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Wir reden über Literatur
Kolumne

Arpana Berndt: #metwo im Literaturbetrieb (6)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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Transportelefanten

Zu Beginn meines Studiums in Hildesheim schrieb ich für die Erstsemesteranthologie der Kreativen Schreiber*innen eine Kurzgeschichte: Ein Junge sitzt auf der Treppe vor dem Haus seiner Großmutter und bastelt Blütenketten. Ein fremdes Mädchen kommt hinzu, unterhält sich mit dem Jungen und überredet ihn, sie zu begleiten. Sie führt ihn die Straße hinab, an einem Tamarindenbaum vorbei zum Strand und dort dann zu einem Mann, der eine Gruppe von Kindern bewacht, die Fische zum Trocknen auf Plastikplanen auslegen.

Nach einer der letzten Werkstattsitzungen, in denen wir unsere Texte besprachen, kam ein weißer* Kommilitone auf mich zu und sagte: Ich finde es so toll, dass du über das schreibst, was du kennst und dass du die Möglichkeit hast, über Exotisches zu schreiben, weil deine Familie aus Bolivien kommt.

Die Idee der Geschichte von dem Jungen kam ursprünglich von meiner Mutter. Sie beruht auf einer Erzählung, die sie von ihren Eltern in ihrer Kindheit in Sri Lanka gehört hatte, und die Kinder vor Entführungen durch Fremde warnen sollte.

Sri Lanka und nicht Bolivien. Aus meiner Kurzvita für die Erstsemesteranthologie, in der ich erwähne, dass ich bis kurz vor Studienbeginn einen Freiwilligendienst in Bolivien absolviert habe, schließt mein Kommilitone, dass ich über Bolivien schreibe. Aber nicht nur das: Aufgrund meiner Hautfarbe konstruiert er meinen nicht-deutschen Hintergrund aus dem „exotischen“ Land, das er mit mir verbindet, also Bolivien. Doch da Bolivien bekanntermaßen ein Binnenland ist, hätte er der Geschichte spätestens dann, als das Mädchen und der Junge an den Strand gehen, entnehmen können, dass sie gar nicht in Bolivien spielen kann.

Aufgrund meiner Hautfarbe werde ich nicht als Deutsche, nicht als Studentin oder Autorin, sondern als Deutsche mit Migrationshintergrund, Studentin mit Migrationshintergrund und Autorin mit Migrationshintergrund gesehen. Könnte ich deshalb über jedes beliebige „exotische“ Land schreiben und damit die Annahme provozieren, dass ich aus erster Hand schreibe, da ich aus diesem Land komme?

Ich erzähle manchmal von meiner Grundschulzeit in Sri Lanka: Wir Kinder hatten einen Elefanten, auf dem wir zur Schule ritten. Die meisten Kinder ritten auf Elefanten zur Schule, schließlich wurden von der Schule Transportelefanten zur Verfügung gestellt. So wie mit den Schulbussen in Deutschland. Als wir drei Kinder klein waren, saßen wir bequem zu dritt auf unserem kleinen Elefanten. Der wartete dann vor dem Schulgebäude mit den anderen Transporttieren und brachte uns am Nachmittag wieder heim. Wir haben ihn Fanti genannt, Abkürzung von Elefanti und der Name Fanti erinnerte uns an Fanta, die in Sri Lanka viel dunkler ist als in Deutschland, ganz anders schmeckt und auf deren Etikett ein Elefant abgebildet ist. An Wochenenden sind wir auf Fanti ans Meer geritten, haben Fanta getrunken, die wir mit ihm teilten, und wenn wir uns auf seinen Rücken stellten, erreichten wir manchmal die Kokosnüsse an den Palmen.

Wenn ich es schaffe, diese Erzählung wiederzugeben, ohne mein Gesicht zu einem Lachen zu verziehen, dann warte ich normalerweise kurz ab, bevor ich sie auflöse: Ich bin nie in Sri Lanka zur Schule gegangen. In Sri Lanka gibt es Schulbusse.

Ich habe diese Geschichte über Fanti in einem Text über Stereotype auf einer öffentlichen Lesung vorgetragen, ebenfalls mit dieser Auflösung und den Kommentar hinzugefügt:

„Trotzdem glauben mir die meisten Menschen diese Erzählung“.

Mein Freund beobachtete während der Lesung das Publikum. Keine*r der Anwesenden schien sichtbar von der Erzählung irritiert gewesen zu sein. Ich befürchte, dass weder die Übertreibungen in der Geschichte selbst, noch meine anschließende Auflösung und der erwähnte Kommentar nicht ausreichen, um deutlich zu machen, dass ich in meiner Erzählung mit stereotypen Vorstellungen von einem Land spiele.

Das Problem ist allerdings weder fehlendes Wissen über mich und meine Biografie noch über von Schüler*innen in Sri Lanka genutzte Transportmittel. Auch in dem eingangs geschilderten Fall entsteht das Problem nicht ausschließlich daraus, dass mein Kommilitone vielleicht nicht genau weiß, wo Bolivien liegt. Ich sehe das Problem darin, dass es den Lesenden und Zuhörenden leichter fällt, mich als Woman of Color mit den Elefanten in einem exotischen Land, mit den Palmen, Kokosnüssen und Tamarindenbäumen ihrer Vorstellung zu verbinden als mit ihrem kritischen Denken.1  Diese Vorstellung ist so verfestigt, dass ich meine Erzählung bis ins Absurde überspitzen kann. Sie wird mir geglaubt, solange ich an Stereotype anknüpfe, die mit mir als Person verbunden werden.

Es stimmt, dass Autor*innen häufig mit ihren Figuren verglichen und gleich gesetzt werden.

Philipp Winkler hat ein Buch über Hooligans geschrieben, den Roman der Stunde. Hat er all die Schlägereien selbst erlebt? Ein Treffen, natürlich im Stadion“, lautet der Untertitel einer Besprechung von „Hool“ auf Zeit Online. Der Übergang zwischen Realität und Fiktion verschwimmt und der Autor wird dementsprechend inszeniert. Dennoch wird Winkler als Autor diskutiert und nicht als deutscher Schriftsteller, der repräsentativ für Deutschland steht.

Nicht-weiße* Autor*innen werden hingegen zunächst als People of Color wahrgenommen, werden reduziert auf ihre Hautfarbe, ihr Aussehen. Gleichzeitig werden sie nicht als eigene Persönlichkeiten, sondern als Repräsentant*in der jeweilige/n marginalisierte/n Gruppen/n, denen sie vermeintlich angehören, gesehen.

Ich werde also zuerst als Person of Color, als Frau mit migrantischem Hintergrund wahrgenommen. Als Woman of Color, die von „exotischen“ Ländern erzählen kann, weil sie diese angeblich kennen muss. Die Figuren in meinen Geschichten werden viel selbstverständlicher als zum Beispiel im Falle von Winkler mit mir als Schreibende gleichgesetzt, wenn diese Figuren nicht-weiß* und eventuell auch weiblich sind. Noch bevor ich meinen Text vorlese oder mein Text gelesen wird, konstruiert das Publikum mich aufgrund von Hautfarbe und Namen als nicht-deutsch. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Zuhörenden oder Lesenden also bereits ein Bild von meiner Person gemacht, das in die Migrationshintergrund-Schublade passt, in die ein weißer* Autor nicht so schnell eingeordnet werden würde. Deshalb werden dann zwei Arten von Geschichten wahrgenommen: Diejenigen Geschichten, die die stereotypen Vorstellungen von einer Person of Color bestätigen oder solche, die damit brechen und als „Ausnahme der Regel“ und damit als Ausnahme vom Stereotyp gelten. In keinem Fall verändert dies das vorgefertigte Bild des Publikums.

„Stories matter. Many stories matter“, sagt die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie und erklärt in „The Danger of a Single Story“, dass es viele unterschiedliche Geschichten braucht, damit wir uns von unseren stereotypen Vorstellungen lösen können und differenzierte Bilder von Menschen, Ländern und Regionen entwickeln.

 Wir brauchen sie also und doch scheint es uns leichter zu fallen, Geschichten, die unsere Bilder und Stereotypen differenzieren würden, als Ausnahme anzusehen.

Da diese Konstrukte der Schreibenden noch vor dem Lesen oder Hören des Textes entstehen, hindern sie uns daran, Erzähltes kritisch auf seine Bedeutung zu hinterfragen. Denn die Autor*in of Color wird prioritär als Expertin für alles „Exotische“ gesehen, wofür eine große Identifikation zwischen dem Thema der Geschichte und dem*der Autor*in konstruiert wird. Denn würde eine weiße* Person über Transportelefanten in Sri Lanka erzählen, würde dies schneller als Lüge oder fiktionalisierte Erzählung erkannt werden.

  • 1. Der Psychologe Daniel Kahneman geht davon aus, dass wir in zwei Systemen denken, einem intuitiven, leicht verfügbaren System, dass von Assoziationen geprägt ist und einem zweiten System, das kritisches, rationales Denken erlaubt; das intuitive System dominiert ständig die mit viel höherem mentalen Aufwand verbundenen Entscheidungen des kritischen Systems (Kahneman, Daniel 2012. Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Verlag

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