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Kolumne

My white male bookshelf #4

Osmo von Angelika Meier

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen.

My white male bookshelf steht bei Eva-Maria Kaufmann, Lektorin

 

Ich bin ein Kind der 90er. In der Schule, im Ruderverein und bei den Pfadfindern wurden in den 90ern in Hamburg permanent Sprüche aus amerikanischen Filmen imitiert. Wer das gut konnte, war cool. Ich habe ganz schön lange gebraucht, um zu verstehen, dass die coolen Sprüche gar nicht aus den amerikanischen Filmen stammten, sondern aus den deutschen Synchronisationsbüros. Da hatte man zum Beispiel »The Big Lebowski« gesehen und sagte plötzlich ständig »bekackt«, obwohl wir alle ahnten, dass das nicht ganz so cool war, wie es in den amerikanischen Filmen eigentlich sein sollte – eher holprig.

Damit will ich gar nichts gegen die Übersetzungen sagen, die mögen sogar brillant gewesen sein, aber die Lässigkeit des Amerikanischen ist eben kaum in einen deutschen Wortlaut zu bringen. Man schaute als Jugendlicher diese Filme und nahm sie so hin wie sie waren. Und das war eben auf Deutsch – bis einem irgendwann klar wurde, dass die Stadt im Film nicht Köln, sondern Los Angeles ist, dass die Schulen keine deutschen Schulen sind und dass die Wüste nicht in Bayern, sondern in Kalifornien liegt. Eine Weile kam ich mir betrogen vor, mittlerweile finde ich diese holprige Lässigkeit synchronisierter Filme urkomisch.

Angelika Meier findet das offenbar auch. Ihr dritter, 2016 bei diaphanes erschienener Roman spielt in Kalifornien, das Setting scheint einem aus Filmen bekannt, die Figuren im Buch sprechen Englisch, der Roman ist aber komplett auf Deutsch.

Passend dazu ist die Protagonistin Mary Lynn Osmo eine ehemalige, mäßig erfolgreiche Schauspielerin und stammt irgendwie so sehr von deutschen Einwanderern ab, dass sie immer wieder gefragt wird, ob sie eigentlich Deutsch kann. Ihr Chef Dr. Schreber spricht sie sogar einmal direkt auf Deutsch an, und daran merkt die Leser*in, dass eigentlich alle die ganze Zeit Englisch reden, weil ja ins Deutsche gewechselt wird. Auf dem Papier tut sich aber nichts: Maier hat den Roman auf Deutsch geschrieben. Trotzdem beschleicht einen manchmal das Gefühl – vor allem bei den Dialogen – dass der Roman eigentlich Englisch ist. Und das liegt daran, dass Meier ihren Dialogen genau diese wunderbare Holprigkeit von Synchronisationen verleiht:

»›Du zeigst ihr nicht die beschissene Linie, oder?‹
›Naja, was? Ich versuche, ihr mein Leben zu erzählen.‹
›Das könnte sie aber auch kürzer haben. Kommt essen!‹«

Die zitierte Szene findet in einem Lands-End-Diner in Lost Lake statt. Aber ich fange am besten von vorne an: Mary Lynn Osmo wird am Beginn des Romans zur Verbannung aus Kalifornien verurteilt. Die Handlung spielt in einer dystopischen Zukunft, heimkehrende Familien kommen mit Booten in Kalifornien an, es gab Krieg, überall kaputte Veteranen. Gnädigerweise gibt der kalifornische Gouverneur Mary Lynn die Chance, im Staat zu bleiben. Im Gegenzug muss sie auf der Solaranlage Solariana in der Wüste arbeiten und dem Staat Bericht darüber erstatten. Auf eine Weise ist sie also trotzdem verbannt, und von hier aus könnte man den restlichen Plot mit dystopischen und kalifornischen Klischees auffüllen.

Könnte man, das tut Angelika Meier aber nicht. Stattdessen lässt sie die bekannten Bilder auftauchen, die auch in einem kalifornischen Wüstenfilm auftauchen könnten und legt dabei nahe, dass es sich bei ihnen eigentlich um etwas ganz anderes handelt als um ihr eigenes Klischee – so, wie die Figuren ja eigentlich auch eine andere Sprache sprechen als Deutsch.

