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Kolumne

Poesiegalerie Wien Tag*3

Lobrede mit Ausblick

Nach Mitternacht ging der dritte und letzte Tag der POESIEGALERIE mit einer fulminanten Performance von Ilse Kilic und Fritz Widhalm zu Ende. Begleitet vom Flötenspiel der Improvisationsmusikerin Angelina Ertel spürten sie in dichten, theatralen Texten der Unaufhaltsamkeit ihres Alterns und der Gewissheit des sich nähernden Todes nach und verwandelten Unwägbarkeiten in eine eindringliche Anrufung des Lebens.

Bis dahin hatte sich nach drei langen Abenden kaum merklich die eine oder andere Ermüdungserscheinung eingeschlichen,

 

waren in der Moderation Udo Kawassers etwa die „Gräser ...“ eines Buchtitels zu „Gräber“n oder die „Herzkranzgefäße“ eines anderen zu „Herzkrankgefäße“n mutiert. Da ließ auf einmal der Beamer sich bitten und, wie Astrid Nischkauer vergnügt anmerkte, auch Notenständer und Mikrophon waren gestern bereits etwas „müde“ und ließen sich nach so vielen Stunden des Einsatzes manchmal hängen. Solch kleinste Pannen wären auch gar nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht gerade die kleinen Stolperer diesen rundum geglückten drei Veranstaltungstagen noch eine zusätzliche, sympathische Note gegeben hätten.

Die drei Tage der Wiener POESIEGALERIE zeigten eindrücklich, was möglich ist, wenn einer nicht nur die Nichtsichtbarkeit der Lyrik bejammert wie alle, sondern aktiv wird, sich ein Ziel setzt und es so zielstrebig wie hartnäckig durchzieht. Der Dichter Udo Kawasser hatte nicht nur die Idee, der Lyrik im Rahmen der diesjährigen Buchmesse Wien erstmals einen eigenen Ort zu ermöglichen und dort die zeitgenössische österreichische Poesie sichtbar zu machen, sondern er hat auch die vielen nötigen Vorarbeiten durchgezogen, hat intensiv mit Verlagen, Lyriker*innen, Musiker*innen und der Galerie verhandelt. Dabei blieb er offen für Vorschläge, hat seine eigenen hinterfragt und in Gesprächen weiterentwickelt. Darüber hinaus hat er ein Logo kreiert, Folder, Plakate und T-Shirts drucken lassen, eine Facebookpräsenz etabliert (www.facebook.com/Poesiegalerie), sich um Pressekontakte bemüht und für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt.

„Mr. POESIEGALERIE“ war vor Ort, ein präsenter und geduldiger Garant für den reibungslosen Ablauf dieser Gedicht-Intensivkur, betätigte sich nicht nur als Moderator der Auftaktveranstaltung, einer Diskussion über Lyrik und Lyrikkritik, sondern stellte in 17 dicht getakteten Poesiestunden die Lesenden vor, war Fotograf, technischer Betreuer, unbestechlicher Kontrolleur der Lesezeit und vieles mehr. Er blieb dabei stets gelassen, mehr noch, es war ihm die Freude über das Gelingen dieses Abenteuers anzumerken.

Dass ihm das alles überhaupt möglich war, ist nicht zuletzt der geduldigen Umsicht seiner Frau Rachel zu verdanken, die nicht nur seinen Einsatz bereits im Vorfeld mittrug und unterstützte, sondern auch vor Ort äußerst aufmerksam im Hintergrund arbeitete.

So war von 8.-10.11. eine breite Vielfalt lyrischer Stimmen in ganz unterschiedlichen Präsentationen zu hören, zu sehen und zu erleben. Pro Stunde wechselten drei je 15-minütige Lesungen mit einer Viertelstundenpause ab, in der Bücher und Literaturzeitschriften auf den reichlich bestückten Büchertischen

durchgeblättert und vor Ort erworben sowie Kontakte zu Poet*innen angebahnt oder gepflegt und Erfahrungen ausgetauscht werden konnten. Veranstaltungsort war eine Galerie, die für das zahlreich erschienene Publikum mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht erreichbar war. Es war ein Ereignis in Wien, das nicht nur bereits etablierte Lyriker*innen aus Österreich mit ihren neuen Büchern präsentierte, sondern in „Wilden Stunden“ Dichter*innen ohne eigenem Buch ebenfalls die Möglichkeit gab, aus ihren Texten zu lesen. Auch einige Stimmen aus umliegenden Ländern kamen zu Wort, etwa Sina Klein aus Deutschland, Gregor Podlogar aus Slowenien, Marko Pogačar aus Kroatien oder Dénes Krusovsky aus Ungarn. Und es war eine Veranstaltung, bei der Literat*innen und Musiker*innen der Geburtsjahrgänge 1941 bis 1997, quasi vom Großvater bis zur Enkelin, und somit gleich mehrere Generationen vertreten waren. Sie alle waren Teil der Premiere der neuen POESIEGALERIE, ein Fest des Wortes und der dort alle einenden Freude am Wort, am zeitgenössischen Gedicht und an der Musik, selbst wenn letztere manchmal „präzis verstimmt“ war.

Es war für alle Beteiligten ein Anfang, dem weitere Veranstaltungen folgen werden. Denn Wunsch und Ziel ist es, auch nächstes Jahr wieder bei der POESIEGALERIE „alle neuen Bücher des Jahres beisammen zu haben“ (Zit. Udo Kawasser), einen Überblick über die aktuelle Lyrikproduktion in Österreich zu vermitteln und dem Publikum die Möglichkeit zu geben, poetischen Präsentationen lauschen zu können.

Und jetzt kannst du, lieber Udo, dein T-Shirt endlich ausziehen und ein wenig zur Ruhe kommen.

Doch keine Sorge, das Leiberl rennt nicht davon, sondern wartet geduldig, wartet!

 

P.S.: Unser besonderer Dank gilt Julietta Fix, die das Projekt POESIEGALERIE und damit ein Forum für zeitgenössische österreichische Poesie mit Interesse begleitete und dem Bericht ihrer österreichischen Mitarbeiter*innen Platz auf Fixpoetry einräumte!

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