Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Die verbindende Kraft der Poesie

Zur Verleihung des internationalen Lyrikpreises „Branko Radičević“ an Olga Martynova

"Meine Gedichte sind keine Gedichte, sondern Briefe an jeden von euch. Sie sind nicht in diesen Worten, sie sind in euch, und Worte werden bloß als Schlüssel verwendet, um die Tür aufzuschließen, hinter der die Poesie, die bereits erfahrene, abgeschlossene, viele Male gesagte, eingesperrt darauf wartet, von jemandem freigelassen zu werden."1

Serbien. Novi Sad ist eine junge Stadt der Studenten und der Dichter - von Branko Radičević (1824-1853) über Jovan Jovanović Zmaj (1833-1904), Miroslav Antić (1932-1986), Miodrag Pavlović (1928–2014), Aleksandar Tišma (1924-2003) und Danilo Kiš (1935-1989)bis László Végel(* 1941) schufen und schaffen sie ihr Werk in Novi Sad. Seit 47 Jahren findet hier alljährlich das „Brankovo kolo“ (Brankos Reigen) statt - eine kulturelle Institution, des Branko Radičević , die durch das September-Festival in Sremski Karlovci, Stražilovo und Novi Sad das Andenken an Branko Radičević und sein Werk bewahrt. „Brankovo kolo“ bringt Dichter aller Generationen sowie Künstler aus den Bereichen Schauspiel, Bildende Kunst und Musik zusammen.

Novi Sad. Überraschend steht vor unserem Tisch ein Junge wie einem Film von Kusturica entsprungen, spricht zu uns ununterbrochen Sätze, die schamanisch klingen. Ich nehme ihn wahr, höre ihm jedoch kaum zu, greife fest meine Handtasche und hänge sie mir um den Hals. Als der Junge seinen Singsang den Gästen am Nachbartisch vorträgt, stelle ich laut meine Vorurteile gegenüber Jungen fest, die Kusturicas Filmfiguren ähneln. Zum Glück hat sich wieder einmal ergeben, dass sie unberechtigt sind - meine Handtasche ist noch da, ich empfinde eine leichte Schamwelle, sage aber nichts.

Alles ist miteinander verbunden. Wie Wasser. Drei Funken im Reigen. Der erste Funke: Ein gutes Beispiel für die verbindende Kraft der Poesie ist der im deutschsprachigen Raum kaum bekannte serbische Nationaldichter Branko Radičević, geboren am 28. März 1824 in Slavonski Brod (heute Serbien), gestorben im Alter von 29 Jahren am 01. Juli 1853 in Wien, ein Dichter der Romantik des 19. Jahrhunderts. Trotz oder vielleicht eher wegen des Einflusses von Byron und der deutschen Romantik, insbesondere von Heine, Schiller und Uhland, gelten die serbische Folklore und die mündliche Tradition als Quelle seiner Inspiration. Seine sterblichen Überreste wurden nach seinem Wunsch (geäußert in seinem Gedicht Đački rastanak, zu Deutsch: Der Schülerabschied) am 10. Juli 1883 von Wien nach Stražilovo bei Sremski Karlovci getragen und dort beigesetzt. Ungefähr Ende der Neunzehnhundertfünfziger / Anfang der Sechziger übersetzte die russische Dichterin Anna Achmatowa (1889–1966) Radičevićs Gedichte ins Russische, die etwa sechzig Jahre später durch Olga Martynova zurück nach Stražilovo kommen würden. Hätte jemand damals zu Achmatowa gesagt, dass dies geschehen würde, hätte sie es möglicherweise nicht für möglich gehalten.

Preisverleihung „Branko Radičević“ Olga Martynova, Foto: Verica Tričković  

Am 17. Juli 2018 hat Brankovo kolo Olga Martynova als Preisträgerin des internationalen Lyrikpreises „Branko Radičević“ bekanntgegeben. Die offizielle Preisverleihung fand bei der feierlichen Eröffnung des „Brankovo kolo“ am 07. September 2018 im Festsaal des ältesten Gymnasiums Serbiens, „Branko Radičević“, in Sremski Karlovci statt; dort trug Martynova Achmatowas Übersetzung eines Gedichtes von Branko Radičević vor.

Der zweite Funke: Vor ungefähr 15 Jahren geschah in einem Fischerdorf an der kroatischen Adriaküste Folgendes: Der Dichter Oleg Jurjew (1959 – 2018) und Olga Martynova schauten lange aufs Adriawasser. Sie stellten sich vor, wie über eben dieses Wasser die sterblichen Überreste des Vergil getragen werden auf dem Weg von Brindisi nach Neapel. Oleg Jurjew schrieb dort das Gedicht Tod des Vergil. Verspätete Nachrichten.

TOD DES VERGIL: VERSPÄTETE NACHRICHTEN

1.
Von Italien unter der Cholera
bis Dalmatien unter der Pest
das stets gleiche Schwapp der Galeere —
— Sind das wir oder nicht wir?

2.
Immer dieamantener, immer azurener,
immer enger bei sich selbst
unter dem himmlischen Spiegelei,
              dem die Finsternis Blasen schlägt,
              von den Rudern die Sterne tropfen,
              fort-und-fort-bringend um den Verstand
              diese Tagesnacht, diesen Meeresstaub —
              die Adria selbst.

3.
Wie vom Schimmern durchnähte Schleime
schwimmt das Öl mit in Schlieren —
von Brindisi hinter dem Meer
gleitet der Hauch Vergils —
— Das sind wir, die rudernd weinen
mit gealterten Neuigkeiten
und die Ton- und Schwarzerde führen
in abgekahlten Schläuchen.

4.
Von Apulien, unter den Winden dorrend
bis zum Säulenhort Hadrians
trochäisch das Schwapp und Schwapp
quert die Klammer Adria —
Gott wird nicht stöhnen, Donner nicht dröhnen
und verschüttet werden nicht Homer,
mag der Mond an unsern Rudern trocknen
und das Versmaß wechseln den Takt.

5.
— Sind denn wir Feinde des Hexameters?
— Wir sind wir doch und nicht die!
— Gestorben ist Vergil?
              — Gestorben. Uns  helfe Gott!

(Oleg Jurjew , In zwei Spiegeln, Gedichte und Chöre (1984-2011) , Jung und Jung, Salzburg und Wien, 2012. Aus dem Russischen von Elke Erb)

Oleg Jurjew starb am 05. Juli 2018 in Frankfurt am Main im Alter von 58 Jahren. Nach seinem Wunsch wurden seine sterblichen Überreste am 23. Juli im Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof in St. Petersburg beigesetzt. Bereits im Frühjahr 2016 erschien in der montenegrinischen Literaturzeitschrift ARS in Cetinje in serbischer Übersetzung sein Gedicht „Tod des Vergil. Verspätete Nachrichten“. Und gegen Abend am 07. September 2018 kam dieses sein Gedicht nach Novi Sad - Über die Adria? Über die hohen Berge und die dürren Felder? An diesem Abend versammelten sich Leser in der Stadtbibliothek Novi Sad, um den Gedichten von Olga Martynova aus ihrem frisch in serbischer Übersetzung erschienenen Gedichtband „Poruka u boci“ (zu deutsch „Flaschenpost“) zuzuhören. An diesem Abend war Branko Radičević Gastgeber von Vergil und Oleg Jurjew. Olga Martynova, Daniel Jurjew, Stevan Tontić und ich, und manche anderen Gäste waren dabei. An diesem Abend kehrte auch Radičevićs Gedicht Kad mlidijah umrijeti (zu Deutsch: Als ich zu sterben gedachte)in Übertragung von Georg Schulpe2 aus Deutschland zurück. Wir dachten, wir seien vereint. Oder waren das auch. Vielleicht waren wir es, die mehrstimmig „Kad mlidijah umrijeti“ sangen.So vereinen, trotz aller Trennungen – ob durch Zeit, Raum, Geschichte, Staatsgrenzen, Politik oder Sprache –, kann nur die Poesie. Trotzdem, wir fanden und erfanden Sprachen, wir fanden Ähnlichkeiten. Trotzdem, etwas machte und macht mit uns die Poesie.

     Lisje žuti veće po drveću,
    Lisje žuto dole veće pada;
     Zelenoga više ja nikada
     Videt neću! (...)

     Gelblich wird das Waldlaub auf den Höhen
     Gelb das Laub, es fällt zur Erde nieder,
     Grünen werde ich dasselbe niemals wieder,
     niemals sehen. (…)
3

        Перед смертью

    Листья желтые слетают с веток,
    Листья желтые летят все ниже...
    Я зеленых листьев напоследок
    Не увижу! (...)4

Wir sind in Belgrad. Der Dom des Heiligen Sava in Belgrad - mit den Arbeiten an dem Dom wurde 1935 nach Entwürfen der Architekten Bogdan Nestorović und Aleksandar Deroko begonnen. Nach einem Bauverbot unter der kommunistischen Regierung Jugoslawiens wurde ab 1985 wieder an dem durch Branko Pešić überarbeiteten Projekt gearbeitet. Nachdem die Kuppel 1989 vom Boden in ihre vorgesehene Position geschoben wurde, ruhten die Arbeiten durch den Bürgerkrieg in Jugoslawien über ein Jahrzehnt. Die äußere Gestaltung der Kirche mit weißem Marmor mit Szenen aus dem Neuen Testament wurde 2004 vollendet. Das eine Fläche von 1230 m² einnehmende, weltweit größte Gold-Kuppelmosaik wurde von Künstlern der Russischen Akademie der Künste unter Leitung von Nikolaj Muhin am 13. Dezember 2017 fertiggestellt. Vielleicht hätte man lieber einige Pflaster reparieren sollen, sagt man in Belgrad. Oder ein paar DichterInnen fördern, die verbindende Kraft der Poesie berücksichtigen als erste Priorität. Einer von uns sagt: So eine U-Bahn-Kathedrale.

zurück
die Poesie
von Brindisi nach Neapel
von Wien nach Stražilovo
von Frankfurt a/M nach St. Petersburg
zurück

Mit einem feierlichen Programm aus Musik und Poesie im Festsaal des Gymnasiums „Branko Radičević“ in Sremski Karlovci wird das diesjährige Brankovo kolo am 17. September abgeschlossen.

(Die Veranstaltung wurde aus Mitteln des Förderprogramms Grenzgänger unterstützt. Grenzgänger ist ein Programm der Robert Bosch Stiftung, das in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin e.V. durchgeführt wird.)

  • 1. So sprach der serbische Dichter Miroslav Antić (1932–1986) zu seinen Lesern, den Kindern (Quelle:
    Slavoljub Obradović, Literatur für Kinder 1, Aleksinac 2005)
  • 2. „Serbien und Montenegro: Raum und Bevölkerung – Geschichte – Sprache und Literatur – Kultur – Politik – Gesellschaft – Wirtschaft - „, herausgegeben von Walter Lukan, Ljubinka Trgovčević, Dragan Vukčević, Dezember 2006 (S. 456).
  • 3. Übersetzung von Georg Schulpe, ebenda.
  • 4. Aus dem Serbischen von Anna Achmatowa

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge