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Wir reden über Literatur
Kolumne

Hakan Tezkan: #metwo im Literaturbetrieb (8)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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Risse, Grenzen, Schwellen

Ein Riss, heißt es, geht durch das Land. Es gibt Mann und Frau, es gibt In-und Ausländer (darin?). Binäre Urformel, binärer Urzwang unseres Denkens. Den Sinn für Synthesen sinnieren, heißt es hier schon lange nicht mehr. These und Antithese. Mehr nicht. Nur ein festgestelltes Entweder-Oder.

Ein Riss geht durch das Land. Es heißt: Reißt ihn tiefer. Aber Risse sind auch Grenzen. Reißen wir sie zu tief, werden sie zu Abgründen.

Wie ein Wind durch eine schmale Gasse zieht ein Riss durch das Land. An beiden Flanken stehen turmhoch die Häuser. Hinter den Fenstern stehen Menschen, es heißt, sie winken. Die einen winken heran, die anderen, heißt es, winken ab. Unter allen aber liegt eine Straße und weht ein Wind und geht ein Riss entlang.

In der Literaturtheorie existiert ein von Jurij M. Lotman stammendes Modell, mit dem ein Ereignis in einem Text zu identifizieren ist. Ohne Ereignis, so das Modell, keine Geschichte. Die Landkarte, die es vom Text entwirft, basiert auf der Annahme von semantischen Räumen.

In einem System, oder einem Land, einer Familie, einer Facebook-Gruppe usf. gibt es immer mindestens einen semantischen Raum, meistens aber mehrere. Semantisch ist der Raum, weil er bestimmte Eigenschaften (Werte etwa) auf sich vereint.

Nehmen wir nun an: Es gebe ein Land namens V und eines namens W. Nehmen wir an: Beide Länder entsprächen genau einem semantischen Raum, der über eine bestimmte Eigenschaft verfügt, etwa, grob vereinfacht: Pfau (V) stünde für Höflichkeit, Weh (W) für Nähe. Ein Ereignis, ließe sich mit dem Modell sagen, fände in dem Moment statt, da eine Figur über die Grenze von Weh nach Pfau oder umgekehrt tritt. Ein Ereignis ist immer eine Grenzüberschreitung. Eine Grenze ist immer ein Riss, der durch das Land geht, während der, der die Grenze überschreitet, seinen Weg kreuzt. Was passiert mit dem, der den Weg des Risses kreuzt?

Nehmen wir an, die Grenzüberschreitung wäre ein Ereignis, das den bestehenden Raum und seine Eigenschaften nicht verändert, so gäbe es drei Alternativen:

Erstens, er assimiliert sich und wird Teil der Ordnung. Zweitens, ihm gelingt es nicht, Teil der Ordnung zu werden, und er kehrt zurück. Drittens, ihm gelingt es nicht, Teil der Ordnung zu werden, und er scheitert an Ort und Stelle.

In Wirklichkeit aber, möchten wir annehmen, ist ein semantischer Raum, ist ein Land oder eine Facebook-Gruppe niemals stabil. Sie verändern sich und vergehen genauso wie die Menschen darin sich verändern und vergehen, wenn auch meist viel langsamer und schwerfälliger.

Nehmen wir an, es sei nun Folgendes geschehen:

Ein junger Student brach von Weh nach Pfau auf. Er überquerte die Grenze. Fragte er in Pfau nach dem Weg zu einer Unterkunft, gab man ihm bereitwillig Auskunft und wünschte, noch als der junge Student schon im Horizont verschwand und mit der Nasenspitze den Boden berührend, eine angenehme Reise.

Nehmen wir an: Einmal verfing sich der Student in einem anderen Menschen. Er kam nicht mehr los und heiratete.

War er nun assimiliert? War er gescheitert?

Der junge Student sagte, wenn man ihn fragte: Nein. Er wäre noch nicht Pfau. Er wäre auch nicht mehr Weh. Mehr könne er dazu nicht sagen.

Nehmen wir nun weiterhin an: Der junge Student blieb in Pfau, aber in ihm ging, weil in ihm eben auch noch immer ein Erfahrungsraum von Weh (aber nicht Weh selbst) lag, ein Riss entlang. Auf der einen Seite lag Weh, auf der anderen Pfau. Oft sprang der junge Student über den Riss, der ihn durchschritt, und winkte sich jedes Mal von Neuem zu, oder ab, oder winkte sich heran, es war nicht zu sagen. Wenn man ihn fragte, ob er inzwischen sich als Pfauer empfinde, sagte er nichts, fand keine Worte. Er blieb stumm eine ganze Weile. Erst später erfand er eine Sprache dafür. Dann sagte er, wenn man ihn fragte: Er sei ein Riss. Pfeh heiße sein Land.

Nehmen wir an: Es gebe, was der Wirklichkeit eher entspräche, noch mehr als diese zwei semantischen Räume, zum Beispiel fünf oder zehn, so wird die Zahl möglicher Verschränkungen (Kombinationen) schnell unübersichtlich.

Nehmen wir an: Weil die Menschen in Pfau nicht nur eine Erfahrung von Pfau, sondern in vielfältigen Kombinationen Erfahrungen all dieser verschiedenen Räume einbrachten, waren sie niemals Pfau selbst. Sie konnten es auch nicht sein. Pfau war das Netz, das sie bildeten. Es war der Raum für ihre Verstrickung miteinander. Als Netz und Ansammlung all dieser Menschen mit all diesen Erfahrungsräumen war Pfau niemals homogen, sondern immer schon die Aufteilung von Differenzen.

Nehmen wir an: Der junge Student, der inzwischen alt geworden war und selbst Kinder hatte, war ein Knotenpunkt in diesem Geflecht menschlicher Interaktionen. Nehmen wir an, sein Erfahrungsraum (Weh und Pfau) wirkte sich aus auf all diejenigen Menschen, die ihn in diesem Netz unmittelbar umgaben (und in einem weiteren Schritt auch auf diejenigen, die diese den jungen Studenten unmittelbar umgebenden Menschen unmittelbar umgaben usf.), und veränderte auf diese Weise die Netzstruktur selbst. Gleichzeitig veränderten auch die Pfauer, die dem jungen Studenten begegneten, seinen ihm eigenen Erfahrungsraum.

Der junge Student hatte sich weder assimiliert, noch war er gescheitert. Er hatte sich in einen Menschen verfangen und war geblieben. Er hatte sich verändert, er war Pfau und Weh. Der Frau des jungen Studenten und seinen Kindern erging es ja ähnlich, auch sie waren nicht nur Pfau, auch sie waren mehr oder weniger Pfau, mehr oder weniger Weh. Ebenso verhielt es sich bei jenem Gemüsehändler, bei dem der junge Student jeden Freitag eine Tüte voll Feigen kaufte.

Wir möchten nun annehmen: Die Rede von 1 Riss, der durch das Land geht, ist falsch. Durch das Land gehen wie überall und schon immer (und potenziert nicht zuletzt auch durch das Internet) unzählige, kleine Risse.

Jeder Riss ist eine Grenze. Jede Grenze ist gleichzeitig eine Schwelle, die wir übertreten können. Reißen wir den Riss zu tief, ist er keine Grenze mehr, nur noch eine Kluft oder ein Abgrund. Ohne eine Grenze aber gibt es kein Ereignis und damit gleichfalls keine Geschichte.

Es heißt nicht: Entweder-Oder, entweder Pfau oder Weh. Mann oder Frau. In- oder Ausländer. Es heißt nicht: Hier sind zwei Pole mit einem unendlichen Riss dazwischen. Die Welt, möchten wir annehmen, ist immer ein Zugleich, ein Mehr-und-Weniger. Ich bin, in gewisser Hinsicht, Mann und Frau.

Für den jungen Studenten war Pfau ohnehin nie Pfau gewesen, immer Pfeh. Antwortete er aber einmal mit Pfeh, verstand ihn keiner, weil alle von Pfau als einer Idee ausgingen und nicht von den Menschen, die es bevölkerten. Bald schon gab er es ganz auf.

Wir sind, möchten wir annehmen, schon immer ineinander verfangen. Wir teilen uns dieselben Straßen, dieselben Bahnen, denselben Bäcker. Unsere Verstrickung ist nicht leichthin wegzuwischen. Sie endet auch nicht vor nationalen Grenzen, auch wenn wir uns das gerne einreden. Wer der Möglichkeit von 1 Kultur, von einer 1heit im Ganzen nachspricht, verschließt rücklings die Augen vor der unglaublichen Komplexität unserer Lebenswelt. Mit unserer gegenseitigen Teilhabe an dieser unseren Lebenswelt einher geht 1 Verantwortung. 1 Riss geht nur durch das Land, wenn wir aufhören darüber und vor allem miteinander und eben nicht gegeneinander zu sprechen.

Die Sprache bildet natürlich die essentielle Grundlage für einen Menschen, Teil einer Gesellschaft sein zu können. Sie ist aber noch kein hinreichender Grund, ihn tatsächlich als zugehörig zu empfinden. Zugehörigkeit ist nicht über Sprache allein definiert, nur unter anderem.

[verblüfft:] Sie sprechen ja besser als so mancher Landsm...

Zugehörigkeit entsteht erst dann, wenn einem Gehör geschenkt wird. Erst in der Gabe, tatsächlich die Grenze als Schwelle übertreten und sprechen zu dürfen, entspringt Zugehörigkeit. Das Entspringen von Zugehörigkeit ist eine Grenzüberschreitung, ist ein Ereignis, ist Geschichte. Sie entsteht nicht in der Distanz schaffenden Rede von „Immigrantenliteratur“. Von diesem Ort aus bleiben die Worte stumm, von hier aus können wir nicht erkennen, wie wir alle miteinander und also natürlich auch mit Migrationserfahrungen verstrickt sind. Gehör kann eine solche Literatur erst finden, wenn sie die Grenze als Schwelle überschritten hat und von einem Hier aus spricht, das uns alle betrifft oder, vielleicht besser: das uns alle angeht.

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