Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

POESIEGALERIE 2019, TAG 2

Eine weitere Mitschrift

Wilde Stunde

Zweiter Tag, 18:08, "Das Publikum", so Kawasser, "ist noch sehr ausgewählt", sprich: heiße zehn Leuts in den Rängen, da die Anthologie "Wo warn wir? Ach ja …" von ihren Herausgebern Robert Prosser und Christoph Szalay präsentiert wird. Ungerecht. Jetzt geben die beiden über das Projekt – eine Sammlung jüngerer österreichischer Lyrik – und seine Geschichte Auskunft, und langsam, langsam trudeln unterdessen weitere Publikumme ein (zwei gingen inzwischen, drei neue kamen).

 

Prosser, Szalay, Kawasser

Time for disclosure inzwischen: Wie gestern gilt, dass es sich hier nicht mehr um Rezensionen handelt, aber hoffentlich auch noch nicht ganz um freies Assoziieren; irgend etwas Energieschonendes dazwischen als gestern; berichterstatterliche Gerechtigkeit jedem Beitrag gegenüber bleibt auf der Langstrecke des Leseformats liegen.

Zurück … Um 18:22 betritt Graz in Gestalt Helwig Brunners den Raum und lacht leise … schon vierzehn (!) Zuhörs, wo gestern um die gleiche Stunde siebzig-achtzig waren … Wo sind sie nun alle, die Damen und Herren Szene? Was werkt das Netz? Ist gar die wahre Lyrik nur im Kopf und nicht in der IG Architektur, also hier? Die Vielfalt österreichischen Schreibens, von der gerade Szalay/Prosser reden? Gut: Es ist Essenszeit an den Familientischen …

Kawasser stellt gerade Christian Metz' literatursoziologisches Thesenbuch vom letzten Jahr neben die Ergebnisse der Anthologisierungsbemühungen von Szalay/Prosser. 18:27 – fünfzehn Zuhörer – jetzt Lesung in Auszügen … und die beiden Sammler lesen Vermischtes anderer Autor*innen aus der Sammlung; das ist reizvoll: Prossers kraftvoller Vortragsgestus (ca. "Sepp Forcher als belesener MMA-Fighter") und Szalays leiserer, borduntonhafter (sagen wir "Ezra MC Pound") – beide je angewandt auf Texte, von denen wir nicht sicher wissen, mit was für einem Klang im Ohr ihre Verfasser*innen sie je geschrieben haben. Gleichungen mit zwei Unbekannten zu lösen. Könnte man einen ganzen Abend draus machen.

18:40, Applaus, siebzehn Zuhörer*innen. Minuten später, pünktlich zum Lesungsbeginn von Daniela Chan, sind's zwanzig, nein einundzwanzig, nein zweiundzwanzig; eine weiterer Limbus-Lyrikband; Fernsehdoku-Archaik-Welt, Märchenwelt, Vergewaltigungswelt, Natürliche-Ordnung-Ist-Entsetzlich-Aber-Macht-Magie-Welt, Trotzige-Behauptung-Des-Unschuldsbegriffs-Welt, Zaubersprüche in Loopings;

nach der flut wusch ich die gläser
verletzte mir die finger an einem korkenzieher
irgendwo zog sich ein krokodil eine jacke an
(…)
wir wissen nicht ob wir glücklich sind

 

Zweite Stunde

Jetzt, 19:13 Uhr, sind es ca. 25 Zuseher; Christoph W. Bauer wird einmoderiert … liest kurze Gedichte, das erste ein ist ein Song über Francois Villon, der aber nicht selbst auch ein Quatrain ist. Wir sind schon im zweiten Text;

mit einem Hausierer (…)
vor einem Katzensilberkreis (…)