Und so ist die »beschissene Linie«, über die oben gesprochen wird, nicht irgendeine Linie, sondern »der Randstrich der Seele«. Der Wirt des Diners und Mary Lynn diskutieren eine ganze Weile über diesen Randstrich. Mary Lynn darf ihn sogar anfassen, und der Wirt fragt:

»›Worin liegt die Erkenntnis der Berührung?‹
›Äh … ich weiß nicht. Schön glatt und doch porös ist sie, diese Linie, mehr wüsst … Aber ich glaub, mehr wüsste die Seele von sich auch nicht zu sagen – ich glaub, noch nicht einmal das weiß sie von sich.‹
›Genau!‹« (S. 80)

So schwankt Osmo permanent zwischen bedeutungsgeladen, buchstäblich, tragisch und völlig komisch. Eine Autofahrt mit dem Richter, der Mary Lynn verurteilt hat, endet in einem Gespräch über sein Auto, einem Chevy Malibu von 1980 – ein ziemlicher Klassiker. Das Modell ist klar, nicht so klar ist, ob es sich bei dem Wagen um einen Oldtimer oder eine Schrottkarre handelt:

»›Ich dachte immer, ein Oldtimer sei ein altes Schmuckstück von Auto, das von irgendjemandem hingebungsvoll gepflegt wird.‹
›Falsch. Um einen echten Oldtimer kümmert sich kein Schwein, er macht schön unauffällig seine Wege, bis er irgendwann ebenso unauffällig am Straßenrand verreckt.‹« (S. 30)

Als Mary Lynn nach einer Odyssee durch die erhabene, schreckliche Wüste auf der Solaranlage ankommt, bewegt sich auch dort alles auf eine traumhafte Weise zwischen grandios und grauenhaft. Die Arbeit wird nachts verrichtet und besteht darin, mit Glasreiniger die Spiegel zu polieren, die tagsüber das Sonnenlicht auf einen gigantischen Turm weiterleiten:

»Schweigend laufen sie über einen der etwas breiteren Wege durch die Spiegelspaliere, der blasse Sand wärmt sich im matten Schein ihrer Lampen, während der Mond ungerührt ein phosphorkaltes Leuchten in ihre weißen Uniformen webt.« (S. 161)

Aber auch diese Nacht löst sich in Fragen auf:

»›Eigentlich ist es schön, so zu laufen, nicht wahr? ‹
›Ja. Eigentlich ist es schön.‹
›Laufen wir eigentlich in Richtung Turm oder von ihm weg?‹
›Weder noch, wir bleiben im selben Abstand, nur eben einen Abschnitt weiter südlich, genauer gesagt laufen wir südsüdwest.‹
›Ah‹, verständnislos blickt sie sich um, […]« (S. 161)

Der Leiter der Solaranlage, Dr. Schreber, erweist sich als ausgemachter Sonnenanbeter – und zwar buchstäblich. Sein Verhältnis zu Sonne und Anlage ist quasi-religiös. Und bei seinem Namen wird man irgendwie das Gefühl nicht los, das die Anlage eigentlich eine verkappte Reformsiedlung aus dem frühen 20. Jahrhundert ist. Natürlich fragt Dr. Schreber Mary Lynn, ob sie Deutsch spricht.

Man wundert sich dann auch nicht mehr, dass die fast schon magisch eingeführte Scho-ka-kola-Dose Dr. Schrebers am Ende die Rolle eines Allheilmittels spielt. Beim letzten Blick auf die Solaranlage, scheint sich auch für Mary Lynn alles zu klären:

»[…] ein allerletztes Mal blickt sie zurück und muss vor Schreck fast lachen: Das schlangenförmige S im Schlussstein des Tors von Solariana ist ja das gleiche wie das im Frakturschriftzug der Scho-ka-kola-Dose!« (S. 265)

Aber klar ist damit noch nichts: Was die Solaranlage eigentlich soll, erfährt man woanders. Dafür taucht mit Scho-ka-kola ein Produkt aus der Pop-Kultur auf, das so deutsch und so schräg ist, dass man kaum von Pop sprechen kann. Als hätte man versucht, die Produkte der amerikanischen Pop-Kultur ins Deutsche zu  übersetzen. Funktioniert hat es nicht so richtig. Aber immerhin ist Scho-ka-kola herausgekommen. Und das ist das Großartige an Angelika Maiers Roman: Alles scheint bekannt zu sein, doch die dichte Sprache, die seltsame Handlung, die Komik lassen diese Bekanntheit auf eine lustvolle Weise nicht funktionieren.

***

Angelika Meier
Osmo, Roman
Gebunden, 272 Seiten
22.95 Euro
ISBN: 978-3037348963
diaphanes 2016

 

 

 

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