Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

ZUM SCHABBES NACH BUKAREST

                Wenn wir auferstehen
                von allen Übeln
                ohne Fäulnisgeruch
                im Osterwort des Baal-Schem

                wenn nicht unsere Übel auferstehn
                und wir den unsterblichen
                Bruder Kain begraben

                wenn Moses wieder das Angstmeer
                glättet
                und wir Verschiedenen
                auferstehen
                unser Brot backen
                in der Sonnenoase
                Schlaf aus dem
                Sternquell schöpfen
        
                wenn wir einkehren
                in unser zukünftiges Erbe
                im Osterwort des Baal-Schem
    
                wenn
            
                feiern wir Passah
                das auferstandene Fest            

                        Rose Ausländer        

 

Ein eiskalter Wind fegt über den Bulevard Magherul, eine sechsspurige Straße und die vielleicht größte Ansammlung von Bauten der Klassischen Moderne der Welt. Man muss schon hochschauen, im Erdgeschoss der übliche Ramsch und Fastfood, doch darüber: langgezogene Fensterbänder, geschwungene Balkone, hochrechteckige Dachgeschosswohnungen mit großen, offenen Flächen zur Stadt hin. Dazwischen hundert Jahre ältere Häuser; während in Berlin die Balkone der Gründerzeitbauten abgeschlagen und im Westen eine Prämie gezahlt wurde zur Entfernung des Stucks, haben in Rumänien – in Südosteuropa überhaupt – große Roncaillen und Friese, eine Unzahl Masken, Putti und zarte Blumengirlanden wie seltsame Urzeitwesen unter einer graubraunen Schicht von Zeit, Smog und Unrat überlebt.

Kennen Sie den Film „Little Odessa“ von James Grey? Ziemlich in der Mitte wartet Tim Roth als nach Hause gekehrter Kleinganove vor der Synagoge in Williamsburgh auf seine ehemalige Geliebte – so leuchtet die Synagoge in der Strada Mǎmulari durch die Baulücken und Hochhäuser der Winternacht. Zwischen Portal und Zaun Bauschutt, ein Zementmischer, Europaletten. In einem kleinen Häuschen nickt der dicke Wachmann freundlich. Diejenige in der Strada Tache Ionescu klemmt zwischen einem Nachkriegsblock (im Erdgeschoss: eine Apotheke) und einem großbürgerlichen Eckhaus zum Bulevardul M. mit pompösem Erker (im Erdgeschoss: Leerstand). Am neunten Kislev des Jahres 5777, am Schabbes-Abend, ertönt drinnen leises Gemurmel, das Tor verriegelt und schwarz. Es gab mal etwa 30 Synagogen in Bukurescht, und ich sehe in der ganzen Stadt keinen Rabbiner, keine orthodoxen Juden wie in Antwerpen oder in Krakau auf Pilgerfahrt, keine koscheren Restaurants, keine explizit jüdischen Kneipen wie in der Wésselenyi utca, Budapest. Wie blöde von mir: wie sollte ich denn „die Juden“ hier „sehen“? Rumänien ist ein Vielvölkergemisch, das beweist schon eindrucksvoll die Sprache, die Rumänen angenehm gleichgültig, dezent, ein aufregend urbanes Volk; wie bäurisch sind wir Deutschen dagegen! So starre ich auf die Eșua-Tova Sinagoga, es ist schon schwarze Nacht, auf der anderen Straßenseite beobachtet mich ein Mann in meinem Alter misstrauisch, die Mütze tief nach unten gezogen, das Gesicht von einer großen Brille fast verdeckt, in der beißenden Kälte von einem Bein aufs andere wippend.

„Ich war erstaunt zu sehen, wie viele Menschen in Bukarest offenkundig deutsch verstanden und Interesse an den Gedichten einer deutschsprachigen Jüdin aus der Bukowina bekundeten, denn es war nicht bloß das kleine Häufchen unserer Landsleute, die es in die Hauptstadt verschlagen hatte, gekommen, sondern auch aus dem Altreich gebürtige Glaubensgenossen der gehobenen Mittelschicht und angesehene rumänische...“, erinnert sich Edith Horowitz an den Abend 1946, bevor Rose Ausländer nach Amerika auswanderte.

Vor einigen Jahren machte ich mit einem Freund eine Reise. Wir flogen in die Slowakei und hatten von dort sechs Wochen, um unseren Rückflug von Istanbul aus zu erwischen. Ich wollte eigentlich nur die Stadt am Ende sehen und mich in Ungarn umschauen, mein Freund B. hatte Rumänien als Tipp von einer Studienkollegin bekommen. Nach etwa zehn Tagen stiegen wir vormittags in der Puszta in einen Zug, der uns über die Grenze bringen würde. Der Zug bummelte durch kahle Landschaft, Hügel am Horizont. Irgendwann, vielleicht nach einer halben Stunde, tauchte an der Strecke ein Schild auf  -  BINE AŢI VENIT IN ROMÂNIA  -  was viel lateinischer für mich klang als „Bienvenido“ oder alles sonst. Kurz darauf hielt der Zug in Curtici, Grenzbeamte in Uniformen stiegen ein, die mir wie aus einem Louis de Funès-Film vorkamen, drängelten sich durch die anderen Zugestiegenen: ein beleibtes Pärchen, er mit wahrhaft antikem Lockenkopf, sie mit einem schlimmen Bein, dem ein Karton Mehl durchs Fenster nachgereicht wurde; ein uraltes Mütterchen mit gebeiztem Gehstock und schwarz-weißer Spitzentracht, eine Schwäbin, die tatsächlich auf ihren Sitz gehoben wurde; eine Großfamilie in Trainingsanzügen und geblümten Kleidern, eine Matratze dabei, unzählige Koffer und Tüten, die zeternde Oma auf dem Buckel und eine Schar Kinder um sich herum; uns gegenüber saß eine etwa 50-Jährige, die mit großen Augen auf uns zeigte und die ganze Zeit fragte:

„De unde? De unde?“, aber damals verstanden wir sie nicht. Wir sahen aus dem Fenster: die Ausläufer der Karpaten im Norden, im Süden Heugarben und Bauern auf Leiterwagen vor der langsam untergehenden Sonne, die Zuggäste öffneten die Fenster und rauchten, es war um mich geschehen (auf einer Zugfahrt wenige Tage später rauchten wir auch am Fenster, der Schaffner kam und erklärte uns feierlich, dass wir nun 6000 Euro Strafe zahlen müssten; bei der Passkontrolle stellte sich heraus, dass er Analphabet war).

Ich fing an, mich mit der Sprache zu beschäftigten und belegte ein Jahr später einen Kurs an der Uni, für mehrere Semester (das Romanistische Institut liegt direkt gegenüber der Ambasada României; während man sich für Französisch- und Spanisch-Kurse am besten Wochen vorher anmelden muss, um einen Platz zu ergattern, saßen wir drei, vier Interessierten mit dem Dozenten in einer fensterlosen Abstellkammer). Irgendwann gelangte ich auf Paul Celan/Antschel und die Bukowina, Czernowitz, die Schriftsteller nach dem Krieg in Bukarest, die hier verharrten und später in alle Welt verstreut waren, Leute wie Rose Ausländer, Immanuel Weissglas, Moses Rosenkranz, Alfred Gong, Alfred Kittner; ein Haufen Versprengter, die deutsche Gedichte schrieben, meist Juden, Ende der 40er Jahre in Rumänien.

Ich lese den letzten Halbsatz und kann meinen Augen kaum trauen.

Unweit meiner Unterkunft, gewissermaßen im Hinterhof der französischen Botschaft, liegt das Nationale Rumänische Literaturmuseum, ein als griechisches Athenäum entworfener Flachbau vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Nachlass von Alfred Margul-Sperber liegt dort im Archiv. Sperber war der große Mentor, Antreiber und spiritus rector der Gruppe und hatte sich nach dem Vornamen seiner Mutter Margul-Sperber genannt, um halbwegs als Rumäne durchzugehen. 1898 in einem heute ukrainischen Kaff geboren, Redakteur, Journalist, Übersetzer, dann Handlanger in einer Bank in New York, wo er zufällig Rose Ausländer trifft (die Vorstellung!), wieder in Czernowitz Herausgeber einer Zeitung, später in Bukarest verheddert in der Kommunistischen Partei, angeblich Securitate-Spitzel, ein nervender, aufdringlicher, unerbittlicher Förderer, Mutmacher, Drängler und Organisator, der Paul Celan nach Paris und die anderen in alle Welt bringt, hunderte Briefe, Bettelschriften, geschmuggelte Text-Konvolute, 1967 hier gestorben.

Der Bau scheint entkernt, durch die neuen Fenster fällt der Blick in einen ausgeräumten, nackten Raum. Um das Gelände ein Drahtzaun, das Gras zertrampelt, die Fassade neu gestrichen. Ich habe ein paar Wochen vorher die Archiv-Abteilung wegen des Nachlasses angefragt, die Antwort kam direkt: wahrscheinlich habe ich in der Zeitung gelesen, welch „schwere Zeiten“ die Institution durchmache; dass vor Mai nächsten Jahres keine neue Unterkunft gefunden werden sei; der Vermieter habe sie vor die Tür gesetzt, die Nachlässe und Archivalien seien in den Privathaushalten der Angestellten untergekommen. Zig mal wurde sich für die Umstände entschuldigt.

Die Vorstellung fällt mir schwer, Kafkas Tagebücher oder das Manuskript zum „Woyzeck“  bei mir in einem Pappkarton unterm WG-Sofa zu lagern, und innerlich mache ich einen tiefen Knicks vor unserer Europäischen Wertegemeinschaft, zu der nun endlich auch Rumänien gehören darf. Soll wohl ein Hotel werden.

Ein schöner, sehr kalter Wintertag. Ich gehe ein Stück in Richtung Nordwest, bis ich zur nächsten Hauptstraße komme, diese noch ein Stück hoch, und das muss die Adresse sein, Strada Buzești 8: eine Tankstelle, daneben Gerümpel im Niemandsland, dahinter ein gläsernes Hochhaus, keine zehn Jahre alt. Das ist Sperbers Adresse gewesen, das Haus mit der Wohnung anscheinend verschwunden. Meine Füße sind harte, kalte Klumpen, ich hüpfe ein bisschen auf der Stelle und gehe dann wieder nach Süden, in Richtung Stadtzentrum, drehe mich noch einmal kurz um.

Ich sehe vor mir: fünf bis zehn Frauen und Männer mittleren Alters in einem schlecht beheizten Zimmer, einander vorlesend, ärmlich, aber elegant gekleidet, wie ein weggeschlossenes Instrument abgeschottet vom Resonanzraum ihrer Sprache, arme, müde Kämpfer fürs Nichts in dieser harten Stadt. Und einen Moment verschlägt es mir die Gedanken, ich bleibe mitten auf der Straße stehen und hebe den Zeigefinger und will DAS SIND HELDEN! rufen, lass es dann sein. Immanuel Weissglas schreibt:

                Schläfst du? Ich steh noch in der Türe,
                damit ich, Kind, dich nicht berühre,
                denn dir ist es im Schlaf bestimmt,
                dass Vater von dir Abschied nimmt.
                Du sollst dein Land im Traum verwinden
                und Ruh auf fremdem Brachfeld finden.
                Du fühltest noch nicht, dass man prompt
                den Tod nachhaus geschickt bekommt.
                Man wird dich auch von hier verweisen:
                du wirst mit deinem Vater reisen.

                So blickt vor Tags um soviel trüber
                Zaunkönig Mond zu uns herüber,
                er ist seit langem auf der Flucht
                und ruht nur, wenn er uns besucht.
                Und plötzlich weiss ich, was sie meinen,
                wenn Mond und Stern bei mir erscheinen.
                Ich sollte, sagt mir das Gestirn,
                mein Kind im Schlummer nicht verwirrn.
                Und will es auf die Augen küssen:
                wir werden beide wandern müssen.

Als er starb, warf sein Freund Alfred Sperber die Asche ins von Weissglas geliebte Schwarze Meer, unweit der Stelle, an der Ovid begraben liegt. Ich stelle mir vor, wie Weissglas – melancholisch, sensibel, ein sehr schöner Mann – mit dem Zug von Bukarest nach Constanța an der Küste fährt, ganz anders sieht es aus als seine Heimat, die Bukowina. Plötzlich sehe ich ein Foto meines Großvaters vor mir, Kleinformat, auf der Rückseite steht „Masuren 1954“. Mein Großvater sitzt im Einer-Kanu, das Ruder mit beiden Armen hochgereckt, der See hinter ihm leer, das Bild schwarzweiß. Er ist noch keine Dreißig und sieht aus wie ein alter Mann (mit sechzehn in den Krieg, dann vier Jahre Zwangsarbeit). Er war sehr hager, drahtig, er lacht übers ganze Gesicht. Es besteht keine Parallele.

Ich sehe meinen Großvater vor mir, wie er mit dem Zug durch Polen in die Masuren fährt (warum fällt mir plötzlich der Ortsname Piotrków Trybunalski ein; wegen des brutalen Klangs? Ein Eisenbahnkreuz?), ein im Grunde fremdes Land, er als Mitglied einer geduldeten Minderheit. Es besteht keine Parallele. Heinrich Guballa (in jenen Jahren Henryk Gubała) und Weissglas haben sich nie getroffen, mein Großvater starb sieben Jahre vor ihm, 1972. Ich habe ihn nicht gekannt, was ich sehr bedaure, es heißt, er sprach den harten, an vielen Sprachen geschulten Singsang der Deutschen in Osteuropa. Ich sehe beide vor mir, wie sie aus dem Zugfenster blicken: Weissglas in die trockene, von sandigen Höhen durchzogene Dobrudscha, mein Großvater durch das leuchtend grüne Masowien. Sie denken Deutsch. Sie denken: „Fluss“. „Brot“. „Liebe“. „Trübsal“ (oder eher „Triebsal“).

Was niemand weiß, da es in Deutschland niemanden interessiert, ist das seit Jahrhunderten friedliche, auch heute von zumindest keiner öffentlichen Erregung gestörte Zusammenleben der Religionen eben dort, in der Dobrudzea. Der allgemein anerkannte Sündenpfuhl Rumäniens, das Stranddorf Vama Veche, wird fast ausschließlich von der muslimischen Turk-Minderheit der Gagausen bewohnt. 2009, auf unserer Fahrt, mieteten mein Freund B. und ich uns dort auf einem der Höfe ein. Nach einer Überdosis Weißwein und Knoblauchwurst in der Mittagshitze erlag ich beinahe einem Herzanfall, die Großmutter des Hauses im Kopftuch strich mir lächelnd die nassen Strähnen aus der Stirn, heizte den Kessel für ein Bad an.

Eigentlich höre ich lieber zu, aber es gibt Dinge, von denen ich erzählen muss. Noch im Jahr 2000, wenige Jahre vor dem EU-Beitritt, wurde die Shoah in Rumänien kleingeredet und jede Mitschuld des Antonescu-Regimes bestritten. Erst die Wiesel-Kommission konnte 2004 die Öffentlichkeit überzeugen, dass auch Rumänen und der rumänische Staat am Massenmorden beteiligt waren. Im selben Jahr verkündete der Hardliner Corneliu Vadim Tudor von der „Großrumänien-Partei“ öffentlich, er sei nun nicht mehr Antisemit, sondern habe israelische Politberater engagiert. 2008 gewann die elf Jahre vorher gegründete Partei der jüdischen Gemeinden (die Federația Comunităților Evreiești din România) viermal so viele Stimmen, wie es offizielle Gemeindemitglieder gibt. Das war ein Jahr nach dem Beitritt zur EU.

Im ziemlich schicken Bahnhofslokal der Gara de Nord ein Kellner der alten Schule mit formvollendet-beleidigten Manieren, der den sehr guten Rotwein am Tisch entkorkt und zur Probe einschenkt, für mich schwenkt, ein weißes Tuch um die Flasche wickelt, vier Euro umgerechnet. - Ich schaue mir das Museum für Europäische und Rumänische Kunst an, ein Dreiflügelbau aus dem 19. Jahrhundert, in dem völlig wahllos und ohne thematischen Zusammenhang 42 Privatsammlungen auf drei Etagen verteilt sind, zweieinhalb Stunden, ich verlaufe mich, Häuptling Großer Durst schneit auch noch herein, mir wird schlecht. Die am sorgfältigsten zusammengestellte Sammlung wurde vom Notar Moișe Weinberg gestiftet. - Um die Eisfläche im Cișmigiu-Park kann man Glühwein, Kürtöskálács, Pelzmäntel und geröstete Maiskolben kaufen. Ein sehr altes, sehr elegantes Paar auf der Parkbank nebenan hört mir aufmerksam zu, als ich Deutsch rede. - Bei der lausigen Fernsehserie, für die ich drei Jahre arbeitete, mussten dauernd Stabsmitglieder für nicht erschienene Komparsen einspringen. Ich war für den Papierkrams wegen der Bildrechte zuständig: Name, Geburtsdatum, Sozialversicherungsnummer usw. Meine Kollegin Corinna K. (K. ist ein sehr deutscher Name) spielte eines Tages die Pizzabäckerin, sie füllte den Schein aus, ich sah, dass sie in dieser Stadt geboren wurde. Ich sprach sie darauf an, auf Rumänisch, sie errötete, wehrte ab, als hätte ich eine persönliche Verfehlung von ihr aufgedeckt.

