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Wir reden über Literatur
Kolumne

Ralph Tharayil: #metwo im Literaturbetrieb (3)

Auf Twitter berichten nun seit Tagen People of Color unter dem Hashtag #metwo über ihre Rassismuserfahrungen. Wir fanden, es ist nun der Zeitpunkt gekommen für ein #metwo im Literaturbetrieb und haben Autor*innen angefragt, ob sie etwas zu Rassismus im Literaturbetrieb schreiben wollen.  Der erste Teil der Texte erschien am 8. August in ZEIT ONLINE. Und der zweite hier auf Fixpoetry. Wir sind der Meinung, dass solch eine Reihe nie vollständig sein kann, dass immer eine Perspektive fehlt. Deswegen werden wir sie in den nächsten Tagen stetig erweitern.
(Özlem Özgül Dündar und Ronya Othmann)

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Was ist dein Hintergrund?
Ralph Tharayil

Das hat mich so noch nie jemand gefragt.

Stattdessen wurde ich öfters gefragt, woher ich komme, oder welcher Teil meiner Eltern denn aus Pakistan … nein Moment, vielleicht doch aus Sizilien stamme, bestimmt nur ein Elternteil. Oder es wurde ziemlich scharfsinnig festgestellt, dass ich sehr gut Deutsch spreche. Ich spreche auch fünf andere Sprachen ziemlich gut, bin in der Schweiz aufgewachsen, wohne jetzt in Deutschland und meine Eltern kommen beide aus Indien, wo sie, bald im Rentenalter, wieder hinziehen werden. Das ist nicht normal – und doch wünsche ich mir manchmal, dass es so wäre.

Weil das in den Fragesituationen jedoch meist nichts zur Sache tut, versuche ich der identitätsrelativierenden Inquisition mit einem Lächeln auszuweichen – nicht nur weil ich ihrer überdrüssig bin, sondern auch weil ich manchmal glaube, dass ihre Beantwortung nicht der kulturellen Verständigung, sondern der kategorischen Einordnung dient. Sie täuscht eine Tiefenbohrung vor, jedoch nur, um das vordergründig Gesehene mit dem Hintergrund abzugleichen, die Differenz zu bestätigen und sie in Kongruenz zu bringen mit der eigenen Vorstellung dieses Menschen, der da gerade auf der Bühne in astreinem Deutsch und schattiger Haut eine wie auch immer geartete Geschichte vorgelesen hat.

Und doch glaube ich, vertrackt wie es sein mag, dass diese Fragen gestellt werden müssen – dass die “identifizierende Differenz”, wie François Jullien sie nennt, um der Erkenntnis willen, herausgestellt werden muss.

Und die Erkenntnis, dass ein dunkelhäutiger Mensch prosaisch oder lyrisch tätig ist, scheint im deutschsprachigen Raum in bestimmten Rezeptionsgruppen noch immer eine Irritation zu sein, der auf irgendeine Art begegnet werden muss. Egal, wie müßig die Fragen also sind – ich kann nicht voraussetzen, dass andere Menschen, die noch nie einen „braunen“ Menschen Deutsch lesen gehört haben, das gleiche Selbstverständnis von mir haben wie ich von mir selbst: ein nicht sehr dummer, einigermaßen sprachgewandter Mensch, der in der Schweiz aufgewachsen ist und Dinge schreibt. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe die Chance bekommen, genau das zu tun und dass es, außer meinem Bruder Norwin, nicht unbedingt viele junge Menschen mit indischen Eltern gibt, die schreiben, lesen und performen, ist einer der Gründe dafür, warum diese Fragen überhaupt gestellt werden.

Und dennoch: Dass wir anders sind, ist wohl oder übel offensichtlich und das Herausstellen dieser Differenz nicht nur redundant – sondern schlicht und einfach langweilig. Gibt es nicht so viel mehr Themen über die man sprechen könnte? Schreiben wir alle denn etwa nicht Texte, die noch mehr zu bieten hätten als Fragen der „Identität“ und der „Herkunft“? Schließlich kommt jede*r Schreibende, [Nobrainer!] egal, ob mit oder ohne „Migrationshintergrund“, irgendwo her – die Auseinandersetzung mit der Herkunft ist die conditio sine qua non des Schreibens.

Denn das Wort Herkunft beinhaltet nicht nur die originäre Bewegung hin zum Ursprung. Es ist gleichzeiJg ein Indikator dafür, dass man auch irgendwo hin kann – eine offene Suchbewegung also, die spektral verläuft. Ein Weg, der weder linear funktioniert, noch unter Bedingungen der unablässigen Identitätszuschreibung reziprok rezipiert werden kann. Das zu verstehen, braucht Mut, Offenheit und Vorstellungskraft. Einmal mehr, sehr viel verlangt.

Meine Herkunft und meine Schreibe sind insofern in einer besonderen Weise miteinander verknüpft, als dass sie schon in frühen Jahren nicht als „Norm“ wahrgenommen wurden – und das war ein großer Vorteil.

Der Grund warum ich ins Gymnasium gekommen bin und später studieren konnte, ist nicht nur meiner Mutter zu verdanken, die jeden Abend vor ihrer Nachtschicht mit mir gepaukt hat; es war auch meine unbewusste Fähigkeit, mich sprachlich ausdrücken zu können. Die erste Kurzgeschichte, die ich mit 11 schrieb und auf Mio, mein Mio von Astrid Lindgren basierte, zeigte meine Mutter Frau Willmes, meiner damaligen Primarlehrerin. Grüne Tinte, Holzfülli von Lamy.

Beim Übertrittsgespräch in die Mittelstufe meinte Frau Willmes, dass ich nur ein normaler, mittelmäßiger Schüler sei, der eigentlich nicht für das Progymnasium, die Vorstufe des edukativen Elysiums, gemacht sei. Doch die Kurzgeschichte sei ihr hängengeblieben. Was sie damit meinte, war nicht unbedingt, dass sie vom Inhalt oder der Wortwahl der Kurzgeschichte beeindruckt war – sondern von ihrer schieren Existenz. Wie war es möglich, dass dieser Junge, der mit Eltern aufwuchs, die nur gebrochen Deutsch sprachen und die literarische Tradition dieses Landes nicht kannten, diese Geschichte schreibt? Da musste was dahinter stecken. Also schickte mich Frau Willmes ins Progymnasium. Lucky me.

Man könnte jetzt argumentieren, dass das unfair ist. Dass es nicht gerecht ist, dass ich mich quasi mit meiner notgedrungenen Imagination in eine höhere Schulstufe, (die Schulstufe, die meine Eltern sich für mich und besonders für sich selbst gewünscht hatten) katapultiert hatte. Und es ist auch nicht fair, dass Kinder mit Schweizer Eltern wohl nicht so eine gnädige Chance bekommen hätten, weil Deutsch ja ihre Muttersprache war und das Schreiben einer fiktiven Geschichte, sie wohl nicht so viel Kraft gekostet hätte, wie das bei mir der Fall gewesen sein muss. Weil es naheliegender war, dass sie sich ausdrücken, weil die Sprache in der sie lebten nur eine war und nicht zwei oder drei gleichzeitig, wie bei mir. Die Distanz zwischen der Sprache ihrer Eltern und ihrer eigenen war kleiner – und ihre Anwendung deswegen weniger besonders.

Die fixe Idee, dass jegliche Leistung, die ich erbracht habe, mit der Schablone des „migrantischen Hintergrundes“ nachgefahren und gerechfertigt wurde, ging und geht mir auch heute nicht aus dem Kopf. Dass meine Leistung nur aus Mitleid oder Wohlwollen anerkannt wird. “Quotenneger” – das Wort habe ich oft gehört. Dass es in vielerlei Hinsicht und nicht nur auf meine Person bezogen, falsch und verwerflich ist, muss ich hier nicht näher erläutern. Das erste Wort des Kompositums birgt jedoch Zündstoff.

2017 habe ich den open mike – den Wettbewerb für junge Literatur, gewonnen. Und auch da sofort wieder die Frage: Ist das wirklich gut, was ich da mache, oder wird mein Text nur ausgewählt, weil er etwas „Neues“ macht? Ein Text, der meiner Lebenserfahrung entspringt, die nun mal anders ist als von der Mehrzahl der anderen jungen Autor*innen im deutschsprachigen Raum, für die ich jedoch nichts kann – im Positiven wie im Negativen. Spricht das jedoch für mein Schreibtalent? Ja, sagen manche, viele andere würden wohl verneinen. Und im Grunde genommen ist es egal. Denn der Markt und ich, wir haben ein gemeinsames Ziel. Er will Geld mit mir verdienen und ich möchte durch den Markt an eine breitere Öffentlichkeit gelangen in der Hoffnung, dass sie Interesse an meinen Gedanken und Worten findet. Wir haben beide keine schlechten Chancen. Der Markt ist mächtig und mein USP ist ganz gut: Meine Einzigartigkeit ist meine Andersartigkeit.

Doch was macht das Bewusstsein über diesen USP mit meiner Schreibe?

Wie weit kann ich gehen, um die normativen Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft und des Marktes zu unterlaufen? Muss mein Roman als Schablone auf meinen “Migrationshintergrund” gelegt werden können, um das Bild des Migrantenkindes zu bestätigen? Warum schreibe ich für welches Publikum und ist es nicht meine Aufgabe die Erwartungen, die in Vorbehalte und Stereotype kippen können, zu brechen? Zumindest diese letzte Frage kann ich ganz klar mit einem ziemlich lauten Ja beantworten.

Und während ich mir zu den anderen Fragen weiter Gedanken mache, werde ich wohl noch ein bisschen herumdialektieren – zwischen Akzeptanz und Abscheu, zwischen Norm und Abnorm, zwischen Anpassungssucht und Querschlägerei.

Was ist dein Hintergrund?

Das hat mich so noch nie jemand gefragt. Aber falls doch irgendjemand auf die Idee kommen sollte, es zu tun, müsste ich antworten:

Mein Hintergrund ist Bliss – das Wallpaper von Windows 95. Unberührt idyllisch, trügerisch und unheimlich sedierend.

Und dann sehe ich mich, wie ich vordergründig Gras herumfläze, dort, wo es dunkler ist, wo der Hügel sanft zum Bildschirmrand abfällt. Ich sehe mich mit einem verpixelten Halm im Mund, wie ich mir Gedanken zu diesem und jenem mache und wie ich schreibe und dadurch versuche Bewusstsein zu schaffen. Dabei höre ich Original Motion Picture Soundtracks oder Run The Jewels und wünsche mir einen Sturm und unmittelbar Sonnenschein herbei, damit ein Regenbogen entsteht, der dann ganz einfach ist: und auch mannigfaltig und majestätisch.

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