Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

My white male bookshelf #3

Hoffnun' von Puneh Ansari

 

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen.

 

 

Samstagmorgen, bevor ich nach Leipzig zur Buchmesse fahre, packe ich meinen Koffer: Zahnbürste, Socken, Stift (Schriftsteller ohne Stift sei schlecht, meinte eine Freundin mal) … ein Buch … Soll ich ein Buch mitnehmen? Ein Buch zur Leipziger Buchmesse? Das ist ja wie Eulen nach Athen tragen. Und die Zugfahrt dauert sowieso nur eine Stunde und fünfzehn Minuten. Trotzdem: Man sollte immer ein Buch dabei haben, für Notfälle (meinte die gleiche Freundin).

Dann in den Zug, noch ein bisschen schlafen, bis Wittenberg, und dann die Durchsage: »Aufgrund von witterungsbedingten Störungen verzögert sich die Weiterfahrt um unbestimmte Zeit. «

Ok, noch nicht gefrühstückt, keinen Kaffee getrunken, aber immerhin habe ich ein Buch eingepackt: Puneh Ansaris »Hoffnun'«. »Hoffnun'« ist 2017 bei mikrotext erschienen und versammelt »die besten Posts« der Autorin. Hoffnun' ist also gewissermaßen ein Stück lektoriertes, ausgedrucktes Internet.

Nach einer Stunde kommt eine neue Durchsage. Statt nur witterungsbedingter Störungen heißt es, dass man mit dem Zug am gegenüberliegenden Gleis zurück nach Berlin fahren könne - sofern man die Fahrt abbrechen wolle.

Will ich aber nicht und lese stattdessen Ansaris Post auf Seite 16:

»Wie hat jetzt die erste Bank offen?
9 bis 12? 9-12uhr30 & 13:00-15uhr?
Betrachtet es als Quiz, denn sonst ergaebe es hier kaum keinen Sinn«

Nach einer weiteren Stunde Warten in Wittenberg, ca. 5 weiteren Durchsagen im gleichen Wortlaut und einem weiteren ICE, der zurück nach Berlin fährt, entpuppt sich »Hoffnun'« langsam aber sicher als Rettung.

Der Zug wird immer leerer, weil immer mehr Leute die Fahrt offenbar »abbrechen«, was heißt, dass sie zurückfahren. Ich werde immer verzweifelter, weil ich wirklich gerne auf die Buchmesse möchte und außerdem Hunger habe. Und dann kommt auch noch der Schaffner und verteilt »Fahrgastrechte-Formulare«. Formulare, mit denen man bei langen Verspätungen Geld zurückfordern kann. Als ich ihm sage, dass ich gerne einen Zangenabdruck auf meiner Fahrkarte hätte, weil ich ja sonst sicher keine Fahrgastrechte geltend machen könne, fragt er, ob ich denn noch nicht kontrolliert worden sei. Ich sage, nein, und er fragt allen Ernstes, warum ich mich nicht gemeldet hätte.

Ok, denke ich, weil ich vorhin noch auf dem Boden in einem anderen Wagen gesessen habe, weil der Zug total voll ist und nirgendwo ausgeschildert ist, wo die Abteile ohne Reservierung sind. Aber ich sage nichts. Der Schaffner wird wahrscheinlich schlecht bezahlt und kann wenig dafür, dass der Zug immer noch steht und ich deshalb sauer bin. Ich lese:

»Für ›Berufe‹ wie z.B. Museumsaufsicht eine Saison, die vor was weiß ich 20? Jahren 17jährige Ferialschueler als Flexstempeltaschengeld gemacht haben gibt es heute Assessment Center und sich ueber Wochen ziehende castingshows die ein Bruttoinlandsprodukt von Milliarden  lukrieren das in sich verpufft am Ende dann findet man den geborenen Menschen mit Hingabe […]« (S. 101)

Der Schaffner musste bestimmt auch durch irgendein Assessment Center, nur um die Karten zu knipsen und seine Sprüche abzuspulen. Irgendwie sind wir beide dann doch am unteren Ende der Nahrungskette.

Dann lädt die Bahn zu Kaffee und Brötchen ein, ich stelle mich in die Schlange und lese:

»Diese Spinat-Mozarella Knoedeln vom Hofer sind nicht empfehlenswert ..
Es passt von vorne & hinten nichts zusammen aussen Kartoffelteig. Was das letzte ist immer, ein steinharter zacher teig der nach nix schmeckt […]« (S. 46)

So schmeckt das Brötchen ungefähr, aber hey, immerhin lädt die Deutsche Bahn AG mich ein. Ich nehme einen Schluck pappigen Kaffee mit sehr schlecht schmeckender Kondensmilch aus diesen Minidöschen und freue mich, weil:

»kaffee löst autophagie aus (das ist gut)
(man kann ihn auch koffeinfrei trinken, aber man muss ihn schwarz bzw ohne tierisches eiweiß trinken oder so..) […]« (S. 37)

Also keine Autophagie.

Nachdem »am gegenüberliegenden Gleis« noch ein ICE nach Berlin »bereitgestellt wird« und mein Zug sich fast völlig leert, wird durchgesagt, dass mein Zug »wegen witterungsbedingter Störungen ausfällt«, »am gegenüberliegenden Gleis« aber »in Kürze« ein weiterer ICE Richtung Halle »bereitgestellt wird«.

Ich steige um und stehe auf dem Gang im Zug Richtung Halle. Der Zug fährt kurz, dann steht er wieder und ich kann auf google maps sehen, dass es bis Halle noch ganz schön weit ist - zumindest in der Geschwindigkeit. Von Halle soll eine S-Bahn nach Leipzig fahren.

Und dann geht mein Handy aus, weil der Akku leer ist und es auf dem Gang keine Steckdose gibt und der Akku im vorigen Zug nur sehr langsam lud, weil das Ladekabel irgendwie kaputt ist. Ich bekomme langsam auch Lust etwas kaputt zu machen. Noch nicht mal, weil ich sauer auf die Bahn wäre, sondern einfach, weil ich jetzt gerne Udon-Nudeln am Leipziger Bahnhof essen würde. Aber damit wird es vorerst nichts. Mittlerweile wurde immerhin der Grund für die »witterungsbedingte Störung« durchgesagt und gerüchteweise geklärt: Nur ein Teil der Weichen am Bahnhof seien beheizt, die anderen quasi kaputt, weil es zu kalt ist.

Ich nehme wieder Ansaris gedruckte facebook-posts, die auch ohne Akku funktionieren, und lese über kaputte Kabel:

»am Ende des kapitalismus, vielleicht kommt es ja, da ist dann alles einfach nicht kaputt so snell es hört auf kaputt zu sein und kaputt zu gehen die Kabelenden hören auf von den Geräteanschlüssen abzuschleißen und abzureissen wie die lila Adern beim mit den Zähnen rausfletschen aus der Hühnerbrust und den Haxen beim hamhamham […]« (S. 26)

Vielleicht gehen ja auch die Weichen am Ende des Kapitalismus. Vielleicht weil sie nicht weggespart werden, vielleicht, weil dort jemand angestellt ist, der einen riesigen Hebel, der kaum einfrieren kann, mit der Hand umlegt.

Jedenfalls dauert es noch eine ganze Weile bis ich am Leipziger Bahnhof bin. Und Ansari ist wirklich meine Rettung. Sie schreibt über die Fährnisse der neoliberalen Gegenwart, von denen man nie ganz loskommt, wie von spleißenden Ladekabeln, von Öffnungszeiten der Banken oder der Investitionspolitik der Deutschen Bahn AG. Das Ermutigende daran ist die konsequent eigene und subjektive Sprache, in der sie das macht, was sie will, und die sich um nichts schert, als die Möglichkeit sich darin zu bewegen. Eine Gegensprache zum bürokratisch neoliberalen Stumpfsinn à la: »Aufgrund von witterungsbedingten Störungen …« Und dazu passt am Ende auch der Titel: »Hoffnun'«.

Die Messe ist nach meiner über neunstündigen Fahrt mit glatten acht Stunden Verspätung dann vorbei. Aber immerhin gibt es noch Udon-Nudeln am Hauptbahnhof und »It's a book« ist noch geöffnet - die alternative Messe für Independent-Verlage.

***

Puneh Ansari
HOFFNUN'
mikrotext
Mit 11 Zeichnungen der Autorin
5,99€ E-Book
14,99€ Taschenbuch
   
 

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge