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Kolumne

Wie Martina Hefter die Teufel zum Tanz bittet

Martina Hefters Gedichtband, ihre Sprechtexte „Es könnte auch schön werden“, beschäftigen mich schon eine ganze Weile. Nicht nur weil sie sehr gut sind, sehr lebensnah und davon erzählen, worüber wir alle beharrlich schweigen, noch immer und immer wieder. Sondern auch, weil diese Teufel mich beschäftigen. Weil ich mich frage, was sie bedeuten?

Vielleicht kann man sie, die Teufel, nur sehen, wenn man so vorbehaltlos offen und ehrlich ist, sich derart ungeschützt zeigt, wie Martina Hefter das in ihrem Merkur Blog Beitrag "Was mir während der Arbeit an Es könnte auch schön werden für KOOK.MONO.schrift spricht einfiel" tut, vielleicht werden die Teufel dann unvorsichtig, zeigen sich und so kann man sie ansehen, zur Kenntnis nehmen, nicht würdigen, aber sich dazu verhalten, dass es sie gibt. Was wiederum die Möglichkeit eröffnet, mit ihnen umzugehen, ihnen die Stirn zu bieten, und ihnen etwas entgegen zu setzen.

Wie in diesem Telefonat, das ich kürzlich geführt habe, als ich mit dem Anrufer ein Bild entwickelt habe, dass seine ihn selbst boykottierenden und belastenden Gedanken ein riesiger Ballon sind, der sich immer weiter ausdehnt und ihm mit jeder Ausdehnung ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit nimmt. Und dass er, wenn er das wahrnimmt, ohne zu kapitulieren, dem scheinbar übermächtigen Ballon kleine Nadelstiche versetzen kann, indem er sich ermächtigt den Gedanken, (den Teufeln) zuwider zu handeln, ihrem Druck seine Eigenmacht entgegen zu setzen. Und ganz langsam wird durch die unscheinbaren Löcher, Luft entweichen, und der eigene Spielraum wird wieder größer. Weil wir alle vielleicht wirklich gar nicht mehr brauchen und wollen, als gesehen zu werden. Einmal wahrgenommen zu werden, wie wir sind. Ohne all die Bewertungen, Verdrängungen, Kritik. Jemand, der sagt: ich sehe dich. Und auf alles weitere verzichtet.

Aber zurück zu dem Blogtext, dessen besondere Stärke darin liegt, dass er Tabus bricht, denen wir alle uns so selbstverständlich beugen. Diesen Funktions- und Leistungsanspruch: funktioniere, leiste etwas, arbeite an dir und gegen deine Schwächen, aber bekenne dich bloß nicht dazu, Grenzen zu haben, oder krank zu sein, haben wir alle ganz fest in unserem Bewusstsein verankert.

Und wenn Martina Hefter „wir“ schreibt, dann trifft dieses „wir“ das Gesellschaftsrelevante ihrer persönlichen Situation durchaus einen sehr weite Kreise ziehenden Kern der aktuellen Lage. Menschen, die aus Angst, Zeitnot, diversen finanziellen und sozialen Bedrängnissen heraus, ihre Kreativität nicht entfalten können und letztendlich, auch wenn es bis dahin ein weiter Weg mit vielen Zwischenschritten ist, dem Populismus einfacher Antworten und den Heilversprechen von Parteien, die Menschen in Not gegeneinander ausspielen, anheimfallen. In dem, was Martina Hefter beschreibt, liegt einer der Grundsteine dafür.

Aber sie spricht noch eine weitere Ebene an. Eine Seite von „me too“, die es nie in die öffentliche Debatte geschafft hat. Nämlich, dass es immer noch in großen Teilen der Gesellschaft als selbstverständlich angesehen wird, wenn die Frau versorgt und pflegt, Kinder, Familie, Eltern. Wenn es ein Mann tut, ist das aber heldenhaft. Wie viel sich ändern würde, wenn das Denken sich ändert, können wir uns vielleicht gar nicht vorstellen. Arbeit würde neu bewertet werden, Finanzierungssystem überdacht und reformiert werden. Das, was längst gesellschaftlich in Bewegung geraten ist, würde endlich in seiner Notwendigkeit sich politisch damit auseinander zu setzen, erkannt.  

Sich selbst zu zeigen, um diese verborgenen Dinge, Tatsachen und Missstände sichtbar zu machen und anzusprechen, ist ein mutiger und Mut machender erster Schritt. Wenn dem weitere Schritte folgen, könnte der Tanz beginnen, sich nicht mehr um das goldene Kalb, sondern um die Menschen selbst zu drehen. Das könnte auch schön werden.

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