Kolumne

My white male bookshelf #2

Etüden im Schnee von Yoko Tawada

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen.

My white male bookshelf steht bei Julietta Fix

 

»Jemand kitzelte mich hinter den Ohren, unter den Achseln, ich krümmte mich, wurde zu einem Vollmond und rollte auf dem Boden. Vielleicht kreischte ich dabei mit heiserer Stimme. Dann streckte ich meinen Hintern gen Himmel und schob den Kopf unter den Bauch: Jetzt war ich ein Sichelmond, ich war noch zu jung, um mir eine Gefahr auszumalen. Ich öffnete ohne Bedenken meinen Anus zum Kosmos und spürte ihn in meinen Därmen.« (S. 5)

Mit diesem Zitat begann Deniz Utlu als Gastgeber im Mai 2017 eine Lesung mit Yoko Tawada, bei der ich zum ersten Mal von den »Etüden im Schnee« (erschienen 2014 im konkursbuch Verlag Claudia Gehrke) gehört habe. Und es ist auch schwer vorstellbar, wie man anders beginnen könnte.

Sofort stellt man sich selbst in diesen Haltungen vor, wie man gekitzelt wird, fragt sich wie man ein Vollmond wird, ein Sichelmond, und wie sich der Kosmos anfühlt, wenn man ihn bei gen Himmel geöffnetem Anus in seinen Därmen spürt.

Tawadas Erzählerin Toska fragt sich das nicht: Sie ist eine Eisbärin. Kurz nach ihren Bewegungen zum Kosmos erfahren wir etwas von ihrem Fell und ihren Pfotenhänden.

Und hier wird es auch schon spannend, denn der Roman beginnt mit den ersten Versuchen der Erzählerin, ihre Autobiografie zu schreiben. Und schon ist man bei der nächsten Körperfrage: Wie hält die Eisbärin einen Stift?

Die Frage ist berechtigt, denn Toska hat im Zirkus zwar früh gelernt, sich auf zwei Beinen zu halten, ist mit ihren Händen aber recht tapsig. Nachdem der weiße Pullover eines Berliner Buchhändlers sie in dessen Laden gelockt hat, schaut sie sich bei den Autobiografien um:

»Ich öffnete das Buch, wie man ein Bauernbrot in zwei Stücke bricht. Meine Fingernägel waren zu lang, um in einem Buch geschickt zu blättern. Früher hatte ich versucht, die Nägel abzuschneiden, dabei hatte ich viel Blut verloren. Jetzt lasse ich sie einfach wachsen. « (S. 65)

Dennoch gelingt es ihr schließlich, mit einem Stift ihre Lebensgeschichte zu schreiben, sogar mit einem Mont Blanc-Füller - wie wir im Folgenden erfahren -, den sie von Seelöwe geschenkt bekommt, ihrem geldgierigen Verleger und ehemaligen Fan und Verehrer.

Wie sie das alles macht, erklärt Yoko Tawada auf Deniz Utlus Nachfrage so: Sie hat Hände, wenn auch Pfotenhände. Und die sind kein Manko der Eisbärin, sondern der deutschen Sprache: Auf Japanisch gibt es ein Wort, dass die Unterscheidung zwischen tierischer und menschlicher Hand nicht trifft.

Der Abend im Studio Ya des Maxim-Gorki-Theaters endete mit der besten Leseperformance, die ich je gesehen habe: Die Pianistin Aki Takase und Yoko Tawada saßen nebeneinander an einem lesungstypischen Tisch (der vorher übrigens nicht zum Einsatz kam) und trommelten darauf (eigentlich hauten sie mit der flachen Hand auf die Platte, aber das erscheint mir außerhalb einer Klammer irgendwie zu vulgär) und klatschten in die Hände. So entstand ein Rhythmus, der zusammenging und wieder auseinanderging. Dabei lasen sie Textfragmente.

Es ist schwer, das hier wiederzugeben. Wer mich kennt, weiß, dass ich keine besondere Begeisterungsfähigkeit für die Verknüpfung von Musik und Literatur habe: Aber das war großartig! Aki Takase, Pianistin, benutzt ihre Hände wie eine routinierte Handwerkerin: So, dass es von außen grob aussieht, aber gleichzeitig die langjährige Praxis mit dem Material und das hohe Maß an Präzision verrät. Wer jemals traditionellen Handwerker*innen bei der Arbeit zugesehen hat, kann diese Vermischung von Grobheit nach außen und Präzision in jedem Detail nachvollziehen.

Yoko Tawada daneben, mit den maßvollen Handbewegungen einer Schriftstellerin, die normalerweise einen Stift führt und der man beim Schlagen und Klatschen die Mühe um Genauigkeit im Gegensatz zu der Musikerin ansieht.

Worauf ich hinaus will, ist, dass die Sprache, in der Tawada die »Etüden im Schnee« schreibt, selbst etwas Händisches hat:

Was Aki Takase auf dem Tisch macht, macht Yoko Tawada gewissermaßen im Roman: Die Sprache ist völlig klar und präzise gesetzt, wie Takases Rhythmus; gleichzeitig haut sie auf den Tisch.

So entsteht der in seiner Treffsicherheit komische Stil, dem man gleichzeitig die Hand ansieht, die ihn schreibt und die im Endeffekt die Hand einer Eisbärin ist.

Ein Buch öffnen, wie man ein Bauernbrot bricht. Auf dieses großartige Bild im Zitat oben folgen Tawadas kurze, mit Kommas und Punkten getrennte Sätze, die völlig unmanieriert daherkommen, aber nicht naiv sind. Das ist stark.

Und so erzählt Yoko Tawada in drei Teilen eine Generationsgeschichte der Eisbär*innen, die versuchen sich in der menschlichen Welt zurechtzufinden, mit ihren Grenzen, ihren Arbeitsplätzen im Zirkus und mit der Verwunderung über die Dinge im Supermarkt, die alle nicht mit der Bärinnenhand vereinbar sind:

»[…] dicke Flüssigkeit, mit der man sich die Krallen färbt; winzige Stäbchen, mit denen man wahrscheinlich in der Nase bohrt; […] Meine Tatzen, die sich berührt hatten, juckten sofort. « (S. 60)

Aber das Leben unter den Menschen bleibt nicht bei Verwunderung stehen, die Eisbär*innen werden domestiziert, migrieren, werden zu Spielbällen im Systemkonflikt, leiden unter klimatischen Bedingungen (Kühlschränke schaffen Abhilfe), genießen ihre Auftritte vor dem Publikum und organisieren sich:

»Zu unserer Überraschung gründeten die neun Eisbären schon eine Woche nach der Ankunft eine Gewerkschaft. Sie waren mit ihren Forderungen, die sie Pankov stellten, nicht zimperlich, und als er sie ignorierte, begannen sie einen stürmischen Streik. « (S. 107)

Bei aller Komik wohnt Tawadas Roman auch etwas Nachdenkliches inne:

»Das Schreiben war keine Tätigkeit, mit der ich vertraut war. Die Müdigkeit fiel auf meinen Kopf, und ich schlief am Schreibtisch ein. Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, spürte ich, dass ich über Nacht alt geworden war. Jetzt beginnt die zweite Hälfte des Lebens. « (S. 14)

Die Nachdenklichkeit der Eisbärin, Tawadas händische Sprache, der kurze Wechsel ins Präsens, die dem Abschnitt eine halluzinatorische Tatsächlichkeit gibt (Jetzt beginnt die zweite Hälfte des Lebens.) - das lässt das weiße Fell zur buchstäblichen Projektionsfläche für menschliche Leser*innen werden. Und so lässt sich in den Geschichten der Eisbär*innengenerationen viel mehr mitlesen als nur ihr Leben. Den Kosmos spürt man dabei vielleicht nicht in den Därmen, aber in den Händen, mit denen man die französische Broschur durchblättert.

***

Etüden im Schnee
Yoko Tawada
Konkursbuchverlag
320 Seiten
Klappenbroschur, Fadenheftung
ISBN 978-3-88769-737-2
12,90 €

 

 

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