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Kolumne

My white male bookshelf #5

Und es schmilzt von Lize Spit

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen.

Ich gehe alle sechs Wochen zu Tim. Der wäscht und schneidet mir die Haare, dann frisiert er sie. Am Ende mache ich den nächsten Termin in sechs Wochen. Dann gehe ich zu Mackensen, meinem Buchhändler. Sein Laden befindet sich direkt neben Tims. Mein Buchhändler denkt also, dass ich immer perfekt frisiert bin, obwohl das eigentlich Zufall ist, weil ich jedes Mal zu ihm gehe, nachdem Tim mich perfekt frisiert hat.

Mit Tim rede ich meist über alles Mögliche. Mit Mackensen über Bücher und alles, was damit zusammenhängt. Manchmal fragt er mich, warum ich ein Buch kaufe, ob er es auch lesen solle. Oder er sagt mir, dass er diese oder jene Autorin sehr mag. Ich frage mich manchmal, ob und wenn ja, was er sich zu meinen Käufen denkt. Manchmal rufe ich an und bestelle Bücher, von denen ich annehme, dass sie nicht bei ihm liegen, manchmal stöbere ich und greife einfach zu. Dieses Mal nehme ich unter anderem »Und es schmilzt« von Lize Spit (2017 bei Fischer erschienen). Mackensen sagt nichts dazu.

Wären mein Friseur und mein Buchhändler nicht in Berlin, könnte man fast sagen, es sei wie auf dem Dorf. Ist es aber eben nicht. Ich muss sogar jedes Mal ein gutes Stück durch die Stadt fahren, um meine private Dorfkonstellation zu erreichen und kann sie deshalb um so mehr genießen. Ich bin schließlich nicht darauf angewiesen. Das Dorf ist ja eigentlich gar nicht da. Es entsteht dadurch, dass ich hingehe.

In Lize Spits Debüt »Und es schmilzt« ist das nicht so. Ihre Erzählerin Eva ist auf dem Dorf Bovenmeer in Belgien aufgewachsen, wohnt mittlerweile aber in Brüssel und fährt zu Beginn der Handlung zurück ins Dorf. Sie hat eine Einladung von ihrem alten Freund und Klassenkameraden Pim bekommen. Der lädt zu einer Feier mit doppeltem Anlass ein: Zur Einweihung eines Melkroboters und zum Geburtstag seines Bruders Jan, der im Jahr der Handlung 30 geworden wäre, wäre er nicht in seiner Kindheit in Bovenmeer tot in der Jauchegrube aufgefunden worden.

Eva weiß, dass die Einladung nicht wirklich an sie gerichtet ist:

»Natürlich weiß ich, sie ist nicht an diejenige gerichtet, die ich jetzt bin, sondern an die Person, die ich war, als wir noch miteinander sprachen, die Eva vor dem Sommer 2002. Darum tue ich heute genau das, was ich damals getan hätte: widerwillig doch aufkreuzen.« (S. 10)

Bevor sie losfährt, friert sie bei ihrem Nachbarn in einer Curver-Box Eis ein. Der Roman verbindet die Fahrt zum Fest mit der Erinnerung an den Sommer 2002. Es ist kurz vor Silvester und so reicht es, dass Eva die Heizung im Auto nicht einschaltet, um den Block nicht zu schnell schmelzen zu lassen. Jetzt weiß man auch schon, dass der Block am Ende des Romans geschmolzen sein wird. Man weiß nur nicht warum. Und das ist Spits Kunst: Die Uhr des Romans ist vorn vornherein gestellt, die Erzählung hat einen präzisen Plan, der läuft aber mit der Schmelzgeschwindigkeit von Eis im Winter - quälend langsam. Die Langsamkeit erzeugt Spit durch eine ebenso quälende Detailfülle, die das Dorf Bovenmeer immer enger erscheinen lässt.

Eine Kindheit auf dem Land könnte rauschendes Glück bedeuten, hier ist es Ekel in jedem Detail. Eines Tages kommen zwei Vertreter, die Luftaufnahmen des Hauses anbieten. Eva bietet ihnen Wasser an:

»Ich pustete die Hundehaare aus den leeren Gläsern, füllte sie mit Leitungswasser. Sie würden nichts davon trinken, aber es würde ihnen helfen, eine Haltung zu finden. Steven untersuchte die Wasserqualität. Der Kleine schaute auf den Schuhhaufen neben der Tür.« (S. 124)

Als Eva mit ihrem Eisblock im Kofferraum in Bovenmeer ankommt, schlafen ihre Eltern noch. Sie betritt das Haus, ohne ihren Eltern Bescheid zu sagen, und sieht sich um. In ihrer Badezimmerschublade findet sie Erinnerungsstücke, eine Spielkarte und einen Schlafanzug:

»GEHE IN DAS GEFÄNGNIS, BEGIB DICH DIREKT DORTHIN. GEHE NICHT ÜBER LOS. ZIEHE NICHT 4000 FRANC EIN.

