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Kolumne

DICHT, DICHTER, DICHTERLOH

Das von Michael Hammerschmid kuratierte Lyrikfestival Dichterloh der Alten Schmiede in Wien ist für Lyrikbegeisterte immer wieder aufs Neue ein großes Geschenk. Es bietet die Möglichkeit, in kürzester Zeit Dichtungen aus der ganzen Welt kennen zu lernen, in Originalsprache und Übersetzung. Das Programm ist dabei sehr dicht, gerade auch durch die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Stimmen. Die ersten beiden Abende widmeten sich jeweils drei Dichtenden. Deryn Rees-Jones, Peter Enzinger und Dagmara Kraus lasen am ersten Abend, Pavle Goranović, Tzveta Sofronieva und Anja Golob am zweiten. Im Anschluss an die Lesungen folgte jeweils ein kurzes Gespräch, das Einblicke in die Besonderheiten der Gedichte und Schreibweisen gab. Am dritten Abend wurde dann die Anthologie GRAND TOUR. REISEN DURCH DIE JUNGE LYRIK EUROPAS von Federico Italiano vorgestellt, es lasen Riina Katajavuori (Finnland), Andrei Sen-Senkov (Russland) und Christoph W. Bauer. Der vierte Tag präsentierte mit Heinz Janisch und Judith Nika Pfeifer Gedichte für Kinder und Erwachsene.

Um einen kleinen Einblick in die große Vielfalt von Dichterloh zu geben, möchte ich etwas eingehender über die ersten beiden Tage des Festivals schreiben. Die in Liverpool lebende Deryn Rees-Jones eröffnete Dichterloh 2019. Auf das wiederkehrende Motiv der Vögel in ihren Gedichten angesprochen verriet sie, dass der Name Deryn auf Walisisch „Vogel“ bedeuten würde und dass sie sich als eine walisische Dichterin sehe, obwohl sie die Sprache selbst nicht kann, die ihr Großvater noch gesprochen hatte, ihr Vater aber schon nicht mehr.

Sollte ich die Liebe wieder üben, ich würde die Erinnerung
der Früh bewahren, in der wir, Hand in Hand, zusahen, wie
ein Rotkehlchenkücken seinen Schnabel aufsperrte am Fluss.
Bachs Cellosuiten rufen nach meiner Aufmerksamkeit

(Deryn Rees-Jones: What It’s Like To Be Alive. Seren, 2016. Übersetzung ins Deutsche für die Lesung: Daniel Terkl)

Die Bedeutung des Namens von Deryn Rees-Jones eröffnete einen schönen Bogen von der ersten Lesung am Eröffnungsabend bis hin zur letzten Lesung des zweiten Abends von Anja Golob, denn „Golob“ bedeutet auf Slowenisch „Taube“. Ausgehend von ihrem Namen hat Anja Golob gemeinsam mit einem weiteren Vogeldichter – Nikolai Vogel – auch einen gemeinsamen Gedichtband verfasst. (Anja Golob & Nikolai Vogel: Taubentext, Vogeltext. hochroth München 2018)

Groß war dann der Kontrast von Deryn Rees-Jones melodiösen Liedgedichten zur komprimierten Kargheit der Gedichte von Peter Enzinger. ahabs blau hat gleich zwei „Autoren“: Georg Bernsteiner und Peter Enzinger. Von Georg Bernsteiner stammen „Alle Zeichnungen ohne Titel“, insgesamt 25 Stück, und von Peter Enzinger die Gedichte, insgesamt ebenfalls 25 Stück. Der Band ist wunderschön gemacht und gestaltet, am besten nimmt man den Band selbst einmal in die Hand, um sich ein Bild davon machen zu können. Bei der Lesung wurden die Gedichte von Peter Enzinger vorgestellt. Im Anschluss daran erzählte er im Gespräch, dass sein Schreibprozess so vor sich geht, dass er immer mehr und weiter reduziert bis zu dem Punkt hin, an dem er kein weiteres Wort mehr wegnehmen könnte, ohne dass das Gedicht zerfallen würde.

eis
eisen
eisenbahn
oiseau

(Georg Bernsteiner / Peter Enzinger: ahabs blau. Klever, 2017.)

Der Abend schloss dann mit Gedichten von Dagmara Kraus. Sie erzählte viel zu ihren Gedichten und wie sie entstanden. Das ist bei ihr besonders spannend, da sie viel mit Materialfunden arbeitet, von denen sie sich zu Eigenem inspirieren lässt, oder aus denen sie Neues schafft. Als Inspirationsquelle dient ihr dabei gerade auch ihre wissenschaftliche Tätigkeit, die sie lesend sehr vieles entdecken lässt, das einen zum Staunen bringt. So sammelte sie beispielsweise aus einem griechischen Epos alle Klagelaute zu einem eigenen Gedicht zusammen:

            oimoi
papai mu au papai mu au
papai mu au mu aia au au
            eleleu ‘moi
                          apapapai
eleleu pheu
                          atattatai
papai mu au papai mu au
popoi mu oa mu iaia auau
             eleleu heul
                          otototoi

(Dagmara Kraus: wehbuch (undichte prosage). roughbook 036, 2016.)

Im Gespräch erzählte sie auch davon, dass sie parallel zu jedem Gedichtband einen Essay über ihre jeweiligen poetischen Verfahrensweisen schreiben würde, für sich selbst, um den Vorgang zu dokumentieren und nachvollziehbar zu machen. Bisher habe sie noch keinen davon veröffentlicht, würde das aber jetzt einmal mit einem davon versuchen.

Der zweite Abend von Dichterloh widmete sich dann Dichtern und Dichterinnen aus Osteuropa. Pavle Goranović las seine Gedichte auf Montenegrinisch, Michael Hammerschmid die Übersetzungen ins Deutsche von Jelena Dabić und im Gespräch mit Dolmetscherin ging es unter anderem um das Motiv der Stadt in seinen Gedichten und seine Beziehung zu Wien. Vergnügt erzählte er, dass der „Goethe Montenegros“ damals im selben Hotel wie er heute gewohnt habe und so begeistert von der Stadt gewesen sei, dass er gleich mehrere Monate statt weniger Tage hier geblieben sei. – Aber keine Angst, ich bleibe nicht so lange hier – meinte er dann lachend.

[…] Später, als der Schlaf kam,
begriff ich, dass Vergleiche überflüssig sind.
Auf einmal fanden sich die Spuren der Schönheit
allesamt verteilt auf deine
vielfältigen Bewegungen.
Seitdem versuche ich die Augen zu schließen,
um, wenigstens für einen Moment, in jedem Schritt
die Harmonie der Planeten zu spüren.

(Pavle Goranović: Die schwindende Stadt. Aus dem Montenegrinischen von Jelena Dabić. Edition Korrespondenzen, 2019)

Tzveta Sofronieva ist eine vielsprachige Autorin, die das Schreiben in der Fremdsprache als Befreiung empfindet. Sie schreibt auf Bulgarisch, Englisch und vorwiegend auf Deutsch.

der Tag ist erster und letzter und Arbeit und Vergnügen,
            Vergangenheit und Präsens,
Zukunft, Tage der Liebe, die orange sein können, hell oder dunkel,
            so wie du sie liebst,
die Stunden, die Augenblicke voller Schnee und Seen und Tiefe, die
            du liebst,

(Tzveta Sofronieva: Landschaften, Ufer. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser 2013)

Einen Titel eines anderen Gedichts aus dem Band könnte man als Überschrift für ihr Schreiben herausgreifen: Un-lost in Translation, kann man doch in ihren Texten erkennen, dass sie Übersetzung und Sprachenvielfalt als etwas durch und durch Bereicherndes empfindet. Als letztes las sie ein Gedicht aus ihrem Band Anthroposzene, in welchem sie unzählige Sprachen miteinander verbindet und vermischt (Tzveta Sofronieva: Anthroposzene. hochroth Bielefeld 2017). Im Gespräch nach der Lesung ging es dann auch um die Dialoghaftigkeit ihrer Gedichte, welche zum einen manchmal tatsächliche Dialoge sind („Wo ist mein Bademantel? / Auf dem Trockner. / Was für ein Trockner? […]“). Zum anderen tritt Tzveta Sofronieva aber auch durch ihr Schreiben in einen Dialog mit anderen Schreibenden und ihren Texten, wie beispielsweise mit The Old Man and the Sea von Hemingway.

Der zweite Abend endete mit Anja Golob, die ihre Gedichte auf Deutsch und einige davon auch auf Slowenisch las.

So baue ich mir eine Welt, meine Welt inmitten aller Welten,
Körper, Baum, Himmel, Blickkontakt mit meinem Selbst.
All dies ist kaum viel. All dies ist gerade richtig.

(Anja Golob: Anweisungen zum Atmen. Aus dem Slowenischen von Urška P. Černe und Uljana Wolf. Edition Korrespondenzen, 2018)

Dieses Gedicht, welches den Titel WAS ICH BRAUCHE trägt, scheint mir eine Antwort auf das Gedicht was brauchst du von Friederike Mayröcker zu sein. Auf die Gestik ihrer Gedichte angesprochen, erklärte Anja Golob, dass ihre bewegte Art des Lesens sich aus den Gedichten entwickelt habe, da der Rhythmus für sie in ihrem Schreiben immer wichtiger geworden war, und überhaupt keine „Performance“ sei. Spannend zu sehen war, dass man, selbst wenn man ihre Stimme nicht gehört hätte, alleine von ihrer Körperhaltung und –bewegung ablesen hätte können, ob sie gerade Gedichte auf Deutsch oder auf Slowenisch liest, oder ob sie über ihre Gedichte spricht, da sie sich in jedem der drei Fälle anders bewegte.

Soweit ein kleiner Einblick in die ersten Tage von Dichterloh 2019, das noch bis einschließlich 27.5. in der Alten Schmiede in Wien läuft. Für weitere Lektüre zu Dichterloh sei auch der Hammer Nr. 101, 5.19 empfohlen und selbstverständlich die vielen verschiedenen Gedichtbände aller lesenden Dichter und Dichterinnen.

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