Kolumne

My white male bookshelf #10

Streifzüge durch Deutschland und Italien von Mary Shelley

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen. In der aktuellen Ausgabe steht My white male bookshelf  bei Dmitrij Gawrisch, Theater- und Prosaautor.

 

My white male bookshelf bei Dmitrij Gawrisch

Reisen ist etwas Widersprüchliches: Es ist anstrengend, teuer und nervig. Meistens sehen die Orte nicht halb so toll aus wie im Internet, Fahrt oder Flug sind aufreibend und man muss freie Tage dafür opfern, die man im Bett schlafend oder lesend verbringen könnte.

Gewissermaßen ist Reisen zu seinem eigenen Klischee geworden: Man kauft sich ein Notizbuch auf dem sinngemäß steht, das jede Reise einen verändert, nach zwei Tagen zu Hause hat der Alltag einen aber auch schon wieder; man fährt zu Geheimtips, die so überlaufen sind, dass sie ihren Namen nicht wert sind, nur um festzustellen, dass sie tatsächlich existieren.

Und trotzdem: Ich kenne nichts, was den Horizont auf eine einleuchtendere Weise erweitern würde.

Mit dem ganzen Körper an einem Ort zu sein, den man sonst nur von der Landkarte her kennt, scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein, wie man von anderen Teilen der Welt eine konkrete Vorstellung bekommen kann. Die Krim würde für mich kaum real existieren, wenn ich nie da gewesen wäre.

All das ist nichts Neues. Wahrscheinlich gibt es diese Widersprüche schon, seit Menschen überhaupt zum Vergnügen reisen. Mary Shelley waren sie zumindest bekannt. In ihren „Streifzügen durch Deutschland und Italien“, die von Nadine Erler übersetzt wurden und 2017 bei Corso erschienen sind, folgen die Unannehmlichkeiten direkt auf die Euphorie: Shelley hofft, dass ihr Geist „inmitten einer neuen, abwechslungsreichen Umgebung die abgetragenen, zerlumpten Kleider ablegen [kann], in die er sich so lange gehüllt hat“ (S. 27). Erwartungen, die man heute genauso gut an eine Reise haben kann.

Doch ihre Biografie macht Italien nicht nur zu einem Sehnsuchtsort: Mary Shelley, die mit Frankenstein berühmt wurde, und die die Schriftstellerin und Feministin Mary Wollstonecraft zur Mutter hatte, war mit dem Dichter Percey Bysshe Shelley verheiratet. Und früh verwitwet. Denn er verstarb 1820 bei einer Überfahrt von Livorno nach Lerico im Sturm. Nicht nur Italien ist also ein ambivalentes Reiseziel, bei der Vorstellung, auf ein Schiff zu steigen, schlägt ihre Vorfreude in Panik um:

„Beim Gedanken an eine Seereise packte mich panische Angst, die ich nicht abschütteln konnte.“ (S. 27)

Der erste Band der umfangreichen Streifzüge, um den es hier geht, deckt zwei Reisen ab, von 1840 und 1842. Shelley schreibt in Briefform an eine unbekannte Adressatin und die Gliederung der Briefe nach Orten lädt dazu ein, nicht von vorne nach hinten zu lesen, sondern sich Orte herauszusuchen, die einen interessieren, die man nicht mag oder an denen man schon mal war.

Ich habe mit dem zweiten Teil angefangen, in dem Shelley vor allem durch Deutschland reist. Sie beginnt in Frankfurt, im Juni 1842. Was im Dezember als völlig unsaisonale Lektüre erscheint, erweist sich in diesem Jahr als äußerst passend: 1842 war ein Jahrhundertsommer. Shelleys Stöhnen über die Hitze und ihre Suche nach Kühle und Schatten lässt Erinnerungen an die heißen Monate dieses Jahres wach werden.

Auf eine Weise kommt einem auch die Art des Reisens bekannt vor. Damit meine ich nicht die Verkehrsmittel, denn es gibt 1842 kein Flugzeug, die Eisenbahnen wurden zwar auf Hochtouren ausgebaut, sind im Vergleich zu heute aber noch wenig vorhanden. Kutschen sind noch alltäglich, Autos, voitures, wie Shelley schreibt, selten. Dennoch entspricht der Modus des Reisens dem einer Individualtouristin. Sie fährt in kleiner Gesellschaft, kundschaftet Übernachtungs- und Weiterreisemöglichkeiten vor Ort aus und entscheidet zum Teil spontan, wann und wie es weitergeht. Die Welt, in die man ihr folgt, ist unbekannt, die Haltung zum Reisen aber auf eine Weise nachvollziehbar, dass man ihren Gedanken, Spitzfindigkeiten und Verschrobenheiten gerne folgt.

Shelley schwankt zwischen heller Begeisterung für das, was ihr begegnet, und kantiger Ablehnung. Dass das Aufeinandertreffen von beidem fast erratisch wirkt, macht den Ton unglaublich sympathisch und unfreiwillig komisch. Im Grünen Gewölbe in Dresden staunt sie über die Reichtümer, reflektiert darüber, was an ihnen spannend ist, um sich im nächsten Absatz von der nächsten Ausstellung abzuwenden:

„Als Napoleon im Norden Hof hielt, in dem es von ‘Thronen, Fürstentümern, Tugenden’ wimmelte, schwollen stolze Herzen unter diesen Steinen, schwelgten im Gefühl der Größe, und die Schönen, die sich mit ihnen schmückten, ließen sich gern bewundern.

Ich fürchte, meine Suche nach Sehenswürdigkeiten in Dresden ist zu Ende. Nach dem Grünen Gewölbe sah ich mir die Prozellansammlung an, die in einer Reihe unterirdischer Räume im Japanischen Palast ausgestellt wurde. Ich gestehe, ich war enttäuscht.“ (S. 219)

Dazu kommt, dass sie sich in der Jahrhunderthitze zuerst über die unterirdische Kühle freut, um sich dann zu erkälten. Das ist umso verständlicher, da die Hitze wirklich extrem gewesen sein muss und die Kälte daher umso heftiger. Die Temperaturen erinnern tatsächlich an diesen Sommer. Auf dem Land kam es laut Shelley zu Bränden - man erinnere sich an die Waldbrände in Brandenburg - und in Dresden gab es zu wenig Wasser, um zu waschen:

„Die Leute müssen ihre Diener zum Fluss (dessen Pegel sehr niedrig steht) schicken und Wasser holen lassen, um ihre Kleider zu waschen und ihre Zimmer zu putzen. Ich gaube, dass sie für Letzteres nie viel Wasser verwenden.“ (S. 221)

Die offene Verachtung in dem ansonsten feinsinnigen Stil machen die Lektüre der Briefe lustvoll. Aber für Deutschland hat Shelley nicht nur Verachtung übrig. Genau wie beim Gedanken an Napoleon im Grünen Gewölbe verfällt sie beim Anblick des Rheins und seiner Landschaft in romantische Schwärmerei - aber auch das gelingt nur mit einem kleinen Seitenhieb gegen einen anderen Fluss:

„Vor zwei Jahren habe ich meine Bekanntschaft mit dem Rhein erneuert. Wenn man ihn von der Mosel aus erreicht, gewinnt er an Würde durch den Gegensatz zu den Ufern eines weniger schönen Flusses. Dann das Diorama mit dem von einem Turm gekrönten Felsen und von wildem Wein überwucherten Hügeln - eine Burgruine, eine verfallene Abtei und in die Jahre gekommene Befestigungsanlagen reichten aus, um die Aufmerksamkeit zu fesseln und die Fantasie zu beflügeln.“ (S. 155/156)

Diese Haltung, dass eine Landschaft oder auch Kunst die Fantasie beflügeln soll, scheint überall durch Shelleys Beobachtungen hindurch: Wenn sie deutsche Namen wie „Schwarzwald“ lobt, weil sie eben die Fantasie anregen, wenn sie den erhabenen Rheinfall besichtigt oder sich in Rabenau an einem Mühlbach kühlt.

Doch die Begeisterung für Deutschland wäre keine echte Begeisterung für Deutschland, wenn sie nicht irgendwann ins Unerträgliche umschlagen würde:

„Tacitus' Deutschland - ein Land der Wälder und Helden. Luthers Deutschland, in dem die Reformation geboren wurde, die den Seelen der Menschen die Freiheit geschenkt hat. Schillers und Goethes Land.“ (S. 159)

Einmal ins Schwärmen geraten kann Shelley sich kaum halten. Ihre Gedanken landen unweigerlich beim Krieg:

„Von welchem Meer an menschlichem Blut wurde Deutschlands Boden seit meiner Geburt durchtränkt! Da ich das Geheimnisvolle, das Unbekannte, das Wilde und das Berühmte liebe, wird es Dich nicht wundern, dass es mich Schritt für Schritt zum Herzen Deutschlands zieht.“ (S. 159)

Wäre Shelley dem Land an anderer Stelle nicht so wunderbar boshaft gegenüber, wäre das kaum genießbar. So ist es aber ein Vergnügen, bei dem man auf eine ziemlich unverstellte Art mit der Romantik in all ihren Ambivalenzen in Berührung kommt. Denn gerade im widersprüchlichen Zusammentreffen von neuer Technik wie der Eisenbahn, den Profanitäten des Alltags und der Schwärmerei wird deutlich - deutlicher als in lyrischen oder fiktiven Texten - in welchem Zusammenhang die Romantik entstanden ist.

Da wundert es einen auch nicht, dass Shelley die Eisenbahn an jeder Stelle lobt und andererseits bemerkt, wie die Schuttberge des Trassenbaus die Landschaft verschandeln.

Wenn man gute 150 Jahre später mit dem ICE durch gefräste Tunnel und totgespritzte Weinberge zum Weihnachtsfest reist, ist dieses Buch genau das Richtige im Gepäck: Shelleys edle Verachtung für Deutschland, kontrastiert von ihrer Schwärmerei, lässt einen die Romantik nicht nur besser verstehen, sondern auch besser ertragen. Außerdem eignet sich das Buch ideal als Geschenk. Ausgestattet mit Gemälden aus dem 19. Jahrhundert, die die Orte zeigen, die Shelley bereist, erinnert es einen daran, dass Bücher oft das bessere Internet sind - besser sortiert und bequemer.

 

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Streifzüge durch Deutschland und Italien
In den Jahren 1840, 1842 und 1843 – Band 1
Mary Shelley / Nadine Erler (Übers.) / Rebekka Rohleder (Nachw.)
Corso Verlag - Aufl. 2017, 254 S., gebunden mit Schutzumschlag, farbige Vor- und Nachsätze, durchg. 4-farbig illustriert, Lesebändchen, 17 x 24, cm.
Erschienen im September 2017

Streifzüge durch Deutschland und Italien
In den Jahren 1840, 1842 und 1843 – Band 2
Mary Shelley | Nadine Erler (Übers.) | Rebekka Rohleder (Nachwort)
Corso Verlag - Aufl. 2018, 256 S., gebunden mit Schutzumschlag, farbige Vor- und Nachsätze, durchg. 4-farbig illustriert, Lesebändchen, 17 x 24, cm.
Erschienen im März 2018

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