Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

[Doris Anselm, Hautfreundin] My white male bookshelf #15

Vor einer Weile habe ich alle Bücher männlicher Autoren in meinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Mein Regal war weiß geworden. Seit dem lese ich nur noch weibliche Autorinnen. In der aktuellen Ausgabe steht My white male bookshelf bei Lars Meijer, niederländischer Lyriker.

 

my white male bookshelf steht bei Lars Meijer, niederländischer Lyriker

Über Doris Anselms Roman Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie zu schreiben ist heikel. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich es machen soll. Nicht, weil es eine sexuelle Biografie und tatsächlich pornografisch ist, sondern weil es für mich komisch ist, von Doris Anselm zu sprechen. Doris ist eine gute Freundin von mir. Und das macht man doch nicht: Über Bücher von Freundinnen zu schreiben. Schon deshalb, weil ich nicht weiß, ob ich jetzt von der Autorin, Anselm oder eben einfach von Doris sprechen soll — so, wie ich sie normalerweise auch nennen würde.

Ich mache es trotzdem. Denn mit Fragen von Ansprache, Positionierung, Intimität, Grenzen und deren Verschiebung befindet man sich schon mitten drin in Doris' Buch, das im Frühjahr 2019 bei Luchterhand erschienen ist. Nur, dass es in Hautfreundin eben nicht darum geht, wie man öffentlich über Freundinnen schreibt, sondern um die viel fundamentalere Frage, wo Öffentlichkeit aufhört und wo Erotik anfängt, bzw. wo das eine in das andere übergeht oder übergehen kann und wie man diese Grenze überschreitet. Aber auch darum, ob man Sexpartner mit Sie, Du, mit Herr Neumann (es sind alles Herren) oder mit Vornamen anspricht.

Ganz im Gegensatz dazu ist der Titel völlig eindeutig: In der sexuellen Biografie wird weder erzählt, wie die Erzählerin ihr Geld verdient noch wie ihre Familie so drauf ist. Nicht einmal ihren Namen erfährt man. Dafür geht es umso mehr um Sex — und zwar detailliert, pornografisch und aus der Perspektive einer weiblichen Erzählerin, die nicht für den männlichen Blick geschaffen wurde und die jede Berührung genießt — und zwar ohne in irgendeiner Form dafür bestraft zu werden, wie es in vielen anderen Romanen der Fall ist. Das ist schön und ein großes Vorhaben.

Zum einen, weil es verdammt schwer ist, gute Pornografie zu produzieren und zum anderen, weil es noch schwerer ist, dabei nicht nur zu reproduzieren, was das Genre ohnehin vorgibt. Denn darum geht es Doris im Roman: Die Szenen laufen nicht nach Drehbuch ab, sondern sie bettet den Sex in die bekannten Lebensumstände ein, in dem er eben meist stattfindet und in denen es neben Sex auch noch Kühlschränke und Ellenbogen gibt. So wirken alle Szenen auch auf eine angenehme Art machbar. Nicht im Sinne von performbar, sondern so, als bräuchte man für sie weder ein Drehbuch noch akrobatisches Geschick.

Es ist überhaupt interessant, dass Doris schreibt, weil man kaum über Pornografie nachdenken kann, ohne an Pornofilme zu denken. Trotz Fifty shades of gray und allem, was in dessen Fahrwasser erschienen ist, ist Film das dominante Medium für Porno. Die one-handed-reader sind zu one-handed-viewern geworden. Dennoch schreibt Doris, benutzt Sprache. Gleich zu Beginn wird klar, dass das nicht einfach ist. Die Erzählerin sucht das richtige Wort für ihr Geschlechtsorgan, ihre Vulva, ihre Vagina, ihre Muschi, und an dieser kleinen Aufzählung sieht man schon, dass Nachdenken notwendig ist, weil es hier um kein normales Wort geht:

»Vielleicht wird es nie wieder ein normales Wort wie Ellenbogen oder Kühlschrank. Nie mehr.«

Bei so einem Anfang denkt man auch an das Johannesevangelium: Am Anfang war das Wort. Man kann kaum ein eingängigeres Thema finden als Sex, wenn man darüber nachdenkt, wie sehr die Dinge eben vom Wort abhängen, mit dem man sie benennt. Deutlich wird das auch an der Internetpornografie mit ihren klar kodifizierten Kategorien von Praktiken oder Körpern der Darsteller*innen. Gerade darum geht es in Hautfreundin aber eben nicht, wie in der ersten geschilderten Begegnung deutlich wird:

»Ich glaube, er fand mich ein bisschen zu groß, und ich fand ihn ein bisschen zu dünn, aber das waren bloß Aufschriften, so kam es mir vor, Aufschriften, die wir kurz überflogen und zur Kenntnis nahmen.«

Bevor die beiden diese Aufschriften überhaupt zur Kenntnis nehmen können, ist aber das Wort, denn sie lernen sich am Telefon über die Hotline eines Kühlschrankherstellers kennen. Größer als die Komik des Klischees - der Kundenservice einer Kühlschrankfirma wird über die Hotline gerufen - ist die Tatsache, dass Doris die Szene mit so viel Liebe zum Detail wie zu ihren Figuren schreibt, dass einem das klischierte an der Konstellation gar nicht auffällt.