Bauer ruft den Heimatbegriff auf, daneben (s.o., Villon) den vom Vaganten; das macht neben der Idee geschichtlicher Landschaften auch die Frage auf, was wäre Politik im Text … bisschen viel Sinn, wohlvertrauter Sinn, pro Vers; Kanonherschreibung gegen die Barbaren, das muss man ja inzwischen wieder nachbuchstabieren, also –

ob in Algiers, Paris oder Wien

im Sinne von Bänkelsang geht das gut durch …

Susanne Toth liest, Helmut Neundlinger spielt Bassklarinette … 19:30 Uhr, fünfundzwanzig Menschen hören zu, Toth erzähl-dichtet von einer antropomorphisierten Liebe, die durch Wien fährt, durch Schlafzimmer, Straßenbahn und Beisl; und das klingt mir (to be sure: ohne zum Schunkeln einzuladen) unbestimmt nach dem lieben Augustin und der Pestgrube; und dann setzt sich Neundlingers Bassklang auf Toths Lesefluss … kein Groove, sondern … nein, doch eineGroove:

Wilhelminenberg, du schöner (…)
schmerzlos atmen (…)
(…) sterben ist schön (…)

sehr sehr Wien, sehr schwoazze dintn, sehr Biedermeierporzellan der Vortrag, und wohl nur im solchen Vortrag; überraschend: gut.

todays's special: fried brain

19:45 Uhr, gelesen von ihrem Übersetzer aus dem Mazedonischen – Alexander Sitzmann – Gedichte von Lidija Dimkovska (erschienen als parasitenpresse-Band). Soll ich das einschätzen? – Vorsicht vor dem kulturellen Missverständnis, lieber dann mal selber, ganz, lesen … Bildhaftes, Düsteres –

in drei schubladen liegt meine gesammelte korrespondenz,
(…) in der dritten, staub eingehüllt in spinnweben, von der welt, die nie auf meine briefe antwortet
(…) durch mein leben haben sich viele tode miteinander verknüpft

 

Dritte Stunde

Hauptabendprogramm, Tatortstunde! Der Raum hat sich gefüllt. Christoph Theiler mitsamt orgelförmigem Elektroaufbau … Titel "Klagelied einer Reiseschreibmaschine" … Abteilung: erweiterter Poesiebegriff; Klangperformancepoem; ein überbreites Schiff fliegt, verkabelt und an die Soundmischmaschine angeschlossen, über eine normalbreite mechanische Schreibmaschine. Der physische Akt des Hinterlassens von prinzipiell unvergänglichen Schriftzeichen, er hinterlässt Klangzeichen, die vergehen, und das sehen wir uns an, wie wir es uns anhören. Ungefähr so. Reise –> Schreib –> Maschine … Die Welt ist ein Abgrund, oder klingt wie einer.

Christoph Theiler

Danach: Wow. Verena Stauffer, 20:30 Uhr, und die Poesiegalerie ist genau on time

am abendhimmel aus kanguruh grass (…)

Wir hören fremdartige Wörter – Tael … Svalbard Paem –, und es geht um Samen, eingefroren in der Arktis … da lässt sich, halb zufällig, wissen, dass wir nicht bloß in einem Text uns befinden, sondern einem Metatext – Stauffer greift auf Text jenes aktuellen Bands von Daniel Falb zu, nimmt ihn zu einem der Gegenstände ihres Texts; und es funktioniert, ihr zuzuhören, auch ohne jenen präsent zu haben – dank ihres Themas (Treiben im gedacht mikroskopischen Medium, in dem Samen zu sprossen beginnen mögen; ein Thema, das uns dann über den Falb/Paem-Text hinaus erhalten bleibt), oder dank Stauffers ich-amorpher Poetik?

essen ist sprechen … spressen …

Zehn vor neun, Getuschel, dann kein Getuschel, sondern Jonathan Perry

ein seltener strauss
blumen den händen
zum trotz

sehr bedachter Vortrag, langsamer, auf Atemzyklen bedachter Vortrag … das fordert uns genaues Zuhören ab, Respekt vor den kleinsten Momenten, Variationen, Eindrucksfragmenten … bringe ich diesen Respekt  auch? Also: hinreichend? …

vielleicht bin ich nicht
zu riechen hier

 

Runde Vier

Wieder gelichtet, die Reihen. 21:15 … Christian Futscher … beginnt mit einem Gedicht für Kinder … ein Kindergedicht über die Asche seiner toten Katze (!) … dann ein Gedicht mit der Donau, der Liebe, mit Erdmännchen … das poetische Äquivalent, submissest, eines soliden Rocksongs über den Alltag auf Rockstar-Tournee. Und jetzt aus dem aktuellen Band: "Alles außer Lyrik". Sind das schon Aphorismen, oder … ?

nach untersteckholz und obersteckholz
da will ich überall hin

Zwei hervorragende Zeilen:

Stimmen aus der Bierdose finde ich OK,
Stimmen aus der Steckdose bedenklich.

Miroslava Svolikova jetzt; als Dramatikerin – wie mir Ahnungslosem erklärt wird – äußerst erfolgreich; hier eingeladen, weil Gedichte von ihr in der aktuellen Ausgabe der Manuskripte erschienen; unmerklich wird aus dem, was sie vorträgt, was Rhythmisches, Repetitives; voranschreitende Narrative, jede Zeile genau eine neue Info, Lieblingsthema: Pygmalion/Narziss; Schatten/Spiegelbild; Nachzeichnen/Reflektieren; Subjekt Selbst Setzung.

wer legt einen farbfilter um die welt (…)
in welcher zeit setzt du deine hand darin ab (…)
was ist das für ein ort, der so die wärme der sonne speichert, wie du mit deiner hand bewegst

Aus "Eine Membran sind wir" liest Günther Kaip. Soweit ich höre (ich höre nicht alles, ach) geht's um die Erdenschwere der Menschenkörper, unter besonderer Berücksichtigung, dass es möglich ist, zugleich explizit über eine Sache zu sprechen und implizit, parabelhaft über die selbe Sache, mit andersläufigem Inhalt … Und dass es möglich sei, einander widersprechende Tatsachenaussagen in ein Gedicht zu stellen …

 

Fünfte Runde

Kawasser: "Man kann sich ganz gut hier vorne an der Poesie wärmen" … dh: "Treuloses Publikum, das du hinten in Trauben stehst und plauderst, statt Adrian Kasnitz, parasitenpresse-Verleger, Dichter, zuzuhören – strebe itzund an die Sitzplätze!" … Es funktioniert, sie versammeln sich …

möchtest du die freundschaft aktualisieren? (…)
wer bumst hier eigentlich wen? (…)
möchtest du die küsse aktualisieren? (…)

Auch so Beispiele davon, wie sich die Möglichkeiten einzelner Vokabeln mit den Jahrzehnten ändern; die Möglichkeiten der Verlaufsformen;

jeder hat eigene interessen in einem traum
ich will jetzt küssen und du willst nicht (…)
jeder hat ein eigenes fortbewegungsmittel in einem traum

Wie von weit hinten her, aber doch merklich, hören wir die Methodenmaschine des Heißenbüttelschen Langen Gedichts vor sich hin arbeiten; die Texte, die wir hören, sind aber zu narrativ, um dann wirklich Lange Gedichte – mit großem L – zu werden … Wäre auch ein Zeitproblem

Andreas Unterweger, Manuskripte-Herausgeber, liest zuerst was, das, obwohl deutschsprachig, im mehrsprachigen Versopolis-Kontext entstanden ist: "Kabul" heißt der Text, hat ein Subjekt in der ersten Person Plural, entwickelt die naheliegende erotische Verunsicherung kriegerischer Männer, Kammerspiel-Planspiel, beschränkte Anzahl an Elementen (Teehaus-Sonne-Mädchen-Wir-Krieg), und der Spaß sei, dass die Pointe dann eben nicht vorhersagbar wäre … Im Weiteren Catull, dem Anspruch nach sexyly, aufs einundzwanzigste Jahrhundert gewendet, nachdichten hmmm …

Dreiviertel elf! Helwig Brunner! Hat "Weißer Rahmen, Weißes Bild" mit – ein dreisprachiges, anspruchsvoll gestaltetes Buch. Liest aber ebenfalls Gedichte aus den Manuskripten:

in der musik, hast du notiert, zählt auch die prim zu den intervallen (…)

Zu wissen, dass Brunner im Zweitberuf etwas mit Biologie macht und die Richtigkeit von Angaben zu Tier- und Pflanzenarten ernst nimmt, ändert für sich die Artt, wie ich zuhöre. Müssen noch gar keine Tiere … Lyrisches Dokumentar-Radio. An anderer Stelle:

singen
ist besser
als sekundenschlaf

Das stimmt auch, wenn der Sekundenschlaf mir, wie jetzt, nach fast fünf Stunden Lesung näher ist als jedes Lied, über das gesprochen werden könnte1 Letzte Pause – fünf vor elf.

Sechste Stunde

Helwig Brunner moderiert, um 23:15, Veranstalter Udo Kawasser ein, der, als Autor auftretend, erst aus Naturgedichten, dann seinem Band "Das Moll in den Mollusken" liest. Natur:

fragwürdig auch ob mit jupiter und venus in der mond/ schale poetisches kleingeld zu machen ist

Ich kann nicht mehr folgen, aber das war die Uhrzeit, nicht die Lärche, bzw. nicht der Käfer aus Kawassers "Takes" genannten Momentaufnahmen.

warum liebe weh tut ist ein buch an dessen
anfang ich mich nicht mehr erinnern kann
halte das ohr
so nahe an die gelenke der luft bis ich höre
wenn das eis von den böen ermüdet bricht

Nun die andere Versuchsanordnung, "Das Moll …": Je Text eine Kurz- und eine Langfassung, hier die Kristalle, da die Erzählungen darum herumhier der souveräne Gedanke, da das Bedingte-Biographische.

Um fünf vor halb zwölf liest er, auf Zuruf einer Seitenzahl, ein Windgedicht. Irgendwas mit Neapel. Sirocco, Feuchte, Rotkehlchen. Statt Namedropping: Landschaftsdropping. Da das Gedicht von Luftfracht spricht: Ach Flugzeug! Ach Fallhöhe zwischen der Sprache (droben) und dem wirklich Erlebten (drunten); ach Fallschirm der Naturmetapher. So.

Die Zielgerade des Abends ist erreicht. 23:31 Uhr, Gerald Jatzek, Autor zahlreicher Gedichtbände, hier anwesend mit umgeschnallter Gitarre – "Ich bin seit Kurzem wieder rein freiberuflich" … Singt, liedermacher-traditionell:

lass mi', lass mi' machen
(…)
Lebenshelfer – und Kaiser
Haut's e
uch alle über'd Häuser2
lass mi, lass mi machen.

Ok. Lasse ich. Und denke nebenbei darüber nach, warum das so ist, dass sich die Soziotope für die Sorte unmittelbaren, analogen Diskurs, die Jatzek samt Gitarre betreibt, immer weniger geworden sind … Und während ich so denke, hat Jatzek begonnen, vorzulesen, aus (auch) Reisegedichten; man hat den Eindruck, in einem Notizbuch der Geschichte grundsympathischer österreichischer Gegenkultur seit ca. 1970 zu blättern … Kabul 1980, Granada, Mauerfall Berlin, Die Barbaren Kommen (Trauma Vom Ende Der Geschichte). Doch doch, das gehört noch zur Literatur …

Die Barbaren kommen (…) Sie langweilen sich schnell (…) Wenn sie niemanden finden, schlagen sie mit Knüppeln auf ihre eigenen Schädel (…)

Und der Abend, nein, die Nacht endet mit einer Woody-Guthrie-Übertragung, re:"Flüchtlingssituation", re: Sterben-an-den-Grenzen. Wir wissen, wovon Jatzek singt, und es geht uns auf die Nerven, dass er's trotzdem tut, aber genau dadurch und daran hat das seine Richtigkeit.

  Vielen Dank Stefan Schmitzer!!!

 

 

 

  • 1. Es möchte die morgige Kolumnistin Astrid Nischkauer die P. T. Leser*innen wissen lassen, dass Stefan Schmitzer an dieser Stelle nicht gesungen hat.
  • 2. Das reimt sich auf wienerisch. Versprochen.

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