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Wir reden über Literatur
Kolumne

Reise in den Jugendroman

Von einem Jugendroman erwartet man nicht viel, oder? Es gibt im groben zwei Sorten. So ähnlich wie z.B. Bankkunden entweder wie angenagelt am äußersten Rand ihres Dispos kleben (so sie denn einen haben), weil er alles ist, was sie besitzen - oder ihn überhaupt nicht benutzen (höchstens wenn bei immobiliären Transaktionen temporäre Liquiditätsverknappungen auftreten), so wuseln solche Romane entweder in überbordendem Trans-Aktionismus oder verlieren sich in der aktionslosen Selbstbespiegelung mithilfe tiefer Gedanken (so AutorIn denn welche hat). Schreibt sich in beiden Fällen von allein, bisschen unerfahrener Sex, bisschen Drogen, Reisen mit wenig Geld in die Fremde, bisschen seltsame Freunde, läuft. Gemeinsam ist beiden Varianten das Leiden. Ohne Leiden keine Jugend, apodiktisch sei das im Jugendroman, sagte einmal ein (apokrypher) Rezensent. Leiden am Selbst, Leiden an der schlechten Welt.

Nun sollte die Schlechtigkeit der Welt auch gereiften Romanciers beleidenswert erscheinen, was jene These bezweifelbar erscheinen lässt (Gedanke vor mir, ebenfalls apokryph). Nimmt man noch hinzu, dass dem Leiden das Weinen nahe beisteht und Weinende, wie mir glaubhaft (Statement des Verbands anonymer Psychologen zur Niederschrift, undatiert) versichert wurde, immer sich selbst beweinen: so entstünde jener spezielle Leidens-Ton des Jugendromans durch das Entweichen früh gealterter Luft aus dem prallen Ballon der Jugend durch undicht gewordene Schreibporen. Denn die Jugendromanautoren und -innen sind selten so jung wie ihre Protagonisten und -innen.

Zwei Jugendromane schob die Schicksalsgöttin, seit ihrem letzten Kurzhaarschnitt nur noch mäßig gut verkleidet in Gestalt des Bonner Buchhändlers Böttger in den Kunstlederbalg, in dem ich meine Lesevergnügungen täglich zur Arbeit und wieder zurückschleppe, den dritten praktisch gleichzeitig der Kölner Literaturclub des umtriebigen Adrian Kasnitz.

 

Beginnen wir mit dem ältesten, dem jüngsten: Aka Morchiladze, Georgier, Besuchern der Frankfurter Buchmesse (er hielt die Eröffnungsrede) vielleicht bekannt, er schrieb 92 Die Reise nach Karabach (übersetzt von Iunona Guruli), da war er also zarte 26. Sympathien weckt nicht nur der inzwischen doppelt so alte, gewichtige Autor, der bei jener Böttgerschen Lesung etwas hilflos neben seinem dünnen ersten Erfolgswerk saß, sondern das Buch selbst. Eine Roadstory, wilde Kifferpläne und wenig durchdachte Umsetzungen, die ins Chaos führen, klingt nach Standardrezept. Nur ist hier das Chaos etwas realistischer, als sich das Literaten sonst so einfallen lassen. Vielleicht weil der Einfall hier, wie oft in der georgischen Geschichte, von außen kam und realistische Einblicke in Kriegssituationen nicht zu den Stärken der westeuropäischen Gegenwartsautoren zählen. Nicht eine phantastische Walachei erwartet die beiden Chaoten, sondern die wirren Situationen während der Kämpfe um Berg Karabach im Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan. So klingt das, wenn Gio einen im Niemandsland vergessenen alten Lehrer besucht:

„Hey, mein Freund“, freute sich Walera, „schau, ich habe sogar einen Pinsel gefunden. Er ist zwar riesig, aber das macht nichts. Nach unserem Gespräch gestern, und da das Wetter besser geworden ist, habe ich angefangen zu malen. Ist das nicht toll? Ich nehme mir jetzt diese Hügel vor. Ich habe ein paar Gläser getrunken, und es malt sich wie von selbst.“

Er hatte also meinetwegen angefangen zu malen. Weiß und Gelb, ein wenig Orange. Er benutzte diese drei Farben. Er hatte auch ein paar Gefäße mit anderen Farben, aber er brauchte sie nicht, denke ich mal. Er kam mit diesen drei Farben zurecht. Man merkte ihm schon an, daß er mit dem ganzen Herzen bei der Sache war. Das Bild gefiel mir gut. Nicht, weil es wirklich gut war. Aber es vermittelte ein Gefühl von Ruhe und Frieden, den Eindruck, von der restlichen Welt abgeschottet zu sein. Das gefiel mir, abgesehen davon war es Müll.

„Das ist im Stil von Martiros Sarjan“, sagte er und schloß die Augen. „Was für ein Maler!“

Man mag den Plot etwas überkandidelt finden, dennoch überzeugen die Mischung aus Handlung und Phlegma, die den Autor in eine Art Gefangenschaft, real oder eingebildet führen – und vor allem überzeugt der Ton, der sowohl die Gewalt als auch die spürbare ernste Verliebtheit  und die Hassliebe zur georgischen Familie abbildet. Und nicht zuletzt erfreut eine differenzierte Erzählersprache, die im Verlauf den auktorialen Gestus mit einer an Leo Perutz erinnernden Leichtigkeit unterläuft. Insofern: kein coming-of-age Roman, eher coming-of-grit.

 

Schwieriger gestaltet sich das zweite Buch: novopoint grün, der zweite Roman von Daniel Ketteler, bei Launenweber erschienen und von Adrian Kasnitz lektoriert. Ein alter Mann hat sich auf einem Hochsitz zu Tode gehungert, mit den polizeilichen Eruierungsarbeiten beginnt das Buch, irgendwann wird die Kate besucht, wo der Alte gewohnt hatte. Dann gibt es eine Reise nach Kaufbeuren und damit hat sich, bei großzügiger Auslegung, die Handlung des immerhin 311 klein bedruckte Seiten dicken Buches in allem wesentlichen erschöpft. Die handlungsarme Sorte und damit ist die Gefahr ungleich präsenter, dass, um im Bild zu bleiben, der Lesende auf dem Hochsitz verhungert. Der 40-jährige Ketteler, Psychiater von Profession, macht einen mittelalten Psychiater zur Hauptperson, einen, der ein Buch schreiben will, es wird nicht weniger gekifft als bei Morchiladze, jedoch kommt hier noch ein bunter Zoo an Psychopharmaka dazu. Die Erzählstimme ist im ersten Buch (etwa die Hälfte) durchgängig in der dritten Person. Durch vorgestellte Namen soll die Bindung an die jeweilige Perspektive sichtbar gemacht werden, ein Notbehelf, der zwar im wesentlichen funktionieren könnte, jedoch auch nach 300 Seiten noch etwas unbeholfen wirkt (das zweite Buch ist häufig in Ich-Form geschrieben, das Labeling der Sprecher wird meist beibehalten). Das Problem liegt vor allem daran, dass sich der Ton immer gleich ist – ob der junge Polizei-Anwärter David den Fokus hat, ob sein psychisch instabiler Freund Peter, der an einem Roman arbeitet und in der Berliner Literatenszene auftaucht, oder ob dies dem Psychiatrischen Gutachter Baust geliehen ist, der über die Gefährlichkeit von Peter zu befinden hat. Diese Hilfsmarkierungen funktionieren in etwa so:

„[David] Dieser neue Freund von Peter nervte. Gunther! Schon dieser Trucker- und Tuntenname! Ein Mainzelmännchen war der. Wie der sich in seinen Hoodie duckt und dabei pausenlos Joints dreht. Dieses beständige affektierte Großstadtgetue Gunthers war ihm aber ein besonderer Graus, vor allem das affige Berlinern ...“

– man kann sich denken, wie’s weitergeht und der Absatz endet mit der Deichkindschen Anleihe

„Alles besonders schlimm und womöglich das Schlimmste an allem war, David musste es lachend zugeben: Berlin war wie immer: - leider geil.“

Die beiden jungen Protagonisten bekommen nicht recht einen Fuß auf den Boden, leiden an ihren Versagensängsten vor etwaigen eigenen Ansprüchen oder Frauen und lassen deshalb von beidem im Wesentlichen die Finger. Trost bietet Kiffen und Alkohol, Besuche bei ebenso durchhängenden Freunden und Lästern – was grundsätzlich amüsant sein kann für diejenigen, die jene Humorvariante (schreibt Heinz Strunk so? Wahrscheinlich nicht. Will jetzt aber um Gottes Willen nicht als Empfehler von Strunk dastehen. Kenn ich nicht, habe ich nie gelesen) ausgebildet haben - aber als dominanter Seitenfüller nicht ausreicht.

Als Sujet, das deshalb dem Buch Tiefgang und Substanz verleihen soll hat Ketteler die Vorgänge in den Irrenanstalten Irsee und Kaufbeuren im Dritten Reich gewählt, als mittels ‚Hungerdiäten‘ die Ermordung geistig Behinderter einen quasi-natürlichen Anstrich erhalten sollte. Allerdings schafft es das Thema nicht wirklich, die penetrant Selbstbezogene und Ressentiment durchtränkte Blasen-Existenz seiner drei Protagonisten zu erreichen, der ironisch-zynische Ton, den Ketteler sein Personal vorexerzieren lässt, überlagert jede Wirkung der Thematik. Das ist, so jedenfalls zieht sich Ketteler selbst aus der Affäre, beabsichtigt. In einem mehrseitigen Nachklapp – natürlich Teil des Romans, der echte Autor ist auch Germanist - rechtfertigen sich die fiktiven Autoren des von Peter (aufgrund von Davids Notizen ( zu einem Tagebuch des Verhungerten (in dem Aufzeichnungen aus Kaufbeuren eingeflochten sind ...))) angelegten und von Baust gehijackten Projekts gegen Kritik und wollen das Buch per exculpatorischem Purzelbaum als ‚Schlandbuch‘ verstanden wissen, das die Verleugnung der Euthanasie in der Nachkriegszeit und ihre Spätwirkung kritisierend offenlegt.  Insofern wäre das Thema dann allerdings nicht aufgegriffen, sondern eher in Dienst genommen für einen ‚guten Zweck‘ – was bei mir einen schalen Beigeschmack hinterließe? Und insgesamt scheint in der Sprache viel zu viel Gefallen am Baden in der lockeren Verpenntheit der Studentenzeit durch, um sich glaubwürdig als Kritiker gesellschaftlicher Verhältnisse verkaufen zu können.

 

Der dritte Roman hat, wie der Erste, einige Jährchen auf dem Buckel. Roberto Bolano, Chilene, Mexikaner, Spanier gehört zu den großen Namen der Weltliteratur. Was, wenn das stimmt, in seinem Spezialfall daran liegen dürfte, dass er ziemlich gut ist. Zumindest für Die wilden Detektive gilt das, ein gewaltiges Buch, in dem junge Dichter mit allen typischen Ingredienzen des Jugendromans durch die Episoden treiben. Der Titel klingt nach Cornelia Funke, doch Bolano beschreibt mit derselben lässigen Detailliebe die sexuellen Erlebnisse seiner vielen Protagonisten wie das Leeren einer Flasche Schnaps (Marke Selbstmörder) oder Diskussionen der literarischen Gruppe der Realvisceralisten. Bolano ist ein Erzähler, dessen Stimmenreichtum dazu führt, dass die vielen einzelnen Episoden, aus denen das Buch zusammengestellt sind, sich wie eine Tapas-artige Reise durch fremde Gastronomie anfühlt: das Buch macht satt, es fühlt sich nicht wie lesen an, die Dinge bleiben im Magen liegen. Es ist eine verblüffende Fülle, in denen Bolano jene Erforschung der mexikanischen Stadtwelten – mit Ausflügen nach Paris, Madrid, Managua, Wien – wiedergibt. 35? 40 verschiedene Personen? Ich habe sie nicht gezählt. Eins der Bücher, dessen Humor und Ton mich packt wie schon sehr lange nichts mehr – es hat 680 Seiten und ich werde es weiterhin in Stunden der verzweifelten Ermattung heiter und gelassen lesen, nicht mehr als 5, höchstens 10 Seiten am Tag: weil es nämlich noch lange vorhalten soll.

„Joaquin Font, Nervenklinik El Reposo, Camino del Desierto de los Leones, Außenbezirk von Mexico DF, Januar 1977. Es gibt eine Literatur, die wie geschaffen ist für langweilige Stunden. Es gibt eine Literatur für die Zeit der Ermattung. Die beste, finde ich. (...) Und es gibt eine Literatur für die Stunden der Verzweiflung. Diese letztere war es, die Ulises Lima und Belano wollten. Ein schwerer Irrtum, wie man gleich sehen wird. (...) Nehmen wir jetzt den verzweifelten Leser, an den sich angeblich die Literatur der Verzweifelten richtet. Was sehen wir? Erstens: Es handelt sich um einen jugendlichen Leser oder um einen unreifen, verzagten Leser mit blankliegenden Nerven. Der typische Jammerlappen (wenn Sie den Ausdruck erlauben), der sich nach der Lektüre der Leiden des jungen Werthers umbringt. (...) Und überdies: die verzweifelten Leser sind wie kalifornische Goldgruben. Sie erschöpfen sich eher rasch als mit der Zeit. Warum? Ist doch sonnenklar! Man kann nicht ein ganzes Leben lang verzweifelt sein. Der Körper macht nicht mehr mit, die Schmerzen werden am Ende unerträglich, der Verstand verlässt in machtvollen, eisigen Sturzbächen den Kopf. Der verzweifelte Leser (und mehr noch der Leser verzweifelter Lyrik, glauben Sie mir) versteht am Ende nicht mehr, was er liest, er verwandelt sich am Ende unausweichlich in einen reinen Verzweifelten. Oder er wird geheilt! Dann beginnt der Genesungsprozeß, und er kehrt langsam, wie in Watte gepackt und wie unter einem sanften Regen aus aufgelösten Beruhigungspillen, zurück zu einer Literatur für heitere, gelassene Leser mit wachem Verstand. Dieses nennt man (und wenn niemand es so nennt, ich nenne es so) den Übergang von der Jugend zum Erwachsenendasein.“

 

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Literaturliste

Aka Morchiladze
Reise nach Karabach
Roman
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Einband unter Verwendung eines Gemäldes von Karlo Kacharava
Gefördert vom Georgian National Book Center
176 Seiten € 20,00
ISBN: 978-3-938803-87-5
WeidleVerlag Februar 2018

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Daniel Ketteler
novopoint grün
[ein Roman]
312 Seiten 25 Euro
ISBN 978-3-947457-00-7
Launenweber Verlag 2018

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Roberto Bolaño
Die wilden Detektive
übersetzt aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg
ISBN 978-3-446-20125-5
Deutschland: 32,00 €
Hanser Literaturverlage München 2002

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