Dafür ist das Telefonat viel zu spannend und witzig zugleich. Es beginnt mit einem der »Webfehler im Alltag«, für die die Erzählerin sich so sehr interessiert. Sie bleibt an der automatisierten Anfangsfrage hängen, ob das Telefonat aufgezeichnet werden soll. Nein, soll es nicht, und damit ist ein Raum der Intimität eröffnet, den die Erzählerin dafür nutzt sich über ihren Kühlschrank zu beklagen, der nach »Weltraum« riecht und in dem alles, was sie hineinstellt, ebenfalls nach Weltraum zu riechen beginnt — vor allem die Butter. Wer sich für schräge Webfehler in der Welt interessiert, hat Alexander Gerst vielleicht schon mal darüber sprechen hören, dass die Raumanzüge, die zurück in die ISS geholt werden, tatsächlich einen Geruch haben, von dem nicht ganz klar ist, woher er stammt. Denn der Weltraum an sich hat ja keinen. Um diesen Geruch zu erklären, räuspert der Kühlschrankmann sich:

»› Nasse Wäsche?‹ Die Zischlaute klangen wie Wasserspritzer auf heißem Metall.«

Eines der vielen großartigen Bilder im Buch übrigens. Trotzdem möchte ich noch beim Raumanzug bleiben. Der Weltraumgeruch geht als Story, die man vielleicht schon irgendwo mal gehört hat, in Richtung urban legend, auch, wenn urban hier sehr weit gedehnt wird. Sagenhafte Erzählungen, die an der Grenze des Rationalen liegen, aber zu klein sind, um sich zu manifesten Verschwörungstheorien auszudehnen, und die deshalb einen leichten Schauer verursachen. In Doris erstem Buch und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus, in dem es in vielen Geschichten ebenfalls um devianten Sex der Erzählerinnen geht, kommen solche Stories auch vor: Absolventen einer geheimnisvollen Akademie, auf der man lernt, seine »Haut plötzlich schimmern zu lassen«. Oder eine Geschichte, in der jemand so sehr lernt, wachzuträumen, dass sich am Ende die Frage stellt, was überhaupt noch real ist.

Bei diesem Interesse geht es nicht um Esoterik, sondern um die Liebe zu kleinen nervenkitzelnden Überschreitungen, von denen man sich fragen kann, ob sie noch auf dieser Seite der wissenschaftlich erfassbaren Welt stehen. Die Autorin hat für das zweite Buch ihr Thema gewechselt, könnte man sagen. Ich habe allerdings eher den Eindruck, dass Doris ihre Themen zusammengeführt und zugespitzt hat: Wer hat bei Alltagsmomenten wie dem mit dem Kühlschrankmann noch nie an Sex gedacht? Oder am Bankschalter oder beim Rechtsanwalt? Die Geschichten sind andere, die Frage aber ähnlich wie beim Hautschillernlassen oder beim Wachträumen: Ist das möglich? Sex mit dem Kühlschrankmann?

Die Frage ist gerade in Bezug auf Darstellung von Sex relevant. Denn im Genre Pornografie gibt es diese Balance von Story und Sex. Entweder sieht man alles und die Handlung ist auf dem Niveau von »Warum liegt hier eigentlich Stroh?« (natürlich mit graduellen Abstufungen, auch in hochwertig produzierter feministischer Pornografie ist die Handlung ja nicht unbedingt komplex), oder man sieht eben kaum etwas, dafür sind die Emotionen einigermaßen glaubwürdig. Es ist das Spektrum zwischen hardcore Pornografie (also mit Darstellungen geöffneter/erigierter Geschlechtsorgane) und Softporno, der nur deshalb spannend ist, weil man darauf wartet, dass endlich passiert, was bis zum Ende nicht passieren wird. Wo liegt die Grenze, in der die fast magische Spannung von Begehren darstellbar wird?

Vielleicht findet man sie zwischen Doris' Erzählerin und Herrn Neumann:

»Wir sehen einander in die Augen. Wir stehen da, zwei Erwachsene in ihrer jeweiligen Rolle, und dann dehnt sich der Moment über uns aus, wölbt sich, schillert, zerplatzt.«

Und:

»Sein Gang erklärt seinen Körper mit jedem Schritt für nichtig, für unwirksam, versucht es jedenfalls, und dabei entsteht ein seltsames Flimmern.«

Die Beschreibungen erinnern an den jungen Mann aus der geheimnissvollen Akademie in Doris' erstem Buch. Auch Herr Neumann gehört zu einer geheimnisvollen Sekte: Einer Sekte von Menschen, die gerne Sex haben — die Erzählerin muss ihn nur dazu bringen.

