Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

All's Well!

Anna hat gute Vorsätze. Sie hat beschlossen, sich ausschließlich nur noch positive Geschichten zu merken. Ihr Glas ist immer halb voll oder voller als halb voll.

Aber wie jeder Vorsatz einen Nachsatz nach sich zieht, verhält es sich auch mit den Geschichten. Es gibt gute Geschichten, die automatisch mit schlechten transportiert werden, als zöge das Angenehme das Unangenehme selbstverständlich im Schlepptau mit sich. Als seien die Geschichten miteinander verflochten, ja mehr noch verkleistert. Und das Schlechte könne durchaus nicht in Quarantäne genommen und abgetrennt werden. Ein ziemlicher Salat.

Und schließlich stellt Anna fest, dass es noch eine dritte Kategorie gibt: Das Narrativ des Bösen schlechthin. Geschichten mit dem Alleinstellungsmerkmal ausschließlich schlecht. Anna versucht sie intensiv zu vergessen, aber je mehr sie das versucht, desto stärker rücken sie ihr auf den Pelz. Deshalb ruft sie sich schnell zur Ordnung und ihren Vorsatz mit den guten Geschichten in Erinnerung.    

Rundum positiv war beispielsweise die Tatsache, dass sie Anfang der 70er Jahre beginnen durfte, an der RUB zu studieren. Das war durchaus nicht selbstverständlich für ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Hätte es nicht das Honnefer Modell gegeben, später das Bafög, und hätte es nicht die erste Universitätsneugründung nach dem Krieg ausgerechnet im Ruhrgebiet gegeben, wäre das nichts geworden. Innerhalb eines Jahres - das glaubt heute keiner mehr! – setzte eine Firma aus Betonfertigteilen, die in zwei Fabriken direkt auf dem Gelände gefertigt wurden, auf einem Acker in Querenburg die sogenannte Arbeiteruniversität zusammen, eine Betondenkfabrik, die später auch als Selbstmorduni Schlagzeilen machte. Anfang der 70er war die Arbeiteruni in den Köpfen der Erziehungsberechtigten im Pott angekommen und Anna durfte dort mit dem Fleiß eines Aufsteigerkindes starten. Etwas früher wäre das, wie gesagt, noch gar nicht in Frage gekommen und später übrigens auch nicht. Da gab es schon wieder zu viele Privatschulen und Privatunis, wo Kohle zählte. Kurz: Das war damals Glück pur.

Schon schleicht sich allerdings in Annas Erinnerung die Hundehütte ein, die ihre Eltern für sie angemietet hatten, während sie in einer Reinigungsfirma für Arbeitsbekleidung jobbte, um sich vor Studienbeginn, Geld zu verdienen. Dass sie in diese Hundehütte zog, lag natürlich nur daran, dass sie nicht nach Hause pendeln wollte und auf einer eigenen Bude bestanden hatte. Das Zimmerchen befand sich in einem Betonklotz, der aber bunt angemalt war, und deshalb den schönen Namen Allfarblori-Haus trug. Gewöhnungsbedürftig waren in jedem Fall die Gemeinschaftsduschen - Nasszellen gab es noch nicht in den Zimmern -. In ihnen stellten sich Männlein und Weiblein - die Männer waren übrigens eindeutig in der Überzahl - gemeinschaftlich unter den heißen Wasserstrahl. Wehe, da schloss einer ab. Dann kam es auf der Etage, die sich roter Stern nannte, zu heißen Debatten über das Asoziale des Privaten. Hatte man doch eigenhändig die Trennwände aus dem Raum herausgerissen, um dem entgegenzuwirken. Mit der Zeit gewöhnte sich Anna ein bisschen, zog es aber bald vor, sich eine andere Bude zu suchen. Die Erfahrungen im Allfarblori-Haus kategorisiert Anna übrigens unter nicht schlimm, aber auch nicht schön. Wasserglas halb voll.

In die Kategorie weder gut, noch böse, aber verwirrend ordnet sie die Tatsache ein, dass die grauen Betonwände der Uni über und über beklebt waren mit Plakaten, die alle Annas Aufmerksamkeit wollten: Liste 6 zum Beispiel: Für einen linken AstA, für eine kritische Wissenschaft, für Antidiskriminierung, für Bildung für alle. Das konnte man ja eigentlich nur unterschreiben. SDS, RCDS, KPD, KPD/ML, DKP, Junge Liberale, Emma, die Basisdemokraten, die Frauengruppen und auch das Plakat, „Alles, was du denkst, ist falsch“ wollten Annas Aufmerksamkeit. Sie wusste gar nicht, wohin sie zuerst sehen und wie sie alle Termine unterbringen sollte.

Zumindest musste sie an ihrem proletarischen Outfit arbeiten. Jeans und vielleicht ein blaues Bergmannshemd mit weißen Streifen. Einen Parka wollte sie partout nicht, auch nicht mit Pelzkapuzenrand. Alternativ war alles in Lila möglich. Aber in Lila wurde Frau schnell als Emanze angemacht. Das hätte sie nicht durchgestanden.

Und weil sie ja irgendwo dazu gehören musste, fand sich Anna nach vier Semestern in der Fachschaft wieder, wo bei den Germanisten um Tutorien für die Masseneinführungsseminare mit mehr als 200 Studenten gekämpft wurde. Sie wollte, dass die Erstsemester in kleineren Gruppen lernen konnten, hatte sie sich selbst doch zu Beginn oftmals auf die Fensterbank drücken müssen. Sie wollte den Erstsemestern helfen, auch bei der Begriffsverwirrung, in der sie sich wiederfanden. Das Thema, das sie anbot lautete: Methoden der Textanalyse. Natürlich auch unter Berücksichtigung ideologiekritischer Aspekte! Das wurde sie nicht müde zu betonen.

Einmal in der Woche trafen sich die Studententutoren. Wenn es um die gesellschaftlichen Verblendungszusammenhänge ging, um die Verhältnisse des Menschen als Warenverhältnisse, die nur die Ausbeutung des Lohnabeiters widerspiegelten, der für die Verausgabung seiner Arbeitskraft seine Reproduktionskosten erstattet bekomme, aber um den von ihm erzeugten Mehrwert geprellt werde, schwieg Anna. Sie wunderte sich, dass alle so genau wussten, wie es dem Arbeiter im Ruhrgebiet so ging. Da saßen ihre Kollegen, Ideologen aus Berlin und aus München, aus Heidelberg und Darmstadt an der hiesigen Arbeiteruni, hatten einen Professor zum Vater oder zumindest einen Lehrer und erzählten, wo es für den Revierarbeiter lang gehen musste. Anna ihrerseits kam aus einem katholischen Haushalt. Deshalb war es ihr bis dahin gar nicht aufgefallen, dass es sich zugleich um einen Arbeiterhaushalt handelte. Aber scheinbar hatte sie von der Lage der Arbeiter im Revier gar keine Ahnung. Dabei war sie schräg gegenüber von Schloss Pippi aufgewachsen, wie man einen gründerzeitlichen Arbeiter-Wohnblock nannte, und 200 Meter Luftlinie von der Kolonie.

In die Gruppe eingeführt hatte sie übrigens ein ideologiekritischer Kollege aus Bielefeld, in den sie sich verliebte. Sie las ihm die Worte von den Lippen, brauchte Stunden und viel Lektüre um ansatzweise zu verstehen, was er hatte sagen wollen. Später war sie sich nicht mehr sicher, ob er überhaupt zu verstehen war. Sie hatten Sex. Aber das hieß natürlich nichts in dieser Zeit. Kaum erfuhr sie etwas über ihn und sein Leben. Ob er vielleicht geheime politische Order hatte? Ob er mit der RAF kollaborierte? Er war mal inhaftiert, nannte aber keine genauen Umstände. Es war alles so nebulös und frei, dass Anna spießig wurde und Schluss machte. Hatte sie doch festgestellt, dass er parallel mit einer Industriellengattin und anderen das Bett oder den Fußboden oder sonst was teilte. Eine gute Gelegenheit auch die Fachschaftsarbeit ad Acta zu legen. Profilierungsneurosen und Machtgeilheit hatte sie einfach satt, ebenso wie verbale Tribunale. In der Erinnerung ordnet Anna dieses Kapitel ihres Lebens in die Kategorie: Mittlere Geschichte mit schlechter Geschichte im Schlepptau.   