„Was willst du bloß in Rumänien, Junge?“, meine Großmutter schlägt sich mit der Hand an die Stirn. Ich weiß nicht. Auch jetzt nicht. Als erstes Verb kommt mir „suchen“ in den Sinn. Nach der Reise vor einigen Jahren wollte ich in diese Stadt ziehen, heute bereue ich, es nicht getan zu haben, obwohl ich wahrscheinlich verrückt geworden wäre. - Tristan Tzara, der eigentlich Samuel Rosenstock hieß, kam aus Rumänien, der Schauspieler Edward G. Robinson, nebenbei einer der größten Kenner des Impressionismus, aus Bukarest. Die Hauptrolle in meinem ersten Langfilmdrehbuch heißt Elina Löwensohn, wie die junge Frau, die in „Schindlers Liste“ die Architektin Diana Reiter im KZ Płaszow spielt und für ihre gute Arbeit erschossen wird, sie erlangte in den späten 80ern erst durch einen Hungerstreik ihrer Mutter ein Visum für die USA, und ich erfuhr erst im Nachhinein davon, aber das ist eine andere Geschichte.

                Mein Haus

                Glaub mir,
                es ist nicht auf Sand gebaut,
                das Haus, in dem ich hocke,
                in dem ich die Worte
                wie fügsame Tiere um mich sammle,
                mich selbst wiederzufinden
                in Blicktausch, Abwehr und Spiel.

                Auf Schuttgeröll ruhen die Bohlen,
                ein Grundstein aus Schweiß, aus Träne und Blut;
                durch die Ritzen, horch,
                poltert der Tritt der Vernichter,
                stöhnt der verhaltene Schrei der Opfer,
                dringt Rauch und Lohe und Äsergestank.
                Aufrecht wach ich im Haus des Gehenkten,
                im Blut des Geschundenen,
                in der Haut des Gepfählten.
                Fort aus dem Werwolfsgeheul
                folg ich, Gazelle, dir zu Pardel und Weih,
                der Wolf ist dem Wolf ein Mensch.

                                        Alfred Gong

Durch Bukarest braust der Verkehr, die Menschen hasten herum wie in jeder Metropole, und doch liegt eine Art Wispern über der Stadt. Die Geschichte tritt hier nicht mit Pauken und Trompeten auf wie in Berlin, biedert sich nicht als schmierige Nutte an wie in Paris oder Wien, zieht aber auch nicht den Kopf ein wie in Hamburg. Die Geschichte ist da, ein Flirren in der Luft, wie die langsam aufschwebenden, goldglänzenden Staubflocken einer alten Stube, in die das Abendlicht fällt. Vielleicht ist das der Zauber des Ostens. Der Staub der Verschwundenen, der, die fehlen, und wir alle werden zu ihnen gehören.

In der Schwulenbar der Gumpendorfer Straße, Wien, durften wir bis nach Betriebsschluss bleiben, die Wirtin schloss von innen ab, Getränke frei Haus. Eine junge Frau setzte sich neben mich an den Tresen, sie hatte schwarzes Haar und trug ein graues Hemd, die Schultern hochgezogen (das weiß ich noch). Wir redeten so dies und das.

„Vor allem mein Großvater versteht nicht, dass ich keinen Mann haben will, sondern eine Frau. Weißt du, er ist sehr konservativ, orthodox. Er kommt aus Rumänien.“
„Ach? Wie heißt du?“
„Luiza, Luiza Sternberg. Freut mich.“
„Mich auch. - Wo kommst du denn her in Rumänien?“
„Ich... bin in Bukarest geboren. Mein Großvater aber nicht. In seiner Familie waren viele Rabbiner aus der Bukowina, kennst du das?“

Am Ende von „Little Odessa“ antwortet Tim Roth seinem Bruder (gespielt von Edward Furlong) auf die Frage, ob er wieder abtauche: „We are Jews. We keep wandering.“ Aber wie gesagt, das ist schon fast am Ende des Films. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich verschwindet.

 

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge