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Kolumne

Warum hassen deutsche Verlage das E-Book?

Ein Kommentar

Ich gestehe es offen ein: Ich bin kein Fan des E-Books. Einen E-Reader besitze ich nicht, wenn es sein muss lese ich auf dem Tablet. Und das ungern. Warum? Weil ich Papier mag. Weil ich mich zwischen Büchern wohlfühle (was ich spätestens beim nächsten Umzug wieder verfluchen werde...). Weil ich blättern und den Papiergeruch einatmen möchte. Und so weiter. Wie Buchnerds halt sind, für die es nichts Schöneres im Leben gibt als das Lesen.

Aber all das ist subjektiv. Als rationales Argument taugen vielleicht die Studienergebnisse jüngerer Zeit, nach denen man auf Papier aufmerksamer und intensiver liest, ein besseres Textverständnis hat, Inhalte besser verarbeiten und abspeichern kann – weshalb auch all die Initiativen, den Schulunterricht zu digitalisieren, fragwürdig sind.

So oder so ist auch für mich das E-Book mitunter ein Glücksfall. Bei Recherchen zum Beispiel, wenn mich eine Kontextsuche am Bildschirm schneller ans Ziel bringt als heilloses Blättern. Oder als ich im Laufe der letzten Monate mehrere Texte aus längst vergriffenen amerikanischen Anthologien brauchte. Natürlich hätte ich mir wahlweise völlig zerfledderte oder völlig überteuerte antiquarische Exemplare kaufen können – immer in der Hoffnung, dass sie auf dem Postweg nicht verloren gehen. Aber die Alternative war dann doch sinnvoller: Einfach das E-Book kaufen, in der Regel für weniger als fünf Euro.

Denn bei US-Verlagen ist das längst Standard: Nicht nur, dass die E-Variante aktueller Titel bloß einen Bruchteil der Printausgabe kostet, sondern auch, dass teils Jahrzehnte alte vergriffene Bücher, bei denen sich eine Print-Neuauflage nicht rechnet, als E-Book zugänglich gemacht werden (was verlagsseitig mit überschaubarem Aufwand verbunden ist und obendrein die Autoren und Herausgeber freut, die für längst abgeschriebene Titel nochmal Tantiemen erhalten).

All das ist natürlich auch eine Erklärung für den Erfolg des E-Books in den USA. Zwar war der Absatz dort zuletzt zugunsten des gedruckten Buches wieder stark rückläufig, insgesamt aber ist das E-Book dort eine feste Größe, während es in Deutschland vor sich hin dümpelt. Während der Marktanteil in den USA bei knapp zwanzig Prozent liegt, hängt er in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei gerade mal 5,7 Prozent. Die Erklärung dafür liefert ein Blick auf die Preise: Nahezu sämtliche großen deutschen Publikumsverlage (und auch viele kleine und mittlere Häuser) verkaufen E-Books annähernd zu denselben Preisen wie Print-Bücher. Wenn eine Hardcover-Neuerscheinung 24 Euro kostet, wird die digitale Variante für 22 Euro angeboten. Das beinhaltet eine klare Botschaft: Wir wollen keine E-Books verkaufen!

Diese Preisgestaltung ist absurd. Natürlich wird der Kunde, wenn er irgendwie kann, zum gedruckten Buch greifen. Denn das kann er, wenn er es gelesen hat oder gar wenn er nach ein paar Seiten merkt, dass es ihm doch nicht gefällt, verschenken oder, sofern es ein neuer Titel ist, ohne größeren Verlust weiterverkaufen. Außerdem birgt es die Chance, nach Jahren oder Jahrzehnten einen kleinen Schatz im Regal zu haben, sollte das Buch an Wert gewinnen. Weil es inzwischen vergriffen und selten ist. Oder weil es wieder begehrt, vom Verlag aber (noch) nicht neu aufgelegt ist. Oder wenn man Gelegenheit hatte, es signieren zu lassen. All das geht mit E-Books nicht, weshalb es neben der Platz- und Papiereinsparung wirklich nur ein einziges einsames Argument dafür gibt, sie zu kaufen: Den Preis! Und, ja, ok: Die Platzersparnis.

Und ja, es gibt ein paar deutsche Kleinverlage, die das verstanden haben, und bei denen die Neuerscheinung dann digital fünf Euro kostet im Gegensatz zu den zwanzig Euro im Print. Aber das sind Ausnahmen, die man mit der Lupe suchen muss.

Woran liegt das? Man kann freilich den urdeutschen Kulturpessimismus dahinter vermuten, das Bewahrertum einer konservativ-verkorksten Kulturszene, die dann gleichzeitig drüber jammert, dass die Umsätze einbrechen, während sie sich trotzig weigert, den Schritt in neue Geschäftsmodelle zu gehen (wo wir schon ganz nah bei der Zeitungsmisere, Paywalls und dem unseligen Leistungsschutzrecht sind). Nur macht diese Erklärung beim besten Willen keinen Sinn. Denn gerade die Publikumsverlage sind ja Wirtschaftsunternehmen, die heute jeden Mist drucken solange nur der Umsatz stimmt, und damit ihr Profil immer weiter verwässern. Man müsste doch annehmen, dass sie ein Interesse daran hätten, mit E-Books ohne allzu großen Aufwand ein Geschäft zu machen.

Die Politik ist allerdings, das muss man dazu sagen, ähnlich bräsig. Vor wenigen Jahren kamen einige Verlage in eine üble Schieflage, nachdem sie die durchaus logische Idee hatten, den Print-Käufern jeweils das E-Book zu schenken. Das ging so lange gut, bis die Finanzämter die Hände aufhielten. Denn während gedruckte Bücher dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent unterlagen, waren es für E-Books neunzehn Prozent. Und die mussten nachgezahlt werden.

Kurz zur Erinnerung: Die Ermäßigung soll das Bildungs- und Kulturgut Buch auch für Menschen mit geringerem Einkommen zugänglich machen. Es ist doch vollkommen egal, wie und auf welchem Medium man liest. Hauptsache, man liest! Inzwischen ist das, nach langen Jahren, auch endlich beim Gesetzgeber angekommen. Im Nachhinein verzweifelt den Kopf schütteln über so viel blanken Unsinn darf man trotzdem...

Und man darf sich wünschen, dass die deutschen Verlage mal einen Blick über den großen Teich werfen und beim nächsten Masseneinkauf von Lizenzen kurzlebiger Unterhaltungsliteratur auch vielleicht einmal etwas Inspiration bezüglich ihrer Preisgestaltung, Absatzsteigerungen und – ja, nicht zuletzt – dem Dienst an den Leserinnen und Lesern mitnehmen. So von wegen win-win. Zwinkersmiley.

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