Hinter dem Schuhkarton finde ich einen zusammengeknüllten Schlafanzug, in dem noch die Form meines früheren Körpers steckt. Am Kragen klebt angetrocknetes Müsli. Ich wage den Schlafanzug nicht anzufassen, aus Angst, damit etwas zu wecken. Was ich wecke, kann ich nicht hierlassen.« (S. 131)

Die Gegenstände in Bovenmeer sind zum Verabscheuen.

Mit den Menschen trifft Eva es nicht besser: Der Vater zeigt ihr zu Beginn des Romans eine Schlinge, die er für sich in den Schuppen gehängt hat, ihre kleine Schwester hat eine Zwangsneurose und ihre einzigen Freunde sind der Bauernsohn Pim und der Schlachtersohn Laurens. Von ihnen ist Eva abhängig: Ihr Jahrgang ist so klein, dass sie nicht in eine normale Klasse geht, sondern mit ihren Freunden in einer »Beistellklasse«. Die drei, die sich die Musketiere nennen, sitzen auf einer Extrabank in einer höheren Klasse und werden individuell mit Lehrstoff versorgt.

Denkt man bei Bauernsohn und Schlachtersohn an einen rüden Umgang mit Lebewesen, liegt man nicht ganz falsch. An einem Nachmittag erzählt Pim Laurens, er habe einen Pingpongball im Anus einer Kuh versteckt und trägt seinem Freund auf, ihn herauszuziehen:

»Anfangs habe ich gehofft, dass Pim zu so etwas Barbarischem nicht imstande wäre. Doch das, wozu er Laurens angestiftet hat, ist genauso schlimm.

Laurens arbeitet sich weiter vor, steckt fast bis zum Hals in dem Tier. Er muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um noch tiefer vordringen zu können. […]

›Da ist kein Pingpongball‹, sage ich leise.« (S. 93/94)

Irgendwann kommt Elisa in die Klasse, in der die drei »schmarotzen«. Elisa kommt nicht aus Bovenmeer, sondern aus dem gut 25 Km entfernten Hoogstraaten. Der Lehrer fragt, wer schon mal das gewesen sei:

»Niemand hob den Finger.« (S. 97)

Bovenmeer ist eine Insel. Einen Ausgang gibt es nicht:

»Bis zu meinem neunten Lebensjahr glaubte ich, im Garten gebe es eine Luke, hinter der Mutter eine zweite Familie versteckte.« (S. 125)

Irgendwo scheint Eva also trotz der Enge eine Vorstellung von einem Ausgang zu haben, der wird aber nirgendwo greifbar.

Die Lakonie des Erzähltons, von Helga van Beuningen aus dem Niederländischen übersetzt, und der geschilderte Ort schaffen ein gleichbleibend hohes Niveau an Unbehagen. Es gibt keine Knalleffekte, die die Normalität unbehaglich werden ließen – die Normalität ist  selbst monströs. Wenn sich diese Monstrosität dann aber doch steigert, wird es unerträglich. Die permanente unterschwellige Gewalt, innerhalb derer man die tatsächliche körperliche kaum noch wahrnimmt, steigert sich zu sexueller Brutalität. Man liest und wartet darauf, dass sich etwas entlädt. Ein Racheakt, ein deus ex machina. Irgendetwas, das die Geschichte erträglicher werden lässt. Aber da kommt nichts.

Durch die Detailfülle entwirft Spit wie nebenbei auch ein Porträt der späten 90er und 00er Jahre. Raider heißt jetzt Twix, irgendwann hält der Computer Einzug, der nur der »Windows 95« genannt wird. Die Angst vor dem Millennium Bug grassiert. Die neuen Produkte und der Fortschritt werden vor allem in Kontrast zur gegenwärtigen Eva deutlich, die ganz selbstverständlich die Facebook-Seite der Feier checkt, bevor sie losfährt. Unwillkürlich fragt man sich, ob diese Geschichte besser ausgegangen wäre, wenn das Internet damals schon so allgegenwärtig gewesen wäre wie heute. Vielleicht hätte es eine Luke in eine bessere Welt gegeben. Und dann zweifelt man daran, ob das Internet es wirklich besser gemacht hätte. Dennoch passt Spits Geschichte genau dorthin, wo sie sie erzählt: Aufs Dorf und in die 00er Jahre.

Am Ende klärt sich die sauber inszenierte Zeitlichkeit auf, der Eisblock schmilzt ab. Wie das passiert und warum Eva überhaupt Eis einfriert, in den Kofferraum lädt und von Brüssel nach Bovenmeer fährt, ist so sehr Teil der Konstruktion, dass ich das vor dem Lesen lieber nicht vorwegnehme. Und Lesen sollte man »Und es schmilzt«.

***

Lize Spit
UND ES SCHMILZT
S.Fischer
512 Seiten
22,00 € Hardcover

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