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Wir reden über Literatur
Kolumne

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel

Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Denn wer da buchet, der findet
Mt 7:8

 

Oder sollte es (schließlich steckt der Teufel, wie jeder, der mit Sprache befaßt ist, weiß, im Detail) etwa heißen: Wer da fluchet, der schindet? Es sollen gebunden sein Thersilochos, Oinophilos, Philotios und wer sonst ein Anwalt auf der Seite von Pherenikos ist, bei Hermes, dem Unterirdischen, und Hekate, der Unterirdischen. Seele, Verstand, Zunge und Pläne des Pherenikos und das, was er in Bezug auf mich tut und plant, alles möge ihm widerstrebend sein und denen, die mit jenem planen und handeln. Und ebenso verbucht sei, wer den Leser gleich zu Beginn mit einem kategorischen Infinitiv an sich binden will: Man muß wissen, daß ein Autor, wenn er denn schreibt, nicht ganz allein ist beim Schreiben. Das Bewußtsein ist aufgeladen mit Erinnerungen, Hoffnungen und Erfahrungen; das ›Ich‹ kann z∙e∙r∙fall∙e∙n sein in verschiedene Identitäten. Die Phantasie entwirft lauter Möglichkeiten, das Gedächtnis hält die Vergangenheit offen. Man ist Literat, und das heißt, man betrachtet die ›Realität‹ nach der Maßgabe ihrer sprachlichen Formulierung, und dabei steht er unter dem Einfluß von Leseerfahrungen. All dies wirkt, naturgemäß, auf den Schreibprozeß ein; der Autor, indem er schreibt, demonstriert sozusagen den Pluralismus des Bewußtseins. Nicht jeder literarische Text gibt diesen Vorgang zu; offen zeigt er sich erst in der fortgeschrittenen Literatur der Gegenwart.

Früher war alles einfach, so einfach wie die Buchstaben in einem Lesebuch. Wenn man darüber schreibt, wird auch das Einfachste gleich kompliziert und unverständlich. Jetzt ist nichts mehr einfach, nicht einmal mehr die B∙u∙c∙h∙s∙t∙a∙b∙e∙n: Schreiben mag ja gut sein. Denken ist besser. Klugheit mag ja gut sein. Geduld ist besser. Und ja: Man muß das Unmögliche versuchen, um ––: das Mögliche zu erreichen. JA. Andererseits: Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Leser glaubt. Und: Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben. (Was zu beweinen wäre.)

Die Überwindung ist der Knackpunkt. Egal: Jetzt, da ein Anfang gemacht ist, kommt das Beste beharrlich von selber nach.

Denn wenn man einmal angefangen hat, geht’s, das kennt man ja. (Tatsächlich?) Ich gebe, verflucht noch mal, dies zu bedenken: Es ist entsetzlich, zu entdecken, daß man nichts jemals gut genug tut im Leben. (Tja. So ist das. Ist das so?)

Hm, sind das tatsäch- und wortwörtlich ›meine‹ Gedanken, die ich da eben aufgeschrieben habe? Ich lese: Ja, ja, alles stimmt. Aber irgend etwas stimmt trotzdem nicht. Und wenn doch? Oder wenn nicht? Ob nun irgendwo aufgeschnappt, gelesen, geträumt, gestohlen: Es sind, sind – und bleiben : Gedanken. Alles wird stets und immer mit allem (allem) verwoben. (Nichts ist auf der Welt, das nicht mit etwas anderem zu tun hätte.) Und ich denke: Von jeder Wahrheit, die sich eh entzieht, wo sie kann, ist das Gegenteil ebenso wahr. Ist das klar? (Weiß man’s?) Language is such an imprecise vehicle I sometimes wonder why we bother with it.

Haaalt! Worum geht es denn (›eigentlich‹)?

Ganz einfach: Zwanzig Autoren sind von der Wildfläche verschwunden. Seit dem zwanzigsten August 2019. Der Schattenfänger, so wird kolportiert, hat sie an der Nase herum in ein Labyrinth geführt und in einem schwarzen Traum eingeschlossen, wo sie nun randalieren, einander die Augen auskratzen bzw. die Köpfe einschlagen (so geht auch die Metaphorik vor die Hunde in Extremsituationen bei künstlichem Licht), wobei einer sich besonders hervortut. Eine Kämpfernatur vor dem Herrn. Draußen (wo ist ›draußen‹, wo ist ›drinnen‹?) geht das ›Leben‹, das doch nur eine Szene im Theater des Unendlichen ist, weiter, immer weiter: Eine Möwe landet auf dem Dach des Nachbarhauses auf der anderen Straßenseite und spreizt die Flügel im Mondlicht. Autos schießen aus schmalen, tiefen Straßen in die Seichtigkeit heller Plätze. Fußgängerdunkelheit bildet wolkige Schnüre. Verflucht, Was für Ungereimtheiten. Albernheit hin, Torheit her, die elf Frauen und die neun Männer sind – – – weg.

Das Gute des Schlechten (was ist hier ›gut‹, was ist hier ›schlecht‹?): Die Bücher, die die neun Herren und elf Damen geschrieben haben, sind da. Und wie sie da sind! Tausende und Millionen Stimmen lärmen und jubeln an diesem Tage. Es ist der 20. August 2019. Auch vor der Tür hier in der Wolfskaul steht der Postbote mit einem Paket unterm Arm. Ei, ei, was mag darinnen sein? Ich zerre am Klebeband, klappe den Karton auf, sehe: Bücher. Viele Bücher. Was für Bücher? Ich erinnere mich nicht, diese Sendung bestellt zu haben. Sollte/n? (Nein, nein, glaub ich nicht.) Keine Ahnung. Ich packe Buch für Buch aus. Jedes Buch ist neu. Jedes Buch ist eingeschweißt (nein, nein, eins nicht …). Dort, wo man den Autorennamen auf dem Schutzumschlag vermutet, befindet sich ein schwarzer Balken: Auch das Auch das ist neu. Gleichsam : unerhört. Ich lese die Titel: Brüder Cherubino Das flüssige Land Der Große Garten Der junge Doktorand Der Sommer meiner Mutter Die Leben der Elena Silber Die untalentierte Lügnerin Flammenwand. ∙ Gelenke des Lichts Herkunft Hier sind Löwen Kintsugi Miroloi Mobbing Dick Nicht wie ihr Schutzzone Vater unserWinterbienen Wo wir waren. Da –  ja: ein Buch, das ich – vielleicht – gelesen habe. Und dort: ein Punkt, der verräterisch ist. Was, zum Donnerwetter, wird hier gespielt? Argwohn, Bedenken, Mißtrauen, Unsicherheit, Zweifel melden sich zu Wort. (Pfui Teufel.) Was soll ich denken? Ich denke an die Karamasows, an Figaros Hochzeit, an das wüste Land, an Doktor Schiwago, an die Mutter, an mein Leben als Mann, an den talentierten Mr Ripley, an das Inferno, an das Licht meines Lebens, an den Ursprung, an den Leopard, an das verlorene Kind, an Molloy, an Moby Dick. Da hakt’s. Nichts fällt mir mehr ein. (Fällt mir denn nicht immer etwas ein?) Nein, ich bin nicht wie ihr, ich lebe hier in einer Schutzzone und bete kein Vater unser, während die Winterbienen jetzt dort sind, wo wir einst einmal waren.

Was juckt denn den Leser der Autor? Er will nichts als das Buch. In Händen halten. Er. Will. Lesen. Lesen. Gartext: Ilsebill salzte nach. Klartext: Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Rartext: Call me Ishmael. Spartext: So. Wahrtext: Man kann sich nicht enthalten, diese zwanzig Bände, welche in einem Format vor uns stehen, als ein Ganzes zu betrachten. (Ich kenne Worte von Dichtern, die, obwohl sie rätselhaft und zusammenhanglos erscheinen, gleichwohl imstande sind, die heftigsten Erschütterungen des Geistes hervorzurufen. The mar of murmur mermers to the mind’s ear.)

Ich denke an die Romane, die ich in zwanzig ein- oder mehrseitigen Kapiteln vorstellen werde. In erster Linie geht es mir, ganz einfach, darum, Leser wissen zu lassen, daß diese bemerkenswerten Bücher in der Buchhandlung darauf warten, erworben und anschließend gelesen zu werden. Viel mehr will ich nicht. Man kann natürlich auch gleich die Abkürzung am Text vorbei nehmen: Abbildung anschauen. Buch bestellen. Und gut ist. Denn was schon vermitteln diese oder jene über einen komplex strukturierten Roman geschriebene Wörter? Wohl nur wenig mehr als: ›nichts‹. Beschreibt ein Beschreibender durch seine Beschreibung nicht mehr sich selbst als das, was er beschreibt? Je länger ich darüber nachdenke, um so stärker wächst die Überzeugung, so wenig wie möglich über die Romane zu schreiben. (Die Zitate sprechen eh für sich.) Wie ich mich kenne, wird das nicht so ohne weiteres gelingen, aber ich verspreche, ich werde mich bemühn.

Wer mich sonst noch kennt (wer kennt mich schon?), weiß, wie ich ticke, und er weiß von mir, daß Lesen und Schreiben wie Suchen und Finden einander bis zur Identität annähern können.

Freilich, auch beim Schreiben und Lesen und dem numinosen ›Zwischen‹ gilt: I don’t understand things sometimes. Und das ist gut so. (Oder so.) Auch mit dieser ›Wirklichkeit‹ finden wir uns leicht ab, vielleicht weil wir einsehen, daß nichts ›wirklich‹ wirklich ist. (Wirklich?) Jemand wird weise durch das, was er liest, nicht durch das, was er schreibt. Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn. Ich glaube, daß das Buch eine der Möglich­keiten des Glücks ist, die die Menschen haben. Also: Lesen. Immerzu nur lesen. Das Verständnis kommt von selbst.

 

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Fortsetzung: 1. September · Brüder
Erstveröffentlichung in  Matrix 58, Pop Verlag 2019

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