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Kolumne

Özlem Özgül Dündar: #metwo im Literaturbetrieb (7)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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mein kanakengesicht

mit welchem gesicht will ich der öffentlickeit begegnen? eine frage, die ich mir gestellt habe, als ich angefangen habe texte zu veröffentlichen, denn der moment, in dem ich anfange texte zu veröffentlichen, ist auch der moment, in dem ich als person in die öffentlichkeit trete. in diesem moment musste ich mich entscheiden, welchen bzw. was für einen namen ich neben diesem ersten text und neben allen anderen texten, die noch kommen sollten, stehen haben will: meinen klarnamen oder doch lieber ein pseudonym, mit dem ich mich selbst neu erfinde und mein kanakentum verstecke?

dabei stellt sich die frage, wer oder was diese öffentlichkeit ist, vor der ich mich zu verstecken versuche und was es für begegnungsformen mit dieser öffentlichkeit für mich geben kann, weil ich von ihr als andersartig wahrgenommen werde. was mir durch immer wiederkehrende fragen nach meinem sogenannten „hintergrund“, zu eltern, familie, sprachgebrauch und zu meinem namen deutlich wird. durch diese im raum liegende wahrnehmung des andersartigen, frage ich mich: welches gesicht will ich mir geben, das in der begegnung mit dieser öffentlichkeit, die probleme des andersartigen nicht mit sich trägt? als autorin hat man zunächst einmal eine gewisse wahl, denn den klarnamen zu verwenden ist keine regel.

relativ schnell lande ich bei der entscheidung ein pseudonym zu wählen, das möglichst wenig türkisch ist, das keine buchstaben hat, die rückschlüsse auf meinen „hintergrund“ geben und am besten noch ein pseudonym, das verschleiert, dass ich eine frau bin. etwas eindeutig deutsch oder vielleicht französisch oder spanisch klingendes – was der öffentlichkeit vermitteln würde, dass ich aus einem deutschen, französischen oder spanischen sprachraum käme. mit diesem kleinen kunstgriff, scheinen mir die probleme gelöst zu sein – die nachteile meines kanakentums, die bei meinem namen schon beginnen, scheinen damit zu verschwinden. das kanakentum und seine zweitklassigkeit scheinen damit auch nicht mehr an mir zu kleben, weil sie mir mit einem zum beispiel französischem pseudonym von dieser öffentlichkeit nicht mehr angedichtet werden können. für einen moment fühle ich mich  frei vom kanakentum, seinem minderwertigen ansehen und davon eine frau zu sein – und all den zuschreibungen, die mit diesen dingen in der öffentlichkeit einhergehen.    

was aber passiert, wenn ich nicht nur mit dem pseudonym, sondern ganzkörperlich anwesend vor dieser öffentlickeit stehe: das pseudonym und das gesicht, was ich dazu trage, passen offensichtlich nicht zusammen. das problem ist: mein kanakengesicht kann ich in der direkten begegnung nicht verstecken. das einzige, was man an sich nicht verstecken kann, ist schließlich das gesicht, stelle ich fest. eine feststellung, die sehr einfach und völlig auf der hand liegend ist, aber eine feststellung, die ich mir in seiner konsequenz dennoch einmal zumindest bewusst machen muss. mein gesicht habe ich immer. es muss für alles herhalten, in jedem moment.

also lasse ich dieses verstecken und halte her mit meinem gesicht zu allem und zu jeder zeit: kanakin mit meinem gesicht, meiner sprache, meinen themen, ohne verkleidung und mit allen konsequenzen. nicht unbedingt einfacher, aber immerhin nicht im einem versteck hockend.

 

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