Kolumne

My white male bookshelf #12

Citizen von Claudia Rankine

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen. In der aktuellen Ausgabe steht My white male bookshelf  bei  bei Lena Vöcklinghaus, Autorin und Gegenwartsliteraturwissenschaftlerin.

My white male bookshelf steht bei Lena Vöcklinghaus, Autorin und Gegenwartsliteraturwissenschaftlerin

Bevor Tim mir die Haare schneidet, stehen wir vor seinem Laden, er raucht auf, erzählt etwas über einen ehemaligen Mitschüler und schließt seine Geschichte mit dem Kommentar ab: »Der war ein richtiger N....«
Ein Gruppe Jugendlicher geht vorbei, ein Junge sagt: »Das darf man nicht sagen.«
Tim sagt: »Ich schon.«

Hätte ich die Situation nicht erlebt, sondern gelesen, würde ich mir alle Personen weiß vorstellen und ob der rassistischen Mikroaggression schlucken. Dann würde ich mich vielleicht doch fragen, wer eigentlich wie gelesen bzw. rassifiziert wird und ob das etwas daran ändert, was gesagt werden darf oder sollte. Und dann würde ich mich fragen, welche Rolle ich in der Konstellation eigentlich spiele.

In Claudia Rankines Citizen, das 2018 erstmalig auf Deutsch erschienen ist (bei Spector books in der Reihe Volte, übersetzt von Uda Strätling), geht es genau darum: Um Alltagsrassismus. Ein Schlagwort, das viel zu kurz greift. Wie es überhaupt immer verkürzend ist, Bücher mit Schlagworten zu bezeichnen. In diesem Fall wäre »Alltagsrassismus« geradezu ein Euphemismus. Nicht nur, weil er die Ungeheuerlichkeit der Gewalt in einen handlichen Ismus kleidet, sondern, weil Citizen einerseits thematisch viel tiefer geht und andererseits sprachlich und formal so gut gearbeitet ist, dass es weit über ein Themenbuch hinausreicht.

Citizen besteht aus sieben unterschiedlichen Teilen, die sich dem Thema Rassismus auf unterschiedliche Weise nähern. Während Rassismus ein lauter Begriff ist, der an rohe Gewalt denken lässt, beginnt Rankine leise und intim in der zweiten Person zu erzählen:

»Wenn du allein bist und zu müde selbst, um auf deine Technik zu setzen, überlässt du dich einer Vergangenheit, die sich zwischen deinen Kissen stapelt.« (S. 15)

Damit zieht sie die Leser*in sofort in den Bann und schafft einen emotionalen Hallraum für das, was struktureller Rassismus anrichtet.

Viele der Situationen und Vorfälle von rassistischer Mikroaggression oder von Alltagsrassismus (mit welchem Ausdruck man es auch immer benennen möchte), die in Citizen geschildert werden, kommen einem bekannt vor, wenn auch leicht verschoben, was damit zusammenhängt, dass das Buch sich nicht auf Deutschland, sondern auf die US-amerikanische Gesellschaft bezieht. Situationen, in denen jemand sagt, ein Freund habe einen Job nicht bekommen, weil er zu weiß dafür sei (was im Umkehrschluss bedeuten würde, dass jemand trotz allgemeiner Diskrimienierung den Job vielleicht bekommen hätte). Oder Situationen, in denen einem in der U-Bahn bewusst wird, dass der Platz neben einer Schwarzen Person frei bleibt (oder einem auffällt, dass man sich neben eine Schwarze Person gesetzt hat).

Es sind kleine alltägliche Momente, deren Härte gerade in ihrer Alltäglichkeit besteht. Kleine Unterbrechungen des Alltags, die dadurch brutal sind, dass sie eben nichts unterbrechen, sondern dass alles einfach so weitergeht wie vorher. Die öffentliche Gewalt findet in Citizen ihr Pendant in Privatheit, der Schmerz entlädt sich in Metaphern:

»Als du deine Einfahrt erreichst und den Motor abstellst, bleibst du zehn geschlagene Minuten hinterm Lenkrad sitzen. Du brauchst sie als Druckschleuse, weil du fürchtest, der Abend könnte sich festsetzen und den Zellen eincodiert werden.« (S. 21)

Die klare Satzbau und die Präzision der sprachlichen Mittel machen die Stoßkraft von Citizen aus. »Geschlagene Minuten« ist ein in jeder Hinsicht passendes Adjektiv und die Druckschleuse als zentrales Bild ebenso verständlich wie heftig. Die Körperlichkeit der Erfahrung auf Zellebene ist einerseits drastisch und andererseits so weit entfernt, dass sie fast schon abstrakt ist. Dadurch wird die Erfahrung fassbar, ohne dass das Bild den Blick auf die Struktur, um die es geht, verstellen würde.

Die Situationen, die die Druckschleuse nötig machen, akkumulieren und steigern sich im Buch. Von Situationen bei Starbucks, in denen das N-Wort fällt, zu Situationen, in denen Nachbar*innen die Polizei rufen, weil eine Freund*in der Erzählerin vor deren Haus steht und telefoniert. Im sechsten Teil des Buches dokumentiert Citizen Texte, die Rankine für Kollaborationen mit dem Videokünstler John Lucas geschrieben hat. Arbeiten, in denen es unter anderem um öffentlich bekannt gewordene Fälle von Ermordungen von Schwarzen durch Weiße geht (Mark Duggan und James Craig Anderson).

