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Kolumne

Zum 100. Geburtstag des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn (1918-2008)

Einsamer Kämpfer gegen ein scheinbar allmächtiges System und unbequemer Zeitgenosse

Der 1918 in Kislowodsk geborene Schriftsteller war weltweit mit seinem Werk „Archipel Gulag“ bekannt geworden, in welchem schonungslos der Terror der Straflagersysteme in der Sowjetunion beschrieben wurde. In seiner Heimat hatte der Schriftsteller und ehemalige Häftling bereits im November 1962 von sich reden gemacht, als er mit seinem Kurzroman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ erstmals ganz offiziell über die Schrecken der sowjetischen Straflager berichtete. Kein geringerer als der damalige Parteichef Nikita Chruschtschow hatte höchstpersönlich seinen Segen zu dieser Veröffentlichung gegeben, kam sie doch seinen damaligen Plänen zu einer „Enstalinisierung von oben“ entgegen.

Doch sehr bald schon begann Solschenizyn in Ungnade zu fallen. Seine kompromißlose Art, für als richtig eingeschätzte Urteile und Vorhaben zu kämpfen, sollte sich wie ein roter Faden durch sein weiteres Leben ziehen. Seine unbeugsame Haltung gegen eine parteilich verordnete Zensur inspirierte indessen weitere Schriftsteller und Menschenrechtler in den Ländern des „real existierenden Sozialismus“.

Die beiden biographischen Berichte „Zwischen zwei Mühlsteinen“(2005) und „Meine amerikanischen Jahre“(2007) geben aufeinander folgend Einblick in Solschenizyns Leben von den Umständen der Ausbürgerung am 13. Februar 1974, dem ersten Eingewöhnen in das westliche Leben bis hin zur neuen Sesshaftigkeit in den USA. Solschenizyn schildert dabei Begegnungen mit Intellektuellen in Europa und den USA und kann oft seine Fassungslosigkeit angesichts deren Arglosigkeit gegenüber dem kommunistischen Machtblock nicht verbergen. Ihm steckte noch die jahrelange Angst in den Knochen, als er in der Sowjetunion Verstecke für seine Manuskripte suchen und Zeitzeugenaussagen zu deren Schutz vor dem allmächtigen KGB verschleiern mußte. In seiner Moskauer Wohnung konnte er kritische Sätze, aus Angst vor eingebauten Mikrophonen, nur auf Papierschnitzel schreiben, um sie anschließend im Aschenbecher zu verbrennen. Was Wunder, daß er sich im Westen wie auf einem fremden Stern fühlte.

Von den bedeutendsten Universitäten erhielt Solschenizyn Einladungen, um seine politischen Einschätzungen vorzutragen. Äußerst skeptisch beobachtete Solschenizyn die politische Naivität des Westens als eine „Welt der Juristerei und des Kommerz“. Ärgerlich und kräfteraubend gestalteten sich Ränke dilettantischer Rechtsanwälte aber auch knebelnder Verpflichtungen und Abhängigkeiten. Bösartige Kampagnen inklusive Fälschungen, lanciert vom KGB, sind dem russischen Schriftsteller vertraut – aber nicht dem demokratischen Publikum im Westen.

In Zeiten einer proklamierten Entspannungspolitik zwischen Ost und West waren Solschenizyns notorischen Warnungen vor dem aggressiven Charakter der sowjetischen Politik im Wege. Zugleich litt Solschenizyn unter der Gleichsetzung von „Russland“ und dem „Kommunismus“. Er mußte einsehen, daß es seine „Kräfte überstieg, dem Westen begreiflich zu machen, daß zwischen Rußland und dem Kommunismus ein ähnliches Verhältnis bestand wie zwischen einem Erkrankten und seiner Krankheit“.

In seinen Erinnerungen schildert Solschenizyn über viele Seiten hinweg seinen Schmerz, als er sich Anfang der 1980er Jahre einem geradezu kampagnenhaften Vorwurf des „Antisemitismus“ ausgesetzt sah. Er stellte ausdrücklich fest, daß es Antisemitismus „in keinem Buch, das des Ranges eines literarischen Werkes würdig ist“ geben kann. In seinen zwei Bänden „Zweihundert Jahre zusammen“(2002/2003) hatte sich Solschenizyn in differenzierter Weise hierüber geäußert.

Im Frühjahr 1994 konnte Solschenizyn im Alter von 75 Jahren wieder in seine russische Heimat zurückkehren. Als streitbarer Geist setzte er sich unverdrossen für seine Vorschläge ein, Russland wieder auf die Beine zu stellen. Seine vorliegenden Erinnerungen belegen, daß er auch das gesellschaftspolitische System im kapitalistischen Westen nicht kritiklos zur Kenntnis genommen hat.

Sich selbst betrachtet Solschenizyn nicht als Nationalisten, sondern als russischen Patrioten. Eine solche Haltung schützt ebenso wenig vor Fehleinschätzungen, wie sie umgekehrt große literarische Leistungen zuläßt. Beides kann man exemplarisch an Solschenizyn feststellen!

Der durchsichtige Versuch des politischen Establishments in Russland, den kritischen Mahner Solschenizyn gegen einen gefälligen Nationalisten einzutauschen, wird spätestens bei der Lektüre seiner Bücher scheitern.

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