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Wir reden über Literatur
Kolumne

Gerasimos Bekas: #metwo im Literaturbetrieb (2)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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Schöne Worte schützen nicht

Die Tabus fallen. Seit Jahren. Immer lauter werden offen menschenfeindliche Positionen Teil unserer gesellschaftlichen Diskurse. Ja, es war schon schlimmer, denken wir an Solingen und Lichtenhagen und nein, es wird nicht von alleine besser. Allein wird es auch niemandem gelingen, daran etwas zu ändern. Nicht einmal einem Literaten.

Das Problem, in einer Zeit, in der sich alles um Einzigartigkeit und individuellen Marktwert dreht, ist, dass es Bündnisse schwer haben. Es braucht Netzwerke, Solidarität, Kooperationen, um den gesellschaftlichen Diskurs mitzubestimmen. Unsere Werte und unsere Geschichten müssen vorkommen und wir müssen uns gegenseitig zuhören. Mein “wir” ist übrigens ein sehr einfaches, schönes. Es schließt alle Menschen ein, die an die Gleichwertigkeit aller Menschen glauben und bereit sind, für diese Überzeugung einzustehen.

Untergang ist geil. Das holt die Leute ab. Talkrunden im Fernsehen bringen Gruselszenarien in die Wohnzimmer. Der Flüchtling paddelt auf uns zu und kriegt alles geschenkt.

Politische Parteien versuchen sich an der Klaviatur des Bösen, um engstirnige Leute abzuholen, die sich so erst recht veralbert fühlen. Faschismus? Rassismus? Was soll’s! Von allen Seiten wird genickt. Ja, es kann so nicht weitergehen. Ja, auch Menschenhasser muss man ernst nehmen. Besorgt sein is the new Black.

Da muss doch gesagt werden, dass wir bunt und nicht braun sind. Und wer kann das besser als Kulturschaffende? Oder darf man “braun” gar nicht mehr sagen? Das B-Wort? Schlagen wir uns doch die Köpfe darüber ein! An Lippenbekenntnissen zur pluralistischen Gesellschaft mangelt es nicht. Aber wir können nicht allen helfen, und Ungleichheit gab es schon immer und Staffelmiete gibt es jetzt auch in Neukölln.

Im Literaturbetrieb, da wo Leute bezahlt werden, um zu machen, was ihnen Spaß macht oder, um mit Leuten abzuhängen, die für das bezahlt werden, was ihnen Spaß macht, gibt es keinen Rassismus. Für alle, die da draußen in der echten Welt von Rassismus betroffen sind, gibt es sorgenvolle Blicke und ein bisschen Geilheit auf möglichst exotische Leute, die sich ausziehen, weil sie schreiben.

Da kann man nichts machen. Wer schreibt, zieht sich eben aus und je nachdem in welche Schubladen Autor*innen passen, ziehen sie sich auch noch stellvertretend für alle aus, die bereits in den Schubladen geduldig auf weitere Fremdzuschreibungen warten.

Fremdzuschreibung und Selbstinszenierung gehen Hand in Hand. Selbstvermarktung is the very first romance. Der Literaturbetrieb reproduziert Autor*innen-Typen wie Eissorten und wer will keine beliebte Eissorte sein? Kauft das Migrantenkind, das viel erlebt hat, auch wenn es nicht so toll Deutsch kann, dafür ist es wütend. Kauft die junge Frau, die sich durch Szeneclubs kokst und bumst, sie ist so tough oder zerbrechlich. Kauft den Professorensohn, der schreibt wie Handke. Und hier kommt der süße gay-boy um die Ecke und auch der hat was erlebt, was man gehört haben sollte und zitiert Adorno und die Smiths. Jedem sein Label, jedem sein Produkt.

Am Anfang dachte ich, dass der Betrieb zynisch ist. Mittlerweile glaube ich, es fehlt einfach an qualifiziertem Personal. Ein paar Fortbildungen im “echten Leben” könnten bereits Wunder bewirken. Warum nicht mal ein Fellowship in Dortmund-Nordstadt, Jena-Lobeda oder Ulm?

Aber es gibt doch das Internet. Da steht drin, wie die Welt beschaffen ist. Als die #metwo-Debatte losging hatte ich ein Déjà-vu. Ja, ist denn schon wieder 2013?

Damals hieß #metwo noch #schauhin und es passierte genau das gleiche. Menschen mit Rassismuserfahrung öffneten sich, teilten ihre Geschichten mit der Twitter-Welt und bekamen dafür jede erdenkbare Reaktion von Hasskommentaren bis zu Liebesbriefen.

Eine heuchlerische Erkenntnis reifte auch damals schon vor allem innerhalb der Kultur- und Medien-Blase: Staunen. Oh, krass, wer hätte das gedacht? Es gibt Leute, die im Alltag mit Rassismus konfrontiert werden und es sind Freund*innen, Nachbarn, Kolleg*innen. Furchtbar! Hört mal zu, dann seht ihr!

Das kann aber schlichtweg nicht wahr sein, dass es alle fünf Jahre einen Hashtag braucht, damit kurzzeitig ein Bewusstsein dafür entsteht, dass es Rassismus, Sexismus, alle möglichen Formen von Diskriminierung gibt und dass unser Zusammenleben davon beeinträchtigt wird.

Die meisten Leute, die mich vor dem Literaturbetrieb gewarnt haben, könnten selbst mit Leichtigkeit Bibeln mit ihren persönlichen #metwos und #metoos und #schauhins füllen. Im Literaturbetrieb machen Menschen diese Erfahrungen nicht seltener als auf der Straße oder in der Warteschlange beim Bäcker. Und wenn es “nur” die Erfahrung ist, am Ende mit Labels auf der Stirn herumzulaufen und um sich herum niemanden zu haben, der weiß, wie sich das anfühlt. Am Ende fühlt sich jede*r ein bisschen benutzt und ein bisschen verkannt, aber Schreiben ist viele Opfer wert.

Sich darüber zu beschweren ist heikel, niemand ist gezwungen, sich auf den Literaturbetrieb einzulassen, es gibt wahrlich schlimmere Schicksale. Und auch Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, können unter dem Literaturbetrieb leiden. Vielleicht ist Leid der große Motor des Betriebs überhaupt. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass ich in den Literaturhäusern und auf Literaturveranstaltungen auf eine diversere Gruppe von Menschen treffe. In allen Rollen. Wenn Literatur der Gegenwart den Spiegel vorhält, sollte der keine blinden Stellen haben. Wir sind an einem gesellschaftlichen Wendepunkt. Das könnte doch mal zur Abwechslung etwas Gutes bedeuten.

Jetzt und in den nächsten Jahren entscheidet sich der neue Standard in der deutschen Debattenkultur. Klar können wir darauf hoffen, dass der Literaturbetrieb von sich aus so bedeutend und unverzichtbar ist, dass er sich den Herausforderungen der Zeit nicht stellen muss. Ein wenig wundern würde mich das allerdings schon.

Wo es hingeht, bleibt Verhandlungssache. Ich wünsche mir an meiner Seite Menschen, die sich ernsthaft die Fragen stellen: Wie wollen wir zusammenleben und was können wir dafür tun? Egal, was der ARD-Brennpunkt, Illner, Plasberg oder Twitter sagen.

 

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