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Kolumne

Alte Säue durchs Dorf treiben, oder: neuer Wein in alten Schläuchen

Neujahrsmorgen 2018, Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme. Alle Finger noch dran, immerhin. Ansonsten war Silvester durchwachsen, so wie überhaupt das Jahr 2017 eher durchwachsen war.

Das neue Jahr darf besser werden. Einer der guten Vorsätze, die ich eher lächelnd definiere (weil ich weiß, dass er von Faktoren abhängt, die ich nicht unbedingt selbst in der Hand habe): Ich möchte wirklich mehr lesen! Das Regal mit den Büchern, die ich lesen möchte bzw. soll, biegt sich bedenklich. Nach wie vor kommen in der Zeit, in der ich ein Buch lese, drei neue hinzu.

Trotz der vielen Buchrücken, die mich vom Regal her anlächeln, bin ich wie so viele andere unverändert gespannt auf Neues. Die Messe in Leipzig ist in Sichtweite und sendet bereits ihre ersten Verführungen aus. Neue Säue werden durchs literarische Dorf getrieben, in höchsten Tönen gelobt oder gnadenlos verfemt werden, das ist sicher und auch gut so, denn jedes Dorf braucht ja neues, frisches Blut, damit in der Schlange beim Bäcker nicht irgendwann nur noch eine Familie steht. So interessiert ich jedoch an neuen Protagonisten bin, die meine Lust als Jäger befriedigen mögen: In meinem Herzen bin ich auch ein Sammler, der, in der Literatur wie in der Musik, nach Ergänzung der Sammlung strebt, und so gilt es für mich, die vor kurzem erschienenen und in Kürze erscheinenden Publikationen eben jener Mutterschweine im Auge zu behalten, die mein eigenes Schreiben vor gut 20 Jahren in Gang gebracht haben.

Wer Mitte/Ende der 1990er-Jahre jenseits der etablierten Verlagsszene geschrieben und veröffentlicht hat, kam im deutschsprachigen Raum um die im Frühjahr 1994 im Isabel-Rox-Verlag erschienenen Anthologie "Asphalt Beat" sowie um "Social beat, slam poetry" (1997, KILLROY media Verlag) nicht herum –  zwei Bücher, die in Kreisen der "Außerliterarischen Opposition" beinahe biblischen Status innehatten.

Social Beat, jene von den amerikanischen Beat-Autoren entlehnte und im weitesten Sinne literarische Bewegung, die das Durchbrechen der Hochkultur und den Einzug der handfesteren Texte in Kneipen und sonstigen Alltag propagierte, war kurz zuvor geboren worden. Viele der damaligen Protagonisten sind inzwischen von der Bildfläche verschwunden, man liest und hört nichts mehr von ihnen, aber einige sind nach wie vor mehr als aktiv.

Während manche sich mittlerweile eher als Literatur-Veranstalter verstehen und nur noch selten Eigenes veröffentlichen (so wie Henning Chadde, der in Hannover mehrere regelmäßige Lesebühnen organisiert und zuletzt im Oktober 2017 mit seinem Team die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften in die niedersächsische Landeshauptstadt geholt hat), erscheinen von vielen nach wie vor regelmäßig Bücher – leider oftmals unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit.

Da ist beispielsweise Kersten Flenter, der sich in mehr als zwei Jahrzehnten abseits der großen Verlage mit mehr als 20 Einzeltiteln ein Stammpublikum erschrieben und erarbeitet hat, und der, wie ein guter Wein, mit jedem Jahr auf der Bühne besser wird. Im Frühjahr 2017 erschien mit "Als das Trinken noch geholfen hat – Heimatgedichte für Heimatlose" der letzte Gedichtband, und es ist ein typisches Flenter-Buch geworden (gottseidank), in dem er sich noch immer an "seinen" Themen abarbeitet. Noch immer geht es um die Beziehung, die Beziehung zu anderen Menschen, die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft, zu Liedern, zur Hässlichkeit, die so vielen Dingen innewohnt. Dabei zeigt er sich als gewohnt guter Beobachter, dem es nicht in erster Linie darum geht, andere auf ihre Fehler hinzuweisen, sondern aus den Fehlern anderer zu lernen. Dies mag der Grund dafür sein, dass sich viele seiner neueren Gedichte wie ein Zwiegespräch mit sich selbst lesen, wie ein Memo für die eigene Jackentasche:

Rondelll

Du solltest den Reisenden als einen Reisenden achten
Du sollst die Entfernung die er zurücklegt nicht verspotten
Du sollst ihn nicht nach seinem Geruch beurteilen
Nicht nach seinem Ziel
Nicht nach seiner Kleidung
Du sollst ihn nicht nach seinen Wünschen beurteilen
Du sollst die Liebe der er nachspürt nicht verspotten
Du sollst den Reisenden als einen Reisenden achten

Und da ist Urs Böke aus Essen, der sich in der Szene nicht nur als Herausgeber des Ratriot und der Maulhure, sondern insbesondere als Dichter mit kompromissloser Wortwahl und eigenem Sound einen Namen gemacht hat und ebenfalls seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Verlagen einen Band nach dem anderen in die Welt setzt. Alleine im Jahr 2017 erschienen mit "Schorf – Erzählung ohne Dialog" (Ratriot Medien, erstmalig Prosa), "Morbus Heimat" (Gedichte, ebenfalls Ratriot Medien) und "Alles brennt" (Gedichte, gONZoverlag) gleich drei neue Einzelbände.

Sobald der Magen knurrt
sind Daten und Fakten unerheblich
Theorien sitzen im Wartezimmer
Dr. Leben hat seine Praxis geöffnet

Stuhl an Stuhl Leid an Leid
Analphabeten
können Würde nicht schreiben
doch Schmerzen
lauern in ihren Gebeinen
die Justiz verhöhnt dich
die Polizei
langsam sackt der Kopf
zwischen die Stühle
vielleicht ist es Ohnmacht

(aus "Ravachol lacht")

Von Altersmilde keine Spur. Und während ich dies schreibe und nebenbei mit einem Auge auf Bökes Homepage schaue, sehe ich, dass bereits für Anfang 2018 mit "Hinter den Betonschluchten" ein neuer Band mit Gedichten angekündigt ist …

Und da ist … die Auflistung ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen. Zum Beispiel mit Roland Adelmann, der seit über 25 Jahren mit "Rodneys Underground Press" einen Vertrieb und Verlag für subkulturelle Literatur betreibt. Oder mit Axel Klingenberg aus Braunschweig, der sich in den letzten Jahren vor allem mit locker geschriebenen Büchern zu sportlichen Themen wie Eishockey und der gelb-blauen Eintracht aus Braunschweig hervorgetan hat (ja, auch der ZWEITliga-Fußball sollte nicht vergessen werden!). Oder Arne Rautenberg, der heute erfolgreiche Bücher mit Gedichten für Kinder veröffentlicht und sich an zahlreichen Kunstprojekten beteiligt. Nicht zu vergessen Jan Off, der just in dieser Woche die Veröffentlichung seines Romans "Vorkriegsjugend im Schatten der Chaostage" als Schallplatte ankündigt (gelesen von Robert Stadlober). Nicht zu vergessen Jaromir Konecny, der nach wie vor Poetry Slams bestreitet, zuletzt jedoch einen Teil seiner Zeit der Mitarbeit an schlüpfrigen Teenagerkomödien gewidmet hat. Oder Hermann Borgerding, der seinen Kampf gegen/mit dem Krebs öffentlich gemacht und in mehreren Büchern literarisch verarbeitet hat. Oder Robsie Richter, der nach wie vor Gedichte schreibt, wenn er nicht mit seiner Band Jonny Hates Rock auf der Bühne steht …

Bücherliste der zitierten Gedichte:

Kersten Flenter:
"Als das Trinken noch geholfen hat – Heimatgedichte für Heimatlose"
edition roadhouse, 2017
44 Seiten, 7,00 €
erhältlich über die Homepage www.flenter.de

Urs Böke:
"Alles brennt" (aus der Reihe der "Verstreuten Gedichte")
gONZoverlag, 2017
16 Seiten, 5,00 €
ISBN 978-3-944564-36-4
Weitere Bücher von Urs Böke erhältlich über die Homepage www.ratriot.de

Wen vergessen? Mag sein, natürlich, aber an der Kernaussage ändert das nichts: Die neuen Säue lesen, die alten nicht vergessen!

 

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