Das Kapitel endet mit drei Versen, die in ihrer Gleichzeitigkeit von Klarheit und Komplexität für das gesamte Buch stehen können:

»weil weiße Männer ihre
Phantasie laufen lassen
sterben schwarze Männer«
(S. 145)

Unter »Phantasie laufen lassen« würde man erst einmal etwas Positives, Unschuldiges, fast Kindliches verstehen. Vielleicht in dem Sinne, dass Phantasie etwas ist, das alle Menschen gleichermaßen teilen und zumindest eine der Eigenschaften ist, die es braucht, um Literatur zu schreiben. Und dennoch wird darin klar, dass es die rassistische Abwertung ist, die so universell ist, dass sie nichts unberührt lässt, vor allem nicht die Phantasie. Sieht man sich an, wie sehr Rassismus in die Sprache eingeschrieben ist, wird deutlich, dass weiße Männer ihre Phantasie tatsächlich nur laufen lassen müssen, damit daraus physische Gewalt entsteht. Der Abstand von innerlich erlebter Gewalt in der metaphorischen Druckschleuse bis zur Ermordung ist kleiner, als man zunächst denkt. Struktureller Rassismus ist in unschuldiger Phantasie und scheinbar friedlichem Alltag genauso präsent wie im Mord.

Liest man, wie in Citizen die Gewalt von Kapitel zu Kapitel drastischer wird, erscheint es folgerichtig und gleichzeitig brillant, dass Rankine zwischen die zitierten Abschnitte einen poetischen Essay über Serena Williams stellt. Rankine schreibt Williams' Geschichte als eine Geschichte schiedsrichterlicher Fehlentscheidungen in der »historisch weißen« (S. 35) Umgebung des Tennissports. Und als eine Geschichte des Zorns, den Williams mal so sehr im Zaum hält, dass sogar der Kommentator erstaunt darüber ist, und mal so sehr zeigt, dass sie dafür verwarnt wird.

Die Fehlentscheidungen sind derart eklatant, dass eine davon den Ausschlag für die Einführung von Videoassisten im Profitennis gegeben hat. Trotzdem konnte auch das mehrfache Replay einer späteren Fehlentscheidung Williams nicht davor bewahren, dass weiter falsch gegen sie entschieden wurde.

Ich habe noch nie ein komplettes Tennismatch gesehen, trotzdem - und darin liegt das Großartige an dem Essay - kann ich die Fehlentscheidungen, die Wut und die Kommentare darüber nachvollziehen: Denn man kann sie alle bei Youtube ansehen. Rankine hat mit Williams einen Fall gewählt, der genauso unglaublich wie gut dokumentiert ist.

Ihren Blick auf Williams' Karriere fasst sie mit einem Ausspruch Nora Zeale Hurstons zusammen: »Am farbigsten fühle ich mich, wenn ich auf einen extrem weißen Hintergrund geworfen bin.« (S. 35) Ein Satz, den die Künstlerin Glenn Ligon zum Ausgangspunkt einer Arbeit gemacht hat:

»Der geborgte Satz, von Glenn Ligon in Öl- und Graphitkreide mit Schablonen auf Leinwand übertragen und verrieben, bis die Wörter zu Abstraktionen wurden, wirkt wie der Anzeigentext zu Lebensmomenten aller schwarzen Körper.« (S. 35)

Die Arbeit ist ein paar Seiten später abgedruckt und zeigt eine weitere Ebene von Citizen: Die Texte werden mit Arbeiten bildender Künster*innen enggeführt, die die Gedanken in einem anderen Medium fortführen. Das Zusammenspiel der Bilder mit dem Text zeigt noch einmal die Vielschichtigkeit von Citizen, denn Rassismus funktioniert auch visuell: Es geht um Hautfarbe. Dennoch wird nicht versucht, die Szenen, auf die sich der Text bezieht, zu illustrieren. Das führt zum einen dazu, dass man den Text nicht auf Individuen (etwa die Autorin, denn ihr Portrait ist bewusst nicht abgedruckt) projiziert, sondern als allgemeine, strukturelle Erfahrungen liest. Zum anderen bleibt es der Leser*in überlassen, die Szenen zu visualisieren. Das ist manchmal anstrengend, denn wie in meiner Szene oben mit Tim möchte man unbedingt ein Bild, um die Dinge einordnen zu können. Gleichzeitig ist es wichtig und erhellend, denn man wird mit den eigenen Vorstellungen und dadurch mit dem eigenen strukturellen Rassismus konfrontiert, ohne dass angeklagt oder auf Opfer gedeutet würde.

Durch die empathische und intime Stimme, die Rankine erschafft, die aber überindividuell ist, vergrößert sie den Bereicht des Sagbaren. Das ist der eine Grund, warum man Citizen unbedingt lesen sollte. Der andere sind die sprachliche und formale Präzision, die das Buch zu einem vielschichtigen Kunstwerk machen.

*

 

Citizen
Claudia Rankine
Übersetzt von Uda Strätling
Spector Books
Leipzig January, 2018
ISBN: 9783959051675

 

 

 

 

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge