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Kolumne

Festival „Poesie & Politik. 10 Jahre Institut für Sprachkunst“

Donnerstag, erster Festivaltag

Am ersten größeren Festivaltag findet im Brick 5 um 15:00 das erste der drei geplanten Diskussion-Panels statt, Thema: „Brandbeschleuniger. Schreibschulen und das Politische.“

Moderiert wird die Veranstaltung von der Sprachkunstabsolventin Nastasja Penzar, die Teilnehmerinnen von den vier deutschsprachigen Schreibschulen sind Theresa Sigusch (Hildesheim), Theresa Thomasberger (Wien/Berlin UDK), Ronya Othmann (Leipzig) und Nora Osagiobare (Biel). Penzar stellt die Teilnehmerinnen zunächst mit ihrem jeweiligen Hintergrund vor und jeder von ihnen außerdem eine Auftaktfrage. 

Bei Theresa Thomasberger fragt sie nach der Solidarität im Jahrgang ihres neuen Studiums (Regie an der Ernst-Busch), der als erster Jahrgang nur aus weiblichen Studierenden besteht. Thomasberger beschreibt den Zusammenhalt als eng und nennt als einen Grund das Nichtvorhandensein einer Möglichkeit, durch sexistische Praktiken einen Keil zwischen die Studierenden zu treiben.

Bei Theresa Sigusch zielt Penzars Frage auf ein Zitat ab, nachdem Siguschs Interessen: „Langeweile, Brachland und Ostdeutschland“ wären. Sigusch erläutert ihren biographischen Hintergrund und dass sie sich gerade mit den Verbrechen des NSU auseinandersetzt (die drei Kerntäter*innen wurden in derselben Gegend wie sie geboren und sie wohnte 5 min entfernt von dem Haus, das Beate Zschäpe 2011 in die Luft jagte). 

Bei Ronya Othmann zitiert Penzar aus ihrem Gedicht „Ich habe gesehen“, das dieses Jahr den Förderpreis beim Gertrud Kolmar-Preis gewann. Othmann erzählt daraufhin vom Hintergrund des Gedichts, ihre Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Jesiden und wie sie derzeit jeden Tag einen Text schreibt, seitdem die Türkei in Nordsyrien einmarschiert ist (und damit in eine Gegend, in der Teile von Othmanns Familie ihr Zuhause und ihre Wurzeln haben) und berichtet auch ein wenig über das negative Feedback, das sie teilweise für ihre Statements und Werke bekommt. 

Bei Nora Osagiobare werden in Penzars Frage bereits spätere Thematiken (ihre Vice-Artikel) vorweggenommen, leider geht es dann aber hauptsächlich um die nicht abgeschlossenen Studien in ihrer Vita. 

Die Diskussion beginnt mit einer Reflexion über den Titel der Veranstaltung, konkret: wer sind eigentlich die Brandbeschleuniger, die Studierenden oder die Institute? Thomasberger: Wir natürlich, die Studierenden! Worauf Sigusch für sich festhält, dass sie ja gar kein Brandbeschleuniger sein will – lieber löschen, lieber wässern möchte sie. Schnell verlagert sich dann der Schwerpunkt des Diskurses auf den Umgang mit dem Politischen an den jeweiligen Instituten.

Diskussionspanel · © Timo Brandt

Sigusch schließt hier an und spricht über ihre eigene Politisierung in Reaktion auf die Versandung der Sexismus-Debatte am Institut in Hildesheim, durch die sie auch zu Mitbegründerin eines neuen Kollektivs (Artemis-Kollektiv, beschäftigt sich mit der strukturellen Diskriminierung von Frauen* im Literaturbetrieb) wurde. Laut Osagiobare sind politische Seminare in Biel eher Randerscheinungen. Othmann berichtet vom Fall eines Dozenten, der in Leipzig nach rassistischen und sexistischen Aussagen nicht mehr eingeladen wurde. Thomasberger spricht über das Theater, das für sie deswegen ein politischer Ort ist, weil es ein Raum ist, in dem sich viele miteinbringen und jede/r die Möglichkeit hat, zu agieren oder das Agieren zu verweigern, zumindest theoretisch.

