Kolumne

Zeitgenössische Romane aus Georgien

„Farben der Nacht” und Tamar Tandaschwili „Löwenzahnwirbelsturm in Orange”.

Um rund 160 ins Deutsche übersetzte Lebenserinnerungen und Romane, Reiseberichte und Anthologien bereichert Gastland Georgien anlässlich der Frankfurter Buchmesse heuer den Buchmarkt. Neben einer weiteren Nacherzählung von Schota Rustawelis spätmittelalterlichem Epos vom „Mann im Pardelfell”, dem Weltliteraturklassiker im Rang von Dantes „Göttlicher Komödie”, gibt es unter den Romanen Erstübersetzungen von Klassikern der modernen georgischen Literatur wie Guram Dotschanaschwilis  „Das erste Gewand” aus den 1970er Jahren sowie eine Reihe sehr unterschiedlich interessanter Erzählwerke von Zeitgenossinnen und -genossen.

Darunter beschäftigen sich einige mit der exponierten Situation sexueller Minderheiten in der vom Patriarchat geprägten Gesellschaft. Georgien beruft sich stark auf christliche Werte. Wie in Russland polarisiert man in Georgien, sobald die Integrität von Heterosexualität auf dem Spiel steht.

Die längste Zeit herrschte in dem Kaukasusland um die antike Kolchis eine feudale Gentry. Diese stolzen Bergfürsten und Großbauern waren die Schutzherren des von von allen Seiten bedrängten georgisch-orthodoxen Christentums. Bestürmt von Arabern, Byzantinern, Mongolen und Ottomanen, die längste Zeit beherrscht von den Persern, bis es sich 1801 unter die Knute des Zaren begab, gelang es dem Land allen Vereinnahmungen zu trotzen.

Das Beharren auf der eigenen Kultur, von starken und unabhängigen „Tamadas”, d.h. Tischherren, bei jeden Glas Wein hochgehalten und an die nächste Generation weitergegeben, läuft der Vorstellung einer offenen Gesellschaft zuwider. Sexuelle Freizügigkeit und Homosexualität passen nicht ins konservativen Ideal. Eine unrühmliche Rolle dabei spielt die autokephale georgische Kirche, umso mehr, als sie sich in den unsicheren Zeiten zwischen Nomenklatura und Saakaschwilis Anti-Korruptions-Politik nicht nur als Ort für Spiritualität und karitative Privatinitiativen behauptet hat, sondern in manchen Fällen als Nische für Geldwäscherei und Unterschlupf für Paramilitärs herhielt. Von den Verstrickungen abzulenken und um den patriarchalen Vaterlandsgeist umzulenken, bewährt sich die Hetze gegen Schwule. Mittelalterlich anmutende Kreuzzüge, von bärtigen Patriarchen gegen die Regenbogen-Community und ihre aufgeschlossenen FreundInnen veranstaltet, haben das Land traurig berühmt gemacht.

Bilder von dem Mummenschanz lösen einen Wiedererkennungseffekt im Buchinteressenten aus und erhöht die Markttauglichkeit jener Publikationen, die Queeres enthalten. Zwei Romane mit der Problematik des Andersseins seien hier vorgestellt.

Tamar Tandaschwili, Jahrgang 1973, muss es wissen: Die studierte Literaturwissenschaftlerin ist Psychotherapeutin und feministischen Aktivistin. Sie unterhält einen Blog, wo es vielfach um Fragen der sexuellen Orientierung in Konflikt mit der Gesellschaftsnorm geht. Tandaschwilis Klientel sind Leidtragende des zum Patriotismus erklärten homophoben Fundamentalismus. Aus den Schicksalen ihrer Schützlinge speist sich, was Tandaschwili zu erzählen hat.

Manchmal wirken die Geschichten daher dokumentarischer als fiktiv. „Löwenzahnwirbelsturm in Orange” ist zwar keine Schlüsselroman, doch ist jedem Tbilisser klar, auf welchen hochrangigen Staatsmann angespielt ist, wenn es vom Fraktionsvorsitzenden der Parlamentsmehrheit von Georgien, heißt, in einem Wochenendhaus am Stadtrand träfe er sich regelmäßig mit einem Mitglied der georgischen Wasserball-Jugendmannschaft, und der

„ficke <...> diesen vorbildlichen Familienvater, einen echten Rechtgläubigen und stolzen Georgier, nach Lust und Laune. Deshalb waren die Interviews, die der berühmte Politiker donnerstags und samstags gab, immer voll von panischer Angst vor dem Verschwinden der alten georgischen Traditionen, voller Lobpreisungen des Katholikos-Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Kirche, des Erzbischofs von Mzcheta-Tiflis, Ilia II., und voller Beschimpfungen der NGOs und der Natsebi-Partei, die aus Europa gekommen waren, um die starke georgische Nation zu verweichlichen”.

