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Kolumne

#textediebleibensollten [René Crevel]

Der jugendliche Übermensch. René Crevel hat früh alles in sein Werk gesteckt. Als Kraft und Hoffnung schwanden, nahm er sich das Leben.

Worum es in dem kleinen Roman „Der schwierige Tod“ von René Crevel aus dem Jahr 1926 (Original: „Le mort difficile“) geht, ist schwer zu sagen und schnell zusammenzufassen. Ein jugendlicher Ich-Erzähler, aufgrund des Geschilderten unschwer als der 1900 geborene Crevel selbst zu erkennen, macht seiner Wut, ja, seinem Hass auf die Dinge, Zustände und Menschen in seiner Umgebung Luft. Die Anklage ist kompromisslos, getragen nicht von Vernunft oder Argumenten, sondern von der Leidenschaft der Jugend und dem unbändigen Willen, das Bestehende (literarisch) in Schutt und Asche zu legen. Die dahinterstehende Empörung, das merkt man schnell, ist nicht aufgesetzt. Doch war die (Lebens-)Energie, die es dafür bedurfte, im Falle Crevels begrenzt. „Je suis dégouté de tout …“, notierte er 1935, gerade einmal 34-jährig, auf einem Zettel in seiner Pariser Wohnung. Dann drehte er den Gashahn auf und schluckte, um ganz sicherzugehen, auch noch eine Überdosis Schlaftabletten.     

Das schmale Werk, das Crevel hinterlassen hat – eine geplante Dissertation über Diderot wurde nie vollendet –, besteht im Kern aus vier kurzen Romanen: Neben „Der schwierige Tod“ noch der 1929 veröffentlichte Aufschrei „Êtes-vous fous?“ (dt.: „Seid Ihr verrückt?“, ebenfalls in der Suhrkamp Bibliothek verfügbar), das bereits 1925 erschienene „Mon corps at moi“, eine fiebrige nächtliche Beichte im Stile einer Mediation (dt.: „Mein Körper und Ich“, Europaverlag 1992), sowie „Babylone“, ein surrealistisch-wirrer Kindheitsbericht über die erwachende Sexualität aus dem Jahr 1927 (dt.: „Babylon“, Europaverlag 1993).   

„Der schwierige Tod“ steht mit seiner überzogenen Bissigkeit, die mitunter an Satire grenzt, symptomatisch für das Gesamtwerk Crevels. Pierre Dupont und Diane Blok sind eng befreundet, sie liebt ihn sogar, jedoch vermag er ihre Gefühle nicht zu erwidern. Die beiden verbindet der Hass auf ihre Mütter, die wiederum ihren Ehemännern nichts als Verachtung entgegenbringen. Monsieur Dupont lebt seit geraumer Zeit im Irrenhaus, Monsieur Blok hat – so sehen es die Damen – den praktischeren Weg gewählt, als er sich während einer Gesellschaft im Nebenraum erhängte. Pierre und Diane wird von ihren Müttern prophezeit, aufgrund der erblichen Vorprägung einen ähnlichen Weg einzuschlagen; eine grausame Drohung, auf die die beiden reagieren, indem sie das Abgleiten in Wahnsinn und Selbstmord scheinbar besonders forciert betreiben. Dieser Teufelskreis führt in die Katastrophe, als Pierre sich in den amerikanischen Musiker Arthur Bruggle verliebt, der erotische Abenteuer mit halb Paris zu unterhalten zu scheint – und kein ernsthaftes Interesse an Pierre an den Tag legt. Pierre, der sich kurz zuvor endgültig von seiner Mutter abgewandt hatte, und dem auch Diane trotz intensiver Bemühungen keinen Halt mehr zu geben vermag, sieht keinen anderen Ausweg, als den Freitod. Der Selbstmord als letzte Signatur der Freiheit – ein wiederkehrendes Motiv im Werk und Leben René Crevels! 

Beinahe alles, was Crevel zu Papier gebracht hat, bezog er aus dem eigenen Leben. Das verband ihn mit seinem Freund und zeitweise auch Geliebten Klaus Mann, der den Lebensweg des sechs Jahre Älteren mit zärtlicher Sorge begleitete. Auch wenn den Jüngeren der Selbstmord des Freundes nicht überraschte – Mann konnte die Beweggründe vermutlich gut nachfühlen, er selbst nahm sich 1949 das Leben –, berührte ihn die Tat noch Jahre später. Im „Wendepunkt“, Manns Autobiographie von 1942, findet sich ein lesenswertes kleines Porträt Crevels, eines der wenigen in deutscher Sprache. Darin heißt es:  

„Kein Laster schien ihm so unverzeihlich wie der Geiz und die selbstzufriedene Beschränktheit, die er dem Milieu seiner Herkunft, den Eltern, den Lehrern, Verwandten wütend zum Vorwurf machte. […] Da die alte Madame Crevel ausschließlich schwarz trug, wählte René die grellsten Farben […]. Er verbrachte seine Tage mit Amerikanern, Deutschen, Russen und Chinesen, weil seine Mutter alle Ausländer für kriminelle oder pathologische Subjekte hielt. […] Es machte ihm Vergnügen, in großer Gesellschaft über den Selbstmord seines Vaters zu scherzen; denn er wußte, daß die Witwe diese Familienschande zu chachieren suchte.“

Die rücksichtslose Subjektivität und Vehemenz, mit denen Crevel seine Positionen vertrat, irritierten und begeisterten gleichermaßen; sowohl seine Freunde als auch die Zeitgenossen. Die Gehässigkeit in der Darstellung seiner Figuren, deren reale Existenz weithin bekannt war – als Crevel am „schwierigen Tod“ schrieb, lag seine Mutter gerade im Sterben –, beunruhigte selbst jene, die nicht für allzu große Zurückhaltung bei der literarischen Verwertung ihrer Umwelt bekannt waren (neben Klaus Mann z.B. auch André Gide). Zugleich frappierte die Aufrichtigkeit, die aus seinen Schriften sprach – und die nicht zuletzt Ausdruck seiner Hilflosigkeit war. Etwa wenn er gegen so übermächtige Organisationen wie die katholische Kirche, die Académie Française oder die Armee zu Felde zog. Da seine Texte dann schnell den Charakter eines Pamphlets annahmen, war die Angriffsfläche, die er seinen Gegnern bot, enorm. Weil aber der Kompromiss keine Option  für ihn darstellte, sondern die Antwort an die Kritiker nur die Steigerung der Provokation sein konnte, nicht nur in der Literatur, sondern auch im Leben, war das Eskalationspotential schier endlos. Doch zehrte genau das an seinen Kräften – bis es schließlich nicht mehr weiterging. In den letzten Tagen seines Lebens waren es die Flügelkämpfe zwischen Surrealisten und orthodoxen Stalinisten innerhalb der Kommunistischen Partei, die ihn aufrieben.  

Es ist nicht damit zu rechnen, dass es im kommenden Jahr anlässlich des 120 Geburtstages und 85 Todestages zu einem „Revival“ der Schriften Crevels kommen wird, der sich – stets mit der Hingabe, mit der er alles im Leben betrieb – zeitweilig dem Dadaismus, dem Surrealismus und dem Kommunismus verschrieben hatte. Erfreulich ist jedoch, dass die meisten seiner Bücher weiterhin in deutscher Ausgabe erhältlich sind, so dass einer Beschäftigung mit dem eigenwilligen Werk dieses ebenso widerspenstigen wie faszinierenden Autors nichts im Wege steht.      

 

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René Crevel
Der schwierige Tod
Aus dem Französischen von Hans Feist
 11,95 €
Erschienen: 24.08.2016
Bibliothek Suhrkamp 987, Taschenbuch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-518-24029-8

 

 

 

 

 

 

 

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