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Kolumne

[Erica Jong, Fear of Flying] My white male bookshelf #16

Vor etwa eineinhalb Jahren hat Tillmann Severin alle Bücher männlicher Autoren in seinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Sein Regal war weiß geworden. Seitdem liest er nur noch weibliche Autorinnen und schreibt in der Kolumne über Entdeckungen. Die aktuelle Ausgabe ist ein Gastbeitrag von Lilian Peter, auch das Bücherregal steht bei ihr.

Ich könnte beginnen mit einer lockeren Anekdote; ich könnte einsteigen und abheben mit einer kleinen Geschichte darüber, wie ich ganz zufällig auf Erica Jongs fabelhaften Roman Fear of Flying gestoßen bin, der 1973 in den USA und 1976 in deutscher Übersetzung erschien, und wie ich, dann vielleicht schon weniger zufällig, angefangen habe, mich in dessen ans Groteske grenzende Rezeptionsgeschichte einzulesen. Dass ich auf den Roman überhaupt aufmerksam geworden bin, war aber kein Zufall, sondern verdankt sich der systematischen Recherche nach vergessenen Werken von Autorinnen, der ich mich schon seit längerem verschrieben habe. Ich bin überzeugt davon, dass ich meine eigene Lesepraxis nur dann nachhaltig verändern kann, wenn ich explizit nach solchen Texten suche, denn die Mechanismen, mit denen sie vergessen wurden oder oft auch regelrecht gewaltsam vergessen gemacht wurden, sorgen dafür, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, zufällig auf sie aufmerksam zu werden. Wie das Beispiel von Fear of Flying zeigt, gibt es neben schlicht mangelnder Kanonisierung der Werke von Autorinnen noch andere Gründe, die dafür gesorgt haben, dass sie in der Versenkung verschwanden. My white male bookshelf ist nicht nur das, was in den Regalen steht; es ist vor allem auch die Art und Weise, wie Geschichte geschrieben wurde und allzuoft immer noch wird.

Fear of Flying hätte ich zudem wahrscheinlich nie zu lesen angefangen, wäre es mir einfach so in die Hände gefallen: Je nachdem, welche Ausgabe man in die Finger bekommt, findet sich darauf entweder ein leicht geöffneter, lasziver, dunkelrot geschminkter Frauenmund, in den (!) ein Flugzeug fliegt, ein von einer Bettdecke halb bedeckter nackter Frauenkörper, oder eine Einordnung von John Updike ("the most uninhibited, delicious, erotic novel a woman ever wrote"); die Cover der deutschen Ausgaben sind noch viel expliziter und sehen allesamt aus wie die Cover von Arztromanen, die bei REWE an der Kasse liegen und die vermutlich niemand lesen wird, der an Literatur im engeren Sinne interessiert ist. Google ordnet das Buch bis heute in das Genre "erotische Literatur" ein, und ein nicht namentlich ausgewiesener Rezensent des Spiegel schrieb am 9.8.1976 über diesen "schockierenden" Roman, dessen Hauptfigur eine "Dame" sei, die "im herkömmlichen Wortsinn offenkundig keine sein will", die Geschichte sei "gewürzt – überwürzt stellenweise bis zur Geschmacksvernichtung – mit einer unablässigen, aggressiven Witzigkeit, einem obszön-intellektuellen Small-talk, der sich auch eine Völkerpsychologie 'durch die Toilettenbrille' oder ein Bonmot wie dieses nicht verkneift: 'Ich wäre ihm', schwärmt Isadora von Adrian, 'überallhin gefolgt, nach Dachau, nach Auschwitz.'" Dass ein deutscher, männlicher, mit einiger Sicherheit nicht-jüdischer Rezensent im Jahr 1976 einer jüdischen New Yorker Schriftstellerin vorschreiben will, worüber sie Witze machen darf, verrät viel über den BRD-typischen Unwillen, sich auf Lektüren jenseits des "Eigenen" einzulassen, und noch mehr darüber, wie ausgelöscht jüdische Kultur zu diesem Zeitpunkt in Deutschland tatsächlich war. Das "Eigene", das war im Nachkriegsdeutschland (und das ändert sich erst jetzt ganz allmählich) immer noch die männlich-weiß-christentumverstrickte Erzählung der Identität, nur dass diese Erzählung sich in ihre Krise verkehrt hatte; aber die Krise der Identität war immer noch die Geschichte der Identität, in der "die Frau", umso mehr die schreibende Frau, weiterhin nur in den komplementären Bildern der leidenden Heiligen (Bachmann) oder der wütenden/sexualitätsbesessenen Furie (Jelinek, aber eben auch Jong) existierte. Was für männliche Literaturrezensenten der 1970er Jahre offenbar nicht nur schwer verdaulich war, sondern geradezu unlesbar – der Spiegel-Redakteur bildet hier keine Ausnahme, die mediale Missrezeption dieses Buches, das weltweit über 20 Millionen Mal verkauft wurde, ist so weitreichend wie frappierend wie exemplarisch (wobei die schlechte deutsche Übersetzung im deutschsprachigen Raum noch erschwerend hinzukommt) –, ist die Komplexität der weiblichen Position, speziell der Position der schreibenden Frau in einer männlich geschriebenen/sich männlich schreibenden Welt und die Verstricktheit weiblichen Begehrens in dieser und in diese Welt. Denn darum geht es das ganze Buch hindurch, auf jeder einzelnen Seite. Was Fliegen und Angst vorm Fliegen in diesem Roman (neben handfester Flugangst) vor allem meint, kann man eigentlich nicht überlesen, es sei denn, man will es partout überlesen:

"I thought of D.H. Lawrence running off with his tutor's wife, of Romeo and Juliet dying for love, of Aschenbach pursuing Tadzio through plaguey Venice, of all the real and imaginary people who had picked up and burned their bridges and taken off into the wild blue yonder. I was one of them. No scared housewife, I. I was flying." S. 159

Die Icherzählerin Isadora ist Schriftstellerin, Psychoanalysepatientin, Deutschland-Besucherin, Jüdin, Amerikanerin, begehrende Frau; die Angst vorm Fliegen, die Angst vorm Abheben, ist nicht die Angst vor sexueller Selbstbestimmung, als die sie weithin gelesen worden ist, und die Lösung dieser Angst ist nicht die Rückkehr in den Hafen der Ehe (kein Witz: So wurde es oft interpretiert, obwohl Jong das Ende tatsächlich völlig offen lässt). Die Arten und Weisen unseres Begehrens sind nicht kontextlos, sondern eingeschrieben in die komplexen Gefüge unserer Sozialisation und Kultur, und dass Isadora genau jenen male gaze, der sie objektifiziert, zugleich begehrt und von ihm phantasiert (aber eben nicht in der von den Männern unterstellten Simplizität), dient das ganze Buch hindurch der genauen Analyse dieses Begehrens und der Frage, wie sie abheben kann, ohne ihr Begehren auslöschen zu müssen – und umgekehrt, wie sie begehren kann, ohne am Boden bleiben zu müssen. Das Buch ist eine Studie über die Mechanismen, die Frauen (hier im jüdisch-bourgeoisen New Yorker Milieu der 1970er Jahre) davon abhalten, abzuheben. Messerscharf, gewitzt und sozialkritisch seziert Jong den male gaze anhand der (im Roman in vielfachen Varianten auftauchenden) Figur des Psychoanalytikers, und anhand der erotischen Phantasien ihrer Protagonistin (die allerdings insgesamt vielleicht 10-20 % des Buches ausmachen, auch wenn die Rezeption ein anderes Bild vermittelt). Die Psychoanalyse schließlich ist von Anfang an auch ein Instrument gewesen, "die Frau" in der liegenden Position zu halten und von dem abzuhalten, was Hélène Cixous so beschreibt: "...die Frau, die unterwegs ist, oder ‚fliegend/stehlend‘, wie ich es mir lieber vorstelle, sodaß die Frau, anstatt sich hinzulegen, vorwärts und im Sprung sich suchen gehen wird" (Die unendliche Zirkulation des Begehrens, S. 39). Isadora stellt denn auch fest:

"That was, when I thought about it, what I had against most analysts. They were such unquestioning acceptors of the social order. ... When it came to the crucial issues: the family, the position of women, the flow of cash from patient to doctor, they were reactionaries." S. 23

Fear of Flying beginnt damit, dass Isadora im Flugzeug auf dem Weg zu einem Analytikerkongress nach Wien mit lauter Analytikern sitzt, einer davon ihr Ehemann, und es endet mit der Erkenntnis, dass geliehene Flügel einen immer dann, wenn man sie wirklich braucht, im Stich lassen – und sie sich folglich ihre eigenen wachsen lassen muss:

"I wanted to lose myself in a man, to cease to be me, to be transported to heaven on borrowed wings. Isadora Icarus, I ought to call myself. And the borrowed wings never stayed on when I needed them. Maybe I really needed to grow my own." S. 270

Isadoras Angst vorm Fliegen ist die Angst davor, sich als schreibender Körper mit eigenen Worten durch die Welt zu bewegen; es ist die Angst davor, ungeschützt zu sein, davor, jederzeit gewaltsam vom Himmel geholt werden zu können, "like teetering on the edge of the Grand Canyon and hoping you'd learn to fly before you hit bottom" (S. 245), denn anders als ihre männlichen Kollegen hat sie keine Unzahl Verbündeter, die ihr helfen, in der Luft zu bleiben; sie ist wirklich allein, sie kann auf keinen bereits fahrenden Zug aufspringen, ihr Fluggerät muss sie sich selbst bauen:

