu sein. Zum Beispiel zu sagen: Sieh mal, Philippa Strache mit ihrem Arsch (rechts), dazu das schöne Doppelbild der Kronenzeitung... 1

Die zweite Interpretation bedeutete, daß die Ohren ein wesentlicher Zusatz sind, vielleicht, weil sie die Summa von Straches Leben sind, man könnte über seine rechtspopulistische Hetze alles Mögliche denken, aber dann sind da noch immer diese Ohren, ... Nein, eher nicht.

Eher meinen die Ohren doch wohl diese Erkenntnis: daß der Rechtspopopulismus eben nicht nur tief in sich gespalten ist, sondern auch, daß er dem Volk nicht nur „aufs Maul schaut”, er lauscht ihm sogar – und vor allem – ins Rektum. Und was er hervorbringt, das kommt ja aus...

                        ... ich zitiere den Publizisten Fritz Schotthöfer aus dem Jahr 1924, demzufolge der Faschismus „einen Namen (hat), der an sich nichts sagt über den Geist und die Ziele der Bewegung”, das Zentrum ist ein Loch, aus dem das käme, was die „Fascisten” mit ihrem „Bündlertum” so hervorbringen.

Und während Österreich darüber diskutiert, wie wichtig bei Strache die Ohren sind, hat Innenminister Sobotka Phantasien von Totalüberwachung, weil, und das ist seines Erachtens tatsächlich ein tragfähiges Argument:

„Mit den Maßnahmen klären wir Verbrechen auf oder verhindern sie im besten Fall. Es geht stark um Prävention. Ein Beispiel: Vor meiner Haustüre lag – vor vielen Jahren – immer wieder menschlicher Kot. Als ich eine Kamera aufgestellt habe, war das sofort vorbei.”2

Irgendwie ist die Peristaltik samt Folgen zum Zentrum der Politik geworden. Es hieß aber doch einmal, nämlich in der Bundeshymne Österreichs, ganz anders, da wurde noch der Glaube vorgetragen, dieses Land sei eines des Geistes, und zwar sowohl im Sinne der Inspiration als auch jenem der wissenschaftlich-technischen Aufklärung, „Land der Dome,/Land der Hämmer”, wie es da etwas ungelenk heißt; und:

„Heiß umfehdet, wild umstritten,
liegst dem Erdteil du inmitten
einem starken Herzen gleich.”

Herzen! Man vergesse es nicht.

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