Die sexuelle Phantasie, die unterschwelligen Begehren, die sich in alltäglichen Situationen einstellen, in die Realität zu holen, hat wirklich etwas Magisches, ohne dass irgendetwas Religiöses oder Unerklärbares mitschwingen würde. Darin liegt die Spannung: Vom Alltäglichen zum Pornografischen, ohne dass sich der sprichwörtliche schlechte Film einstellt.

Dieser Übergang ist auch für die Erzählerin nicht selbstverständlich. Sie muss immer wieder deutlich machen, dass es bei den Begegnungen eben um Sex und nicht um die Darstellung von Verliebtheit oder um Performance geht. Als Herr Neumann sie anblinzelt, als wolle er Liebe auf den ersten Blick darstellen, ist es für die Erzählerin fast vorbei:

»Es ist schrecklich. Falscher Film, falsches Genre.«

Damit macht Doris deutlich, dass unser Begehren und die Art, wie wir uns begegnen, durch Genres (wie Liebesromane) vorstrukturiert ist und es nicht leicht ist, diese Genregrenzen zu überwinden. Auch deshalb ist der Roman so klug, weil er sich dessen bewusst ist. Insofern kann man auch nicht unbedingt von einem Pornoroman sprechen, eher von einem pornografischen Roman. Von einer Biografie, in der es um das sexuelle Leben der Erzählerin geht, in der im Sexuellen aber auch immer das Pornografische verhandelt wird. Genre ist so sehr Teil der Literatur geworden, E und U sind so sehr verschwommen, dass es fast albern erscheint, wenn Romane nicht in irgendeiner Form mit Genre spielen. Es geht dementsprechend auch um viel mehr als das Genre, darum etwa, wie Sex ohne Beziehung, ohne Familie und ohne die Paarbeziehungsversprechen romantischer Liebe auskommen kann und dabei trotzdem achtsam und liebevoll bleibt. Sex in einem Modus von Freundschaft sozusagen. Umso stärker ist es, dass Doris sich dabei ein Genre aneignet, das buchstäblich das heißeste Eisen überhaupt ist.

Die Klugheit und Feinfühlichkeit zeigt sich auch darin, dass die Erzählerin sich dessen bewusst ist, dass die heterosexuelle cis-Perspektive eben nur eine mögliche ist und auch, dass die Selbstverständlichkeit, in der sie sich mit ihrer Sexualität bewegt, leider keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Privileg.

Genug Platz für Sex bleibt bei aller Reflexion immer noch. Wenn man unter hardcore explizite Darstellungen versteht und eben nicht gewaltsame, dann ist der Roman definitiv hardcore. Auch an expliziten Darstellungen mangelt es nicht - man könnte sie mit den üblichen Mainstream-Subgenrebezeichungen benennen, denen oft etwas Gewaltsames innewohnt. Aber: »das waren bloß Aufschriften, so kam es mir vor, Aufschriften, die wir kurz überflogen und zur Kenntnis nahmen.« Und in diesem Anselmschen Modus des Beisammenseins, um auch den Nachnamen der Autorin noch einmal zu verwenden, wird ihnen das Gewaltsame genommen und sie werden lustvoll. Großes Kino also, auch wenn nicht immer alles gezeigt wird. Dafür sind die sprachlichen Mittel unvergesslich und in einem Sinne poetisch, dass das Wort jegliche Klebrigkeit verliert:

»Meine Finger brauchen einen Moment, um sich zu orientieren. Zu umfassen und in diese merkwürdige Bewegung zu finden: Als würde man an einem stillen, dunklen Wintermorgen einen Weg streuen. Man läuft über Eis, man streut aus dem Handgelenk, der Weg führt tiefer ins Dunkle. Man sieht kaum, was man tut, wo man hingeht, weiß nicht, ob man es richtig macht. Ob es genug ist. Zu wenig. Ob man stürzen wird. Männerkörper sind seltsam und mögen seltsame Berührungen.«

Ob man dabei zum one-handed-reader wird, bleibt allen selbst überlassen. Bei dieser Frage ist es dann vielleicht wirklich angenehmer von der Autorin als von Doris zu sprechen. Oder vielleicht gerade nicht, denn auch (männliche) Masturbation wird in Hautfreundin in den Bereich des Wunderbaren gezogen.

***

Doris Anselm
Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie
Hardcover mit Schutzumschlag,
€ 20,00 [D]
256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87603-0
Luchterhand 2019

 

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge