Kolumne

My white male bookshelf #9

Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen. In der aktuellen Ausgabe steht My white male bookshelf bei Alexander Gumz, Autor, Redakteur und Organisator für KOOK und das poesiefestival berlin.

  My white male bookshelf bei Alexander Gumz, Autor, Redakteur und Organisator für KOOK und das poesiefestival berlin.

 

Aus dem Matheunterricht weiß ich eigentlich fast nichts mehr. Die wenigen Dinge, an die ich mich noch erinnern kann, sind Pi, die Bernoulli-Kette und ein Buch über ein mathematisches Problem, das ich vorstellen durfte, um meine Note zu retten und das wenig mit Zahlen zu tun hatte. Pi erinnere ich, weil ich damals einen Mathe-Nachhilfelehrer hatte, der mir gezeigt hat, wie faszinierend es ist, dass man sich eine unendliche Zahl vorstellen muss, um einen Kreis zu berechnen. Als dann Kurvendiskussion kam, bin ich ausgestiegen - es wurde in Mathe auch nicht diskutiert - und habe stattdessen angefangen, im Unterricht Pi auswendig zu lernen.

Trotzdem hatte ich verstanden, dass der Mathematik etwas Phantastisches innewohnt. Nur mit ihrer Sprache bin ich nicht mitgekommen. Vielleicht waren die Erklärungen im Matheunterricht zu schlecht. Vielleicht war ich auch einfach zu faul. Wahrscheinlich ist beides der Fall.

Beim Lesen von Pippa Goldschmidts Erzählungsband “Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen”, der 2018 bei Culturbooks erschienen ist und von Zoë Beck aus dem Englischen übersetzt wurde, musste ich immer wieder an diese Faszination für das Phantastische denken, das aus der abstrakten, mathematisch-naturwissenschaftlichen Perspektive auf die Welt sichtbar wird.

Goldschmidts Geschichten sind genau von dieser Perspektive geprägt. Es ist die Perspektive einer Beobachtung, die sich manchmal verdoppelt: Die Beobachter*in beobachtet naturwissenschaftliche Phänomene und nebenbei wird diese Form der Beobachtung auf die Mitmenschen, Mitarbeiter*innen (die auch beobachten) und die soziale Umwelt allgemein angewandt. Die Motive der Naturwissenschaft mischen sich in die Alltagswelt der Forscher*innen ein. Dabei behandeln die Forscher*innen ihre Gegenstände oft gar nicht in natura, sondern als Ergebnis von bildgebenden Verfahren. Seien das Metaphern, um ein Gedankenexperiment anschaulich zu machen, oder eine Computersimulation, die einen Prozess darstellt. Diese Verfahren, die der eigentliche Beobachtungsgegenstand sind, machen die Wirklichkeit nicht unbedingt sichtbar, sondern vorstellbar.

In Goldschmidts Erzählungen tragen die Figuren diese Verfahren und Perspektiven mit sich. Es sind alltägliche Büroszenen aus der Gegenwart und historische Erzählungen, zum Teil mit bekannten Personen im Mittelpunkt. So erzählt Goldschmidt auch immer den Rahmen mit, in dem Wissenschaft entsteht.

In einer Geschichte ist Einstein die Hauptfigur. Wenn er seine Geliebte besucht, muss er einen Aufzug benutzen, der von einem Lift-Boy bedient wird, der sich im Laufe der Geschichte in Einsteins voreheliches Baby verwandelt, das er nie gesehen hat. Im Aufzug mischen sich das Gefühl der Schwerelosigkeit, das man dort manchmal erfährt, mit der Vorstellung des freien Falls im Aufzug. Mit diesem Bild hat Einstein eine Theorie erklärt, die ich nicht kenne. In einem Anhang erläutert Goldschmidt den Bezug zu Einsteins Biographie und notiert den etymologischen Zusammenhang zwischen “grief” (Trauer) und “gravity” (Schwerkraft), der in der Übersetzung leider nicht sichtbar ist. Einstein redet mit dem Lift-Boy:

“Das ist eine sehr schöne Uniform”, sagt Einstein.
“Sie sind ein furchtbar schlechter Lügner, Herr Professor”, grinst das Baby.

Einstein weiß nicht, was er darauf erwidern soll, er wäre lieber draußen, um friedlich eine Zigarette zu rauchen. Aber es herrscht Krieg, und es gibt keine Zigaretten und keinen Frieden.

Sie haben ungefähr die Hälfte des Wegs zurückgelegt, da erhöht der Aufzug die Geschwindigkeit. Vielleicht ist er kaputt, eigentlich sollte er nicht so schnell fahren, aber Einstein merkt, dass ihm das Fluggefühl im Bauch gefällt, das Gefühl der Schwerelosigkeit. Es fühlt sich an, als wäre er, wenn auch nur für einen Moment, der Gravitation entflohen. Seiner Frau entflohen. (S. 164)

In der kurzen Szene verbinden sich gleich mehrere Dinge: Die historischen Umstände, das soziale Machtgefälle zwischen Lift-Boy und Professor, die Wiederkehr von Einsteins vorehelichem Baby und die Trauer über die scheiternde Ehe. Und im Aufzug löst sich alles auf - grief und gravity.

Eigentlich ist es ja die Wissenschaft, die die Welt entzaubert - bei Goldschmidt ist es das Gegenteil. Die wissenschaftliche Perspektive der Figuren öffnet einen phantastischen Raum, der die Banalität des Alltags um eine Dimension erweitert.

Doch es sind nicht nur bekannte Figuren, die Goldschmidt auftreten lässt, wenn sie die Geschichte aufruft. Ein Mädchen arbeitet als Vermesserin des Sternenhimmels, ohne jemals einen Stern durchs Teleskop gesehen zu haben. Stattdessen arbeitet sie mit Fotoplatten:

“Ich würde gern die echten Farben der Sterne mit eigenen Augen sehen, wie sie durch das Teleskop sichtbar werden. Aber wir müssen jeden Abend um fünf Uhr die Arbeit beenden, weil wir nachts nicht auf dem Hügel sein dürfen. Nur die Astronomen dürfen durch das Teleskop sehen, und wir dürfen nicht mit ihnen arbeiten.” (S. 19)

Es ist die Zeit der Sufragetten, die ums Wahlrecht kämpfen, erfährt man aus dem Anhang, und weiter, dass in dieser Zeit junge Frauen eingesetzt wurden, um die komplizierten Rechnungen anzustellen - als sogenannte Computer.

In einer anderen Erzählung wird am Südpol kilometertief unter dem Eis die Bewegung von Neutrinos gemessen. Ich habe keine Ahnung, was das ist. Und die Bewegung von Neutrinos kann man auch gar nicht sehen, nicht mal die Wissenschaftler können das. Die Hauptfigur sitzt stattdessen vor einem Computer und kann blinkende Lichter sehen, die sich zufällig und sinnlos über den Monitor bewegen:

“Er sieht gern den Lichtern dabei zu, wie sie auf seinem Bildschirm blinken. Es ist ein zufälliger Prozess, aber im Durchschnitt kommt alle fünf Minuten ein Blinken. Neutrinos sind geisterhaft. Sie füllen das Universum, sie reisen durch unsere Körper und unsere Gedanken, ohne dass wir sie überhaupt bemerken. Er mag die Vorstellung, dass tief unten etwas passiert, das zur Oberfläche übertragen wird, wo es für ihn sichtbar wird.” (S. 120)

Später arbeitet er mit einem Kollegen in der unmenschlichen Kälte an den Kabeln, die die Signale auf den Computer senden:

“Als er sich umdreht, leuchtet er mit der Taschenlampe in die Ferne, wo die Gedenktstätte ist. Das Licht ist unmöglich stark genug, um das Kreuz zu beleuchten, von daher ist es eine sinnlose Geste, aber nicht alles, was sie hier tun, muss einen Sinn ergeben.” (S. 126)

Die Gedenkstätte ist für Scotts Expedition. Ein Kreuz im Eis, zu dem man in der Kälte kaum gelangen kann, und ein sinnloser Lichtschein in seine Richtung - und plötzlich erscheinen die Neutrinos wie ein mächtiges melancholisches Bild für die menschliche Existenz, die sinnlos Richtung Ende geht - ohne dass dieses Ende jemals richtig sichtbar würde.

Die Art, wie Goldschmidt den Alltag, die Wissenschaft und die Umstände miteinander verknüpft, ist sprachlich so klar und zielgenau, dass die Wissenschaft tatsächlich etwas magisches bekommt:

“Es ist ein zufälliger Prozess, aber im Durchschnitt kommt alle fünf Minuten ein Blinken.”

Das Blinken auf einem Bildschirm symbolisiert plötzlich alles Unverständliche und Zufällige im Universum - und im Leben.

Das ist genau die Faszination, die mein Mathelehrer in mir ausgelöst hat, als er meinte, dass man ziemlich lange an einem Roulette-Tisch stehen muss, um auf die Idee der Bernoulli-Kette zu kommen. Ein Mathematiker beim Spielen. Die Verschränkung von Alltag und Wissenschaft.

Auch Pi kommt in einer Geschichte vor. Die Hautfigur soll den Weltraum definieren. Die Regierung braucht die Definition, um einen Schaden durch Satellitenabsturz zu regeln.

Als sie an der absurden Aufgabe scheitert und ihren leeren Arbeitsplatz vorfindet (Versetzung? Kündigung?), lässt sie sich vom neuen Hightech-Aufzug in das Stockwerk Pi fahren. Die Türen schließen sich, der Aufzug beginnt das Stockwerk zu berechnen, eine unendliche Aufgabe, und die Erzählerin hat Ruhe vor der Welt. Die Vorstellung einer unendlichen Zahl als Schutzraum vor der Definitionsmacht und dem Definitionswillen von Regierungen - das hat mir in Mathe niemand beigebracht. Dafür kenne ich Pi immer noch auswendig: 3,141592654. Weiter weiß ich leider nicht, der Taschenrechner hatte nur 10 Stellen.

***
 

Pippa Goldschmidt:
Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Storys.
Aus dem Englischen von Zoë Beck.
CulturBooks, März 2018.
20,00 Euro  
ISBN 978-3-95988-098-5.
eBook: 12,99 Euro.

 

 

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