Allgemein haben alle Teilnehmerinnen das Gefühl, dass der Fokus in den Instituten bei Texten eher auf formalen Aspekten liegt, auch wenn Haltungen und eingenommene Perspektiven durchaus reflektiert und kritisiert werden. Die Strukturen an den Instituten erleben alle (trotz vieler blinder Flecke) als relativ hierarchiearm. Problematisch ist dagegen der Männerüberhang im Lehrkörper, allgemein die fehlende Diversität dort, die sich dann auch in den behandelten Autor*innen und Literaturen niederschlägt. Gerade Hildesheim ist hier, laut Sigusch, noch weit von einem Mitdenken, von einem guten Austausch zwischen Lehr- und Studierendenkörper und einer erfolgreichen Mitgestaltung durch die Studierenden entfernt. Aber auch Othmann kann sich nur an eine Lehrperson in ihrer gesamten 6-jährigen Studienzeit in Leipzig erinnern, die nicht weiß war; Diversität sei allgemein im Betrieb ein schwieriges und verschwindend gering präsentes Thema. 

Wenn sie dann doch mal Thema ist, so merkt Sigusch an, sei die neoliberale Ausschlachtung der jeweiligen progressiven und/oder besonderen Position und Ansätze problematischer Weise geradezu vorprogrammiert und die Institutionen bildeten sich zu viel auf diese Einzelfälle ein. Sie habe außerdem manchmal das Gefühl, Gleichberechtigung werde ihr „wie ein Leckerlie“ vor die Nase gehalten. Othmann meint, man könne aber auch mit diesen Labels spielen/arbeiten. Osagiobare erzählt davon, wie sie bei ihren Recherchen für Artikel im Magazin Vice genau das getan hat, wie schwierig es allerdings war, überhaupt gesellschaftliche relevante Themen dort unterzubringen. 

Sowohl Sigusch als auch Othmann lesen während der Veranstaltung einen kurzen Ausschnitt aus einem ihrer Werke vor. Bei Sigusch ist es der Anfang eines Prosaprojekts, in dem es um den NSU gehen soll, bei Othmann der Anfang ihres Gedichts „Ich habe gesehen“. 

Dann wird die erste Frage aus dem Publikum zugelassen, in der es um die Möglichkeit kollektiven Schreibens/Arbeitens geht und dessen Potenzial als politische Komponente. Thomasberger: „Genau darum mach ich ja Theater. Weil es da unumgängliche ist mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten.“

Schnell entspinnt sich ein Gespräch über die Möglichkeiten der politischen Stellungnahme/Aktion im universitären und in sonstigen Kontexten. Politische Sensibilisierung ist laut den Teilnehmer*innen – im Gegensatz zu der Möglichkeit, konkrete politische Aktionen einzubringen, die durchaus gegeben ist – an den meisten Instituten zu wenig Thema und wird nicht genug forciert. Zwar werde über Darstellungsarten gesprochen, aber Analysen von ideologischen Faktoren, von strukturellen Erscheinungen und Verantwortlichkeiten, die z.B. mit der Wahl von bestimmten Perspektiven, Worten, etc. einhergehen, gäbe es zu wenig, sie seien keine Selbstverständlichkeit. Auch Vorurteile seien immer noch vorhanden, so berichtet bspw. Osagiobare von einem Dozenten, der automatisch annahm, das Ich im Text einer Studentin sei auch eine Frau. 

Osagiobare ist es auch, die meint, man dürfe ja durchaus als Autor*in aus den unterschiedlichsten Perspektiven schreiben, sollte aber immer die vorherrschenden Machtverhältnisse mitbedenken. Eine freie Wahl der Perspektive einzuschränken, würde eine Logik reproduzieren, in der man sich als schreibende Person gleich welchen Hintergrunds ja nicht wiederfinden wollen würde. Othmann plädiert im Anschluss allerdings dafür, dass man sich bei jedem Text genau anschauen muss, wie darin mit den Fragen der Perspektive und Repräsentation umgegangen wird. Dies wird durch einen Publikumsbeitrag ergänzt, in dem angemerkt wird, dass das Wort „dürfen“ in diesen Kontexten problematisch sei, schließlich dürfe jeder eh alles, nur sollten weiße Personen auch damit rechnen müssen, dass ihre Wahl der Perspektive, ihre Stereotypen und blinden Flecken öfter und genauer kritisiert würden, was derzeit leider nicht der Fall sei (Othmann greift später noch auf diesen Beitrag zurück und führt zusätzlich aus, dass Bedenken/Kritik gegenüber als diskriminierend empfundenen Büchern, Formulierungen, Stereotypen etc. oft als Zensur verstanden/umgedeutet würden, obwohl ja die Urheber der Kritik oft gar nicht in der Machtposition wären, so etwas wie eine Zensur überhaupt durchzusetzen).  

Der Beitrag bekräftigt außerdem als zweites noch mal, dass man bei der Diversität vor allem bei den Lehrenden ansetzen müsse, damit in Folge das Studium auch für eine größere und diversere Bandbreite an Studierenden attraktiv werden könnte. Ein bisschen geht es im Anschluss noch um die Frage, ob die politische Gesinnung/Sensibilisierung bei der Aufnahme an einem Institut eine Rolle spielen sollte – was nach Meinung aller aber letztlich an der Frage scheitern würde, wer derlei entscheiden und genaue Grenzwerte festlegen könnte. Zu wenig Abgrenzung dürfe es in jedem Fall nicht geben. Osagiobare berichtet von einem Seminar zu „Political Correctness in der Kunst“ in Biel, das, so meint sie, sehr gut war und vielleicht Pflicht werden sollte. In Hildesheim und Biel, so berichten Osagiobare und Sigusch, werde derweil zu wenig über tagespolitische Ereignisse gesprochen, in Leipzig zumindest manchmal, nur an der Sprachkunst relativ regelmäßig. 

Die abschließende Frage, was sie sich für ihre Institute wünschen würden, beantworten die vier Teilnehmerinnen wie folgt:

Osagiobare: Größere Offenheit gegenüber Input.
Thomasberger: Größere Transparenz in Besetzungsfragen.
Sigursch: Eine grundlegende Selbstreflexion des Instituts.
Othmann: Keine starren Strukturen, stattdessen ein Prozess des steten Austauschs und der Mitgestaltung, Verbesserung.

II

Als zweite Veranstaltung findet heute die Erstsemesterlesung des Sprachkunst-Jahrgangs 2019 statt, moderiert und kurartiert von dem Dichter Michael Hammerschmid, der alle Lesenden, teilweise in Paaren oder Dreiergruppen, vor ihren Lesungen vorstellt und außerdem ein schönes Bild für die Gesamtheit der Texte findet: Man könne sie, so Hammerschmid, „als frische Nadeln in den Kompassen“ betrachten, mit denen wir nach Hause oder auch in die Weite segeln.

Es beginnt Felix Senzenberger mit einem Text, der sich zwischen tiradischen Tendenzen und einer Suche nach Anschluss bewegt. „Worte meine Währung/Wehrung“, Zungen will das lyrische Ich kreuzen und fragt sich, wie es die anderen noch erreichen kann, andere, die auf die Decke starren und warten auf größere Retter, statt sich von Mensch zu Mensch zu begegnen. 

Laura Bärtles Text beginnt mit Google-Rezensionen: „schade, so eine schöne Ferieninsel“ heißt es da über Lesbos, wo im August das Lager Moria für Schutzsuchende das Vierfache seiner Kapazität betreuen musste. Nach den dokumentarischen Elementen und einigen kurzen Reflexionen, endet der Text mit einer umgestülpten Paraphrase des Anfangs von Konstantin Kavafis Gedicht „Ithaka“, ein hässlicher Spiegel für das klassizismusvernarrte Europa.

