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Kolumne

Zwischensprachlicher Brückenbau

Die US-stämmige Autorin Deborah Feldman präsentierte am 14. Juni in Berlin an der Seite des moderierenden FAZ-Redakteurs Andreas Platthaus ihr neues Buch „Überbitten“. Eine Premiere der besonderen Art: Das Buch ist keine Übersetzung aus dem Englischen – es existiert kein englisches Manuskript, sondern in der Entstehung ein Unikat: Feldman lebt inzwischen in Berlin, beherrscht das Deutsche fließend und bearbeitete „Überbitten“ nach einem ersten englischsprachigen in weiteren Entwürfen auf Deutsch. 

So aktuell Feldmans Bücher sind, so vergangenheitsbezogen sind sie zugleich. Entsprechend stimmten im so gut wie ausverkauften großen Saal des Kinos Babylon in Berlin-Mitte Schlagerklänge der 20erjahre die Besucher auf Lesung und Gespräch ein. Moderator Andreas Platthaus überließ nach seiner amüsiert-pointierten Einführung der Autorin das Feld, drei Schlüsselstellen aus dem Buch vorzutragen, und dem überaus geneigten Publikum die Fragen – Stoff gab es mehr als genug.

Denn kaum ein Autor – geschweige denn der jüngeren Generation – hat sich so vielschichtig und konstruktiv mit der Frage jüdischer (und nicht nur dieser) Identität auseinandergesetzt wie Deborah Feldman. In ihrem ersten Buch „Unorthodox“ beschrieb die Schriftstellerin, Jahrgang 1986, ihre Kindheit und Jugend in der streng chassidischen Gemeinde in Williamsburg im New Yorker Stadtteil Brooklyn bei ihren Großeltern, beide Holocaust-Überlebende. Eine strikt religiöse Welt, die jeden Kontakt zur Außenwelt unterbindet. Feldman wuchs mit dem Jiddischen auf, las heimlich auf Englisch. Die Gemeinschaft sieht individuellen Lebensdrang als Bedrohung an und fasst den Holocaust als Gottesstrafe für Sünden auf. „Ich wurde aufgezogen als Gefäß, durch das die Toten sprechen“, so präzisiert die Autorin die in dieser Gemeinschaft vermittelten Traumata. 23-jährig bricht sie mit ihrem Sohn Isaac aus der Gemeinde aus und beginnt zu schreiben.

Feldmans Erstling wurde in den Staaten wie hier in Deutschland zum Bestseller. „Exodus“, ihr Folgewerk, erschien 2015 in den USA, nicht aber in deutscher Übersetzung. Der Grund: Feldman war mit diesem Buch nicht zufrieden. „Viele Bücher heißen „Exodus“ - den Titel habe ich nicht gewählt. Und dass ich nicht wählen konnte, war repräsentativ für das gesamte Buch.“ Denn Feldmans Plan, eine Reise nach Europa auf den Spuren ihrer Großmutter zu beschreiben, wurde von der Verlagslektorin nicht gutgeheißen. Stattdessen war die Erwartung: „Sie können eine zweite Lena Dunham werden!“ Aber Feldman wusste, das dies nicht gehen würde: „Weil ich keine Amerikanerin bin – ich war ja erst ein paar Jahre in dieser Außenwelt außerhalb der Gemeinde. Ich war eine junge Frau, unerfahren, wenig gesellschaftlich ausgebildet, umgeben von Menschen mit viel gesellschaftlicher politischer, finanzieller Macht. Ich dachte damals, als Debüt-Autorin müsse ich Kompromisse machen. In den Staaten kann ein Verlag bestimmen, wie das Buch werden soll. So war es nur zur Hälfte mein Buch, vieles war gekünstelt.“
Danach war es mit dem Schreiben für Feldman erst mal vorbei: „Schreiben war wie ein Gefängnis.“ 

In „Überbitten“ sind diese Jahre, geprägt von finanzieller Enge, Sorge der Alleinerziehenden um ihr Kleinkind, Identitätskrisen, eindringlich geschildert. Keine Kraft, kein Mut seien Anlass für den Weggang gewesen, so Feldman, das seien Märchen. „Meine Befreiung war eine Frage ungewöhnlichen Glücks und der Verzweiflung und die körperliche Erfahrung hormonellen Angetriebenseins, für ein Kind da zu sein. Und als ich draußen war, konnte ich nicht mehr zurück.“ Im Studium gibt man ihr zu verstehen, dass ihre Aussprache des Englischen völlig falsch ist. Ihr Antidot: Nachahmung. Sie versucht, sich der Gesellschaft anzugleichen – und fühlt sich als „displaced person“. 

Die von ihrer Herkunftsgemeinde postulierte Gottesfokussierung ist nicht durch Anderes zu ersetzen: „Gott gleicht einer Krücke, die du liegen lässt, um schließlich herauszufinden, dass deine Beine schon die ganze Zeit über gehen konnten“. Feldman erfährt hart, was es heißt, auf sich allein gestellt zu sein, sich konfrontieren und Stand halten zu müssen. „Als ich fortging, erwartete ich nicht, glücklich zu sein; ich wusste, mein Leben würde schlechter werden. Ich fand keine Strategien, fiel stattdessen immer tiefer in die Leere.“

So klammert sie sich an die Geschichte ihrer Großmutter, „weil die so ein extremes Leben erlebt hat. Ich wollte sie verstehen, die auch so eine weite Reise gemacht hat: Wie kam es dazu, dass diese Frau, die warmherzig und großzügig, ja für mich magisch war, in dieser Gemeinschaft Mitglied wurde? Sie war ja kein radikaler Charakter! – Ich fand ein Modell in ihrer Geschichte, an dem ich mich formen konnte. Es ist genau diese Geschichte meiner Großmutter, die mich lieben gelehrt hat und mir gezeigt hat, wie ich Zugang zu meiner Kraft finden konnte.“

Als die Frage fällt, ob sie noch Kontakt zu ihrer Großmutter habe, ringt Feldman einige Momente lang sichtlich mit dem Schmerz: Wer aus der Gemeinde aussteige, werde für tot erklärt. Ein Arzt, der in einem chassidischen Hospiz arbeitete, schrieb ihr in einem Brief, dass dort eine Frau, wohl ihre Großmutter, eingeliefert worden sei; die Familie, die wusste, dass Feldman Kontakt suchen würde, vereitelte Feldmans Versuche, die „einzige Person, die mich liebte“, noch einmal wiederzusehen.

Feldman reist viel in den Jahren nach der Trennung von der Gemeinde, kommt mit Menschen verschiedenster Vorgeschichten und Nationalitäten zusammen, erforscht ihre Familiengeschichte und die „in mir getragene Trauerklage“ der großelterlichen Holocaust-Generation. Dabei stößt sie auf Dokumentationen von erschöpfenden Assimilationsbemühungen eines Vorfahren, die ihr die Wendung ihrer Familie ins radikal Religiöse verständlicher machen; sie begreift schließlich jäh: „Williamsburg war ein Ghetto!“ – „Ghetto?“, fragt eine Zuhörerin. Feldman: „Das Wort hat tausend Jahre vor den Nazis existiert, im Englischen bedeutet es „segregated“, isoliert. Meine Gemeinschaft hat sich das Ghetto selbst auferlegt, und zwar in der älteren Bedeutung des Worts. Man hat geglaubt, man müsse Gottes Vertreibung ins Exil annehmen als seinen Willen und als Abarbeiten begangener Sünden.“ – Mit dieser Erkenntnis vermag Feldman nach und nach die Umgangsweisen mit jüdischen Identitäten als kompliziert diskursive Vernetzungen von jüdischer Selbst- und Fremdzuschreibung zu entschlüsseln. Immer schwingen überall die Vorgeschichten und Kontexte mit, die gewaltigen Vergangenheiten: „Den Stereotypen begegnet man überall; immer ist der Mensch Gefangener seiner Herkunftsgesellschaft.“ Als „Höhe aller Ironie“ bezeichnet sie in „Überbitten“, dass beispielsweise sie und ein palästinensischer Falafel-Verkäufer „nur dann, wenn er und ich allein miteinander waren, auch als rein menschlich wahrgenommen werden konnten“. 

Feldman, „müde, in der Falle der Vergangenheit zu sitzen, während alle anderen im Hier und Jetzt leben“, hat die Staaten verlassen und lebt inzwischen in Berlin. Warum sie nun ausgerechnet Deutschland als Lebensort gewählt habe, will ein Zuhörer wissen. Feldman: „Ich habe nicht Deutschland, sondern Berlin gewählt. Berlin ist ein besonders gesellschaftliches Erlebnis, schon immer Heimat auch für Merkwürdige, Außenseiter … Ich fühle mich sehr geborgen in der Berliner Aufklärungstradition.“ – Solch eine Aussage erntet natürlich (selbst-)zufriedenen Applaus des Berliner Publikums.

Ist Befreiung von der Vergangenheit möglich? Nein, so Feldman, Befreiungsversuche seien kontraproduktiv, weil sie die Kernpersönlichkeit zerstörten. Sie glaube an die „Kraft einer Geschichte und den Antrieb im Leben, dieser Geschichte zu folgen; an die Entwicklung und die Liebe.“ Ihr Brückenschlag zum entspannten Umgang mit der Vergangenheit geht nicht nur einher mit der Auseinandersetzung mit der eigenen, auch jüdisch geprägten Identität, sondern ebenso mit der Befreiung von dem selbst auferlegten Zwang, „sich durch die Brille der Anderen zu sehen“. Und dies ist auch die Bündelung der Wegstrecke, die Feldmans Leser mit dem Buch zurücklegen: „Es ist meine Verantwortung, jüdische Stereotypen nicht zu bestätigen – und zugleich die große Herausforderung in meinem Leben. Antisemitismus und Rassismus sind überall, auch in mir. Es ist ein menschlicher Instinkt. Ich bin erwachsen und kein Kind mehr: Wir werden nicht in einer Utopie leben. Insofern kann man den Antisemitismus nicht auslöschen, sondern eine Gegenkraft dazu aufbauen.“

Am Folgetag der Lesung, dem 15. Juni 2017, hat Feldman die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Und vermutlich ist auch deshalb der Buchtitel schlichtweg genial gewählt: „Überbitten“, jiddisch „iberbetn“, existierte nur bis Mitte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Sprache, und zwar in der Bedeutung „jemanden mit Bitten überwinden“, wie Feldman erläutert. In ihrer orthodoxen Herkunftsgemeinde erfuhr das Wort gewissermaßen eine Bedeutungsverengung: „In der Gemeinde versuchten wir ständig, oft mehrfach am Tag, uns zu überbitten. Der Hintergrund: Der Messias wie die Zerstörung können jederzeit kommen. Da wollten wir unsere Sünden einander wie Rechnungen beglichen haben.“ 
Doch „Überbitten“ lässt sich auch als Hinreichung, Herüberbitten, Brückenschlag zum Anderen verstehen: als zwischensprachlicher Raum – „vielleicht bereichern Sie ja die deutschen Sprache um ein neues Wort“, mutmaßte Platthaus zu Beginn – als zum Symbol geronnene Lebenshandlung der Autorin und als Versöhnung in einem universell humanistischen Sinn. Denn, so Feldmans Erfahrung: „Angst ist sehr beeinträchtigend. Sie schadet nur mir selbst. Es ist ein Triumph, sich von der Angst zu befreien durch Konfrontation mit ihr: der Angst in die Augen schauen. Der Mensch dir gegenüber ist ein Mensch wie du selbst, auch der Neonazi. Genauso schwach und überfordert wie ich, und jeder kann jederzeit andere Entscheidungen treffen.“ Verantwortung für sich selbst übernehmen also. Und so vermerkt Feldman zum Ende der Buchpremiere noch mit selbstironischer Lakonie: „Weil ich nicht gelernt habe oder ausgebildet wurde, bezüglich meines Jüdischseins bescheiden zu sein, habe ich auch Gelegenheiten zu Ausgrenzungen und Anfeindungen gegeben. Jetzt ist es zu spät: Man kennt mich.“ Die Berliner schmunzeln entspannt.

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