Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

POESIEFESTIVAL BERLIN. ZWEI. MITTENDRIN.

Sonntag.

Die Straße des 17. Juni ist gesperrt, um zum Festival zu kommen muss man die Seitenwege nehmen, 5.000 AfD-Anhänger*innen, 25.000 Gegendemonstrant*innen. Und sämtliche Lesungen und Diskussionen, die heute in der Akademie der Künste stattfinden, sind von einem stetigen Basswummern unterlegt. Im Foyer, abseits der vielen Büchertische der unabhängigen (Lyrik)verlage, die hier heute beim Lyrikmarkt versammelt sind, fällt mir ein Bildschirm ins Auge, auf dem Textparolen laufen, Pegida-Sprache. Das Textkollektiv 0x0a, bestehend aus Johannes Bajohr und Gregor Weichbrodt, hat 2014 und 2015 ein Textkorpus aus zahlreichen unzensierten Facebook-Kommentaren erstellt, das hier auf dem Screen läuft wie auf einem Teleprompter. Die gesammelten Kommentare sind immer noch auf der Seite des Kollektivs als Download nachzulesen. Ein stiller Protest ist das zu dem lauten draußen. Und wieder ein Beispiel dafür, wie von Seiten derer auf Radikalisierung alltäglicher Sprache reagiert werden kann und vielleicht muss, die es als ihre Aufgabe betrachten, die Sprache aus ihrer Floskelhaftigkeit zu heben.

Im Clubraum sprechen derweil Alexandru Bulucz, Beate Tröger, Monika Vasik und Hendrik Jackson über den Stand der Lyrikkritik, zumindest so die Ankündigung. Das Haus für Poesie plant ab Herbst eine Akademie zur Lyrikkritik, anmelden kann man sich schon. Und das hier soll eigentlich ein Vorgeschmack sein oder vielleicht auch offen legen, warum eine solche Akademie notwendig sei. Leider kreist das Gespräch dann aber doch wieder um Avenidas; Alexandru Bulucz hat sogar eine Fotografie aus den 30ern mitgebracht, an der er das Motiv der Bewunderung explizieren möchte. Vielleicht liegt es daran, dass Eugen Gomringer persönlich im Publikum sitzt, dass dieses Thema wieder so in den Mittelpunkt gerät. Darüber hinaus wird noch über die Abgrenzung von Begrifflichkeiten wie Debatte und Diskussion gesprochen und die Kritik versucht, zwischen Auslegung und affektiver gesellschaftlicher Reaktion zu verorten. Nicht hingegen werden Fragen verhandelt, die mir neben diesen Spitzfindigkeiten um einiges relevanter erscheinen. Nämlich: In welchen Foren spielt sich Lyrikkritik ab, wer schreibt, wer liest, wer finanziert sie, befördert sie lediglich das in sich geschlossene System von Produktion und Rezeption und sind wir vielleicht allein damit zufrieden? Dann sind die 45 Minuten um. Schade.

  von links nach rechts: Alexandru Bulucz, Beate Tröger, Monika Vasik, Hendrik Jackson

Das anschließende Gespräch über das Verlegen von Poesie im Independent-Format mit Matvei Yankelevich (Ugly Duckling Presse), Per Bergström (Rámus Förlag) und Ulf Stolterfoht (Brueterich Press) wird auf Englisch geführt. Ich bin vor allem erst einmal fasziniert mit den beiden Simultanübersetzerinnen beschäftigt, die für das Publikum mit leiser schneller Stimme alles nochmal auf Deutsch nachsagen. Sonst kenne ich das aus den Plenarsälen und aus den Talkshows im Fernsehen. Auch das wieder eine Festival-Botschaft: Ungestörte Verständigung über die Nationalsprachen hinweg wird hier betrachtet als Grundlage zum Gespräch auf Augenhöhe; das zeigen die zahlreichen und zu allen Gelegenheiten verfügbaren Übersetzungen, an die hier gedacht worden ist, zum Mithören, zum Mitlesen.

Im Buchengarten: Nico Bleutge (c) Mira Lina Simon

Im Buchengarten, im grünen Innenhof, lesen derweil im 15 min Takt durchgehend u.a. Odile Kennel, Peter Engstler, Johanna Schwedes, Nora Bossong, Katharina Schultens, Brigitte Oleschinski und Ulrike Almut Sandig. Beim Lyrikmarkt wird man sein Geld für schöne seltene Dinge los. Und draußen gibt’s bastel-poetisches Kinderprogramm. (Übrigens: das Angebot zur poetischen Bildung am Haus für Poesie, das mit Karla Montasser seit kurzem ausgebaut worden ist, soll an dieser Stelle unbedingt Erwähnung finden!)

Elke Erb ©gezett.de

Zum Mitlesen ist dann am Abend auch die Rede zur Poesie von Elke Erb. „It's a need to have this book.“, betont Thomas Wohlfahrt wiederholend bevor es los geht auf dem kleinen Parkett. Für die der deutschen Sprache nicht mächtigen, gibt es nämlich keine andere Möglichkeit als der Kauf des Buches (warum die Übersetzung von Shane Anderson nicht einfach, wie die Begrüßung, auf die Leinwand projiziert wird, ist unklar). Nachzuhören sein wird die Rede auch am 3. Juni um 0 Uhr 5 auf Deutschlandradio.

Die spitzbübische Dame, die da jetzt auf der Bühne steht, „ist irgendwie immer elf“, immer noch. Und deshalb ist es so schön, ihr zuzusehen und ihre Zwischenkommentare zu hören. Auch weil sie mit dem Publikum rechnet und weiß, wann es reagieren muss und warum. Für diese Rede hat Elke Erb Tagebuchaufzeichnungen von 1970 bis heute zusammengestellt und kommentiert. Und dem Ganzen den Titel gegeben: „Das Gedicht ist, was es tut“.

So wie diese Schriftsteller*innen-Reden, ob an Universitäten als Poetikvorlesung oder an den Literaturhäusern, eher eine Nicht-Form sind, weil ihre Rolle an diesem Ort eigentlich gar nicht ganz geklärt ist – worüber sollen sie eigentlich Auskunft geben? – Findet Elke Erb für ihre Rede eine Möglichkeit, zu sagen und zugleich zu zeigen, was sie meint: Dass nämlich das Gedichte-Schreiben für sie passiert aus einer Tagebuchnotiz heraus, mit Gedichtverdacht einhergeht und sich dann weiter verfertigt und dass die Sprache in ihrer Verfassung und Formierung selbstständig bleibt:

„Natürlich bin ich unsicher beim Warten auf den Flixbus, nicht ich fahre ihn, bin Objekt. Bei anderen, Normalen, ist das kein Problem, das Objekt gewinnt eine Selbstständigkeit. Bei mir, dem Schreib-Subjekt, dirigiert ein objektives inneres Subjekt. Sie sind so etwas wie Partner. Das innere scheint blind und taub. Das äußere wird von den Resultaten oft überrascht.“

Und so wie die Schreibrichtung also geht, aus „gelebten existenziellen Situationen“, einer Erinnerung, einer Notiz heraus, von klanglichen Beobachtungen an einem Lexikoneintrag über „Petschenegen“, der als Gedicht erkannt wird, ist es uninteressant, vorzudenken, wie das Gedicht „zu bauen wäre“: „Ich schreibe etwas, und dann sehe ich, oh, das ist ja ein Sonett.“ Das Tagebuch, das Elke Erb hier ausbreitet, fragmentarisch, ist nicht der Ort, den sie explizit wählt, um Gedichte zu schreiben, es ist aber der Verdachtsraum, aus dem alles Weitere entwickelt wird. Und dass diese Entwicklung gestört wird, dass sie „fremdgeht“ nebenher, einem Thema nach „das nicht seines, des Werkstücks ist.“, sobald ein „Intensitätsplus“ auftaucht, ein Spaziergang, eine Musik. Und später dann die Schlaflosigkeit. Nachts ist es wichtig, die genaue Uhrzeit zu notieren, neben dem Datum, das immer schon vermerkt und diesen Gedichtverdachtstexten und ihrer Reflexion vorangestellt ist.

Daneben allgemeine Feststellungen wie diese:

„Poesie ist lebensnotwendig. Sie leistet gesellschaftliche Arbeit, und sie kann sie auf keine andere Weise tun als poetisch.“

„Sehen Sie, Sie müssen sich dieses Buch kaufen, anders können Sie sich diese ganzen Formeln doch gar nicht merken.“

Tatsächlich, ja.
Und einen Bleistift dazu.

Später dann wieder in diesem festivalschwelgenden und eigentlich schon bis zur Müdigkeit angefüllten Körper, wie sich alle in Schwärmen nach draußen und wieder nach drinnen bewegen. Es gibt noch ein kleines wundervolles Konzert. Søren Ulrik Thomsen und seine Band Det Glemte Kvater, aus Dänemark. Der Dichter steht mit seinem Gesamtwerk auf der Bühne, das die Dicke einer Bibel hat und rezitiert zu der 12händig erzeugten Musik, die ich gar keinem Genre zuordnen mag. Es gibt wieder Übersetzungen zum Mitlesen. Aber einfach Augen zu ist fast noch schöner.

Ode an den Regen, unbedingt nachhören.

 

Und es geht ja noch weiter.
Coming soon again.

 

 

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