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Kolumne

Werte unterrichten?

Was hier kurz bedacht sei, und zwar nicht zuletzt in einer Lektüreempfehlung, ist die Wiederkehr der Werte. Natürlich gibt es die auch ohne Wiederkehr, wie schon vor Nietzsches „Umwertung aller Werte” Aktionäre genau diese betrieben, bis heute.

Sie kehren aber in bestimmten Diskursen wieder, allenthalben. Und da immer mit einem eigenwillig pädagogischen Unterton:

  • als Ethikunterricht,
  • im Rahmen der Leitkultur, der der Flüchtende – plötzlich offenbar Zögling – zu entsprechen habe,
  • und in der Vermischung von beidem (und noch mehr) innerhalb der Wertemodule in Sprachkursen.1

Nun sei gar nicht in Abrede gestellt, daß es Werte gibt, die uns lieb sind, aber ob die Übernahme dieser Werte immer Voraussetzung dafür ist, daß Integration glückt, das erscheint doch fraglich. Und um Integration – oder, in der Schule beliebt: Inklusion  - geht es hier ja offenbar, wobei diese von dem sie Fordernden in bezug auf sich als gegebene vorausgesetzt wird, ein Kuriosum, wenn man sich Orthographie und Grammatik derer ansieht, die das Deutsche zu schützen mitunter antreten.

Aber hier soll es gar nicht darum gehen, sondern um die Frage, ob die Grundlage dessen, was da geschehen soll, nicht widersinnig ist. Grundsätzlich ist nämlich doch fraglich, ob Werte nicht gerade das sind, wozu seit der Aufklärung annähernd so etwas wie der Konsens – und nur er – besteht, daß sie nicht einzige oder ewige sein müssen ... oder: können.

Und da wird es interessant: Kann man Werte unterrichten? Ist Unterricht nicht die Unterweisung darin, zu denken, vielleicht auch Handlungsanweisung, aber gerade nicht das Vermitteln von etwas, das, wenn das mit dem Denken denn ernstgemeint ist, eher in bezug darauf Thema ist, wie es – das, was Wert sei – konstruiert und dekonstruierbar ist?

Wert: Pädagogik „enthält […] in sich ein autoritäres Moment”, in ihr überliefert sich die Kultur in all ihrer Normativität, sozusagen, so Alfred Schirlbauer, dessen Buch Die Moralpredigt. Destruktive Beiträge zur Pädagogik und Bildungspolitik (Wien : Sonderzahl 2005) ich hier zur Lektüre anempfehlen möchte.

Aber diese Werthaltung ist – kohärent – eine in bezug auf das Lernen selbst, insofern Bildung Kapital sein kann, also nichts mit Werten aufgeladenes wie der Ethikunterricht, sondern durch die Pflicht geprägt, und zwar als das, „which sternly impels us in the direction of profit, along the line of desire”, um es möglichst pathosfrei mit Bierce zu sagen und schon anzudeuten, welche Freiheit im Durchschauen liegen mag; und es ist eine, die das, was Wert sei, folglich mit beispielsweise der Grammatik statt dem Vorgriff auf das Echte, auf das Große, auf das Draußen – etwa in den Aktionismen im Bereich der Politischen Bildung, die die Bildung so ebenso wie die Politik, deren Implikat Bildung sein dürfte, preisgeben – anpackt:

„So gesehen ist es keine pädagogische Ruhmestat, wenn z.B. Schüler im Fach […] »social studies« einer britischen Community School […] mit den Lehrern einen britischen Waffentransport stoppen, während die mündigen Bürgers des Landes einem solchen zustimmen.”

Natürlich kann es eine unpädagogische Ruhmestat sein; natürlich ist die Unterstellung von Mündigkeit in bezug auf die Bürger – immer – fraglich. Aber es ist eben dennoch als Unterricht eine Verdrehung der Verhältnisse, die dann zwingend jener entspricht, die Bildung vielleicht zu erkennen hülfe und als solcherart simulierte unterbleibend/unterblieben perpetuiert.

Integration ist demzufolge entweder eine in Werte und Werthaltungen: in Soziotope, eventuell in Parallelgesellschaften – das kann die Wertevermittlung leisten, vom Dschihad übers Jodeldiplom Loriots bis zum Zigarrenclub, wo man dann je nach Wahl der Werte unterschiedlich jedenfalls ein bißchen integriert-inkludiert-interniert wird, je nachdem, wie vereinbar ein Soziotop (oder eine Parallelgesellschaft) mit dem (oder der) anderen eben ist, gibt es dann auch jene verläßlich alle erschütternden Fälle, worin Terroristen integriert schienen: in was denn, daß das so erschütterte? Es soll ja auch jodelnde Zigarrenraucher geben. Unterrichtet wird dabei, wenn Unterricht in einem solchen Soziotop etc. relevant ist, aber jedenfalls kein Wert, sondern ... zum Beispiel, wie und warum man seine Zigarre guillotiniert. Wem dazu nichts sonst einfällt, der wird nicht erklären können, wieso es falsch sei, in diese Gesellschaft sich einzugliedern, statt in jene.

Oder aber, es ist die Integration eben in eine Aufklärung, und zwar durch Aufklärung, worin also Werte nicht fetischisiert sind und ebensowenig einfach kommuniziert werden, worin vielmehr schließlich diese Integration umschlägt: nicht in „Pluralismus mit Toleranz als Superwert” mündet, wie Schirlbauer ironisch formuliert, sondern in die Fähigkeit, Werte herzuleiten, umzudeuten, abzulehnen – und dabei vielleicht wegen der Vorläufigkeit, die in derlei Prozessen sichtbar wird, eher dem Zigarrenclub beizutreten, als den Dschihadisten.

Bierce:

EMANCIPATION, n. A bondman’s change from the tyranny of another to the despotism of himself.”

Schirlbauer:

„Auf »die Moral von der Geschicht’« könnte man weitgehend verzichten.”

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