Kolumne

Festival „Poesie & Politik. 10 Jahre Institut für Sprachkunst“

Eröffnungstag

Um 19.00 Uhr am Mittwoch den 23.10.2019 hat sich eine erfreulich große Menge von Menschen in der Halle vor dem Auditorium im Gebäude der Universität für angewandte Kunst in der Vorderen Zollamtsstraße 7 versammelt. Hier findet heute die Auftaktveranstaltung für das Festival „Poesie & Politik – 10 Jahre Sprachkunst“ statt. In den nächsten drei Tagen wird es im Zuge dieses Festivals in den Räumlichkeiten des Brick 5 (Herklotzgasse 21, 1150 Wien) Workshops, Diskussionsformate und jede Menge Lesungen geben (das Programm und das Mission Statement findet man hier.

Als zweiter Teil des Abends ist bereits heute eine erste Lesung geplant – der erste Teil wiederum ist der Begrüßung, Vorstellung und einigen Reden vorbehalten. Zunächst kommt aber erstmal die Band Smashed To Pieces (bestehend aus den Schriftsteller*innen David Hoffmann, Verena Dürr und Jakob Kraner) auf die Bühne und läutet den Abend mit einer eindringlichen Vertonung der Vorrede zu Ingeborg Bachmanns „Fall Franza“ ein, insbesondere des Satzes: „Das Gemetzel findet innerhalb des Erlaubten und der Sitten statt“.

Smashed To Pieces · Bild © Timo Brandt

Dieses Zitat ist nicht so weit entfernt vom Motto des Festivals, das von der Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck (genauer aus ihrem neusten Gedichtband „Alle Türen“) stammt und lautet: „Wenn es runtergeht wie Butter / ist es vermutlich Propaganda“. Folgerichtig weisen die beiden Studierenden, Moderator*innen und Mitorganisator*innen Sandro Huber und Felicitas Prokopetz in ihrer Einleitung auf die Verantwortung hin, die daraus resultiert, dass eine/r das Wort ergreift – und vielleicht glaubt, dadurch schon etwas begriffen zu haben. Aber: „Poesie ist das Brüchigwerden der Begriffe“, wie sie richtig anmerken. Wie soll man das verstehen? Und wie dies, irgendwas? Und wie geht da doch was zusammen, möglichst alles, möglicherweise fast nichts? Was möglich ist: darum geht es, u.a., in den nächsten drei Tagen.

Als erster Redner kommt im Anschluss der Rektor der Universität für angewandte Kunst, Dr. Gerald Bast, zu Wort. In seiner Rede geht es vor allem um die Frage der Lehrbarkeit und der Bedeutung („Relevanz“) von Kunst. Zu letzterem Punkt sagt er: „Wann immer jemand sagt, dass er nicht weiß, was Kunst mit Politik zu tun haben soll, wird es bedenklich, ja, vielleicht sogar gefährlich.“

Der zweite Redner ist der Gründer und erste Leiter des Instituts für Sprachkunst, der Romancier und Dichter Robert Schindel. Er erzählt ein wenig über die Überlegungen und Impulse, die zur Gründung des Instituts geführt haben und weist daraufhin, wie wichtig ein solcher Studiengang gerade heutzutage ist, in einer Zeit, in der „die Kommunikation immer mehr auf Formelhaftes reduziert wird“.

Der dritte Redner ist der derzeitige Institutsleiter, der Dichter Ferdinand Schmatz. Wie seine beiden Vorredner bedankt er sich bei vielen Menschen, die das Bestehen und die Weiterentwicklung der Sprachkunst in den letzten 10 Jahren möglich gemacht haben und liest ein kurzes Positionspapier vor.

Im Anschluss spricht die zweite Professorin der Sprachkunst, Gerhild Steinbuch. Auch bei ihr zum einen Dankesworte, zum anderen aber auch ein kleines, elektrisierendes Statement, in dem sie über die Problematik der Professionalisierung des Schreibens (und Denkens) spricht und die Sprachkunst als Möglichkeit evoziert, nicht primär Wissen weiterzugegeben, sondern das gemeinsame Nichtwissen zu praktizieren und im Austausch untereinander und über Gattungsgrenzen hinweg nach neuen Möglichkeiten der Kommunikation und Auseinandersetzung zu streben.

Bevor die Festrednerin Kathrin Röggla die Bühne betritt, ist noch einmal Smashed To Pieces dran und nimmt uns im Song „Plaincrash“ mit auf eine Selbstmordmission, mitten hinein ins narzisstische Seelenunheil. 

In Rögglas folgender Rede scheinen dann alle bisher aufgekommenen Motive und Ideen ein bisschen nachzuhallen. Auf einen Nenner lässt sie sich allerdings schwerlich bringen, denn ihre Überlegungen und Argumentationen reichen von Heiner Müllers Konfliktfetisch über Zitate aus dem sprachverspielten Opus Magnum eines portugiesischen Autors bis zu einer Analyse der problematischen Vokabel Relevanz als Kondition für ästhetische Entscheidungen. Sie warnt vor Wegen ins Uniformierte und preist Literatur als Teilnahme an einem Spiel, das die Spielenden selbst nie ganz verstehen, und betont die Wichtigkeit der Fähigkeit, Pläne nicht einfach durchzuziehen, sondern stattdessen über den Haufen zu werfen. Vor allem aber regt sie an, das Übernehmen von Argumentationsmustern zu hinterfragen, überall und stets.

Nach einer etwas längeren Pause, in der die Besucher*innen auch an einem in der Halle aufgebauten Büchertisch Publikationen der Sprachkunst, ihrer Absolvent*innen, Studierenden und/oder Lehrenden erwerben können, folgt der zweite Teil des Abends. 

Der beginnt (nach einem weiteren Song von Smashed to Pieces, diesmal über den Horror der Nervosität und „Feuchte Hände“) mit der Präsentation der siebten Ausgabe der JENNY, der Literaturzeitschrift des Instituts für Sprachkunst, die einmal jährlich erscheint und ausschließlich von Studierenden des Instituts herausgegeben wird (und wie jedes Jahr ist sie wieder eine Augenweide und macht neugierig auf die vielfältigen Text-/Genrebeiträge, die sich zwischen ihren Buchdeckeln befinden).

Zum zehnjährigen Bestehen des Instituts gibt es auch noch eine Sonderpublikation, „IO“ genannt, in der 10 Poetiken von Studierenden aus allen Jahrgängen der Sprachkunst versammelt wurden. Bei sieben Jahrgängen wurden diese Poetiken von ausgewählten Einzelpersonen verfasst, bei den drei letzten, in großen Teilen noch aktiv studierenden Jahrgängen, wurden die Texte von den Studierenden des Jahrgangs gemeinsam verfasst.

Nachdem die beiden Herausgeber*innen Johanna Wieser und Dominik Ivancic (mit dabei war außerdem Lena Ures, die nicht anwesend sein konnte) Konzept und Publikation vorgestellt haben, liest als erstes Ina Ricarda Kolck-Thudt. Ihre Poetik ist ein reduziertes, feingliedriges Austarieren, eine Assonanz für Assonanz abtastende Annäherung an eine Überlegung zur Sprache, zum Gedicht, zum Schreiben. Der zweite Lesende ist Frank Ruf, der Einblick in Entstehung und Konzeption seines Romans (über Edward Snowden, künstliche Intelligenz und die Zukunft von Kriegsführung und Kunst) gibt und wie seine Entscheidungen dabei von gegenwärtigen Entwicklungen und daraus resultierenden philosophischen Überlegungen beeinflusst wurden. Als letztes tragen einige Studierende des Jahrgangs 2017 (namentlich Katharina Klein, Bettina Scheiflinger, Florentin Berger-Monit, Tizian Rupp, Laurin Irma, Mara Schmitz und Anna Maschik) ihre gemeinsame Poetik als eine Art Stück mit verteilten Rollen vor – es geht um „100 words (not) to use before you die“, mit dabei u.a.: Essayistisch, Bauchnabel, Mond – mit den Begriffen wird sowohl jongliert als auch geschmissen!

Studierende des Jahrgangs 2017 · © Timo Brandt

Den Abschluss des Abends besorgt wiederum Smashed to Pieces, in deren letzten Liedern es um „Herzherpes“ und, in einem Cover der Punkband The Clash, um die „Guns of Brixton“ geht. Gerade letzteres geht schon ein bisschen runter wie Butter, ist aber eindeutig keine Propaganda (wie ja auch Monika Rincks Spruch selbst keine ist). Wenn es keine Propaganda ist –/ ist es vielleicht schon Poesie? Punk? Polemik? Wir werden sehen – heute, morgen und übermorgen.

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