Sophia Dostals zieht uns in einen fragenden Text, einen Text, der nicht gemocht werden will, der mäandert und navigiert zwischen den Klüften der Erwartungen und den Sandbänken des Selbstbilds. Letztlich stellt der Text die Frage: Muss ich alles (was erwartet wird von irgendjemandem) machen, damit ich glaubhaft wirke, damit ich glaubhaft bin?

Anouk Doujaks Text erscheint zunächst wie ein Protokoll, das Protokoll eines Sommers der voreiligen politischen Erleichterung, #Ibiza. Ermattung herrscht vor, „nie wieder“, wird verlautbart, „jedenfalls nicht gleich“. Kurz „redet sich sprachlos“. „Immer erst Selfcare“, ermahnt sich das lyrische Ich, wenig überzeugend und überhaupt spricht dieses Ich so, dass man ihm Überzeugung oder Nichtüberzeugung kaum mehr anhört. Ein Ich ist es, das nur noch wartet – und nichts scheint Anlass genug, damit aufzuhören.

Sophia Eisenring lässt ihre Protagonistin Priscilla in ihrem atmosphärisch eindringlichen, immer wieder zerfasernden und ins Haltlose driftenden Text aufs Schmerzlichste mit Unüberschaubarkeit und Gelähmtheit zusammenstoßen. Und am Ende fragt Priscilla nur: Wohin mit meinen Energien?

Am ehesten ein stringentes Narrativ hat der Text von Vera Heinemann, deren Protagonist*in am Anfang auf der Erde liegt und „anstatt des Himmels sah ich nur noch Sicherheit“. Ihr und allen anderen Bürger*innen wurde nämlich die Möglichkeit genommen, die Farbe Blau zu sehen, nachdem ein Anschlag die Notwendigkeit des Blaus infrage gestellt hatte. Es ist doch nur eine Farbe, wird verlautbart. Doch die/der Protagonist*in ringt mit ihren Sehnsüchten, reist schließlich sogar in eine Art blaue Zone. Die Farbe wird zur großen Metapher für das allzu leichtfertig Aufgegebene/Ausgesonderte, ohne das auch die vielen anderen vorhandenen Dinge einen Aspekt einbüßen.

Leonard Kos Geschichte ist geradezu schnörkellos. Es geht um Tom, mit dem das Ich des Textes etwas anfängt. Sehr knapp das erste Treffen, dann gleich Sex, dann schon Heirat. Dann aber Gewalt, die plötzlich einbricht (zum ersten Mal, als das Ich Faulkners „Tod im August“ aus dem Regal holt und eine Sanduhr von Tom, vom Vater geerbt, umwirft – ein pikantes Detail) und anhält. Am Ende (keine genaue Angabe, wie viel Zeit verstrichen ist, wie lange die Beziehung dauerte), stirbt Tom durch einen Schlaganfall. Der rasante Text überholt sich selbst in seiner Einfachheit. 

In Zoe Milious Text, der wie eine Zitatmontage wirkt, flirren schräge Kreuzungen aus Kontexten vor den Augen der Zuhörer*innen herum und während sie das tun, balancieren sie noch verschiedenste Themen wie schnell aufzutischende und zu verbrauchende Speisen.

Neslihan Yakut liefert die Lebensgeschichte eines Sofas im Zeitraffer. Im Mittelpunkt: die Ärsche, die sich niederlassen, herumstehen, wieder Platz nehmen – große, kleine, feine, schwere, leichte. Ganz groß und ganz klein ist diese Perspektive, wirkt ebenso unerheblich wie zwingend.

Maë Schwinghammers Text holt weit aus. Was zunächst ein Strom aus Fragmenten, Fetzen, Versprengtem ist, verdichtet sich in einer Abfolge von Aussagen, die beginnen mit „Ich bin kein Mann für …“ und gipfeln in der Aussage „Ich bin kein Mann.“ Diese Aussage ist der Übergang zu einer kritischen Reflexion über die ersten drei Wochen an der Sprachkunst – in der, so die Aussage des Textes, bereits 3x kontextlos das N-Wort gefallen ist. Der Text schließt mit dem Wunsch nach keiner Selbstbeweihräucherung.

Veronika Zorns Text ist ein wunderbarer Abschluss. Einem Mund wird darin gesagt, dass er sich doch nicht für die Worte schämen solle, die das Ich durch ihn transportiert. Der Mund erwidert, dass es aber Ohren gäbe, die die Wörter nicht hören wollen. Das Ich aber glaubt, dass es mehr um die Augen derer geht, die sie nicht hören wollen.
 

III

Die letzte Veranstaltung des Tages ist die von der Autorin Angelika Reitzer moderierte Lesung von Studierenden aus Prosawerken, Titel: Blickender Schein (etwas unmittelbar anschauen).

Es beginnt Anna Neata, deren Romanauszug wiederum mit zwei Frauen beginnt, in einem Biergarten. Die Protagonistin und ihre Freundin Ruth reden über Männer, über Feminismus. Über Konkurrenz. Ein Gefälle ist da zwischen ihnen: Ruth ist bestimmt, die Protagonistin eher verhalten, wortkarg. Wie auf der Uni, wo sie im Gegensatz zu den Männern, die immer Meinungen haben, lieber gar nichts sagen wollte. Sie denkt auch an Renzo, der sich viel Raum nahm, regelmäßig, und auffällig selbstverständlich, zu spät kam. Sie verabscheut ihn und bewundert ihn doch gleichermaßen. Schläft dann mit ihm und es ist anders als erwartet. Seine vermeintliche Zärtlichkeit, wie klein er beim Sex für sie wird, empfindet sie als finale Demütigung. 
In der Art wie der Text mit mehreren Formen von Gefällen arbeitet, bricht er sein scheinbar klares Narrativ auf. In den Splittern ist immer noch alles klar, aber man kann sich an dieser Klarheit leicht schneiden.

In Maria Muhars Text, ebenfalls ein Romanauszug, kommen drei Stimmen zu Wort. Daniel, die erste Stimme, geht zu einer Performance in einem leeren Schnitzelimbiss, den Freund*innen als Kunstraum nutzen und in dem sich im Rahmen einer Performance drei Menschen ausziehen und in Ei, Mehl und Semmelbröseln wälzen. Ein kurzes Speisesprachenintermezzo folgt, das den K.O. des Protagonistin symbolisiert. Auch bei den anderen beiden Stimmen hat man das Gefühl, das sie an ihrer Welt und ihrer Wahrnehmung ein wenig K.O. gehen. Diesen Abstand zur eigenen Wirklichkeit lotet Muhar allerdings bestechend aus.

Lesung Maria Muhar · © Timo Brandt

Felicitas Prokopetz liest eine Erzählung mit dem Titel „Mondbeintod“. Zu Anfang träumt ihre Protagonistin von einem großen Trauerzug, einer kafkaesken Szenerie, bei der die Knochen der Mutter zur letzten Ruhe getragen werden sollen. Das kafkaeske Element bleibt der Erzählung auch nach dem Erwachen erhalten: Paranoia treibt die Protagonistin Selina um und eine lebenslange Auseinandersetzung mit der Mutter, die noch über deren Tod hinausreicht. Am Ende erfahren wir, dass sie operiert werden muss, weil ein Knochen ihrer eigenen Hand, das Mondbein, verfault ist.

In Bettina Scheiflingers Text wird man geradezu hinein geschmissen. Im Zentrum steht Patrick, Patrick, der von seinen Jungs erzählt, die ihm den Rücken freihalten. Der/die namenlose Protagonist*in erklärt sich bereit ihn zu begleiten und bald schon steht sie/er in einer Bar mit Patrick – nur weit und breit weder die Jungs noch sonst ein Anzeichen dieser krassen Abenteuer, die Patrick angeblich immer erlebt, die man in diesem Alter angeblich so oft erlebt, wenn man rausgeht, um die Häuser zieht und von denen man später erzählen kann. Bis Patrick aus dem Nichts auf einen Typ losgeht, der eine Frau an der Bar bedrängt. Eine kleine Eskalation – und schon ist alles krass.

Katharina Kleins Text, mit dem Titel „Zuhause ist eine Abstellkammer im Torso und ich bin ein Messi“ ist ein Schwall mit minutiöser Linienführung, voller poetischer Sentenzen und malerischer Momente, dazwischen wuseln Bedeutungselemente wie ein Ameisenstamm und tragen meist das 100fache ihres eigenen Gewichts. Einmachgläser als Köpfe schaukeln vorbei, der Text verleibt in einer dauerhaften Transformation. Wer den Text selbst erleben will, kann die neue JENNY, Ausgabe 7, erwerben, wo der Text abgedruckt ist. 

Sebastian Sauers vier Texte heißen „Put the rim in Rimbaud“, „Marlyn‘s Manson“, „Lucy in the sky with Raimund“, aber sein letzter Texttitel könnte als Sinnbild für alle herhalten: „Stilpop in munterer Färbung“. Fassung, Fasching, Faschierung, Faschistischen, möchte man weiterspinnen, wie auch die Texte ein einziges Weiterspinnen, Hangeln sind, aber auch ein Kahlschlag, durch Assonanzen und leichte Lautverschiebungen, gipfelnd in Sätzen wie: „alle Gewalt geht dem Volke aus“ oder „von riesigen Kannen kommt die Kunst und wird Dunst“. Hier horcht man auf, bevor man sich wieder in der Herrlichkeit der Sprachgespinste verliert.

Max Andratschs “Wo ich beginne” ist etwas mühsam, die Bilder und Feststellungen liegen manchmal etwas uneinsichtig weit auseinander. Aber schöne Sätze wie „Die einzigen Löcher sind Adjektiv, Verb und Nomen“ und schöne Überlegungsverschlingungen, hinführend oder sich treffend, sich verknotend bei den Fragen: woher, wohin? 

Anna Maschiks Text heißt „Abhandenkommen“ und führt uns in Landschaften, die in ihren klaren Zuschnitten etwas Märchenhaftes haben. Maschik konzentriert sich auf das Elementare in ihrer Umgebung, durch die sie reist. Ihr Text ist wie eine Beobachtungslehre, eine Beobachtungsschule, die Ergebnisse: knapp wie ein Schnappschuss, ebenso eindringlich, nur leicht ausgeführt. Man kommt abhanden dort, wo man noch nicht mit Begriffen ankommt, sondern mit Eindrücken verbleibt. Auch hier der Hinweis auf die JENNY 7, in der der Text abgedruckt ist. 

In Jacqueline Weihes Kapiteln um Irmgard wird die Wahrnehmung entschleunigt. Ferne und Nähe werden austauschbar, aber heftig bleiben beide. Mitunter Pracht wie bei Baudelaire und Stimmung wie im Nebel, im Halblicht, im Danach. Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht trägt der Text übereinander wie zwei Pullover, kratzig wegen der stillen Gewalt in beiden. Szenen einer Existenz aus ganz unterschiedlichen Kontexten.

Dora Koderholds Texte „Der Heimkehrer“ und „Das Kind“ weisen trotz ihrer schlichten Titel eine beeindruckte Erzählkraft und viele dynamische Finessen auf. Sie schafft es ihren Figuren mit wenigen Sätzen ein breites Innenleben und eine große emotionale Ambivalenz zu verpassen. Die Geschichten sind gleichsam sehr nahbar, aber durchaus auch absurd. Unaufgeregt, aber bestechend reihen sich ihre Sätze aneinander, mit feinen humoristischen Widerhaken versehen, aber auch mit Tiefe.

Florentin Berger-Monit präsentiert zum Abschluss eine wunderbare Geschichte über ein Ziegenbemmerl (Ziegenkotstück), das, mit eigener Intelligenz gesegnet, zuerst den heimischen Stall verlässt, durch Grammelknödeln zum ersten Mal an Größe zunimmt und in die weite Welt aufbricht, die es am Ende selbst wird.  
2 days more to go!

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