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Wir reden über Literatur
Kolumne

Das Kulturelle Gedächtnis

Am 09. April empfing die Literarische Gesellschaft den Verleger Thomas Böhm und den Schauspieler Frederic Böhle zu Gespräch und Lesung in die Stadtbibliothek Bielefeld. Vor überschaubarem Publikum wurden „Bücher ohne Verfallsdatum“ aus dem Verlagsprogramm vorgestellt. 

Thomas Böhm, den Verena Meyer zu Eissen im Namen des Literaturhauses Bielefeld, vorstellt, erklärt, dass die Verlagsgründung 2017 in erster Linie aus der frustrierenden Beobachtung resultierte, dass immer mehr Verlage zunehmend marktwirtschaftliche Überlegungen über Qualitätskriterien stellen. Dem wollten die vier Gesellschafter Thomas Böhm, Peter Graf, Carsten Pfeiffer und Tobias Roth ihr Ziel entgegensetzten, „[…] notwendige Bücher der Literatur- und Kulturgeschichte neu zu verlegen – um schon gemachte Erfahrungen einzubringen, erreichte Standards des Denkens und Schreibens hochzuhalten.“ Denn: „Große Literatur, kluge Gedanken, bedeutende Bücher sind zeitlos. Sie geraten nur zuweilen in Vergessenheit. Dann aber kommen Umstände oder Entwicklungen, in denen Sie dringend benötigt werden und in denen sie ihre Wirkung neu entfalten können.“

All das kann man wortgetreu auf der sehr schön gestalteten Homepage des Verlages nachlesen, aber es macht ungleich mehr Spaß, Thomas Böhm all diese Dinge mit ungebrochener Leidenschaft und listigem Enthusiasmus vortragen zu hören. Für jedes einzelne der an diesem Abend vorgestellten Bücher begeistert sich Böhm. Ob es sich dabei um Richard Adams Locke: „Neueste Berichte vom Cap der Guten Hoffnung. Über Sir John Herschel´s höchst merkwürdige astronomische Entdeckungen, den Mond und seine Bewohner betreffend“, eine der ersten Fake News, handelt, oder um Tobias Roths Neuübersetzung von Voltaires Tragödie „Der Fanatismus oder Mohammed“ aus dem Jahr 1741, man merkt Böhm seine Begeisterung für die Sache, für das Verlegen von zu Unrecht fast vergessenen Büchern, an. Leidenschaft brauchen die Gesellschafter, denn sie leisten sich diesen Verlag sozusagen. Alles, was durch den Verkauf der Bücher erwirtschaftet wird, fließt in die Herstellung neuer Buchprojekte. Vier Bücher pro Quartal mit jeweils einem der Gesellschafter als Herausgeber können so dank des unermüdlichen Engagements des Verlegerkollektivs erscheinen. 

Dabei erhält der Verlag mittlerweile vielfältige Unterstützung, durch Hinweise, Spenden, das Zugänglichmachen von Material. Und nicht zuletzt durch Frederic Böhle, der von Anfang an alle Lesungen des Verlages bestreitet. Und wie er das tut, ist schon ein Ereignis für sich. Dass es ihm gelingt sogar ein Werk, das scheinbar völlig ungeeignet zum Vortrag zu sein scheint, nämlich eine Sammlung alter Menükarten, die der Band „Wohl bekams“, versammelt, zu einem Hörgenuss werden zu lassen, spricht für sich.

Eine nahezu szenische Lesung unter Publikumsmitwirkung entwickelte sich schließlich anlässlich des Vortrags aus dem originell gestalteten Werk „Gegenschuss“, das zwei Grundlagentexte zum Handwerk der Diplomatie und zum Ablauf eines Duells gegenübergestellt. Selbstverständlich innovativ gestaltet. Man kann das mit zwei Lesebändchen ausgestattete Buch von zwei Seiten aus lesen. Überhaupt versäumt Böhm es nicht, immer wieder auf die besondere Leistung des Gestalterteams „2xGoldstein“ aufmerksam zu machen, die nicht unerheblich dazu beitragen, scheinbar abwegige und vermeintlich veraltete Bücher dem heutigen Publikum zugänglich zu machen. So wurden bei Voltaires Drama zum Beispiel die Sprechanteile einer Inszenierung entsprechend gesetzt.

Nach einer überaus unterhaltsamen Gestaltung des Abends durch Böhm und Böhle, bildet ein Gespräch zwischen Verena Meyer zu Eissen und Thomas Böhm, den Abschluss. Meyer zu Eissen steuert dabei der bildungsbürgerlichen Exklusivität, die sich bei Böhm, aller Weltoffenheit zum Trotz, immer wieder Bahn bricht, gekonnt entgegen.

Lange Schlangen vor dem Büchertisch scheinen zumindest für diesen Abend den Beweis zu liefern, dass das Beharren auf Qualität und Marktwirtschaftlichkeit einander nicht von vornherein ausschließen.

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