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Kolumne

My white male bookshelf #1

»Im Inneren des Labyrinths liegt weder ein Schatz, noch gibt es dort einen Minotaurus, mit dem man einen Kampf bestehen muss, der Weg bricht plötzlich an einer Wand ab, die weiß ist wie die ganze Stadt, eine hohe, nicht zu überwindende Mauer. Angeblich ist es die Mauer eines unsichtbaren Heiligtums, doch die Tatsache bleibt bestehen: Wir sind an ein Ende gekommen, weiter geht es nicht mehr. « (Olga Tokarczuk: »Unrast«, S. 415)

Es war vor etwa zwei Monaten an einem Winterabend. Einer dieser Momente, wenn man beim Lesen unwillkürlich ans Internet denkt und sich davon abhält, aufs Handy zu schauen. Ich sah vom Buch auf, auf viele andere Bücher, mein Bücherregal, und erinnerte mich an ein Foto, das ich einmal auf Facebook gesehen hatte: Ein Buchladen hatte sämtliche Bücher männlicher Autoren umgedreht. Man sah also nicht mehr ihre bunten Rücken, sondern ihr weißes Fleisch, die Buchblöcke, die sich nach innen wölbten. Das Erschreckende: Die Buchhandlung war weiß geworden. Nur ganz vereinzelt waren zwischen den weißen Seiten Buchrücken von Autorinnen zu erkennen.

Erleichtert, dass mein Bücherregal nicht so aussah, nahm ich mein Handy, las ein paar Sachen. Und dann, wahrscheinlich, weil es wieder nichts Neues gab, stand ich auf und fing an, sämtliche Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umzudrehen.

Am Ende war meine Wand genauso weiß wie die auf dem Foto.

My white male bookshelf steht bei Tillmann Severin

Genau wie in der Buchhandlung standen zwischen den weißen Buchblöcken nur vereinzelte bunte Buchrücken ― und einer, der auch weiß war. Auf dem weißen Papier des Umschlags stand, schwarz auf weiß, »Olga Tokarczuk«, und darunter in Rot: »Unrast«.

Das Buch ist 2009 bei Schöffling erschienen, aus dem Polnischen übersetzt von Esther Kinsky. Es klingt fast wie ein Witz, ist aber keiner: »Unrast« ist eines der Bücher, die bei mir immer wieder den Platz wechseln, um in meiner Nähe zu bleiben. Auch die Unrast meiner Bücher ist kein Witz: Ich bin nicht nur ein Chaot, was Bücher angeht, sondern in den letzten Jahren so oft umgezogen, dass die Adressaufkleber auf meinem Ausweis das Portmonee ausbeulen. Mir ist völlig rätselhaft, wie man ein Bücherregal in Kisten packt, irgendwo wieder auspackt und die Ordnung der Bücher dabei dieselbe bleibt. Umzüge würfeln in meinem Regal durcheinander, was sowieso schon keine Ordnung hat: Denn die Bücher, in die ich immer wieder hineinschaue, werden aus dem Regal gezogen und wandern auf meinen Schreib- oder Nachttisch. Und irgendwann, wenn es einen Stapel solcher Bücher gibt und ich entscheide aufzuräumen, wandern sie zurück in das Regal, das meinem Schreibtisch am nächsten steht. Deshalb gibt es Bücher, die in meiner Nähe bleiben und solche, die verstauben.

Unrast ist nie verstaubt.

(c) Schöffling & Co

Und es geht in dem Buch auch um Bewegung, um Reisen, genauer gesagt: um Körper in Bewegung. Schöffling hat sich gespart, irgendwo »Roman« auf den Umschlag zu schreiben. Aus gutem Grund. Zwar wird erzählt, aber nicht eine Geschichte, sondern viele kleine Geschichten, kurze Notizen oder längere Erzählungen. Aber es ist keine Sammlung, sondern ein zusammenhängendes Buch, das Motive wieder aufgreift, wiederkehrende Themen hat und eine Erzählerin, die man mit der Autorin selbst identifizieren möchte. Was mich an »Unrast« neben dieser Struktur begeistert, ist der Stil.

Zeitgenössischer Stil wird in Deutschland häufig mit kurzen Sätzen, Lakonie und einer weitgehenden Abwesenheit von bedeutungsschweren Bildern und Adjektiven assoziiert. Wer will auch schon Texte lesen, die klingen wie aus einem anderen Jahrhundert? Aber Tokarczuk gelingt es, zeitgenössisch, teils lakonisch zu klingen und dabei bildreich und begriffsschwer zu schreiben:

»Angeblich ist es die Mauer eines unsichtbaren Heiligtums, doch die Tatsache bleibt bestehen: Wir sind an ein Ende gekommen, weiter geht es nicht mehr.«

Unsichtbares Heiligtum, Ende, das klingt groß - und ist es auch, eben weil der Stil dabei so gegenwärtig ist.

In einer Notiz der Erzählerin heißt es:

»Für den Besuch von Kunstmuseen habe ich nie viel übrig gehabt, und wenn es nach mir ginge, könnte man an ihrer Stelle gerne Kuriositätenkabinette einrichten, wo das Seltene und Einmalige, das Absonderliche und Monströse gesammelt und ausgestellt wird.«

Das Monströse. Ich erwarte, dass etwas Hochtrabendes folgt, vielleicht der Name eines französischen Philosophen. Aber das ist nicht der Fall:

»Das, was im Schatten des Bewusstseins existiert und aus dem Blickfeld verschwindet, sobald man hinschaut.«

Ein kurzer, völlig klar gebauter Satz, den man schnell erfassen kann, der dabei aber in sich komplex und klangvoll ist.

In einem anderen Abschnitt von »Unrast« geht es um einen Doktor Blau, der gerne nackte Frauen fotografiert und sich für Körperpräparate interessiert. Er reist zu der Witwe eines bekannten Präparators, um über dessen Vermächtnis zu sprechen. Als er ankommt, sprechen die Witwe und Blau über den Tod des Mannes:

»›Er war erst einundsiebzig. Mit dem Körper konnte man nichts mehr machen. Der war völlig zertrümmert.‹
Er erwartete, dass sie jetzt weinen würde, aber sie nahm nur ein weiteres Crouton und zerbröselte es über dem restlichen Salat.
›Er war auf den Tod nicht vorbereitet. Aber wer ist das schon? ‹, sagte sie laut.«

Auch hier Reisen und Körper, in diesem Zitat eher lakonisch, aber dennoch hochpräzise: Der Körper völlig zertrümmert, ein weiteres Crouton zerbröseln und der restliche Salat. Da liegt eine feine Ironie in den Adjektiven und dem Verb. Und dann ein ernster Nachsatz über den Tod.

Die unterschiedlichen Register machen Tokarczuks Stil aus. Großartig daran ist, dass man beim Lesen ihrem Denken folgt. Da entsteht im Erzählen so etwas wie eine Theorie. Ich kenne wenige zeitgenössische Autor*innen, von denen ich das sagen würde.

Nachdem die Erzählerin an der weißen Wand angelangt ist, kommen nur noch ein paar Seiten, dann ist »Unrast« zu Ende.

Ich stelle das Buch also zurück in meine weiße Wand und erkenne gerade in Tokarczuks weißem Buchrücken einen Silberstreif: Ab jetzt werde ich nur noch weibliche Autorinnen lesen und zuschauen, wie sich mein Bücherregal langsam verändert. Wie zwischen den weißen Buchblöcken immer mehr Buchrücken auftauchen und meinem Regal die Farbe zurückgeben. Ich bin gespannt, wen ich entdecke, wie sich Lese- und Kaufgewohnheiten verändern und ob mein Buchhändler etwas merkt. Mit der weißen Wand bin ich nicht an ein Ende gekommen wie Tokarczuks Erzählerin, sondern an einen Anfang.

 

Olga Tokarczuk, Unrast, Aus dem Polnischen von Esther Kinsky, Schöffling 2009, 464 Seiten ISBN: 978-3-89561-465-1.

»Unrast« ist aktuell nur antiquarisch zu erwerben.

2017 kam die Verfilmung von Tokarczuks Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ unter dem Titel „Die Spur“ in die Kinos (Regie: Agnieszka Holland, Kasia Adamik). Über den Roman habe ich 2011 beim poetenladen geschrieben.

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