In 16 Kapiteln erzählt Tandaschwili Leidensgeschichten als zumeist – nicht leicht verständlich, wenn man die Verhältnisse nicht kennt – schmucklose Dialoge, ja Sitzungsprotokolle. Der Zusammenhang mancher Schicksale offenbart sich spät im Text, da tauchen ProtagonistInnen mit schwer zu merkenden Namen wieder auf. Dass im nicht-indoeuropäischen Georgisch Vornamen auf -o weiblich und auf -a männlich sein können, erweist sich als  Erschwernis. Manchmal lässt sich in einzelnen Fällen nicht gleich verstehen, ob es um Mann oder Frau geht. Den Großteil erfahren wir durch die Ich-Erzählerin, die sich Eka nennt, verheiratet und Therapeutin ist. Regelmäßig trifft sie sich mit einer Kollegin , „wie ich Traumatherapeutin” in einem unter Machos beliebten Lokal zum supervisorischen Ausweinen. Dort erzählen sich die beiden schwierige Fälle, einzelne Novellen im Gefüge des Ganzen. Neben Kapiteln transkribierter Tonbandaufzeichnungen stehen auch anschaulichere Erlebnisberichte Einzelner. Dennoch hälst sich Tandaschwili nicht mit Beschreibungen und Erklärungen auf. Lobenswerterweise hat der Verlag einige Informationen über die georgische Kultur und soziopolitische Situation an den Schluss gesetzt.
Das Konzept der Verquickung mehrerer Fälle geht nur bedingt auf. Letztlich kommt es zum Showdown bei Kollision des Politiker-PKW mit einem Nilpferd, das während der Überschwemmung 2015 aus dem Zoo ausgekommen ist und mit dem Auto des Mannes kollidiert.

In einer Gesellschaft, in der Gerede und Gerüchte mehr Politik machen als das Parlament, sollte man nicht alles glauben, was behauptet wird. So hat die Polizei die Meldung des rasenden tierischen Schwergewichts für Unsinn gehalten und den Dickhäuter nicht eingefangen. Das wird dem Mann zum Verhängnis.

Erschütternd wirkt in diesem Zusammenhang – weil der Leser geneigt ist, es zu glauben – die Geschichte eines 17-jährigen Burschen, dessen „prinzipientreuem” d.h. nicht korrumpierbaren Vater das organisierte Verbrechen eine Lektion erteilt.

„Der eine, der Kleinere, hielt ihn fest, während ihm der sichtlich Stärkere mit der einen Hand den Mund zuhielt. Mit der anderen hielt er ihm ein XXL-Smartphone vor die Nase, mit Aufnahmen, die sogar Liebhaber billigster Pornofilme schockiert hätten.”

Ist dieser Satz im Original missverständlich oder verschämt übersetzt? Entweder hat man den Schüler vor laufender Handy-Kamera vergewaltigt und damit den Vater erpresst oder dem Teenager die Bilder von der davor erfolgten Vergewaltigung seines Vaters mit einem Kautschukknüppel gezeigt...

Wie dem auch sei: Sexualisierte Gewalt wiegt dort, wo die Ehre mit dem männlichen Hetero-Selbstbild verknüpft ist, ungleich schwerer, ist sie gar homosexualisiert. Einzige Steigerung: Dabei – wie Noahs Blöße vor dem Sohn in der Bibel – die Vater-und-Sohn-Verbindung zu zerstören.

Lesbarer als Tandaschwilis zum Roman drapierte Praxisberichte ist der andere Roman von einem Politiker und vorbildlichen Familien¬oberhaupt, dem die Affäre mit einem jungen Mann zum Verhängnis wird. Bei Davit Gabunia, so der Autor, hat der Chef der Exekutive seinen Liebhaber im Affekt erschlagen und begeht Selbst¬mord, als ihn ein Zeuge erpresst.

Protagonist und die längste Zeit Ich-Erzähler ist der arbeitslose Hausmann und Vater zweier Buben, Surab. Der deutsche Romantitel „Farben der Nacht” ist unglücklich gewählt. Im Original heißt der moralistische Krimi eines Voyeurs aus Langeweile soviel wie „Zerfall” oder „Auflösung”. Dem Hitchcock-Plot von „Fenster zum Hof” nachgestaltet, zeigt er in Ich-Perspektiven anhand eines Mordfalls den Werteverlust in der georgischen Gesellschaft.

Atmosphärisch gelingt Gabunia die Schilderung jenes heißen Sommers 2012, nach dem nichts mehr so sein wird wie davor: Demonstrationen bringen den Staat an den Rand des Bürgerkriegs und nur dem Leser, aus der Perspektive Surabs, erweist sich der höchste Polizist im Land als Mörder. Gabunia lässt den Täter noch biederer als die anderen Personen wirken, ohne ihn zu verurteilen. Der Leser wird in diese Sicht hineingezogen.

Der Originaltitel zeigt Surabs private „Auflösung” innerhalb des Zerfalls der ganzen georgischen Hauptstadt: Aus Frustration wird der arbeitslose Mann Voyeur, wobei ihm, den die Frau zurückweist, entgeht, dass die Geschätzte längst einen Anderen hat. Die Ehe zerfällt, wie, unbemerkt durch den Frustrierten, der Staat zu zerfallen droht. Der ungeheuerliche Mord bleibt ungestraft, ja – bis auf den einzelnen Beobachter – unbemerkt.

Nämlich hat die Wohnung über dem Hof ein junger Mann mit rotem Alfa Romeo gemietet, der regelmäßig von einem älteren Mann besucht wird. Surab erkennt den höchsten Sicherheitsbeamten im Staat und folgt regelmäßig, in zunehmendem Suchtverhalten, dem Treiben der beiden. So weiß er auch, dass der Jüngling noch andere Liebhaber empfängt. Aus Eifersucht schmettert sein Gönner eine schwere Vase auf den Schädel des untreuen Geliebten. Surab verwischt die Spuren der Tat und lässt die Leiche verschwinden. Mit den Bildern, die von die ganze Zeit von seinem Rauchplatz geschossen hat, besucht er den Täter im Amt und erhält einen Job.

So weit die Handlung, die tagebuchartig vorgebracht wird. Weit interessanter ist, was sich über die prekäre Situation der Spezies des bedrohten Patriarchen herauslesen lässt,  sowie über die Psyche eines Mannes, der zwar gesellschaftskonform Homosexualität ablehnt, doch zunehmend von der Sensation angezogen wird. Obwohl er seine Frau liebt, vermag Surab die Zeichen nicht zu deuten. Dass er zu rücksichtsvoll mit ihrer, der sommerlichen Hitzemüdigkeit und Überstunden zugeschriebenen, Lustlosigkeit umgeht, was ihn zusätzlich entmännlicht, erweist sich als Surabs Verhängnis.

Gabunia lässt es den Protagonisten zwar nicht erkennen, doch seine Umgebung spricht es aus: Hausmänner wie der eigentlich gern kochende, putzende, die Buben in Zoo oder Park führende Ehemann, ihren Frauen finanziell unterlegen, werden letztlich so weich, dass sie sich Hörner aufsetzen, ja sich sexuell pervertieren lassen, als Mitwisser, d.h. Mittäter.

Der Autor ist in Georgien v.a. als Dramatiker bekannt, sein erster Roman hätte großen Anklang gefunden, heißt es auf dem Klappentext. In Anbetracht der im Land herrschenden Ängste vor dem gleichberechtigenden europäischen Way of Life, den Surab lebt, stimmt einen die allgemeine Begeisterung für das abschreckende Beispiel nachdenklich .

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Davit Gabunia
Farben der Nacht
übersetzt von: Rachel Gratzfeld
192 Seiten
ISBN 978-3-7371-0041-0
Rowohlt 2018

 

 

 

Tamar Tandaschwili
Löwenzahnwirbelsturm in Orange
Aus dem Georgischen übersetzt
von Natia Mikeladse-Bachsoliani
136 Seiten
ISBN 9783701716913
Residenz Verlag 2018

 

 

 

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