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Wir reden über Literatur
Kolumne

Maria Milisavljevic: #metwo im Literaturbetrieb (1)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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Geister, Ketten und Quadrate

Der Rassismus im Literaturbetrieb ist ein Geist. Wenn er auftaucht, ist sich nachher niemand so wirklich sicher, ihn gesehen zu haben. Wenn er abwesend bleibt, wird er zur Legende und zum ängstlich erdachten Schauermärchen sich betroffen fühlender Autoren.

Dass er ein Geist ist, liegt nicht etwa daran, dass der Rassismus im Literaturbetrieb vielleicht tatsächlich gar nicht da wäre. Er ist ein Geist, weil er, wie das Geister eben oft tun, nicht aktiv handelt. Er ist passiv. Er beschimpft nicht, sagt nie, was er will, sagt nie, wie es zu sein hat. Dennoch kreiert er eine (Literatur-)Welt, in die er ganz unsichtbar einfließen lässt, wie es eben nicht zu sein hat.

Nicht zu sein hat – und hier angeführt wird nun ein Beispiel, für das es weder greifbare Beweise, noch eine statistische Belegung gäbe (und das obwohl der Geist ‚Statistik‘ seit jeher ja eigentlich ganz gern den Tanz mit dem Geist ‚Rassismus‘ sucht) – zum Beispiel: ein junger Mann mit arabischem Namen, der über seine katholische Jugend in Niederbayern schreibt, ohne auch nur ein einziges Mal darauf einzugehen, dass er (denn das lyrische Ich, so weiß der Leser, kann ja nun, da dieser Name auf dem Buchdeckel, keineswegs ohne exotische Abstammung sein) einen exotischen Namen trägt.

So ist das: die wirkenden Stränge des Geistes ‚Rassismus‘, wie er so im Literaturbetrieb wandelt, schreien nicht „schreibe so“, sie flüstern „so leider nicht“. Er verknüpft Fiktives mit Realität auf eine Weise, die das Konzept Literatur schlichtweg zerreißt. Literatur schafft Welten. Es gibt absolut keinen triftigen Grund nur solchen unserer Welten eine Daseinsberechtigung zu gewähren, die sich mit unserem Namen und unserer Herkunft auseinandersetzen. Absolut keinen. Trotzdem legt dieser Geist Schreibenden, so sie den dafür brauchbaren Namen tragen, seine jahrhundertealten Ketten an. Ketten, die geschmiedet sind aus eigentlich längst überholten Theorien und verworfenen Systemen. Und dann lässt er sie auf dem kleinen Quadrat tanzen, das ein Name oder eine ominöse Herkunft angeblich beschreibt.

Und so ist dieser Geist eigentlich ein Wahnwitz: dass er nämlich so agieren darf, rechtfertigt sich damit, dass ein erdachter Leser es sich so wünscht. Der Geist rechtfertigt sich mit einem Markt, der eine reale Person angeblich nicht von einer fiktiven zu unterscheiden weiß. Er tut so, als habe die gesammelte deutsche Leserschaft damals in der Mittelstufe nicht aufgepasst, als man ihr beibrachte, dass das Lyrische Ich sich ja eben niemals mit dem Autor deckte, als man ihr das Konzept ‚Fiktion‘ erklärte.

„Aber so verhält er sich doch gar nicht“, schreit nun der Geist, zwei Schritte hinter mir (oder vor mir? So sicher darf man sich da niemals sein und wähnen). „Es ist doch gerade das Exotische, das Unbekannte, das einen Leser zu eben deinem Buche greifen lässt, meine liebe Freundin mit Migrationshintergrund!“ Ach ja, man vergisst es so leicht: so schön könnte diese Freundschaft ja auch sein. Denn, so heißt es, vor Jahren hatten Autoren mit Migrationshintergrund ja keine Stimme. Man las sie nicht. Nun sehnt man sich nach ihnen. Will ihre Geschichten voller Heimatlosigkeit, Identitätssuche, Kriegstrauma, exotischen Gewürzen und türkisschimmernden Stoffen. Und für diesen Trick sollte man ihn eigentlich lieben, diesen geisterhaften Verdreher: wie ein jeder guter Unterdrücker und erprobter Kategorisierer lässt er uns froh sein über unser endlich gefundenes Sein, unseren Platz im System. Er ist die Hand, die uns füttert. Wollen wir sie wirklich beißen?

Wir müssen. Auch wenn dies nur bedeutet, Dich Geist, zu benennen, Dich nicht in Deiner Unsichtbarkeit zu stärken. Wir müssen, nicht nur um unsertwillen. Sind wir es nicht der Macht der Worte schuldig? Wir sind es all unseren Welten schuldig, die in Schublade liegen, weil sie nicht dem für uns gezeichneten Quadrat des Marktes entsprechen.

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