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Kolumne

Die Welt als Hallraum

Zur Verleihung des Klopstockpreises an Thomas Melle und Marco Organo

Wie hältst du es mit der Welt? Dringender könnte die Frage heute, in Zeiten der Parallelwelten, Scheinwelten und Fakes nicht gestellt werden. Dass diese Frage gerade die an andere, besonders aber an sich selbst stellen, Menschen sind, deren Zugang zur Welt durch eine Krankheit gestört ist, irritiert die sich gesund Wähnenden und macht sie im besten Fall hellhörig. Dies an einem Abend zu erleben, von dem man erwartete, lange Preisreden nur überstehen zu können, indem man sich den Sekt hinterher vorstellt, war das Erstaunlichste bei der Verleihung des Klopstockpreises.

Das Land Sachsen-Anhalt, genauer dessen Kultusministerium – irritiert von dem großen Angebot kulturellen Erbes im Land – pendelte in der Namensgebung des jährlich vergebenen Literaturpreises zwischen dem in Magdeburg geborenen Expressionisten Georg Kaiser und dem bis heute als „mittelmäßig“ eingeschätzten Dessauer Romantiker Wilhelm Müller, der immerhin Schubert zu seiner unsterblichen Winterreise inspirierte, und dem Dichterphilosophen Friedrich Nietzsche, im kleinen Ort Röcken geboren und beigesetzt, bei Lützen zwischen Merseburg und Leipzig. Literaturpreise dieser Namen wurden vom Land Sachsen-Anhalt bis 2014 verliehen. Nun aber Klopstock. Da kann man nichts falsch machen, schließlich gilt er als Erneuerer der deutschen Sprache, Urvater der freien Rhythmen, Messias-Schöpfer usw. Schon die jüngsten Literaturtage des Landes hießen Klopstocktage und es wurde der ehrenwerte Versuch unternommen, Klopstock mit launigen Zuschreibungen ins Heute zu zoomen: der Störenfried, der Nacktbader, der Weinfreund, der Schlittschuhläufer. Klopstock rockt. Das hat manchen Spaß gemacht, offensichtlich auch der Reihe ergrauter Quedlinburger Damen, die sich bei jedem Klopstockzitat am Preisabend beglückt zunickten. Denn im Geburtsort Klopstocks, Quedlinburg, der am Festabend von den Preisgebern nicht ohne das Schmuckwerk „Weltkultur-Erbe -Stadt“ genannt wurde, erhielt Thomas Melle für seinen Roman „Die Welt im Rücken“ den Klopstockpreis 2017. Dann macht ausgerechnet der Preisträger den „Störenfried“. In seiner Dankesrede „Wirkung und Wirklichkeit“ untersucht er Klopstock auf dessen Welthaltigkeit. Und er findet nichts als „betörende Sprachbeherrschung“ „intersubjektive Gestimmtheiten“. Die Welt ist leer. Melle setzt an, dass Klopstock „sich weigerte“ zum Tod seiner geliebten Frau Meta Moller etwas zu schreiben. Über die Verselbstständigung der Dichtung, der „Suche nach dem perfekten Metrum“ geht die Wirklichkeit verloren, es bleibt ein „Rascheln des Waldes der Traditionen“. Und damit ist Melle, ohne dies zu deutlich auszusprechen, schon bei der Postmoderne: mehr Wirkung als Wirklichkeit. Die Festgäste denken bei dieser „produktiven Distanzierung“ Melles von Klopstock natürlich seinen Roman „Die Welt im Rücken“ mit. Dass Melle in seinem Buch um die Welt kämpft, die seine Erkrankung ihm entzieht und verzerrt: „Die Krankheit hat mir meine Heimat genommen, die Krankheit ist meine Heimat“ zitiert Laudator David Hugendick aus Melles Roman. Hugendick sieht in Melles Roman „Authentizität gegen das Ressentiment“ und das mit „Witz und Traurigkeit“. Die „Welt als Hallraum“, deren Fehlen Melle in Klopstocks Werken und denen der postmodernen Kollegen konstatiert, war an diesem Festabend in allen Beiträgen anwesend. Auch im Debüt „Dorfschönheit“ des Förderpreisträgers Marco Organo. Dort als die dörfliche Welt seiner Kindheit, die sich in dem sagenhaft klingenden Örtchen Wünsch im Geiseltal, wo Menschen der Braunkohle weichen mussten, abspielte. Zwischen „Kolonien des Bienenfressers“, Braunkohlehalden und sowjetischen SS 20-Raketen. „Keine Einladung zu Ferien auf dem Bauernhof“ sei Organos Lyrik, so Laudator Wilhelm Bartsch. Organo selbst in seinen Dankesworten: „Wer wie ich und mein ‚großer Bruder im Preise‘ Thomas Melle die Psychiatrie von innen gesehen hat, hat eine tiefere Ahnung davon, was es heißt, an seinem Verstand zu zweifeln.“ Der Kampf der Preisträger um den Verstand hat einen Anker geworfen. Dass dieser den Namen Klopstocks trägt, der der Welt lieber Metren umwarf, als ihr ins Gesicht zu sehen, ist nicht ihr Problem.

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