Während sie sich an ihre Vorsätze erinnert, beschließt Anna, dass jetzt ganz dringend wieder etwas Positives kommen muss! Sie will die schlechten Geschichten doch vergessen! Sofort denkt sie ans Theater, an die Zadek-Zeit, an Othello in der Fabrik, an Ulrich Wildgruber und Eva Mattes. Sie denkt an Rosel Zech und Hermann Lause in Hedda Gabler und alle genannten Schauspieler, obendrein noch Ilse Ritter und andere im Hamlet. Sie denkt an Peymanns Inszenierung der Weltverbesserer, an den Nathan und die Hermannsschlacht.

Und dann denkt sie natürlich an Werner, der am Schauspiel Bochum gelernt hatte, und an das Schwarze Gold, so hatte er sein Theater genannt, wo Anna später einmal auf der Bühne stand. Sie wusste, dass sie bei politischen Diskursen nicht die allerbeste war, aber Theater hatte sie schon in der Grundschulzeit gemacht, im Garten, mit Bühnenbildern, die auf alten Tapeten gemalt waren. Auf den Enden der Fahrkartenrollen mit dem roten Streifen in der Mitte, die sie vom Vater geschenkt bekam, hatte sie ihre Szenenanweisungen geschrieben. Theater! Eine gute Geschichte.

Werner war nicht zugezogen wie die Chefideologen in der Germanistik, sondern in Wanne-Eickel geboren. Ein richtiger Ruhrpottsohn seines Vaters Alfred, der aus Oberschlesien als Bergmann zur Arbeit ins Revier gekommen war. Anna sprach vor und durfte bei den Proben für Dario Fos Bezahlt wird nicht mitmachen. „Die Magaritha ist die richtige Rolle für dich“, hatte Werner gegrinst. „Das meint ihr doch auch Leute, oder?“  

In der ersten Szene präsentiert Antonia ihre im Laden geklauten Sachen. Sie will sie nämlich bei Margaritha unterbringen, damit ihr Mann nichts vom Diebstahl merkt. Sie hat offenbar blind zugegriffen und sagt: „Da sieh einer an! …Ausgewählte Hirse für Singvögel“. Und Margaritha, d. h. Anna, fragt zurück: „Vögelhirse?“ Jedes Mal wenn Anna „Vögelhirse“ sagte, bekam Werner einen Lachanfall. Und dann kam er auf die Bühne und korrigierte ihre Haltung und sagte, „Ein bisschen ausdrucksvoller Anna! Du bist ein Hasenfuß. Geh mal raus aus Deiner Haut!“ Er fuhr ihr mit der Hand über den Hinten und sagte, „Stellt Dir nur mal vor, ich hätte Vögelhirse gefressen…“ und dann lachte er unbändig. Das wiederholte sich regelmäßig und machte ihr die Proben unangenehm. Vogelhirse hieß das, nicht Vögelhirse. Das wusste sie, weil sie zu Hause einen Kanarienvogel hatten. Schlechte Übersetzung von Chotjewitz, der wahrscheinlich auch nur das eine im Kopf hatte.   

