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Kolumne

Sigrid Damm bei den Literaturtagen in Bielefeld

In der vollbesetzten Stadtbibliothek stellte Angelika Teller am Freitagabend Sigrid Damm vor. Die vorwiegend als Biografin Goethes bekannte Schriftstellerin, zeichnet sich durch eine ganz eigene Herangehensweise an ihre Stoffe aus. Teller bringt ihr Verfahren als „Freilegung ohne zu entblößen“ auf den Punkt.

„Die Beschäftigung der Kinder mit dem Leben der Eltern findet immer erst statt, wenn keine Fragen mehr möglich sind.“ Das ist sowohl Ausgangspunkt als auch traurige Quintessenz von „Im Kreis treibt die Zeit“, Damms Annäherung an den Vater, die unversehens auch eine Annäherung an die Geburtsstadt Gotha geworden ist. Dem Titel entsprechend kreist Damms Schreiben bild- und faktenreich von der Vergangenheit in die Gegenwart, bis scheinbar feststehende Gewissheiten ins Wanken geraten. Ihre 50minütige Lesung demonstriert dieses Verfahren, unterstützt durch die kluge Auswahl der gelesenen Auszüge.

Anhand der Bildbeschreibung eines Kinderfotos des 1903 geborenen Vaters, gelingt es Damm Geschlechter- und Rollenklischees hervortreten zu lassen. Aber damit lässt sie es nicht bewenden. Vielmehr wirft das Beschrieben Fragen auf, die zu weiteren Nachforschungen und Beschreibungen führen.

Während die Vergegenwärtigung der Inflation, veranschaulicht anhand der Preisentwicklung eines Hühnereis, aufgrund der Absurdität komische Züge trägt, weist die Tatsache, dass die Wirtschaftskrise in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts treibende Kraft für das Aufbrechen nationalistischen Gedankenguts gewesen ist, bedenkliche Parallelen zur Gegenwart auf.  

Eine erste mögliche Annäherung zwischen der lange unversöhnlich anklagenden Tochter, die dem Vater die späte Mitgliedschaft in der NSDAP nicht verzeihen wollte, fand statt, als dieser ihr berichtet, wie er schriftlich dafür abgemahnt wurde, dem Witwer einer jüdischen Frau kondoliert zu haben. So, sagte der Vater, Jahrzehnte später noch aufgebracht, sei der Alltag gewesen.

Nicht nur ihre im Nachhinein bedauerte Unversöhnlichkeit und Härte, legt Damm in ihrem Buch schonungslos offen, auch ihr Festhalten an der DDR bis zuletzt, macht sie zum Thema. Wiederum im Zusammenhang mit ihrem Vater, der auf ihren Bericht darüber, wie die Revolution offensichtlich mit Gewalt niedergeschlagen werden soll, nur mitleidig lächelnd reagiert. Auch in diesem Fall kommt es zu keiner Aussprache.

Zum Abschluss liest Damm, wie sich Vater und Tochter nach dem Tod der Mutter näher kommen. Der wunde Punkt, die unausgesprochene Anklage der Tochter gegen ihren Vater, bleibt weiterhin ausgespart. Bis der Vater die Versöhnung auf eine ganz eigene Weise herbeiführt.

Im anschließenden Gespräch erklärt Damm das lange Festhalten an der DDR „Es gab ermutigende Momente“, und erzählt, dass ihr Buch von vielen Lesern als Anlass verstanden wird, sich selbst mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen, und Eltern und Großeltern zu befragen, bevor es zu spät ist.

Aus dem Publikum kommen interessierte Fragen, sowohl biografischer als auch politischer Natur. Eine Zuhörerin macht darauf aufmerksam, wie Damm in „Ich bin nicht Odilie“, ihrem Buch über die DDR, von der Erleichterung berichtet, mit der vor 30 Jahren die Nachricht der Abrüstungsvereinbarungen zwischen Reagan und Gorbatschow aufgenommen wurde. Eine Entwicklung, die aktuell rückgängig gemacht wird.

„Im Kreis treibt die Zeit“, ist neben Vater-Tochter und Stadtgeschichte, ein besorgniserregend aktuelles Buch.

 

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Sigrid Damm
Im Kreis treibt die Zeit
Erschienen: 12.03.2018
Suhrkamp / Insel
Gebunden, 278 Seiten
ISBN: 978-3-458-17737-1
22 Euro

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