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Kolumne

liegengeblieben #4 [Unter dem Radar]

Underground- und Selbstpublikationen 1965 – 1975

Zweimal innerhalb kürzester Zeit lese ich Abrechnungen mit den ineinander verwobenen Themen des 1968 beginnenden Jahrzehntes des Revoluzzertums und teils wird aufs garstigste Weise selbst im kleinen Rahmen eines Veranstaltungshinweises (z.B. zur Stefan Moses Hippie-Fotoausstellung im Literaturhaus München) über arrogante Nichtsnutzigkeit referiert und dargelegt, daß der Blumenkinder-Zeitgeist ein flacher, leistungsverweigernder war, der nichts zustande gebracht hat, außer Tumult und Krach.

Der Zeitgeist ist heute so, daß hier gerne und viel Leute sofort zustimmen und sagen, ja das stimmt so, wird Zeit, daß man das so deutlich mal sagt, was da Tilman Krause am 15.02.2018 in seinem Essay „Die Selbstvermarkter“ in der WELT schrieb: „68 ist kulturell-lebensweltlich ein Totalausfall.“

1968 ist „für Teile der Konservativen und Rechten heute sogar ein Schimpfwort …; ein Chiffre für alles, was 1968 und die folgenden Jahrzehnte der Frauen- und Umweltbewegung und der Pluralisierung der Gesellschaft in Deutschland verändert haben“ (NDR zu Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder) – alles, was sich aus diesen Wurzeln heraus entwickelt zu haben scheint, steht den Rechten heute als Beispiel für ein generationenlanges Vergehen an der Bürgerlichkeit. Es ist überraschend einen passablen Essayisten wie Tilman Krause in diesem Denkumfeld wiederzufinden, wo er sich Argumente mit Björn Höcke teilt. Zitat: Die AfD wolle "weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland". Und tut sich in der Gefolgschaftssuche genau dort am leichtesten, wo es diese Seuche nicht gab.

Allein das sollte schon ausreichender Hinweis sein, daß die 68er eben doch nachhaltiger und positiver in die bundesrepublikanische Demokratie hineinwirkten, als das Herr Krause wahrhaben will.

68 erleben wir das Ausprobieren neuer Selbstbevollmächtigungen einer aufbegehrenden Generation und sicher sind manche Akteure auch überfordert bspw. von wirklicher Gleichberechtigung (und viel eigentlicher nur berauscht von der Möglichkeit zu schneller, anstrengungslos erreichbarer Sex). Das ist nicht die einzige Kritik. Das, womit Konservative heute spielen, ist nicht der Moment „anno 68“, sondern sie vermitteln das Bild, die Studenten von damals wollen heute mit dem seit damals erzeugten und etablierten Wissen Lebensrezepte festschreiben (political correctness) und man würde rücksichtslos universitäre Meinungen als Maßstab auch dort etablieren, wo ganz andere Lebenswirklichkeiten herrschen und ganz andere Lebensantworten gefragt sind. Die Universität – die „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“- hat Recht und bestimmt über Meinungskorridore. Indem die neue Rechte akademische Schulen solchermaßen diskriminiert und zum Sündenbock erklärt, gelingt eine Abkürzung jeglichen Diskurses ins Vorurteil: man braucht über Fakten nicht mehr reden. Die 68er sind anundfürsichkrank und out. Hier benutzen AfD und Tilman Krause dieselbe Posaune.

Insofern ist der unparteiische Blick zurück auf eine Zeit eine gute Chance, das Wesentliche wiederzusehen und womöglich neu zu betrachten. Das kann man ganz ohne Ressentiment tun und (bei einiger Empathie) mit überraschendem Gewinn. Betrachtet man differenziert und benutzt keine billige, populistische Pauke, hat man u.a. Gelegenheit die Innovationen des DIY kennenzulernen, die nicht immer nur sagen: ich kann das auch, sondern auch aus den Gegebenheiten des Hier und Jetzt ein Agieren zaubern, das sich ganz bewußt  gegen geordnete, autoritäre, althergebrachte Strukturen stellt. Ich muß nicht Typograf sein, Layouter, Drucker, Buchbinder, um eine Zeitschrift zu machen – dadurch begäbe ich mich in die Mühlen der Gesellschaft und hätte aufgrund auftauchender finanzieller Hürden keine Chance zu einem eigenen Projekt. Wenn ich etwas tun will, dann tue ich es einfach, und zwar mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.

Für konservative Denker wie Tilman Krause, ist das natürlich ein Affront: wie kann manfrau nebenmir Zeitschriftenmacher sein, wie kann ein jemand der seine eigene Marmelade kocht, etwas Allgemeingültiges zu sagen haben. Was erlauben die sich?

Genau das: sie erlauben sich etwas, das auf andere Weise nicht möglich wäre. Die Besonderheiten des Layouts von Underground-Zeitschriften erklären sich in erster Linie aus Armut und Not, das Einbinden professioneller Grafiker und Layouter und Setzer, das Benutzen guter Papiere und Druckmaschinen hätte jedes Unternehmen sofort kippen lassen.

So kann man die 68 Revolution eigentlich auch sehen: nicht als Verweigerung, wie immer wieder gern und zu stark betont, sondern als Erforschen neuer Erlaubnisse. Wer sich bspw. in die Räume psychedelischer Musik jener Zeit werfen kann, ist ganz schnell in Gebieten unterwegs, die nach dem Krauseschen Diktum der arbeitsintensiven Traditionen nicht existieren dürften. Die um die bürgerliche Empörung bereinigte Frage „Was erlauben Sie sich?“ wäre also die wirklich zeittypische und das „Was verweigerst Du?“ nur ein reaktiver Denkklotz in konservativen Gehirnen. Vielleicht hat mancher verweigert um zu verweigern, aber im Prinzip war die Aufschließung von Neuem grenzenlos und entsprechend kaum haltbar. Wohin was führen wollen sollen würde? - einfach irgendwohin, „machen“ war die Maxime: du hast was zu sagen, dann sag es. Do it!, meinte Jerry Rubin.

„Unter dem Radar“ - Jan-Frederik Bandel, Anette Gilbert und Tania Prill haben in einer katalogstarken Publikation bei Spector Books Underground- und Selbstpublikationen 1965-1975 zusammengestellt und zeigen genau diese medialen Aspekte. Sie zeigen auch, daß dem folgenden Krauseschen Besinnungsruf von den Un-Leistungen der 68er, nicht Folge geleistet werden kann: „Und in ästhetischer Hinsicht? Was ist da der Ertrag von 68? Die plumpen Plakate des eindimensionalen Klaus Staeck sind, traurig genug, das Einzige, was einem einfällt.“

Das Einzige, was einem Tilman Krause eben einfällt. Bandel fällt sehr viel mehr ein und mit seiner Hilfe uns wieder zu. Selbst ich als 1961 geborener (= 2 Jahre jünger als TK), habe alte Hippiezeitschriften zuhause, die ich nicht wegwerfen konnte, weil sie so „eigen waren“. Und wenn man bspw. die in diesem Buch versammelten Underground-Erzeugnisse checkt, landet man in einer faszinierenden Melange aus Selbstbestimmung und Eigenkulturbehauptung, die weder etwas marktschreierisches noch etwas selbstvermarktendes hat.

Man könnte Tilman Krause auch eine kleine Zusammenstellung deutsches Krautrockvinyl aus den Jahren ab 1968 vorlegen, anhand derer er – wenn er denn Tiefe vermissen würde – musikalische Neuerungstiefe entdecken könnte, die in dieser Weise just in time absichtslos passierte und keinem anderen Kalkül entsprang, als auf frische Weise unkalkuliert zu sein. Denken wir an Agitation Free, Amon Düül, Can oder Kraan.

Doch zurück zu den Underground- und Selbstpublikationen 1965-1975 und ihrer Ästhetik. Die Blätter waren einfach „ … zu klein, zu krude, zu regellos, zu schmutzig, zu unbedacht, uneinheitlich, unernst, unfertig, ungeordnet und ungezügelt“, wie Jan-Frederik Bandel in der Vorbemerkung des Buches schreibt. Und weiter: „Einzelblätter mit dem violetten, etwas schwammigen Schriftbild handkurbelbetriebener Umdrucker, getackerte oder gelumbeckte Heftchen, krakelige Zeichnungen, grob geschnittene Collagen, ein typografisches Durcheinander aus Letraset-Rubbelbuchstaben, Maschinen- und Handschrift, einmontierten Fundstücken, Comics von ungekannter Drastik, pornografische Fotos, psychedelische Farbverläufe und -strudel, coole Popelemente und albern überzogene Selbstdarstellungen, agitatorische Slogans, makrobiotische Rezepte, schnoddrige Erfahrungsberichte, wüste Polemik und ungelenke Gedichte – gegen diesen Malstrom schien das sachliche Design der Moderne, schien der „Internationale typografische Stil (eben noch Kenzeichen selbst- und medienbewußter Avanciertheit und somit eine sichere Wahl für künstlerische und theoretische Avantgarden) tatsächlich genauso auf der Stelle zu treten wie die gängigen Formen journalistischen, literarischen, wissenschaftlichen Schreibens, aber auch politischen Denken und Handelns.“

Was Jan-Frederik Bandel in diesem Schachtelsatz zusammenfaßt  beschreibt zum einen bereits die Bandbreite der katalogisierten Beispiele, zum anderen aber schon das bis in heutiges konservatives Denken nachwirkende Unwohlsein mit dem Underground der 68er: hier verselbstständigt sich etwas und fragt nicht länger um Erlaubnis. Es definiert den Rahmen um, den eine Botschaft haben soll und erzeugt spielerisch Rahmungen, die eine Botschaft haben kann. Und nutzt das, was herumliegt oder kostenfrei zu haben (der „radikale Dilettantismus“, der die Reste des Konsums der alten Gesellschaft nutzte um bspw. Teil des Layouts des Neuen zu sein, ist oft ökologisch, oft notgedrungen, oft nah am anarchistischen Gestus des Dada). Es tritt noch nicht einmal in Konkurrenz und versucht „besser, schöner, neuer“ zu sein, man kann also noch nicht einmal gegen es an argumentieren, sondern es einfach mögen oder auch nicht. Die Währung für mediale Einmischung wird auf genau jene Münze festgelegt, in der jeder zahlen kann: derjenigen der Mühe. Und nicht der Technik. Man könnte die Frage „worum geht es hier überhaupt“ mit der Verwirklichung einer Verantwortung beantworten, die man sowohl für sein eigenes Leben als auch für das weltgemeinschaftliche spürt und wahrnehmen möchte.

Was mit eigenen Mitteln getan werden kann, kann jetzt und hier getan werden, und es geht dabei um „neue Sensibilität“, „Bewusstseinserweiterung“, „andere Realitäten“ (weil es mit der Realität der alten Sensibilität und der alten Bewusstseinstexte nicht mehr weitergehen konnte – um das empathisch nachzuvollziehen zu können, müßte sich der Leser in bürgerliche Milieus zurückversetzen, die es so heute nicht mehr gibt). Es ging darum Verstocktheiten, bürgerlichen Mief, geerbtes Gegerbtsein, Steife und Strenge zu überwinden und hineinzufallen in Räume völlig neuer Buntheit und Freiheit. Es zeigten sich Weiten in Kunst, Musik und Literatur, die geeignet erschienen den Englauf hin zur atomaren Liquidierung der Erde zu stoppen. Nicht die Welt war verkastelt und verzettelt und begrenzt, sondern der Mensch und seine Bomben. Und das war eine sehr reale Gefahr.

Wer die Grunderfahrung eines „menschlichen Irrwegs“ auf einen Atomkrieg zulaufen hat sehen, der konnte und wollte auch nicht mehr zurück in das bürgerliche Schauspiel der Militärkapellen und des Raketensaluts, und so fielen die 68er reihenweise weg aus dem Bürgermief und machten ein völlig anderes, (fast) unspektakuläres Theater, den Rücksturz ins Hier und Jetzt, den Kosmos der Erde, die als Underground unter den Palästen alles Leben trägt.

Im Buch finden sich Beispielbilder der Publikationen und kurze Legenden dazu – tatsächlich zu einer Ausstellung im Zentrum für Künstlerpublikationen, Weserburg Bremen über den Jahreswechsel 2015/2016. Die abgebildeten Publikationen stammen dabei alle aus der privaten Sammlung von Jan-Frederik Bandel, der hier ein tief den Böden des Underground abgelauschtes Archiv zusammengetragen hat, das aus dem Gros der studentischen bis privaten Blätter tatsächlich diejenigen Publikationen zu Tage fördert, die „wichtig“, „legendär“, „beispielgebend“ waren. Und so finden sich beispielsweise die Anthologie Underground Poems von Rainer Rygulla in der Berliner Oberbaumpresse von 1967, die späterhin zum Kernbestand der legendären ACID Anthologie (dann herausgegeben zusammen mit Rolf Dieter Brinkmann) geriet,

Natürlich findet sich Benno Käsmayers Maro Verlag und dessen Erzeugnisse und dessen Umfeld, Biby Wintjes Literarisches Informationszentrum featurendes Ulcus Molle, Raymond Martins selbstbewußt hippieeskes PÄNG, Hans Imhoffs Euphorion Verlag (mit. u.a. Handkes deutschen Gedichten), Henryk M. Broder und spätere Pardon-Veteranen.

Aus dem „Scene-Reader '72“ hier recht wahllos ein paar Namen, die man (vielleicht) auch literarisch heute noch kennt: Fred Viebahn, Elisabeth Alexander, Peter Engel, Günter Guben, Jürgen Ploog, Manfred Chobot, Manfred Ach, Helmut Loeven, Hadayatullah Hübsch, Klaus M. Rarisch, J. P. Tammen, Fitzgerald Kusz, Helmut Salzinger etc.

Sie waren Teil einer Zeit, in der absolut radikale Ideen gelebt wurden, wie es bspw. der Wild Haluzi Verlag und der Verlag Heinrich & Wir in ihrem Prospekt zur Winterkollektion 1971/72 kundtun: „Wir schreiben nur zum Spaß, fort mit der Eselseckenliteratur, Kunst ist Quatsch, es gibt keine, denn 'alles kann dieses oder jenes bedeuten (Konrad Bayer: 6. Sinn', wir wollen nicht nur Nachts die große blaue Unterwasserwelt erleben).“ Spiel-Raum war angesagt und nicht Traditionspflege oder Gradausigkeit.

Ein großartiges Buch mit kaum mehr erreichbaren Zeitzeugnissen, das eine Geschichte erzählt, die sich nicht in den Fernsehern der Nation abgespielt hat, sondern in kalten, oft ungeheizten Stuben alter Bauernhöfe, in städtischen Ghettos und Studentenbuden. Wer wirklich einen Einblick „in die 68er“ haben will, sollte hier beginnen und er wird, so er denn empathiefähig ist, aufregende Entdeckungen machen, bzw. Aufregungen und Entdeckungen finden, die weder spinnert noch egoman sind.

Mein Fazit für heute: Am Ende zeigt sich, nicht die Dinge ihrer Zeit haben ihre Gültigkeit verloren, sondern Betrachter sind heute schnell- bis vorurteilig, rauschen in ihren Denkgespinsten über komplexe Zusammenhänge weg und versuchen mit Vereinfachungen Resonanzen zu erzielen. Nicht die 68er haben „den Geist“ verraten, sondern Pauschalinskis wie Tilman Krause, die zurückgehen in unterkomplexe Denkzustände.

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