Und dann kam die Premiere und Anna war fürchterlich aufgeregt. Bei Vögelhirse hörte sie glücklicherweise kein Lachen im Hintergrund. Und als sie nun endlich zum Schlusschor kamen und alle mit Giovanni leise im Chor sprachen: „Eine Welt, in der man wieder merkt, daß es noch einen Himmel gibt…und Mädchen, die lachen und singen. …Und wenn du eines Tages sterben mußt, stirbt nicht ein alter ausgepumpter Maulesel, nein, ein Mensch stirbt, ein Mensch, der frei und zufrieden gelebt hat, mit anderen freien Menschen“, brandete, während das Licht herausgezogen wurde, der Applaus auf. Das war ein Gefühl, das Anna fast die Tränen in die Augen trieb. Und als das Licht wieder reingezogen wurde, traten die Schauspieler, sich an den Händen haltend, in einer Reihe nach vorn und verbeugten sich, verbeugten sich zweimal, traten wieder zurück und verließen die Bühne, ließen sich aber noch ein weiteres Mal durch den Beifall vor den Vorhang holen. Was war das bloß für ein wunderbares Gefühl. Eine wirklich gute Geschichte, denkt Anna, wäre da nicht der Schluss. „Und wie war´s?“, hatte sie Werner hinterher gefragt.

„Dich“, sagte er und grinste nicht. „Dich müsste man mal so richtig durchbumsen, damit du locker wirst.“

Eindeutig ein schlechter Schluss. Aber nach dem Schluss geht das Leben ja doch immer irgendwie weiter. Anna hatte einen Job in einem anderen Theater gefunden. Und Werner hatten sie viele Jahre später verknackt. So richtig. Wegen sexueller Nötigung. Die Fernsehsender, bei denen er mittlerweile in Serien mitmachte, wollten ihn danach nicht mehr haben. Also doch eine gute Geschichte zum Thema Gerechtigkeit irgendwie. Und mit Genuss erinnert sie sich daran, wie freundlich Werner Jahre später zu ihr war und von ihr Informationen für seinen Job bekommen wollte.

Ruhrgebietsmänner sind keine besseren Männer, denkt Anna. Aber natürlich gibt’s auch viele Nette, ebenso wie die vielen Blödmänner.

Dabei fällt ihr dieser Bochumer Autor ein, der schon tot ist. Mit dem hat sie kurze Zeit gemeinsam in einer Zeitschriftenredaktion gesessen. Er schrieb über Musik, und sie über Theater. Er rotzte jede sexuelle Regung später in seinen Romanen runter, wann er wo einen Ständer bekommen hatte. Und Anna hatte er in einem seiner Romane als Langweilerin bezeichnet. Aber wie gesagt, das ist eine andere Geschichte. Verstehen kann sie aber nicht, dass sie dem post mortem immer noch einen Preis verleihen wollten. Das rechtfertigt auch nicht das Stichwort Pop, findet sie.

Geschichten gibt´s. Die kann man gar nicht erzählen.

Und das würde Anna natürlich auch unter keinen Umständen tun. Als sie aufgefordert wurde, über den Autor etwas zu schreiben, hat sie natürlich abgelehnt. Und wenn sie tatsächlich mal einen Satz über diesen Typen verlieren sollte, dann würde sie auf keinen Fall den Klarnamen verwenden, wie er das damals getan hatte. Schließlich gibt es doch Grenzen, auch wenn es sich um Rache handelt. Und auf keinen Fall will sie es so schlecht machen, wie diese Typen, denen sie damals im Kulturbereich begegnete. Wahrscheinlich kann ich es gar nicht so schlecht machen!  

Wie heißt es so schön bei Shakespeare: All's Well That Ends Well.

Genau so, denkt Anna.

Künstlerdomainen, Männerdomänen in den 70ern, 80ern im Revier.

Am Ende hat diese Arroganz ihnen gar nichts genützt. Denn Annas Glas ist voller als das Glas der Typen von damals. Der meisten zumindest. Sie lebt in einer Welt, in der man merkt, dass es einen Himmel über der Ruhr gibt. Und manchmal auch Männer, die lachen und singen. All´s well now. That Ends Well.

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge