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Wir reden über Literatur
Kolumne

Dinçer Güçyeter: #metwo im Literaturbetrieb (5)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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Mein Recht ist auch ein Recht

Das Unvermögen destilliert die Angst. Leider kann man dann immer noch nicht von einer reinen Endressource reden. Das Gedampfte tropft weiter, von einem Gefäß ins andere … Die neue, angeblich keimfreie Flüssigkeit trügt: Angst bleibt Angst. Die Sterilisation gibt ihr nur ein undurchsichtiges Gesicht. Und hier beginnt die eigentliche Gefahr! Auch in der Anatomie des Rassismus ändert sich das Verfahren nicht. Man möchte meinen, in einem Betrieb der kreativen Geister, wo durch die Wortkunst die Seele dem Raum mehr Frische spenden kann, könnten die Wasser ein wenig lustiger fließen. Doch leider, leider …

Das Unvermögen schöpft die Angst, es schnitzt ihr ein unnahbares, muskeltotes Gesicht. Diese Zirkulation nimmt jeden Tag einen neuen Verlauf: in Literaturhäusern, Festivals, bei Veranstaltern, Leitern, zwischen Kollegen/Kolleginnen.

Vielen von uns ist es längst bekannt, dass in diesem Betrieb die Literatur, das Wort nicht immer die wichtigste Erregung ist. Kein Scherz, die Haarfarbe kann die Handlungen oft stärker beeinflussen. Es werden Etiketten gebastelt, der Pseudo-Intellekt wird mit Etiketten verkleidet. Der Betrieb wandelt sich zu einer Einkaufsstadt, an Schaufenstern hängt das Gucci-Glamour, je mehr man näher kommt, desto klarer werden die PRIMARK-Fasern. Und schnell ertappt man sich dabei, wie die Lust zwischen Stockwerken getilgt wird. Wenn du einmal durch dieses Tor gelaufen bist, ist ein Zurück sehr schwer. Du willst ja erzählen, du hast deine Geschichten, deine Gedichte, du hast Lieder, die deine Neugier, dein Inneres besingen möchten, du möchtest teilen, etwas zusammen bewegen. Nicht nur Texte, auch Ideen, Träume, Inspirationen … Dieses unbändige Feuer! Und stehst vor dem eisernen Vorhang. Eine seltsame Stimme flüstert dir ununterbrochen zu, dass du zu diesem Kreis gehören musst. Lehnst die Außenseiterposition ab, somit schreibst du den Epilog der Niederlage. Ein stillschweigender Selbstverrat … Zu diesen Kreisen willst du gehören, wo in Programmheften, Verlagsvorschauen die Namen der DichterInnen und ihre Preise aufgelistet sind, Biografien, in denen die Identität in jeder Silbe bewiesen werden muss. Angst bleibt Angst! Namen sind wichtig, und Literatur? Vielleicht! Schauen wir mal …

Vor kurzem gab es ein Wirbel über eine Diskussion zwischen zwei Dichtern. Könnte ja interessant sein, denkt man und drückt bei You-Tube auf Start. Gähn … Der elitäre Dilettantismus erwartet von dir, dass du ihm 90 Minuten Ohr/Auge/Verstand schenkst. Als Kinder der Gastarbeiterfamilien mussten wir diese Themen schon als Grundschulkind wie Nutella-Brot kauen. Nach dreißig Jahren will man dir wieder so einen braunen Brei auftischen. Angst bleibt Angst: Schöner Saal, schicke Anzüge, renommierte Dichter … und PRIMARK FASERN. Zum Glück hat die Literatur ihre eigenen Regeln und diese sind unabhängig von allen Propagandastrategien. Es dauert immer ein wenig, bis diese Regeln ihre Berufung besetzen, aber aus der Welt sind sie nicht. Die Zukunft, und das wird nicht lange dauern, wird die gesamte Struktur ändern. Das Star-System im gesamten Literaturbetrieb, die kopierten/blutlosen Sprüche/Reden der Möchtegern-Literaturvermittler werden bei kommenden Generationen kein Dach finden. Der Wind wird sich drehen. Die Literatur, das Wort wird sich in Seitengassen, in kleinen Cafés, in Wohnzimmern, in Asylheimen, in Garagen feiern. Nicht im Mund der Wortmetzger. Nicht in Elfenbeintürmen, wo der Charakter mit Heiligenschein zerstampft wird. Die Literatur wird sich von diesem Blei im Blut befreien!

Wo bin ich jetzt gelandet? Ich sollte etwas über den Rassismus im Literaturbetrieb schreiben. Jetzt sitze ich hier vor diesen schwankenden Sätzen. Aber ich hab ja ein wenig über Angst geschrieben, das reicht! Das Patenkind des Unvermögens steht hier im Mittelpunkt. Als Prolog will ich den großen Dichter Aras Ören erwähnen. Ein Dichter, der Anfang der Achtziger mit seinem Gedichtband “Was will Niyazi in der Naunystraße“ mehr Leser gefunden hat als der gesamte/gegenwärtige Lyrikmarkt! Ein großer Dichter, der nichts vorweisen wollte. Er hat geschrieben, selbsttreu in seiner Kunst, er hat das geschafft, was die deutsche Dichter-Mannschaft seit langem nicht mehr kapiert. Aras Ören hat seiner Zeit Lieder geschrieben. Große / ehrliche Lieder, die auch ohne die Bestätigung der Akademien ihre Botschaft vermitteln. Das ehrliche Wort braucht keine Bestätigung, es verzichtet auf jede nationale Identität, auf jedes Etikett. Es flirtet nicht lange, es zeigt sich gerne nackt.

ich weiß nicht, hab ich es dir richtig erklärt,
Bruderleben?
Ich habe gelernt, daß mein Recht auch ein Recht ist.
Nie wieder verzichte ich auf mein Recht,
und wenn es mein Leben kostet.

(Aktuelle Ausgabe: Aras Ören, Wir neuen Europäer, Verbrecher Verlag)

 

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