"My writing is the submarine or spaceship which takes me to the unknown worlds within my head. And the adventure is endless and inexhaustible. If I learn to build the right vehicle, then I can discover even more territories. And each new poem is a new vehicle, designed to delve a little deeper (or fly a little higher) than the one before." S. 194

Die "aggressive Witzigkeit", der "obszön-intellektuelle Smalltalk" der Hauptfigur, die dem Spiegel-Rezensenten offenbar einiges Unbehagen bereitet hat, liest sich im Original zum Beispiel so:

"Every decision was referred to the shrink, or the shrinking process." S. 15

oder so:

"'Who do you think of when you masturbate?' her German analyst asked. 'Who do you sink of?' I sink therefore I am." S. 105

Bei der "Völkerpsychologie durch die Toilettenbrille", die derselbe Rezensent gänzlich unlustig gefunden zu haben scheint, handelt es sich übrigens um genau jene Kulturanalysen der Bauweise von Toiletten, für die Slavoj Zizek berühmt geworden ist: "Seine" Toiletten-Analysen stammen nämlich eins zu eins aus genau diesem Roman, den Zizek in seinen Büchern (zum Beispiel in The Plague of Fantasies) durchaus erwähnt, aber wer die Bücher nicht gelesen hat, sondern Zizeks Anekdoten hauptsächlich von dessen Vorträgen und youtube-Videos kennt, dürfte den Namen Erica Jong noch nie gehört haben, auch das ist ein rezeptionsgeschichtlich interessanter Aspekt dieses Romans.

Dass dem Buch genau das widerfuhr, was die Angst der Hauptfigur ist, nämlich: gewaltsam vom Himmel geholt und erst Recht mundtot gemacht bzw. durch den männlichen Blick angeeignet und überschrieben zu werden, zeigt sich nicht zuletzt auch an einer 1977 in Deutschland erschienenen Verfilmung von Franz Josef Gottlieb mit dem vielsagender Weise gegenteiligen Titel Freude am Fliegen (später: Sylvia im Reich der Wollust), ein Softporno, in dem die Hauptfigur gerne unter den Blicken angezogener Männer nackt durch die Gegend läuft, sich stundenlang tänzelnd vor der Kamera räkelt und darin anscheinend die ganz simple Erfüllung ihres ganz simpel im male gaze aufgehenden Begehrens findet. Zum Film gab es verschiedene Plakate; eins zeigt eine sich in einer Wolke räkelnde Frau, die über einer Gedankenblase schwebt, in der ein Mann (von dessen Körper man so gut wie nichts sieht) auf einer Massagebank liegt und sich von zwei nackten Frauen bedienen lässt; ein anderes zeigt denselben Körper, der bäuchlings auf einer Abflugbahn liegt und über dessen riesigem nackten Hintern ein Flugzeug steil in die Luft aufsteigt wie ein übergroß erigierter Penis. Sie liegt am Boden, das Flugzeug hebt über ihrem Hintern ohne sie ab. Das muss man erst einmal verdauen: Eine Frau schreibt mit sprachlicher Brillanz, gewitzter Intelligenz und großem literarischem Sachverstand von den unterdrückenden, objektifizierenden Mechanismen männlicher (Literatur-) Geschichtsschreibung; und die nach wie vor herrschende männliche Geschichtsschreibung tut genau das, was sie am besten kann: Sie holt die Frau, die abheben will wie die Männer, mit aller Macht zurück auf den Boden männlicher Tatsachen, objektifiziert sie, sexualisiert sie, marginalisiert sie und dreht ihr vollkommen skrupellos und ohne selbst Angst haben zu müssen, gewaltsam aus dem erigierten Himmel geholt zu werden, das Wort im Mund herum. Das Lexikon des Internationalen Films (von dem der Zweitausendeins-Verlag eine online-Version anbietet, angepriesen als "das größte Filmlexikon der Welt") vermerkt übrigens auch im Jahr 2019 noch zu Franz Josef Gottliebs Film, es handele sich bei diesem um "aufdringliche Produktwerbung für Erica Jongs Roman 'Angst vorm Fliegen'".

 

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Fear of flying
Erica Jong
Berkley Publishing Group
Taschenbuch
ISBN 978-0-451-20943-6

 

 

 

Angst vom Fliegen
Erica Jong
Ullstein Verlag
Taschenbuch
ISBN 978-3-548-28675-4

 

 

 

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