Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Vom Feststecken und Wiederholen

Über Özlem Özgül Dündar und ihr im Elif-Verlag erschienenes Lyrikdebut GEDANKEN ZERREN.

Sie räumt derzeit Literaturpreise ab, wie andere die Kegel auf der Bahn. Unlängst gewann sie den Kelag-Preis beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, bereits im Juli sprach ihr die Stadt Köln das Rolf Dieter Brinkmann-Stipendium zu. Ihre inzwischen sechste Auszeichnung in Folge. Nicht schlecht für eine Autorin, die bis vor wenigen Monaten nicht ein einziges Buch vorzuweisen hatte.

Dabei ist die 1983 in Solingen geborene Özlem Özgül Dündar eine ganz und gar bescheidene und stille Dichterin. Eine, zu deren Eigenschaften es zählt, sich nicht ganz sicher zu sein, sich nicht in den Vordergrund zu drängen und schon gar nicht auf das Gesicht als Marke im literarischen Wettbewerbsbetrieb zu setzen. Getroffen habe ich sie bereits vor einigen Jahren. Noch vor Klagenfurt 2018, lange vor einer Veröffentlichung und noch vor irgendeiner der sich inzwischen in schöner Regelmäßigkeit einstellenden Preisverleihungen. In Köln 2015 war das. Im Sommer 2018 – ein Literaturstudium in Leipzig, ein paar Preise und einen Debutband Lyrik später – treffen wir uns im Cafe Fleur in Köln und trinken stundenlang Kaffee. Es ist Anfang Mai, einer der wenigen Regentage in diesem beängstigend trockenen Sommer. Özlem Özgül Dündar hat gestern Abend auf dem Kölner Auftakt-Festival für szenische Lesung ihr Fragment türken / feuer vorgestellt. Ein starkes Erlebnis. Mit einem modifizierten Text, der dann den Titel und ich brenne trägt, wird sie wiederum zwei Monate später den Kelag-Preis als dritten Hauptpreis bei den legendären Klagenfurter Literaturtagen gewonnen haben.

Zum Zeitpunkt unseres Treffens hat sie gerade ihr lyrisches Debut im Elif-Verlag vorgelegt. Irgendwann frage ich sie, wie sich bei ihr die Textlänge für eine neue Arbeit einstellt. Sie antwortet mir, dass der Atem die Textlänge bestimme. Der inhaltliche Gedanke sei mit dem Atem vergleichbar. Er setze die natürliche Grenze für Form und Länge. Sie schreibt mit der Hand, elektronische Revolution hin oder her.

Dündar wird als Lyrikerin zunehmend bekannt für eine AutorInnen-Haltung, die die lyrische Entwicklung fiktiver intrapsychischer Figurationen einer abstrakten Lyrik ohne Subjekte vorzieht; letztere eine Lyrik, der oftmals nur mit hermeneutischen Analysetechniken beizukommen ist. Dündars konstruierte Subjekte verschwimmen dagegen nicht mit ihrem AutorInnen-Ich, sie sind fiktionales Personal, das einer literarischen Versuchsanordnung gehorcht, deren Set-Designerin die Autorin Dündar ist. Das zu bemerken, darauf legt sie Wert. Ihre Texte handeln von Menschen und ihren Lebensentwürfen, sie erzählen von Handlungsalternativen, die sich mühsam oder nach vergeblichem Kampf nicht voll entwickeln. Dündar versetzt sich dabei in ihre Figurationen und Entwürfe und lässt sie von ihren literarisch projektierten ProtagonistInnen durchspielen.

Das geschieht in ihrem inzwischen zum zweiten Mal zum Siegertext avancierten und ich brenne ebenso wie in ihrem schmalen Lyrikdebut. Sein etwas schwierig wirkender Titel Gedanken Zerren ist dabei programmatisch. Den Leser erwarten 42 intensive Gedichte, unterteilt in drei Kapitel mit je 14 Texten, denen jeder versöhnliche Gestus, jeder Versuch einer relativierenden Pointierung abgeht. Die Unterteilung in drei Kapitel verweist auf drei Perspektiven ein und desselben – geschlechtlich unbestimmten - lyrischen Ich und seine Interaktionen mit Phänomenen der Mitwelt. Zunächst lesen wir eine nahezu idiosynkratische innere Wahrnehmung, eine Studie über allgegenwärtige Entfremdung und die Unmöglichkeit, sie zu überwinden. Im zweiten Kapitel folgt die Öffnung zu einem Du und schließlich im dritten die Hereinnahme der Mitwelt durch Reflexionen, die befriedend wirken könnten, den Abstand jedoch nie wirklich verringern. Ein von grundsätzlicher Fremdheit gezeichnetes Ich wird von gelungener Begegnung unterschieden, einem Ich im Verbund der Gemeinschaft. Diese konzeptuelle Struktur erschafft und ordnet eine Dramaturgie, die den oftmals losen Bündeln mehr oder weniger komponierter Lyrikbände fehlt.

Ihren dramatischen Ambitionen zollt Dündar damit Tribut. Darüberhinaus hat sie ein paar formale Entscheidungen getroffen, die sich als klug erweisen. Das Erscheinungsbild des Gesamttextes lehnt sich an Konzepte visueller Lyrik an, wie wir sie durch konkrete Poesie seit mehr als einem halben Jahrhundert kennen. Konkret bedeutet in diesem Fall: Ihre Gedichte sind sämtlich wie kleine rechteckige Quader gesetzt, monolithisch geformte Blöcke. Der Clou dabei: Sie hat die einzelnen Zeilen nicht mit orthographisch korrekten Umbrüchen nach Wortenden oder Worttrennungen gestaltet, sondern lässt sie ohne jedes Trennzeichen - zuweilen mitten im Wort - in die nächste Zeile hinein verlaufen. Dies ist ein schwerwiegender Schachzug, denn er bedeutet für ausnahmslos jeden Leser, der es mit dieser Lyrik ernst meinen will, von jedem einzelnen Gedicht ausgebremst zu werden durch ein Schriftbild, das es verunmöglicht, über die Zeilen zu rasen oder zu huschen. Dündar zwingt uns also bereits durch die äußere Form zu einem entschleunigenden close reading, zum Innehalten. Sie forciert so unsere Achtsamkeit, die Textarchitektur intensiviert die lyrische Handlungsebene. Das hat einige beachtliche Konsequenzen: Die formale Komposition katapultiert die inhaltlichen Intentionen. Die sprichwörtliche Enge des stockenden literarischen Ich wird zur Lektüre-Stolperfalle des Lesenden. Dazu zählt auch der teilweise Verzicht auf morphophonemisch-orthografische Korrektheit sowie Groß/Kleinschreibung. Was Dündar über drei Kapitel formal wie inhaltlich gelingt, ist ein Sprechen gegen die Selbstverständlichkeit, das in vielfältigen Themen mündet.

Das erste Kapitel „wenn ich springe von einem zum anderen“ erweist sich als eine Phänomenologie der Identität, eine Rückbesinnung auf die Physikalität des Körperlichen als erste Anlage zu fehlgehender Kommunikation. Die Erfahrung des Körpers als Gefängnis, Phantasien einer geistigen De-Physikalisation, die keinen Anlass für eindeutige Identitäts-Vergewisserungen bieten, wiewohl da ein starkes Ich zu uns zu sprechen scheint.

„… zwischen den / zellen da spielt sich mein gei / st ab …“ (aus: fluktuation)

„… ich / will n herrschen müssen über / alle organe die man mir gab i / ch will verfaulen können wa / nn ich will u n essen u schl / afen können wann ich will u / ich will n denken müssen a / n alles woran einer so denk / t …“ (aus: herrschen müssen)

Verdichtete Schemata der Unterwerfung, die unmittelbar der Sehnsucht folgen, ein im ersten Kapitel bereits als Bindeglied zu Gewalt- und Demutserfahrungen eingeführtes Du, doch auch große Zärtlichkeit und Nachklänge tief empfundener Leidenschaft, knüpfen im zweiten Kapitel -  „wenn ich mich dir antaste“ – an die Diagnosen des ersten an. In den von Dündar wiederholt selbst so genannten Liebesgedichten scheint eine emotionale Besessenheit durch, die Züge von Sucht aufweist und der eine zentrale Funktion im zweiten Teil zukommt. Das Du wird konkreter, die „Handlung“ metaphorischer. Gleich das erste Gedicht gibt die Richtung vor:

„...  wir lesen die zeichen von dir / u von mir u immer wieder g / reifen wir nach fäden die w / erden dünner u die augen br / ennen uns von der sonne … „ (aus: brennen uns)

Der Ariadne-Mythos blitzt auf, eine Lichtmetapher wird negativ konnotiert, so als sei die Sonne zuschauen ein Brandherd der Seelen. Demut und Einsamkeit in der Kontaktaufnahme lauten die Themen. Momente, die auf schmerzhafte Weise antiemanzipatorisch komponiert erscheinen. Das unerreichbare Du wird zum eigentlichen Antrieb, wiederum eine Phänomenologie der Körper, diesmal mündend in einen anachronistischen Romantizismus. Eine wahnhaft intrinsiche Motivation erscheint ohne Belohnungstrigger, denn das mit Ambitionen der Anrührung belegte Gegenüber ist als ein auf gleicher Augenhöhe agierndes Subjekt absent. Es gibt nicht eine Zeile, die belegen würde, womit das geliebte Gegenüber seine Liebenswürdigkeit verdiente. Alles an diesem Text ist also konsequent: Die vergebliche Demutslust korrespondiert mit Schmerzschreien ohne jedes Echo, die den Monolog aufrechterhalten.

Die Materialität dieser Sprache ringt sich von ihren Inhalten her ab. Aus ihren feinstofflichen Wahrnehmungen erwachsen Dündar in einem sich unendlich fortschreibenden Sinn ihre lyrischen Partituren, die ein offenes Konzept verfolgen. Die Dreiteiligkeit des Textkörpers ist ein solches, das auf einer Metaebene für die Triangulierung von Ich, Du und Gemeinschaft steht.

Zwänge spielen inhaltlich eine herausragende Rolle, die Brechungen ebnen die Sprache auf ein strenges Maß und transformieren so ihre Themen auf eine visuell ästhetische Art. Wir sagten Konkrete Poesie und wollen meinen, dass wir ihre Variation bei Dündar auf einem hohen Entsprechungsgrad erfahren. Formal mag es als Manie erscheinen, eine antithetische Syntax streng durchzuhalten und den Regel-Kanon der deutschen Sprache weitgehend zu mißachten. Doch das Ergebnis spricht für die Komposition: Der Ton ist repetitiv, mitunter karg und schließt eine regelrecht neuronal-haptisch erfahrbare Rezeption der Lektüre ein, wenn die Wiederholungen des zweiten Kapitels beginnen, die Wahrnehmungen der lyrischen Erzählerstimme zu erschließen.

Das dritte Kapitel - „wenn ich n gehöre“ – fokussiert auf eine andere Ebene und bietet damit gegenüber den vorangegangenen 28 Texten einen wunderbaren Kontrast zum Ausklang. Es beginnt mit einem entfremdeten Blick auf eine große Stadt, mit der – vielleicht doch ein biografischer Herkunftsbezug zur Autorin – durchaus Istanbul gemeint sein kann:

 „… die stadt zwi / schen kontinenten die nie sch / läft ...“ (aus: gesichter die laufen an mich).

Es lässt Ahnen von einer bäuerlichen Welt erzählen,

„… wie sie die dinge der w / elt nur vom hörensagen kann / nten …“ (aus: schweifen vor der retina).

Doch die buchstäblich im Sande verlaufende Suche

„… nach den / Geschichten den unerzählten / die vergraben liegen mit eur / en klängen u suche nach etw / as das ich n habe das vergr / aben liegt in der erde u unter / stein …“ (aus: euer klang)

…führt zu Konfliktschilderungen mit Familienmigliedern, die

„… an mir zerren mir d / ie richtungen zeigen wollen / wenn ich n gehöre zu dem e / inen u n gehöre zu dem and / eren …“ (aus: wo es mich bricht).

Zerrissenheit zwischen Zugehörigkeit und Selbstbestimmung, die schiere Schwere der Massivität der anderen und derjenigen der eigenen Gedankenwelt, das Ringen um Unabhängigkeit während gleichzeitig die Gemeinschaft bereits verloren ist, die Erkenntnis schließlich, dass die Weisen, auf die sich über Jahrtausende die Identität eines Subjekts konsolidierte, vergessen sind, mündet vor dem Ende schließlich in einer erneuten Lichtmetapher:

„… die sonne schlägt mir / ihr licht gegen die haut die b / inden soll über dem auge de / m spiegel das manche sagen von meiner seele sein soll …“ (aus: auf mein auge).

Arbeit mit Redewendungen, Enden, die miteinander korrespondieren, Mikro- und Makro-Betrachtungen der Erscheinungen, ungewöhnlich gedoppelte Verbstellungen mit dem nachfolgenden Verb „machen“ (als entlehne und übertrüge Dündar ihre Verbfolge aus dem englischen „to make“) und eine durchgängige Abkürzung der Worte „und“ und „nicht“ (als u und n), das sind weitere übergeordnete formale Strategien, die die Semantik dieses Textes durchziehen.

Wo gezerrt wird, entbehrt es lyrischer Geschmeidigkeit.

Am Ende wiederholt das vorletzte Gedicht den Zyklustitel. Die Gedanken zerren bis zum Ende, die letzte Bestandsaufnahme dessen, was dem lyrischen Ich „passiert“, ist ein Warten auf einen angemessenen Ausdruck angesichts ungeklärter Intentionen,

„… wenn die gedanken im chaos / sich zerren durch meine bah / nen um vielleicht zu worten / zu werden wenn die molekü / le flimmern u gedanken zerr / en machen wenn ich mit zerr / ungen geplagt bin u für mic / h worte n finde …“ (aus: gedanken zerren).

Nicht allein deshalb mag einem die Begründung der Jury zum Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, diese Lyrik sei „in einer Zeit des Werte- und Sprachverlustes … ein humanitärer Appell“ ein wenig wie aus der Phrasendreschmaschine erscheinen. Womit der Hinweis allerdings richtig liegt ist, dass Dündars Lyrik an den Oberflächen der Bedingungen von Zusammenhalt und Auseinanderbrechen menschlicher Gemeinschaften kratzt, um ein wenig tiefer zu blicken auf das, was Menschen zu verletzbaren und oftmals bereits verletzten Wesen macht.

Özlem Özgül Dündar ist eine extrem genaue Spracharbeiterin. Darum dürften Veröffentlichungstermine sich für sie relativ unbehaglich anfühlen. Vorstellbar wird darum aber auch, dass sie eines Tages eine erweiterte Fassung von Gedanken Zerren schreiben wird, vielleicht in einer der folgenden Auflagen. Apropos: In die Dritte wird der Band im Januar 2019 gehen. Über eintausend Exemplare bedeuten, in Deutschland einen kleinen lyrischen Bestseller 2018 gelandet zu haben. Das verwundert nicht. Der Band ist zwar gering an Umfang, alles andere als ein auf Gigantomanie angelegter Zyklus. Und dennoch ist Özlem Özgül Dündar eine kleine leuchtende Perle zeitgenössischer Lyrik gelungen. Eine Lyrik, die damit auftrumpft, innere und äußere Fremdheit als bestimmend für die Getriebenheit einer wortreichen Sehnsucht auszumachen.

*

Anm. der Redaktion:
Fremde! Das ist ein großes Meer in mir ...
Unter diesem Motto stellt der »Erste Brühler Literatur-Klub«  mit Lütfiye Güzel und Özlem Özgül Dündar zwei lyrische Stimmen vor, deren beider Herkunft in der Türkei liegt und die dennoch zwei völlig unterschiedliche »Schreibweisen« entwickelt haben, um ihren literarischen Intentionen Ausdruck zu verleihen. Eine Gegenüberstellung zweier preisgekrönter Autorinnen, die man in dieser Kombination kein zweites Mal erleben dürfte.  Moderierte Doppellesung mit anschließendem Gespräch.

28. November 2018 | 20 Uhr - Buchhandlung DIE EULE, Kölnstr. 27 in 50321 Brühl, Moderation: Andreas Richartz

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